Ausgabe 
4.12.1909
 
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Wi einem Zauberschlag stand das braune Mädchen vor Neldas Augen, sprühend vor Lebenslust; sie fühlte wieder dho jivarinen festen Hände und von diesen aus den wohl­tuenden Strom durch ihren Körper rinnen. Ja. ein roter Rosenstock, das war das Rechte auf Pefas Grab. Keine weißen Kirchhofsrosen, die gebühren nur den Blassen, Hin- gewellten, die vergangen sind ohne Lust, oder keine Kraft haben, für ihre Lust ein,yatreten.

Und Neida dachte mit einer ungewissen beklemmenden Angst au Bern Berg, und dann mit Sorge an Agnes von Osten. Die eine sah müde aus bis zum Tod, und die andere kämpfte, aber nur nach ihrer Art. ,,Jch muß wieder zu Agnes," murmelte Nelda,sie geht hin wie ein Schatten. Daß wir daun nicht die Kraft haben, wenn wir sie gerade brauchen! Oder hat Agnes Kraft! Ich weiß nicht!"

Nachdenklich zog sie die Stirn kraus. Drüben pfiff der Star.Wart', Bogel," sagte sie plötzlich,wenn der Sommer erst da ist, laß ich dich doch heraus! Du mußt frei sein! Besser in der Freiheit sterben, als hier so dahin kümmern. Gibst du Antwort, he?"

Sie stand auf, schlang den Arm um's Fensterkrenz und spähte hinüber; so stand sie lange. Noch lag ein Glanz von Tag auf ihrem .Haar, aber die Gestalt tauchte schon in den Schatten.---Klingelingeling!" An

der Korridortür heftiges Läuten. So zog die Mutter die Glocke, immer gleich dreimal hintereinander; sie hatte nie Zeit zunr Warten.

War es schon so spät? Im Berliner Zimmer bereits tiefste Finsternis, Nelda rannte einen Stuhl um, als sie durchlief.

Klingeling"!

Die Rätin stand bereits draußen mit gelösten Hut­bändern, die Mantille auf dem Arm. Eine Treppe tiefer tönte das Fauchen von.Herrn Schmolte, er nahm die .Höhe langsamer.

Aber Relda, du machst ja gar nicht auf, hörst du denn nicht?" Die Mutter betrat hastig die Stube.Was, noch keine Lampe an? Kein Tisch gedeckt?!" Wie ver­steinert blieb sie stehen.Wer, mein Gott, was hast du Denn den ganzen langen Sonntagnachmittag gemacht? Tod­müde kommt man nach Haus und dann ist nichts hergerichtet. Zünde mal Licht an, rasch!"

So so, hoplala," sagte Herr Schmolke gemütlich und schloß umständlich die Korridortür.Da wären wir ha wieder! Na" er zog ein Sträußchen ans dem Knopf­loch und überreichte es Nelda galantman en ganz kleiner Frühlingsgruß. Was denken Sie wohl, Neldachen, wie schön es war! Neberall Musik und die Leute alle M zweien. Ne, ne, es ist «ich gut, wenn der Mensch allein sitst Warten Sie nur, Kindchen, der Rechte kommt bei Ihnen auch noch, dafür lassen Sie man Schmollen sorgen!" Er schlug sich auf die breite Brust und nickte dann zu Frau Rätin hinüber.Nicht wahr, Berehrteste? Neldachen muß heiraten, darüber sind wir beide uns ganz einig!"

Die Mutter seufzte und warf einen Blick gen Himmel. Ja, wenn man mir einen wüßte! Komm' mal her, Nelda!" Sie reckte sich und strich der Tochter, von einer plötzlichen Mrtlichkeitsregung gefaßt, die Haare aus der Stirn.Sie ist doch ein gutes Mädchen! Da ist manche, die eine exquisite Partie gemacht hat, und ist nicht halb so wie meine Nelda. Aber wenn eine kein Geld hat!" Sie zuckle die Achseln.

Na, erlauben Sie mal" Schmolke blinzelte ganz verfänglich und rieb sich dann die Händewird sich alles machen, lassen Sie man gut sein! Wissen Sie was, Werehrteste, bin riesig fidel; was meinen Sie, teuerste Geheime, wollen wir heute eine springen lassen? Bon Meinem Geburtstag her, steht unten im Waschtisch noch 'ne Flasche Cermaniasekt mank die Stiefeln was?"

