690 —
Eichelhäher, die leuchtend blauen Flügelbinden von geronnenem Blut verklebt.
„Aber warum, aber warum?" Nelda sagte es vorwurfsvoll, kauerte sich nieder und hob die toten Vögel aus ihren Schoß. „Was taten sie Ihnen?"
Er lachte sorglos. „Och, Fräulein, das müssen Sie sich hier abgewöhnen! Wenn man keinen Has trifft, schießt Man eben so en paar Biester; brauchen kann man sie ja nett, aber sein Pläsier will man doch haben. Und dann, dem Viehzeug schad' et doch nix, die wissen ja nix vorher. Piff, pass, weg sind se! Wenn wir emal so absahren täten, könnten mir froh sein!"
Sie ließ, die Vögel vom Schoß gleiten. „Sie haben eigentlich recht," sagte sie langsam. „Aber ich möchte doch nicht, daß Sie die Tiere nur zum Pläsier schießen."
„No, denn uet!" Er sah sie gutmütig an. „Ich tu Ihnen ganz gern en Gefallen, Fräulein; wie Sie noch klein waren, hab' ich das auch schon getan. Gefällt es Ihnen wieder hier?"
„Ich bin erst ein paar Tage da; der Onkel ist verändert, fast betrübt, verstimmt. Nicht gegen mich, o nein! Aber so im allgemeinen."
„Ja — haha — der hat auch seinen Aerger! Sehn Sie, Fräulein Neida" — sie traten langsam den Rückweg an, er reichte ihr die Hand, um ihr über eine Schneewehe fortzuhelfen — „unser Herr Bürgermeister is eben für die Neuerungen, un die Leut hier net. Un dann mit der Kirch is das auch so en Sach! Den Herr Kaplan ärgert sich, daß unser Bürgermeister en Freigeist is, er geht viel zu selten zur Beicht un redt über die Prozessionen. So !var er ja aber immer, nur sind jetzt noch die andern Sachen; un bat is schlimm!"
„Was für Sachen?" Nelda hörte mit großen Augen zu; erst waren ihre Gedanken abgeglitten, aber nun lauschte sie.
„No" — der junge Mann nahm die Mütze ab und fuhr sich durch das krause Haar — „Sie kennen doch Meerfeld, Fräulein Nelda? Das ärmste Dorf in der Bürgermeisterei; mer sagt, in der ganzen Eifel. En elender Ort! Immer haben die Meerfelder geklagt und gejammert, se hätten keinen Acker und gar nix; toemt mir" das Maar net wär', das nahm den besten Platz im Tal weg un Fisch' wären auch net drein. Es wär' rein zum Malör da. Da hat denn uns' Bürgemeister eine Eingab' an die Regierung gemacht und vorgeschlagen, sie möchten das Meersolder Maar tiefer legen, damit Land gewönne!! würd'; das müßt ja sehr fruchtbar fein. Das hat natürlich mächtig viel Geld gekost', un de Regierung hat kein Lust gehabt. Aber der Bürgermeister hat net nachgelassen, immer wieder hat er geschrieben — no, un das versteht er! Er hat den Notstand so dringend geschildert und alles so ausgemalt, daß die Herren selbst gekommen sind und haben fich't angesehn. Sie haben auch alles so gefunden. Un Geld is bewilligt worden, massig; un nu fingen auch gleich die Arbeiten au.
„Sie hätten den Bürgemeister nur seh'« sollen, Fräulein! Ich kam grad aus der Fremde, zwei Jahre sind et als her. Alle Tast war er in Meerfeld und hat uachgeguckt; das war ihm ganz egal, ob die Sonn' stach oder der Regen platschte. Manchmal hab' ich ihn stehn sehen, daß das Wasser ihm vom Rock drippte und der Wind ihm die grauen Haare bald vom Kopf riß. Er hat drauf bestanden, daß die Meerfelder Männer die meiste Arbeit taten, sie schippten und karrten Erde weg, da hatten se doch- Verdienst. Erst waren se e so froh! Aber die Arbeit ivar was ungesund, immer im Modder stehn un buddeln — se kriegten Fieber, un noch derzu stach das an. Typhus war schon früher in Meerfeld gewesen. Das halbe Dorf war krank. Nu würd' dal en Hauptspektakel! Die Männer wollten net mehr arbeiten, die Weiber rückten dem Bürgemeister auf den Hals un lamentierten; er ließ den Doktor kommen un hat den bezahlt, alles auf eigne Rechnung.
Endlich war doch de Arbeit fertig. Im vorigen Sommer haben se zum erstenmal das Land bebaut. Der Bürgemeister hat gesagt, erst müßt es Wiese sein. Aber ne, sie singen gleich an mit Hafer un Gerste un Roggen un Kartoffeln, jeder was anders; un aus nix wurde was. Jesses, waren die Meerfelder falsch! All die Arbeit um»' sonst un nu c;ar nix, gar nix davor gewonnen! Sie dachten schon, sie säßen wie die Maus im Speck, un eweil müssen se doch hungern wie früher. Jetzt möchten se ihr Maar wiederhaben — „da hatten mer wenigstens Fisch", sagen
sie! Die waren all krepiert von der Buddelei. Sie schimpfen auf den Bürgemeister; net bloß im geheimen, ich hab' selber gesehn, wie sie en Faust hinter ihm drein machen und die Kinder die Jung eraus strecken!"
