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Der GsE

Wahre Dorfgeschichten.

Wvn Hermann Strack, Ruppertenrod.

Mei unserem Preisausschreiben tobend erwähnt.) ,,, Wenn einer eine besonders starke, robuste Natur besitzt, sich dabei einer kernhaflen Gesundheit erfreut, Wind und Wetter nicht fürchtet, tti.lt und warm und süß. und sauer vertragen kann, dazu Schmerzen zu verbeißen weiß, die einen! anderen die Tränen auspressen, so sagt man im Volks- mund:Tas eas 'n Kerle wäij 'n Gaul."

SolcheGmilsnaturen" gab es in früherer Zeit viel' häufiger wie letzt, wo die verfeinerte Kultur auch in die entlegensten Gebirgsdorfer gedrungen und bei den Dorf­bewohnern Bedürfnisse und Ansprüche weckt, die bei jenen Alten als ein Luxus galten. Von einem solchen Mann aus altem Schrot und Korn, den man 'm seinem Dorfe wegen einer derben, lvetterharten Natur, seinem rauhen, furcht- osen Wesen den.alten Gaul" nannte, will ich in nach- olgendem erzählen.

I.

Das Herz desalten Gaul" war in seiner Jugend gegen die zarten Regungen der Liebe unempfindlich geblieben; in seiner rauhen Natur klangen keine weiche Saiten der Sehnsucht nach einer Lebensgefährtin. Er war frei und ledig geblieben, und ledig und frei mußte er auch fein, nur den ungebundenen Trieben seines Wesens folgen zu können. Gaul verdiente sich seinen Lebensunterhalt durch Besenbinden, Holzmachen und dergleichen Arbeiten. Die Hauptquelle seines Verdienstes gewährte ihm aber der Wald- und Wildfrevel, der ihm aus dem Jähr 1848 gar zu tief im Nacken faß. Hatte jemand im Dorfe eine Langwitt, eine Deichsel, einen Pflugbaum, ein Paar Leiterbalken oder der­gleichen Ange nötig, so brauchte er nur einen diesbezüg­lichen Wunsch beim alten Gaul verlauten zu lassen. Am anderen Tage du lag unter der Gartenhecke des Betreffenden oder in feiner Scheuertenne das Gewünschte. Wer es ge­bracht, das ivußte man ungefragt, und der alte Gaul ging niemals unbelohnt aus.

Die Förster und Jagdaufseher kannten den alten Gaul; sie wußten, wer er war und was er trieb. Keiner getraute sich aber, mit ihm anzubinden, weil er überzeugt war, daß es denr Gaul nicht darauf ankomme, wenn es gälte, auch einemGrünrock" einmal das Lebenslicht auszuolafeu. So blieb der alte Gaul ungeschoren.

In einem kalten Winter der 50er Jähre des vorigen Jahrhunderts hatte ein leichter Spurfchuee, wie ihn der Jäger nennt, weil er darin die Spur des Wildes leicht entdecken und verfolgen kann, den Erdboden überzogen. Im Dorfe des alten Gaul war einem Bauersmann ein Ferkel verendet. Das holte sich Gaul, um es zumLudern" o. h. aus der Jägersprache übersetzt: zum Anreizen des Fuchses zu verwenden.

Dieses verendete Jungschwein schleppte Gaul nach dem Walde, der jenseits der nächsten Hügelkette, die das Dorf auf seiner Nordostseite begrenzt, lag und heute noch liegt. Bon hier aus schleifte es Gaul wieder zurück nach dem Friedhof, wo er den Kadaver liegen ließ. Der Friedhof umßab da­mals das Dorskirchlein, das hoch oben über dem Dorfe aus einer Hügelkoppe steht. In dem Turme dieses Kirchleins hatte sich Gaul ein Loch gemacht, um die Flinte hindurch- zustecken. Ich glaube, das Loch befindet sich noch heute im Turme des Kirchleins. In der daraus folgenden Nacht, einer Hellen, kalten Mondnacht, schleicht sich Gaul gegen 8 Uhr auf den Turm des unverschlossenen Kirchleins und tvartet auf den Fuchs.

Sein scharfes Auge entdeckt bald über den Bergen, die vor dem Walde herziehe n, den Fuchs auf der Fährte des Luders. Endlich kommt er, vorsichtig schleichend, auf den Friedhof. Der alte Gaul, dem doch vor langem Warten und! Frost die Zähne klappern, hebt die Flinte an die Backe, Und bums! kracht der Schuß.

Doch, was ist das? Die zwei Glöcklein im Kirchturme fangen an zu tönen und zu klingen. Ten alten Gaul packt kaltes Grausen; er weiß sich dieses Klingen nicht zu erklären, weiß nicht, daß der Knall seiner Flinte den Klang der Glocken geweckt. Gaul eilt zur alten Turmtreppe, ver­fehlt den Tritt, stürzt hinunter und bricht ein Bein. Den Fuchs hatte er getroffen; zu ihm schleppt er sich mit gebrochenem Bein, nimmt ihn mit und heim. Hier muß nun Gaul trotz seinerGäülsnatür" wochenlang das Mit hüten.

