Ausgabe 
5.4.1909
 
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Lage der deutschen Bauern beträchtlich, mib' zwar infolge des Eigennutzes her Griindherrn. Ter Fürst veräußerte die Gerichts­barkeit, oft auch die hohe, die Blutgerichtsbarkeit, an die adeligen Grundherrn, und der deutsche Bauer wurde dadurch erblicher PätrimonrÄuntertan des adeligen Grundherrn: i-s wurde rhne eine drückende Fronpflicht zu Gunsten des adeligen Grnnd- hernn nuserlcgt; selbst sein Besitzrecht wurde bisweilen verschlech­tert: wir nennen dieses Verhältnis das der Erb- oder Gnt«liiiter- tänigkeit.

Welches nun war das Schicksal der Slaven? Das gestaltete sich ganz verschieden, je nachdem es sich, um erobertes Land vdcr uni friedlich germanisiertes Land handelte. In den Gebieten der ersteren Art wurde« sic,. da sie immer wieder! neue Auistands- versuche unternahmen, ost ganz, aus gerottet, so stellenweise än der Mart Brandenburg, oder in den Zustand einer drückenden Hörigkeit versetzt, mit schweren öffentlichen und privaten Lasten überhäuft ufw. Auch in solchen Territorien, wo sich eine heimische Dynastie erhielt, wie in Pommern, Schlesien, Böhmen usw., war zuerst der ursprüngliche Zustand der slavischen Bauern keineswegs ein besonders günstiger. Auch hier waren sie anfangs einem Joche io gut wie rechtloser .Hörigkeit und einer weitgehenden Robott- pslicht unterworfen, sie. konnten jederzeit durch ihre fürstlichen oder adeligen Grundherrn aus den Gütern, die sie inne harten, vertrieben werden. Mif sie aber wirke die deutsche Kolonisation befreiend;, un Laufe der Zeit wurden ihre persönlichen Rechts- verlmltnipe, ihre Besitz- und Agrarverhältnisse nach deutschem Muster mngeftaltet, lvährend, lute wir bereits erzählten, auf der anoereu Seite die deutschen Bauern starke. Beeinträchtigungen ihrer vorher ,o vorteilhaften Lage über sich ergehen lassen mufften, vfin Anfang des IG. Jahrhunderts ist dieser doppelte'Prozeß, vollen­det. sie ihrer Herkunft nach deutschen Bauern bildeten jetzt zu­sammen mit den ursprünglich slavischen, zum guten Teil freilich Mnmeyr auch, national germanisierten Bauern eine homogene Masse, deren Zustand durch das Verhältnis der Erb- und Guts-' Untertänigkeit charakterisiert wird. Es ist im Nordosten, im preu- tzpchcu Staate, bekanntlich erst durch die Steiu-Hardeubergische Gesetzgebung zun, Anfänge des 19. Jahrhunderts, in den böhmisch- vsterreichijchen Ländern erst im Zusammenhänge mit der revo­lutionären Bewegung von 184.8 beseitigt worden.

