Ausgabe 
5.4.1909
 
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aus und warf die letzten verrotteten Aepfel hinaus. Er fuhr mit einem Besen in die Ecken und störte die Spinnen ans ihrer langjährigen Ruhe ans. Dann schleppte er die Betten herein, die seit dem Tage, da Mamsell sie aus der Ramftedter Kate mitgenommen hatte, in einem Winkel der Scheune lagen. . Eine alte Kommode stand auch noch da; ein fleckiger Spiegel und ein paar Leldruckbilder lagen daneben. Das gehört uns," sagte Jak, mib unverdrossen arbeitete er, bis das Stübchen einigermaßen wohnlich war.

Was soll das heißen?" fuhr Mamsell mit grollender Stimme dazwischen.Das ist ja dummes Zeug!"

Das soll heißeu, daß wir auch Menschen sind," schrie 'Jak mit drohender Miene.Wir wollen in unseren eigenen Betten schlafen."

Die Alte murmelte etwas von Duiuiuejungenstreiche und ging ihrer Wege. Sie fing an, Jak zu fürchteu.

Auch das Essen wurde allmählich besser. Bald holte Jak eine Wurst, oder ein Stück Schinken aus der Räucher­kammer, bald drehte er einem Hahn oder einer Ente den Hals ab.

Jak rauchte auch die Pfeife; Mamsell wagte nicht, danach zu fragen, woher er das Geld zum Tabak habe.

Die Milchwirtschaft hob sich. Tie Kühe bekamen besseres Futter und gaben gute Milch. Die Dorfleute holten auch lieber bei Jak die Milch als bei der Alten. Er maß reich­lich, und die Mädchen hatten ihn gern ivegen seiner funkeln­den schwarzgrauen Augen.

Jetzt brauchte man doch keine Augst mehr zu haben wegen der alten Hexe. Jetzt ging man gern nach Späting- hos; es lag ja so bequem, nur fünf Minuten von der Dvrf- straße entfernt.

Ja, Jak Thomsen ivär ein hübscher Junge.

Spätinghof erhielt ein anderes Aussehen. Widerwillig knurrend und doch mit geheimem Wohlgefallen ließ die Tante es geschehen.

5.

Jahre vergingen. Jan war längst konfirmiert. Er blieb wie sein Bruder auf Spätinghof. Sein Lieblings- wunsch, Lehrer zu werden, erfüllte sich nicht, trotzdem der Kantor und sogar der Herr Pastor sich bei der Tante für ihn verwendet hatten. Es lvar alles vergebens.

Ich armes Mensch habe mich mein Leben lang sauer tun müssen und soll nun mein Geld für solchen Hokuspokus her­geben? Meinetwegen mag er Schulmeister werden, meint ihm das.Spaß macht, die Jungens zu verhauen. Aber braucht er darum studieren? Das war doch früher nicht Mode. Unser alter Rechenmeister Asmus Lornsen war von Haus aus Weber, der war sein Lebtag nicht aufs Seminarium gewesen. Er saß mehr am Webstuhl als am Pult, und dabei haben wir doch so viel gelernt, als wir brauchen. Zum Studieren geb ich kein Geld her, das sind bloß Fisema- tenten. "

Dabei blieb es. Als Mamsells Redekunst erschöpft war, hüllte sie sich in trotziges Schweigen, und die Herren zogen unverrichteter Sache ab.

Jan teilte sich nun mit dem Bruder in die Arbeit auf Spätinghof, und Jak schob ihm namentlich die Arbeiten zu, für welche man anderswo weibliche Hände gebrauchte. Jan ordnete sich willig dem Bruder unter; neidlos. überließ er ihm den Vorrang.

Endlich kam die Zeit, da Jak zum Militär eingezogeu wurde. Er kam nach Rendsburg bei die Artillerie. Jak war ein schmucker Soldat; die Uniform stand seiner geraden, kräftigen Figur gut, und die Lippe zierte bald ein keckes schwarzes Schnurrbärtchen. Bald erzählte man sich int Dorfe allerhand Liebesgeschichten von ihm, die dieser und jener gehört haben ivollte.

Das Soldatenleben gefiel ihm ganz gut. Ein bißchen Geld hatte er der Tante abgeschwindelt, und in bezug auf Essen war et nicht verwöhnt. Im übrigen trug auch hier seine rücksichtslose Siegernatur und seine eiserne Gesund­heit den Sieg davon.

Hier besuchte er auch zum erstenmal den Tanzboden, und er hatte Glück bei dem schönen Geschlecht; die Mädchen rissen sich um ihn. Dies machte ihm Spaß. Zu einer ernsten Liebschaft kam er nicht; er fand keine, die seinem Geschmack zusagte.

Während Jak so das Soldatenleben auskostete, führte Jan auf Spätinghof eilt einsames Leben. Mamsell schlurfte brummend, polternd und nie zufrieden int Hause herum. Jan ging still und nachdenklich feinet Arbeit nach,' Fing

die Taute mal lauter au zu schelten, dann schwieg er; sie fand durchaus keine Reibung bei ihm. Heimlich mochte sie sich wohl nach einem Geplänkel mit Jak sehnen, sie mochte ivohl fein trotziges Lachen vermissen, aber instinktiv fürchtete sie doch seine Rückkehr.

