1909 — M. 70
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Spätinghof.
Roman von K. v. d- Eider.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
11.
Tine wurde krank. Eine Rippenfellentzündung warf fie aufs Krankenlager. Da ihr Organismus schon faitge unter Unrast und Appetitlosigkeit gelitten hatte, griff die Krankheit sie mit doppelter Gewalt an. Sie hatte hohes Fieber und stechende Schmerzen in der Seite.
„Ich must sterben," dachte Tine. „Jak holt mich nach sich. Jak, ach Jak! — Bloß Gewißheit muß ich haben, ob Jan schuld ist an Jaks Tode. Sonst kann ich nicht ruhig sterben, sonst habe ich auch keine Ruhe im Grabe und muß hier nach meinem Tode umgehen."
Ihre Wangen glühten im Fieber, sie zitterte vor Todesgrauen.
„Ich nruß sterben," wiederholte sie, „und das ist gut, ich würde sonst noch ein Kind bekommen, ein liebes kleines Wesen." Tränen traten in Tines Augen. „Es würde wieder denselben Weg gehen. Nein, es ist besser, es kommt mit mir ins Grab, ehe es geboren wird."
Als Jan abends ans Bett trat, war das Fieber gestiegen. Der Doktor hatte Pflaster auf den Rücken verordnet, die ihr große Schmerzen bereiteten. Ihre Gedanken drehten sich unablässig um das eine: „Ich muß sterben!"
Mit glühenden Augen sah sie Jan an, mit Augen, die ihn zu durchbohren schienen, die aus dem Grund seiner Seele lesen wollten. Wie sie so dalag in den rotbaumwollenen Kissen, mit heißen Wangen und fieberglänzenden Augen, sah sie unheimlich schön aus.
Sie richtete sich ein wenig auf, ihre Blicke irrten umher. „Jan, sind wir allein?"
Jan nickte und trat näher ans Bett.
„Jan," flüsterte die Kranke mit heiserer Stimme, „ich muß sterben."
„Nein, nicht doch," beruhigte er sie. Und doch erschrak er selbst bis ins Innerste. Wie, wenn sie jetzt stürbe, jetzt, da er angefangen hatte, sie zu lieben, jetzt, da Fraukes Bild in seinem Herzen zu erblassen begann? Nein, sie durfte nicht sterben) sie war Zu jung, zu schön — sie war ihm lieb geworden.
Tines brennende Augen bohrten sich in die seinigen.
„Ich muß sterben," fuhr sie fort. „Er holt mich nach srch. Aber vorher muß ich dich noch um etwas fragen, was mir keine Ruhe gelassen hat all die Jahre hindurch. Ich sterbe ja doch — ich sage es ja keiner Menschenseele. Nicht wahr, du sagst mir die Wahrheit, damit ich ruhig sterben kann?"
„Was denn, Kind?" Jan stand fast das Herz still. Sollte er jetzt endlich den Schlüssel erhalten zu ihrem selt
samen Wesen? Sollte endlich greifbar werden, was jahrelang wie ein dunkler Schatten zwischen ihnen gestanden hatte? Das war gut; einen Feind, den er kannte, würde er auch bekämpfen können.
„Du mußt noch näher hcrankommen!" bat Tine.
Er neigte sich über sie, so dicht, daß Tine seinen Atem spürte, daß sie jede Miene seines Gesichtes sehen konnte.
„Jan," tönte es jetzt in fast feierlichem Tone von ihren Lippen, „sage mir/woran ist Jak gestorben? Haft du ihm das Gift eingegeben? Ja oder nein?"
Starr, sprachlos vor Entsetzen fuhr der Mann in die Höhe, doch die Kranke fpr^,weiter, dringend, flehend; „Sage nur ein Wort, sage ja — sag es, damit ich Ruhe im Grabe habe."
„Nein!" tönte cs laut und hart Pon seinen Lippen. So laut, wie die stille Stube noch keinen Ton gehört hatte. Dies Nein hörten die Mädchen in der Küche und der Knecht im Stalle.
Zitternd richtete sich Tine auf. Ihre Augen hingen an dein Mann, der flammend vor Empörung an ihrem Bette stand. Wie schön, wie groß, ivic stark er war. War das Jan Thomsen? War es nicht Jak?
Jan sah sie finster an. Sprach sie in Fieberphantasien? War sie verrückt geworden? Nein, sie wußte ganz genau, was sie sagte, es war alles wohlüberlegt.
„Kannst du es beschwören?" fragte die zitternde Stimme; in ängstlicher Spannung hing ihr Blick an seinen Lippen.
Den Mann erfaßte ein Zorn, wie er ihn vorher und nachher in seinen« Leben nicht empfunden hatte; aber er vergaß nicht, daß er eine Kranke, vielleicht eine Sterbende vor sich hatte. Er richtete sich hoch auf. Frei und stolz sah er ihr ins Auge. Er hob die Hand und sprach mit lauter Stimme: „Ich 'schwöre bei dem allmächtigen Gott, bei meiner Seelen Seligkeit, ich bin kein Mörder. Ich habe nicht einmal den Gedanken gehabt, Jak umzubringen."
So sprach Jan Thomsen. Dann ging er, ohne sich noch einmal umzusehen, aus der Tür.
Tine hatte jedes Wort in sich ausgenommen. „Gott sei Dank!" Wie ein erlösender Seufzer Üang es von ihren Lippen. Dann legte sie den Kopf zur Seite und schloß die. Augen. Sie war erschöpft und müde; als die Binnerdeern, von Jan geschickt, ins Zimmer trat, war sie bereits fesh eingeschlafen.
In Jans Herzen stritten sich Zorn und Entsetzen. Er hielt es picht im Hause aus. Mechanisch nippte er an seiner Kaffeetasse, die auf dem Küchentisch für ihn einge- schenkt stand. Dann nahm er die Mütze vom Haken im§ ging durch die Stalltür hinaus ins Freie.
Es war ein klarer, kühler Herbstnachmittag. Die frische Luft kühlte angenehm die heiße Stirn des erregten Mannes. Er wünschte nur, daß es schon dunkel wäre, damit ihn niemand sähe, damit er seinen Gram und seine Scham verbergen konnte.
Jan Thomsen ging die Trift entlang hinten ums Dors