. Nur noch wenige Worte zum Schlüsse über das Städtewesen ur den ehemaligen slavenländern. Erst nach dem Vorbilde Alt- deutlchlauds wurde es eingeführt. Die. slavische Zeit kennt noch keine Städte un Rechtssinne. In Oesterreich, das ja zuerst voll­kommen germanisiertworden äst, finden wir schon im 11. Jahr­hundert die sogen. Märkte, diese Vorläufer der eigentlich städtischen Entwicklung; als Markt wird Wien zum erstcnmale 1030 er- rm 1.2. und zumal im 13. Jahrhundert wurden sodann orese Markte zu Städten erhoben, in der Regel durch ausdrück- liche Verleihung des Stadtrechtes. In Prag erblicken wir eine deutsche Kaufm anf i s ge m e in de zuerst nm die Mitte des 11. Jahr­hunderts ; die eigentliche Stadtentwicklung setzt auch in Böhmen erst M 13- Jahrhundert ein. Tie älteste Stadt im Wendenlande >st, wie schon erwähnt, das 1143 gegründete Lübeck; es erhielt das Stadtrecht von Soest: schon das deutet darauf hin, daß die ersten Bürger westfälischer Abkunft waren. Tie Städtegründu: gen, iNich im Osten von der Eibe, fallen aber in der Hauptsache wiederum erst ins 13. Jahrhundert, so Berlin, Frankfurt, Stettin, Breslau, Danzig, Königsberg Riga, Reval. Alle diese Städte waren rein deutsch; noch im 15. Iah hundert Ivar es den Zünften der märkischen Städte streng verboten, Wenden anfzunehmen; iroch viel lveniger gelangten die Slaven in den Rat u<si; das Patriziat. Es gibt einen bestimmten Typus für die «tadteanlagen oes Kolouisationsgebietes; überall findet sich in der e*sl viereckiger Marktplatz, Ring genannt, aus dem sich freistehend ociä guadratiiche, turmverzierte Rathaiis erhebt, um­geben von Verkaufsbuden; die Stadt loird durchschnitten von einem geradlinigen Strai-eünetze innerhalb der Ringmauer Tie Burger zerfielen in Ackerbürger, Handwerker und Kaufleute; alle mußten sie voll ihren Hausplätzen und auch von ihrem Wirtschafts­betriebe dem Fürsten einen Zins entrichten: die Ackerbürger, wie die Bauern auf dem Platten Lande, einen Zins von ihreii Hufen die Handwerker von ihrem Gewerbe-, die Kaufleute von ihrem Hanoelsbetriebe. So .mußten Abgaben gezahlt werden für die benuMutß vct* Fleische-, imb ^chllhöän^e, ivo Sie betreffen beit Haiiiiverker ihre Produkte seilhielten, vom Schlachthofe, vom Kanshanse uiw. Wirtschaftlich und politisch gelangten die neuen stadte schnell zu großer Bedeutung und Selbständigkeit; sie vcr- nilttÄten den Handel zwischen dem Westen und Süden nicht uur Deutschlands, sondern auch von ganz Europa mit den Ländern des Ostens und Nordens, Skandinavien, Rußland, Polen und iliigarii. Lübeck errang noch unter Kaiser Friedrich Barbarossa (1181) Reichsfrelhelt, Wien wenigstens vorübergehend - eine wiche im 13. Jahrhundert. Ihrem Laudesherrn gegenüber stan- den diese «tattc, im Milte kalter faktisch so gut wie unabhängig gegenüber; die stadte des sog. Wendischen O.nartiers, d. s. in der Hauptsache die Städte des nordöstlichen .Kolouisationsgebietes, waren der Kern der Hanse, dieser genossenschaftlichen Bildung, die >ich als die höchste Blüte des deutschen Städtewesens im Mittelalter darstellte. UeberaA herrschte Wohlstand, Gemeinsinn und stolz auf die durch wackere Arbeit errungene Selbständigkeit.

Fürwahr, es ist ein glänzendes und großartiges Bild der

I Meilen und fiviklstlwrischeii Tätigkeit des deutschen Volkes, wel­ches uns die,Geschichte der Kolonisation Ostdeutschlands int Mittel- Er entrollt. Durch sie tvurden große Strecken im Osten von Wbe und saasle, deil böhmischen und bairischen Bergen dem ceutstheu Volksiuui gewonnen. Roch, viel weiter ist freilich dir deutsche Koloustariou gedrungen, bis tief nach Livland'und Kur- lano, nach Polen, Ungarn, und Siebenbürgen hinein, lind ivo luuriihe Boll^elemcnte nicht mehr in fomCutter Blasse oder selbst gar nicht mehr htngelangten, da hielt die deutsche Kultur noch sieg reich ihren Etuzng. Tas deutsche stadtrecht hat Verbreitung gefuiiven bis nach Podolien, Wolhynien und der Ukraine: bis tief in das^ltk ^ahrh hinein hat in den südrussischen Städten, ilördlich vomchschwarzen Meere, das Magdeburgische Stadtrecht gegolten.

