279
Sturm der Entrüstung entfesselte und ganz neue Offenbarungen des modernsten Ktmststils dem erstaunten Auge darbot. Was heute diesen Ausstellungen ihre Schönheit und das höchste Interesse verleiht, ist nichts" Ueberraschendes, sondern die nie versagende Krast und die immer freier sich entfaltende Sicherheit ihrer besten Maler; nur schüchtern und zaghaft können sich daneben die Jungen! und Jüngsten heroorlvagen, denen, wie stets, freudige Aufnahme gewährt wird. Wie in den letzten Jahren, so liegt auch diesmal der reichste Gewinn der Ausstellung nicht in den Versuchen eines spärlichen Nachwuchses, sondern in den Werken bereits bekannter Meister, die von Thoma bis zu Brandenburg, von Liebermann bis zu Beckmann, von Trübner zu Slevogt, alle wieder ihr Bestes gegeben haben.
Ein Akt der Pietät und der schmerzlichen Rückerinnerung erfüllt die Sezession mit einer Gedächtnisausstellung zu Ehren des im Vorjahre verstorbenen Walter Leistikow. Dieser Leistikow-Sanl gibt das schönste Abbild seiner feinen zarten Kunst, das wohl je dargeboten wurde; er ist der stillste, der feierlichste Ort, wo Friede und Verklärung herrscht, während ringsum in den Sälen gegenwärtiges Leben wogt und lärmt. In den erlesensten Werken seiner so selten ganz vollendeten Kunst tritt die ,Entwicklung dieses echten deutschen Landschafters vor uns, anhebend mit dem prächtigen Werke der Dresdener Galerie, in dem. noch manches voll der Art Andreas Achenbachs anklingt, die warm-roten Dächer der Ziegeleien so freundlich in der stillen Stadtsilhouette sich verlieren und das liebevolle Versenken in alle Einzelheiten der Natur durch das reichbelebte Bild hindurch waltet. Mit den stilisierten, scharf abgeschnittenen Schiffen, deren marineblaue Schatten sich in dem von Abendsonne grellgelb gefärbten Wasser spiegeln, beginnt Leistikoiv jene schwerwiegende Wandlung seiner Kunst, die zu einer immer stärkeren ornamentalen Umformung des Natureindrucks führt und in seinen bildhaft geschlossenen, starkfarbigen, teilt dekorativ wirkenden Grunewaldseen ihren .Höhepunkt erreicht. Doch zwischen diesen forcierten, bisweilen monotonen Werken, von denen hier die stolzesten und gelungensten Exemplare zu setzen sind, lebt und webt das lyrisch-musikalische Naturfühlen Leistikows in Landschaftsausschnitten von blühender Wärme nnd sanfter Helle, in gelösten Dämmerungsstimmnngen und weichen Lichtern verklingend, bis es in den Bildern der allerletzten Zeit, besonders in der wundervollen „Liebesinsel", zu geläuterter Harmonie sich ansschivingt.
Neben dem toten Leistikow stehen in aller fortschreitenden Frische die lebenden Geführten, die einst mit ihm zusammen kämpften. Auf der Bahn der Entwicklung, die der Tod bei ihm so jäh abbrach,,schreiten sie rüstig weiter fort. Vor allem Liebermann. In seinem Bildnis des Geheimrats Rathcuau fügt er seinen Meisterporträts ein neues hinzu. In einem hohen Zimmer gegen eine rauhe, farbig reich belebte Wjand sitzt der alte Herr frei im Raum, einen Zirkel in der Hand, ganz seelische Anspannung in gesanrmelter Energie und Arbeitskraft, die Figur oi- brierend von Leben. Durch das hohe Fenster schimmert das bunte Treiben der Straße mit lebhaften Tönen hereinfallend in die Stille und sich sortsetzend in den grünroten Lichtern des Teppichs, die den farbigen Grundton des Gemäldes bilden. Das zweite Porträt Liebermanns ist glatter und weniger tief, von delikater Farbenharmonie in dem Zusammenstimmen der gelben Weste und blauen Krawatte mit dem Anzug. Noch berückender erscheint der sich immer reicher entfaltende Reiz seiner Kunst in beut großen Straßenbild, in dem Liebermann oft von ihm behandelte Lieblings