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herum, wo man die Häuser von hinten sah, wo die grauen Weiden in den Sielzug hingen. Hier würde ihm niemand begegnen, bpn er Rede stehen müßte; hier war er mit sich allein. .

Er kam an des Kantors Garten vorbei. Ein frischer,, säuerlicher Duft wie von reifem Obst wehte zu ihm her­über. Er stand still. Ob er hineinginge, ob er Frauke alles sagte und sich von ihr Rat holte-? Aber was sollte er ihr sagen? Daß sein eigenes Weib ihn für den Mörder hielt?

Er ging weiter. Er drückte die Mütze in die Stirn und schlug den Rockkragen hoch. Allmählich wurde sein Blnt ruhiger; seine Schritte mäßigten sich.

Also das war es", dachte er-voll Trauer und Ingrimm. Deshalb ihr scheues Wesen, ihr Ausweichen, ihr Er­schauern, wenn ich sie in den Armen hielt. Das. Ivar es, was uns jahrelang trennte, über das keine Brücke hinüber­führte. Für einen Mörder hielt sie mich, mich, der ich keinem Tier ein Leid tun kann. Jahrelang hat dieser Ge­danke sich in ihr festgesetzt. Sie hat ihn gehabt Tag und Nacht. Wird das künftig anders sein? Nein! Wenn der Gedanke auch auf Augenblicke gebannt ist, er wird wieder­kehren; er loird sich nie ganz verscheuchen lassen. Sie wird mich stets als den Mörder meines Bruders ansehen."

Er.stöhnte auf. Tiefer drückte -er sich die Mütze in die Stirn. Ihm war es, als ob er schon als Mörder öffentlich gebrandmarkt wäre, als sähe es ihm jedermann an, daß er ein aber nein, er war ja kein Brudermörder, es war ja alles nur die Ausgeburt der Phantasie eines Weibes.

Aber dies Weib war sein eigen, war sein Weib! Würde er ihr jemals wieder in die Augen sehen können, in die quälenden, forschenden Augen? Würde er sie jemals wieder in die Arme schließen können? Nein, nein, nein! schrie es in ihm.

Weiter, immer weiter ging er. Ein schwarzweißer Kie­bitz flog vor ihm auf. Seine Blicke folgten dem Fluge des Vogels, und als der Vogel in der Ferne verschwand, flogen die Blicke weiter.

Am Horizonte winkte mit weißem Tuche die Ferne.

Sie winkt ich komme," flüsterte Jan. Er stand still, schob die Mütze aus der Stirn und atmete tief auf. In der Ferne hörte er eine Kuh brüllen. Das Brüllen Kang herüber von Spätinghof.

Die vermaledeiten Kühe!" entfuhr es ihm. Ein Ekel vor dem bisherigen Leben überkam ihn. Er hätte die Kühe und den Hof und Tine dazu, alles von sich werfen mögen, weit, weit weg. Und dann ein neues Leben beginnen, ein freies Leben.

Die Ferne winkte, und Jan Thomsen gab sich selber das Versprechen, dem Winke zu folgen.

In dieser Nacht floh der Schlaf seine Augen. Tausend .Gedanken und Pläne durchkreuzten sein Hirn. Tine da­gegen schlief wie jemand, dem eine schwere Last vom Herzen genommen war. Sie hatte ieit langem nicht so fest und sanft geschlafen. Als sie aufwachte, war bereits heller Tag, und der Doktor stand mit zufriedenem, lachendem Gesicht an ihrem Bette und sagte:Na, nun bleiben Sie hübsch brav, dann können Sie in acht Tagen wieder aufstehen und Mehlbeutel essen."

Tine genas. Sie wunderte sich selbst darüber, daß sie sich so wohl fühlte, daß ihr Appetit sich regte und Jie wieder aufstehen und im Hanse einhergehen konnte. Ihr war's, als hätte der Tod sie vergessen, als müsse er noch kommen und sie holen. Aber sie fühlte sich mit jedem Tag frischer und kräftiger, und sie sing an, sich des neuge­schenkten Lebens zu freuen. Sie blühte aus und ward schöner und rosiger als früher.

Erst nach und nach kam ihr zum Bewußtsein, was sie Jan angetan hatte. Er ließ sich seit ihrer Genesung nur noch bei den Mahlzeiten sehen, und auch dann vermied er es, ihren Augen zu begegnen und sie anznreden. Den ganzen Tag über war er draußen ans der Tenne oder im Stalle; begegnete er ihr aber einmal unerwartet, so sah er au ihr vorbei, als wäre sie gar nicht da.

Jetzt siel es Tine mit einem Male schwer aus die Seele, wie sie ihn durch ihre Worte, durch ihre Fragen gekränkt und mehr noch, wie sie ihm jahrelang in Ge- b anfeit unrecht getan hatte. Wie war sie nur aus den furchtbaren Gedanke,- gekommen, daß Jan schuld an des Bruders Tod haben jönnte?