II.

nächster Nachbarschaft der Schirle befand sich Gauls Wohnung, em kleines, altes, zerfallenes Häuschen. Hierin chaustsMaul. Nicht selten ja stier in der Nähe seines Kanonen­öfchens, sang und rappelte mit einem Kroppendeckel auf tem> Kanonenöfchen den Takt dazu.

, Günes Abends, als fern Nachbar, das war der Lehrer des Dorfes, von dem Anstand er war Mitpächter der Jagd hermgekehrt, erscheint der alte Gaul im Wohn- zrmmer des Schulhauses. -

Herr Schullehrer!" beginnt («auf,wollt Ihr m'r nitt 'n GLfoann (Gefallen) tu?"

Warum nicht?" sagt der Lehrer,sagt an; wenn ich euein Wunsch erfüllen kann, will ich's gerne tun!"

ErschZ,ißt wich!" ruft Gaul, ich sein d's Leawe merrid."

Jfidas euer Ernst, Gaul?" fragt ihn der Lehrer.

Mein völliger!" erwidert Gaul.

Scheinbar geht der Lehrer auf Gauls Wunsch ein und! handelt so, als wollt er ihn sofort zur Erfüllung bringen.

Stellt Euch dort drüben in die Stuben ecke!" fordert er den alten Gaul auf. Gaul folgt der Aufforderung.

Nun", fagt der Lehrer ernst,hebt eure Arme hoch und haltet ruhig!" Dieweil greift er nach der Flinte.

Wie Gaul diese Bewegung sieht, da ruft er:

Herr Schullehrer, loßt's noch a mol, Ihr könnt' uch sealwer eau Uhgelegenhare (Ungelegenheiten) brenge!"

Damit war der,Lebensüberdruß des alte,! Gaul kuriert«

III.

Einst begab sich Gaul zum nächsten Städtchen G., int Ranzen die Haut von einem gefrevelten Reh tragend. Der Weg nach der Stadt führte unweit dieser durch einen Wald. Aus einer Seitenschneise, die auf die Straße ncündet, kommt ein Förster mit seinem Hund und stößt gerade auf Gaul. Der Hund des Försters wittert sofort das Rehfell in Gauls Ranzen und springt wiederholt an Gaul hinauf.

Woas d's Ooos doach a schoarb Noase hott", sagt Gaul,huh ich m'r do haut Moarje a frösch Serveloat- wörscht ean Ranze gestoppt, glaich richt fe der Soatan!" Mit diesen Worten wehrt Gaul den Hund ab und schreitet weiter der Stadt zu.

Auf seinem Rückwege, der abends spät erfolgte, kehrte Gaul in die Wirtschaft ein, die hart au der Straße in der Mitte der Wegentfernung von feinem Ort liegt. In dieser Wirtschaft war zufällig ein Bauchredner eingekehrt. Der­artige Künstler erschienen damals noch viel häufiger auf der Landstraße als heute. Der Bauchredner hatte, zum Ergötzen und zur Verwunderung der Gäste feine Kunst gezeigt und fein Trinkgeld empfangen. Er saß schon geraume Zeit aus einer Bank hinter einem Wirtstiscü und hatte beim Wirt daä Nachtlager bestellt.

Da tritt der alte Gaul herein.

Jedermann in der Gaststube kannte ihn und wußte, daß er keine Furcht hegte. Einer der Gaste aber denkt, wart, der Bauchredner muß den alten Gaul einmal pflegen". Als der Bauchredner kurz darauf zur Tür hinaus ging, folgt ihm der Gast unauffällig nach und weiht ihn ein. Zuruckgekehrt, setzt sich der Bauchredner wieder an seinen Tisch, von Gaul ganz unbeachtet gelassen.

Da ruft's auf! einmal vernehmlich laut draußen: Gaul!" Ter alte Gaul rafft sich auf, macht's Fenster auf und fragt in die dunkle Nacht hinein:

Wer eas dai.s?" Keine Antwort.

Gaul macht das Fenster wieder zu und setzt sich wieder. Kann? sitzt er, so ruft es abermals draußen:Gaul! Gaul!"

Jetzt eilt Gaul hinaus und will sehen, wer ihn ruft, oder ob ihn gar einer foppen will. Kopfschüttelnd kommt er wieder herein zur Stube: er hat niemand draußen ge­sehen, niemand gesunden.

Kurze Zeit darnach ruft eine Stimme im Keller unter dem Stubenboden:Gaul!" Dann ertönt'S, wie von der Oberstube:Gaul! Gaul!" Dem alten Gaul steigen dis Haare zu Berge. Die Angst malt sich in seinen Zügen.

Konrvad!" sagt er jetzt zum Wirt,aich bleibe bei dir ittoer Noacht!"

Ja", sagt der Wirt,doas tcmts mit; ich kann dich nitt behäln, die Vetter sei all belegt; dau mußt weiter."

Do leg ich mäich Hai off d' Bank", fagt ltzaul,fort brengt mich kahner." .

Als inan nach geraumer Zeit Gaul aufklarte, um ihn fort zu bringen, und der Bauchredner ihm die Kirnst gezeigt.