Motive zu einer einheitlichen Komposition zusammenfaßt. Es ist ein Gemüsemarkt im Judenviertel von Amsterdam, ein wundervolles Bukett zartester Farbenklänge, die in ruhiger Komposition allseitig verteilt klar und schön in deut gleichmäßig alles umspielenden Licht zusammenfließen. Auch Kalkreuth gibt außer einem in dämmerndes Licht gebetteten Interieur ein großes Porträt, auf dem im Vordergrund, von einem bunten Vorhang und Schirmständer umrahmt, eine Frau steht in dem hellen kalten Licht eines Wintertages, das aus einem Hinter- zimmer hereinfällt. Ein prächtiges Freilichtbild von Uhde, eine tieffarbige stimlnungsrciche Landschaft mit einer edel sinnenden Frauengestalt von Thoma sind ebenfalls Zeugnisse reifsten Könnens und hoher künstlerischer Vollendung. Trübner erscheint mit einem feinfarbigen Teilakt, wohl aus einer frühen Zeit, wo von grauem Fond blühendes Fleisch sich mattleuchtend abhebt, mit einem seiner breitgemalten Reiterbildnisse und prachtvollen Landschaften. Ein Fest bietet auch Auge und Sinn eine weit gedehnte harmonisch gegliederte Landschaft von Theodor Hagen. Zu den anerläunten Meistern der Berliner Sezession darf man wohl auch schon « le v o g t und Cor int h rechnen; sie sind beide W recht günstig vertreten; Slevogt mit einem Damenbildnis in Gelb, das bei aller flotten Eleganz doch etwas Unsicheres, nichts Bezwingendes hat, Corinth mit drei fleischfrohen, biblisch und mythologisch betitelten Bildern, in denen die alte Kraft mit dem alten derben Draufgängertum streitet. Man darf seine schweren vollen Akte nur mit den in der Nähe hängenden, blühenden Frauenleibern Zorns vergleichen, um den Abstand eines wirklich großen Malers von einem geschickten Virtuosen zu erkennen.
Unter den Malern, die diesen Realisten gegenüber eine mehr Realisierende nnd monumentale Richtung vertreten, steht
diesmal Hodler an erster Stelle. Es berührt wohltuend, ast den Wänden, an denen noch vor kurzem die gewaltigen Kompositionen von Hans von Marses hingen, die großgeschauten Gestalten eines Meisters zu erblicken, der auf eigenem. Wege ähnlichen Zielen einer reinen Formgestaltung zustrebt. Sein „Aufbruch der Jenenser Studenten zum Freiheitskampf 1813", mit dem in einen gewaltigen Marschrhythmus gegebenen Fries der vorwärts- schreiteudeu Jägerkolonnen und der herrlichen Komposition der zum Aufbruch Rüstenden darunter, mit den großen Bewegungen der Jünglinge und den stolzen Körpern der Pferde ist ein Beispiel wirklicher monumentaler Malerei, dem nichts anderes heut in Deutschland an die Seite gestellt werden kann. Groß und doch keusch ist auch seine Versinnbildlichung der Liebe mit den inbrünstig innigen und schmerzvoll sich bäumenden Gestalten; schlicht und frei sind seine von reiner Höhenlust durchwehten Landschaften. Interessantes bietet Martin Branden bürg, besonders in seinem Bild der Nacht, dessen bläulich-zartes Sternenweben Symbole der Romantik, wie sie etwa Runge gestaltet, mit reicherem Können aufnimmt, während seine Versuchung des Antonius in einer blaß -mystischen Nachahmung Gustave Moreaus stecken bleibt. Strathmaun zeigt seine alten, in ihrer linienscharfen Sorgfalt amüsanten Frauenakte, die diesmal Danas und Salambo betitelt sind; Ludwig von Hofmann scheint nach seinen neuesten Werken in eine glücklichere Phase seiner seit einigen Jahren stagnierenden Kirnst einzutreten; feine Bilder sind wieder farbig kraftvoller und natürlicher, wenngleich ihm eine koloristische Harmonie in der Verwendung dieser starken Töne noch nicht gelingt. In ausgeglichenster Schönheit ornamentaler Flächeubehaudlung und farbiger Feinheit aber bietet sich ein Tantenporträt Klimts dar.