Ich war rein verdreht," dachte Tine, und sie fügte hinzu:Wie mache ich es bloß gut?"

Unablässig beschäftigte fie diese Frage, und doch war ie viel zu scheu, um sich Jan gegenüber auszusprechen. Einmal versuchte sie es, sich ihm zu nähern. Er saß am Tisch und guckte in die Zeitung, als sie hereinkam. Sie ging auf ihn zu, faßte ihn ein wenig an der Hand und -ragte:Bist du böse auf mich, Jan?"

Nein," sagte er kurz, entzog ihr seine Hand und ging rasch hinaus. Tine aber batte ein Gefühl, als verlöre ie ihren Mann auf Nimmerwiedersehen.

Was mach' ich bloß?" dachte sie immer wieder, und ihre Blicke folgten Jan unruhevoll forschend.

Er sühlte es, wie ihre großen, dunklen Augen an seinem Gesicht hingen.Jetzt sieht sie mich wieder als Mörder an," dachte er, rind er schob seinen Teller zurück, stand vom Tische ans und ging hinaus.

Ich halte es nicht mehr ans!" sprach er zu sich selbst. Einer von uns muß gehen." Er sügte. hinzu:Ich muß gehen. Ich bin ja der Mann; ich werde schon in der Welt vorwärtskommeu."

Tine rang oft die Hände, iveim sie., allein war. Was sollte das werden? Von Tag zu Tag entzog sich Jan ihrem Einfluß mehr.Den du heiratest, den behältst du nicht!" tönte es ihr durch den Sinn.Was soll ich tun? Was soll ich tun?" jammerte sie.

Schane! antwortete eine Stimme in ihrem- Innern. Schaue! An diesen Gedanken klammerte sie sich in ihrer Not. Schane, die allein konnte ihr helfen. Die Karten würden ihr die Zukunft enthüllen. Und wenn sie erst den Weg wußte, dann würde sie ihn auch gehen; denn die Karten sagten wahr.

Immer mehr vertiefte fie sich in ihre Gedanken. Schane war seit Jahren nicht mehr hierhergekommen, Schreiben oder ihr Bescheid schicken konnte sie nicht, nein, sie mußte zu ihr gehen. Sie mußte einen Ausweg finden.

Unter dem Vorwande, eine alte Schulfreundin zu be­suchen, machte sie sich nach Ramstedt auf. Sie packte in einen kleinen Handkorb einen Kopf Butter und ein Stieg Eier, dazu einen selbstgebackemm Rosinenstuten!

Es war schon recht kalt draußen; der Spätherbst setzte ein. Tine schritt rasch vorwärts, als fürchtete sie, nicht schnell genug zu ihrem Ziele zu kommen. Der wette Weg, das rasche Gehen war ihr ungewohnt. Sie hatte glut­rote Wangen, als fie bei Schane eintrat; einen Augenblick später jedoch waren sie weiß wie die gekalkte Wand in Schaues Stube.

Ach je!" rief Schane.Nun fällt sie wohl gar in Amid am! Setz dich auf den Lehnstuhl, Kind! Du wirst doch wohl nicht? Na, nun kommt die Kulör ja schon wieder. Verpuste dich man. Ist wohl was in Uneben bet bit *

' Tine erholte sich.Ach, ich wollte schon lange mal."

Sie suchte nach Worten.Mutter hat sich doch wieder verheiratet, sie sagte vorher immer:Ich will doch mal Schane adjö sagen,"' aber sie kam nicht dazu. Ich sagte: Mutter, ich werd' es bestellen," und dann wurde ich krank, und dann" Tine war purpurrot geworden; das Lügen siel ihr gewaltig schwer. Die Mutter hatte ganz anders gesprochen; aber wie sollte sie sonst ihr Kommen moti­vieren. c ...

Schane hörte ruhig zu und ging dabet hm und her, um eine Tasse Kaffee zu bereiten.Ja, ja," meinte sie, ich hätte es nie gedacht, daß Anndortjen ans ihre alten Tage, noch mal freien würde; sie saß doch ganz gut aus Spätinghof. Sie hatte ihr gutes Essen unb Trinken, was will der Mensch mehr?"

(Fortsetzung folgt.)

Vie Ausstellung der Berliner Sezession.

E r st e E i u d r ü ck e.

Die Ausstellung der Berliner Sezession, die am Samstag feierlich eröffnet wurde, bedeutet zugleich einen besonderen hi­storischen Markstein in der Entwicklung des Berliner Kunstlebens, denn mit ihr kann die Sezession ihr zehnjähriges Bestehen feiern. Und zugleich wird einem so recht deutlich, wie dte,e Künstlet»er einiguug bereits zu etwas geschichtlichem geworden ist, wie t n Bedeutung heute so gar nicht mehr im ungestümen Sturm Drang der Jugend, sondern in der gereiften Metsterschasr in . auf der Höhe des Schaffens stehenden Mitglieder beruht. Zeiten sind vorbei, in denen jede Ausstellung der Sezession et