Jan war fleißig und häuslich wie immer. Er ging nicht in den Krug, er kümmerte sich nicht um andere junge Lettie seines Alters. Still und unverdrossen tat er seine Pflicht.

Einmal in der Woche zog er abends nach dem Füttern feinen Sonntagstock an und ging zu Kantors. Hier ver­lebte er bei einer Pfeife Tabak ein paar gemütliche. Stunden.

Der alte Kantor erzählte aus frühereu Zeiten,; mau sprach über die Zukunft; die Frau Kantor und Frauke saßen daneben. Tie Mutter stickte, und Frauke häkelte; die klei­neren Geschwister waren schon int Bette.

Franke wat auch schon seit einigen Jahren konfirmiert und ging der Mutter in der Wirtschaft zur Hand. Sie war groß und schlank geworden. Ihr Haar schimmerte noch immer hell und seidenartig, und noch immer wagten sich feine, widerspenstige Löckchen hervor, wenngleich der dicke Zops jetzt sittsam zu einem Knoten anfgesteckt war. Ihre Augen hatten auch uoch immer dieselbe wasserblaue Farbe und denselben freundlichen Blick. Sie war ein hübsches Mädchen, und ihr stilles, anmutiges Wesen übte auf Jan den alten Zauber aus.

Die ganze Woche hindurch sehnte sich Jan nach dem Abend, den et bei üantors verbringen durfte. An den anderen Abenden, wenn et nach dem Füttern auf der Ofen­bank saß, die Pfeife rauchte und ins verglimmende Torf- feuet starrte, hielt er int Geiste Zwiegespräche mit Frauke. Er sah dann nicht das finstere Gesicht der Tante, er hörte nicht ihr Stöhnen und Murmeln. Er sah Fraukes liebliche Gestalt, als ob sie dicht neben ihm säße. Er sagte bann; in Gedanken zu ihr:Franke, dein Haar ist so hell wie .Haferstroh, das in der Sonne getrocknet ist, und deine Äugen sind so blau und klar wie die Luft, und deiu Gesicht sieht aus wie eilte helle Rose. Ich mag das zu gern leiden." . .

So redete et int Geiste mit ihr. In der Wirklichkeit, bas wußte er, würde er ihr niemals so etwas sagen können. Nur in Gedanken wat sie ihm nah und vertraut; in .bet; Wirklichkeit stand sie hoch über ihm.

(Fortsetzung folgt.)

wie Ostdeutschland und Oesterreich deutsch wurden.

Von Prof. Dr. R a ch f a h t.

(Scbluf;.)

Wir werfen nunmehr einen kurzen Blick auf die sozialen und wirtschaftlichen Berhaitmjse, der Bevölkerung des Kolonisations- gebietes, sowohl der eingewanderten Deutschen, als auch der ein­heimischen Slawen. Wir beginnen mit den Bewohnern des platten Landes. In folgender Weise nun vollzog sich die Ansiedlung der deutschen Bauern: Irgend ein großer Grundherr, ein Fürst, Kloster oder Adeliger, wollte zur Erhöhung seines Einkommens- auf seinem Grunde und Boden ein deutsches Bauerndorf anlegen. Ta schloß er einen Kontrakt mit einem Manne bäuerlichen Standes, einem sogen. Lokator; dieser verpflichtete sich dadurch, tu Altdeutschland Bauern für die Besiedlung zu erwerben und herbeizuführen. Die Torsmark wurde sodann genau vermessen und in sogen.Hufen" geteilt, die je nach der Güte des BodenH 9060 Morgen Ackers umfaßten. Tas Eigentum an der Hufe behielt sich der Grundherr vor; aber der Bauer erhielt ein durch­aus geschütztes, erbliches Nutzungsrecht, demzufolge er das Gut sogar mit Einwilligung des Grundherrn verkaufen durfte; er mußte dem Grundherrn als dem Eigentümer einen Zins zahlen, sowohl in Geld als auch in Naturalien; davon erhielt dieses! eigentümliche bäuerliche Besitzrecht den Namen des Erbzinsrechtes; Fronden zu Gunsten des Grundherrn gab es zuerst in der Regel noch nicht oder wenigstens nicht durchgängig. Der deutsche Bauer war persönlich vollkommen frei und besaß volle Freizügigkeit; er Ivar auch zuerst noch unmittelbar bet staatlichen Gerichtsbarkeit unterworfen. Die Bauern der einzelnen Dörfer waren nach dem Borbilde der altdeutschen Heimat konstituiert zu freiens Landgemeinden mit kbrpvrativer Selbstverwaltung; an der Spitze standen die Schöffen und der Schulze, der ehemalige Lokator, der. Schnlzengut und Schulzeuamt erblich, als sog. Erbschulze, inne hatte. Diese Landgemeinde war - ebenfalls nach altdeutschem Bor bilde - eine Markgenossenschaft; sie bildete eilte Feld­gemeinschaft mit Flnrzwaug und Älmende, sodaß Jedermann Anteil an der Nutzung von Gemeindewald und Äemeindeweide belaß. Später, zumal seit der Wende von Mittelalter zu Nen- Mk, seit dem 15. Jahrhundert, verschlechterte sich allerdings die