Bem Vordringen des .deutschen Volkseleme'ntes nach'Osten wurde allerdings schon sehr früh, nm die Wende vom 14. zum lo. xrährhunoert, Einhalt geboten. Im Zeitalter der Kolonisation 'wie» alle Feind,chast zwischen Slaven und Deutschen ausgetilgt; um dm Mitte des 13. Jahrhunderts konnte der Bischof Boguchwal ^u Hosen tagen: so, wie die Slaven bett Deutschen, sei kein Bclk der Erde . einem anderen befreundet. Aber bald trat bei t eil Slaven ein Umschlag in der Stimmung ein: sic hatten von "'n deutschen gelernt, was zur Erreichung einer höheren Kultur­stufe ersorierlich war, und sahen nun mit Neid und Scheelsucht auf vte wirtschaftlich überlegene Stellung, die die Deutschen in ihrer -June entnahmen; insbesondere war das wohlhabende deutsche Bürgertum in den Städten für den slavischen Adel ein Gegen- W. rer Mißgunst: das trat zunächst besonders in Polen offen­sichtlich zutage, sie Wende vom 14. zmN 15. Jahrhundert war, W'W gesagt, die entscheidende Grenze; damals erhob sich gegen J-11- Vordringen des' Deutschtums eine slavisch-nationale Reaktion, vereil vornehmsten Träger die Polen und Tschechen waren. In Polen bezeichnet den Wendepunkt das Aussterben der die Ger- mauisatio.il locüüstigendeu Herrscherlinie der Piasten und die 1387 erfolgte Erhebung des bis dahin heidnischen Litauerfürsten Jagiello, der bei der Taufe den Namen Wladislans erhielt, auf den Königs- ttzroii. Ter Dynastie der Jagiellonen siel im 15. Jahrhundert ver Koloniatsiaat des deutschen Ordens in Preußen zum Opfer um- West-Preußen wurde wieder slavisiert. Selbst auf Schlesien, Pommern und Brandenburg warfen die Polen damals ihre lüstern- tzes,ehrlichen Blicke. In Böhmen entstand zum Anfänge des 15. Bahrhurwert der Hussitismus, seinem innersten Wesen nach nicht nur eine religiöse, sondern auch eine eminent politische, nämlich national-tschechische Bewegung. Nicht umsonst wanderten alsbald nach dem Auftreten des Magister Johannes Huß, die deutschen Profestoren und Studenten von Prag nach, Leipzig ans. Eben schickt sich die akademische Welt in Deutschland an, die Feier des halbtausendiährigen Bestehens der also entstandenen Universität Leipzig zu begehen, und es scheint, als ob die Tschechen in ihrer Weise ne Erinnerung an dieses Ereignis wachriifen wollten, indem IN' abermals Miene machen, die deutsche Wissenschaft, ihre Lehrer uiw, Jünger zum Auszüge ans der Hauptstadt Böhmens zu zwingen Ohne das Auftreten der hussitischen Bewegung hätte Böhmen noch int Verlaufe des Mittelalters ein deutsches Land werden, hatte die Germauisation dort einen ebenso vollständigen sieg erringen können, wie in Pommern und Mecklenburg. Die na­tionalen Kämpfe, welche jetzt den habsburgischen K'aiserstaat durch-

.UeJmben Wre Wurzel vornehmlich in der durch die slavisch-hussttlsche Reaktion bewirkten Stockung der Germnnisatiou und der Kolonisation Böhmens.

Es' gibt zu denken, daß sämtliche Städte Böhmens, Mährens mtd Polens tut Mittelalter deutsch waren, daß, auch der Adel dieser Lander von deutschen Elementen stellenweise stark durchsetzt war. .Nur biejeuigeit Gebiete aber blieben, als sich jm 14. unb < ^ahrhmldert die slavisch-natiouale Gegenströmung mächtig erhob, dem Deutschtum bewahrt, in denen die ländliche Bevölkerung vorherrschend germanischen Ursprunges oder bereits germanisiert war. Zum Ende des Mittelalters sind die polnischen Städte so lu,re, samt ich, diejenigen Böhmens und Mährens zum großen Beile slavisch geworden. In noch viel, höherem Grade ist das der Fall bei um in diese Ländern eingewanderten, seiner Herküuft ziifolge deutschen Adel. Nach dem Falle des deutschen

Ordeiisdu ult en sich die nunmehr zur Krone Polen

gehörigen Adelsgeschlechter der Oppen, Hutten, Falken uK Gotzendorf noch adliger, wenn sie sich Bronikowski, Chapski, Plachecki, Grabowski nannten". An der Spitze der tschechischen Bewegung standen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts neben den Palacky, Rieger und Clam-Martinitz die Fürsten von Schwar­zenberg, ihrem Ursprünge nach Reichsritter aus Franken. Nicht das Schwert des Ritters, nicht das Kreuz des Priesters haben das, was vom alten slavengebiete deutsch geblieben ist, dem Deutsch- tum erhalten, sondern der Pflug des Bauern. Der deutsche Bauer mit fernem zähen Festhalten; an deutschem Rechte, deutscher Sprache und deutscher Sitte, er war, wenngleich später vielfach miß- handelt und unterdrückt, der wahre Pionier deutscher Kultur im siavischen Lande während des Mittelalters. Er war hier der Träger und Retter deutschen BvlMuins, uni), dieses Erbe, das uns von ihm ans grauer Borzeit ü&erfommen ist, zu schützen und zu erhalten, das ist unsere heilige Pflicht, sowohl im Inland«, lme auch tut Auslande, sowohl im Osten unseres Reiches, als auch tut stammverwandten Oesterreich.