Unter den Jüngeren interessieren vor allem Baluscheck und Beckmann. Ter Maler des Proletariats drängt in einem grausig- sachlichen und tief ergreifenden Bild zweier schlafender „Tippel- schicksen" das beste zusammen, was er zu geben vermag, erscheint aber in einer Schilderung von Insassen der „vierten Klasse" genre- Haft-banal. In Beckmann, dein jugendlichsten und zukunftsreichsten der Sezession, hat sich das Chaos seines gestaltenden Uebet- schwaugs immer noch nicht zu reiner Form geklärt. Trotzdem ist seine „Auferstehung" ein Werk von außerordentlicher Kraft und einer gewissen Größe. Bei dem jetzt so modernen Spanier Greco scheint er sich die Anregung zu dieser in Form und Beleuchtung ganz nach Aufwärts strebenden Vision geholt zu haben: eine empor- und herunterwirbelnde Flut nackter .Körper dunkel sich ballend, oben in Licht versinkend und darunter Gruppen ist moderner Kleidung, nachdenklich, erstaunt, verzweifelt. Eine düster schwere Stimmung liegt auch in den Akten seiner „Sintflut", während die Szene aus dem Untergang von Messina trotz, aller improvisatorischen Verve etwas vom Schauerpauorama hat. Mit guten Porträts sind Pau ko kund Kar do r ff vertreten. Vortrefflich sind Stilleben von C. Herr nt a n n , Heinrich H ü b n e r, Mos- son. Im ganzen überwiegt unter den jüngeren Künstlern der französische Einfluß, wie er jetzt besonders von Cäzaune und Denis ausgeht. Daneben tritt die bisher herrschende Vorliebe für die Pointillisten und van Gogh mehr zurück.
Von ausländischen Künstlern sind Cezanue mit einem in den Gestalten nur angedeuteteü, aber in der Landschaft zu herrlichster Tonschöuheit gediehenen Werke und V u i l l a r d mit ausgezeichneten Werken vertreten. Israels hat zwei vorzügliche Gemälde da. Ein in Deutschland bisher völlig unbekannter Meister von außerordentlicher Feinheit und innerlicher Charakterisiernngs- kunst ist der 1906 gestorbene Schwede Ernst Josephson, mit dessen Kunst wir uns noch später eingehender beschäftigen müssen. Die P l a st i k wird durch sehr schöne Leistungen repräsentiert, die besonders im Porträt Vorzügliches geben; am stärksten wirkt Georg Kolbe. Heber diese Werke und die Leistungen der jüngeren Maler wird ebenfalls in einem späteren Aufsatz ausführliche!; zu sprechen sein. Dr. P. L.
Der Harem der Suttons.
Am härtesten betroffen durch den Sturz des Sultans Abdul Hamid, am meisten aus'ihrem bisherigen Leben heransge- schlendert, sind sicher die tscherkessischen, georgischen, griechischen und rumelischeit Mädchen, die Frauen, Töchter und Sklavinnen des Sultans, die alle, zusammen den Palast int nordöstlichen Winkel des Jildis bewohnten. Alan weiß nicht, was ans ihnen geworden ist, weiß nicht, was aus ihnen werden wird. Wohl hieß cs, daß der Harem des Sultans Abdul Hamid aufgelöst, seine Insassinnen fortgeschafft worden seien, wohin sie aber gebracht wurden, wie diese Frauen den tragischen Sturz ihres Gebieters und die Veränderung des eigenen Geschickes ausgenommen haben — das wissest wir noch nicht, werden es vielleicht überhaupt nie erfahren. Von 8 seiner Frauen soll nach den neuesten Depeschen der Sultan in seiner Verbannung begleitet fein.
Vieles ist über den Harem geschrieben worden, wenig davon ist ivahr, und das Wenige gibt ein Bild in Umrissen, eine Skizze nur. Da ist vor allem die Frage nach der Anzahl der Harems- frauen, auf die schwerlich ein Westeuropäer die richtige Antwort geben kann. Allerdings, fragt man einen offiziösen Muselmann, wie viele Frauen der Sultan habe, so bekommt man die Antwort: „Sieben Kadyn hat der Sultan." Selbstverständlich — mehr