Frau Rätin lächelte und errötete wie ein junges Mäd­chen; sie sah ordentlich hübsch aus in ihrem schwarzen Seidenkleid mit dem Käffeebohuenmuster und diesem ver­schämten Ausdruck um die kleine Nase. Was ging denn vor? Nelda sah etwas verwundert von einem zum andern. Die Mutter war merkwürdig sanft; während sie mitein­ander den Tisch deckten, fragte sie mit einer weicheren Stimme als sonst nach Onkel Konrad.Hast du ihm ge­schrieben? Ach Gott ja, der mag sich auch sehr einsam fühlen! Stell' die harten Eier dahin! Du kannst ihn viel­leicht bald mal besuchen, aber ganz zu ihm lassen die Leberwurst im Fettdarm ist nur für Schmolke, «vir essen

die andere von vorgestern nein, nein, das kann ich nicht!" Sie streichelte bie. Tochter.Du bist ja doch mein einziges Kind, da möchte es kommen wie es wolle, du gehst doch allem andern öor! Weitz Gott, wenn ich toas tun würde, täte ich es nur für dich!" C-ie zog aufgeregt ihr Tascheiw tuch heraus und wischte sich die Augen;

Endlich saßen sie bet Tisch. Die Lampe brannte nnd warf ihren Schein auf die Gesichter; das des guten Schmolke strahlte vor Vergnügen. Er legte sich hinten über und wippte mit dem Stuhls asle paar Augenblicke nahm er fein Glas und hob es gegen die Damen.Prost, prost, es lebe die Gemütlichkeit! I Gott bewahre, Verehrteste, haben Sie keine Angst, 'nen Schwips leisten wir uns nich! Prost, Neldachen! Na, machen Sie man kein so finstres Schnuteken, Kind ha ha, so leben wir, so leben toir alle Tage!" Er intonierte mit krähender Stimme und lachte dann in sich hinein, daß die Rundung seines Leibes hinter der vorgebundenen! Serviette schütterte.

Warum diese Fröhlichkeit? Auch die Mutter saß da mit einem permanenten Lächeln um den Mund; sie halte das gute Schwarzseidene anbehalten, nur die Aermel mit den Spitzenmanschetten sorgfältig umgekrämpt. Nelda sah unruhig über den Tisch und jenseits-nach dem Regulator schon neun! Vera Berg noch nicht da?! Nun, der Weg von Schöneberg war weit, die Pferdebahnen am Sonntag üb erfüllt.

Doktor Müller spielt heute wohl irgendwo anders den Angenehmen?" meinte Schmolke.Na, mir kann's recht sein, sind wir schön entre nanoiis. Trinken Sie mal ans, inerte Frau! Nm wo ist denn der Schleicher?"

Aber, Herr Schmolke!" Die Rätin schlug vorwurfsvoll die Augen auf.Schleicher! So ein netter junger ManU."

Pah, pah, netter junger Mann hat sich was! Ver­dreht der armen Person, der Berg, ganz den Kopf gefällt mir gar nicht, bum. Schmollen macht der keine Wippchen vor; die Sache ist nicht koscher!"

Wieso?" Fran Tallmers Augen wurden groß und größer.

Mama," sagte Nelda plötzlich und tat einen tiefen Atemzug,ich ängstige mich so um Fräulein Berg. Sie war komisch, als sie heut nachwittag fort ging, so ver­stört, so ich weiß nicht!"

Na, da haben wir den Salat!" Schmolke rückte näher und legte den Arm auf der Rätin Stuhllehne; er tuschelte ihr etwas in die Ohren.

Wie von einer Tarantel gestochen, fuhr Frau Dallrner auf.Um Gotteswillen, ich"

Na man sachte, man sachte, was Gewisses weiß man nich! Beruhigen Sie sich, ich werde die Sache in die Hand nehmen, werde der Berg mal mit feiner Diplomatie etwas auf den Zahn fühlen. Und nu lassen wir Berg und Müller es lebe die Gemütlichkeit, prost, prost! Prost, auf eine frohe Zukunft!"

Ach, bester Herr Schmolke!" Frau Rätin war wieder sehr gerührt, sie reichte Herrn Schmolke die Hand und guckte verstohlen zu ihrer Tochter herüber.Neldacheu," sagte sie uni) nickte; noch nie in ihrem Leben hatte sie so gesagt. Neldachen!"

Nelda sah' verwundert auf, ein seltsam unbehagliches Gefühl beschlich sie, sie kam sicb.so überflüssig vor. Drüben die beiden an der anderen Tischseite waren sich vollständig genug, sie fühlte das, ohne daß man ihr's zeigte,Hery Schmolke, bester Herr SclmwUe"Werte, Teure, Ver­ehrteste" das flog nur fo hin und her; sie entsann sich kaum, die Mutter je so vergnügt gesehen zu haben. Halb zehn Uhr! Zehn! Eine grenzenlose Oede kam über sie; was war's, warum mußte sie immer und immer wieder an ihren toten Vater denken? Sie hielt es nicht mehr aus, leise stand sie auf und ging um den Tisch herum. Was sie sonst nie getan, sie schlang den Arm um den Hals der Mutter und schmiegte den Kvpf an deren Wange.Mama," flüsterte sie mit Beben in der Stimme,hast btt mich lieb?" Ihre Hand faßte eine Falte der schwarzen Seidenfahne<

Ei, was füllt dir ein?!" Fran Dallrner wurde rot, dann lachte sie, ein kleines Verlegenheitslachen, und küßte die Tochter auf die Stirn.Natürlich! Und nun sieh mal nach der Uhr, wir müssen jetzt abräUmen, die kommen nicht mehr!"

lFortsetzung folgt.)