„Ist es möglich?" Nelda hatte bis dahin mit keinem Laut die Erzählung unterbrochen; jetzt legte sie ihre Hand- auf den Arm des jungen Mannes. „Mein armer Onkel!" Etwas von der alten Natur kam über sie, ihr matter Blick blitzte unwillig auf. „Die Esel! Ich würde über sie lachen!"
„Och ne, das würden Sie net, Fräulein. Gehn Sa mal hin un gucken Se sich das Elend an! So was sticht an, die Manderscheider sind auch als ganz rappelig. Se flicken ihm auch am Zeug wo sie können. Un dann die andere Geschicht!"
„Was denn noch?" In Neldas Wangen war ein ungeduldiges Rot gestiegen. „Das undankbare Volk. Was noch?"
Der junge Mann sah sich scheu um, niemand in Sicht; nur der Himmel, der Schnee und sie beide. Jetzt, an der Biegung des Weges, tauchten plötzlich die Häuser des Dorfes auf. Er blieb stehen und wies mit dem Finger hin. „Die da brüt werden es Ihnen schon bald! klatschen, Fräulein Nelda; ich net! Ich sag nix Schlechtes von unfern1 Bürgemeister, un hör' ich't von einem" — seine Augen sprühten, er reckte die kräftige Gestalt und warf ben Kopf hintenüber — „dem schlag' ich alle Knochen im Leib kapnt!"
Er kam Nelda noch einmal so groß vor. Sie reichte ihm die Hand. „Das ist nett von Ihnen, Herr Homines, daß Sie zu meinem Onkel halten! Ich tounbre mich, daß er gar nichts an uns geschrieben hat."
„O das tut er net! Im Grund is er verliebt in seine Eifel wie einer in seinen Schatz. Liebesleut verstehn sich ja auch emal net. Sagen Sie nix, Fräulein Nelda, daß ich Ihnen was erzählt hab'! Sie werden es e so bald genug merken. Un nu adieu!" Er zog die Mütze und stellte sich stramm wie vor ben militärischen Vorgesetzten, „Sie sind nu als gleich zu Haus, ich muß noch auf die Oberburg, da hat der Förster Fuchsfallen, die wollen mer revidieren!"
(Fortsetzung folgt.)
Einiges über I. h. Merck.
(1741—1791.)
(Mit besonderer Berücksichtigung seiner Wohnhäuser.) Von Hermann Franz Oktav io (Darmstadt).
(Schluß)
Tie Frage, die gelöst schien, war bei genauerem Prüfen nur verwickelter geworden; alles weitere Suchen und Forschen meinerseits blieb erfolglos, bis ich an ganz anderer Stelle dem Ziele näher kam. Die Königl. Hof- und Staatsbibliothek zu München besitzt unter ihren „V-ossi-ana" 39 Briefe von Matthias -Claudius, der 1776—1777 in TarmstädtischöN Diensten als Landkommissar angeste-llt war und in der „Neuert Vorstadt" wohnte, an I. H. Voß'); hier gab- nun Claudius' Brief vom 24. Mai 1776 (ungedruckt), übrigens ein beredtes Zeugnis für Mercks großzügiges Wollen, die Lösung; er schreibt aus Darmstadt an Voß:
„Was wird- nun aus Ihnen werden? ist noch nichts aus Earlsruhe gekommen, oder sonst nichts int Gange? Wenn sonst nichts ist, so wolle ich Ihnen Vorschlägen mit Ernestine hieher zu kommen. Können Sie von einem Buchhändler 80—100 Luisd-or haben, desto besser, wenn aber auch das nicht, es ist hier so wohlfeil drucken, daß . Sie- gar keinen Begriff davon haben, und Merck, der im Verlagswesen ungewöhnlich bewendet ist, könnte Ihnen manchen guten Ratzt geben. Dazu kommt, daß l’/2 Stunden von hier in einem äußerst angenehmen Thal ein Dorf liegt, wo Merck ein Haus mit einem. Obst- und Wein- und Grasgarten ge- miethet hat und vielleicht kaufen will. In dem Hause will er Ihnen die oberste Etage unentgeltlich einräumen, und jährlich 200 Gulden geben. Dafür sollen Sie freilich übersetzen den Bogen zu 4 Dukaten gerechnet. Sie haben aber mit keinem! Buchhändler und keiner Ungewißheit zu kämpfen, sondern Merck steht Ihnen für die 200 Gulden, er verlangt dafür keinen Dank, weil er feinen Schaden dabeh hat. Ich versichere Sie das Tha und Haus gefällt mir so wohl, daß ich, wenn ich nicht die Leute die ntich hieher befördert haben beleidigte, fast geneigt wäre, mich irt das Thal hinzusetzen und ganz für mich zu seyn. Merck hat mir aufgetragen Ihnen dies zu schreiben, und Sie haben zu thuN und zu lassen, was Sie wollen."
Das Dorf ist ohne! Zweifel ArheilgeN; Merck hatte das Landhaus Nur gemietet, zuerst, vielleicht schon Vom Jahre 1775
*) Der Direktion spreche ich für die giftige Ueberlassung dex Briefe meinen freundl. Dank auch an dieser Stelle aus.


