Donnerstag den H. November
1909 — Nr. 173
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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Biebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Wer rief da? Ach einer, der tot für sie sein mußte! Und warum Vefa? Sie hieß doch Nelda? Komisch! Vesa — Nelda — sie konnte nichts mehr unterscheiden, gar nichts verstehen; auch nicht hören, wie die Kirchuhr zwölf schlug mit dumpfen dicken Schlägen.---
War es schon Morgen?
Ein rundwangiges bräunliches Gesicht beugte sich über sie, ein warmer Finger tüpfle auf ihren Arm. „Fräulein sind Se als wach?"
Schlaftrunken richtete sich Nelda auf. Weiße getünchte Wände blickten sie an, zwei, drei grellbunte Heiligenbilder; unter dem handhohen Spiegelchen ein porzellanenes Weih- wasserbecken, ein paar geweihte Palmen dahinter. Dort hingen derbe Röcke, und da, über dem kleinen Tisch, eine Weiße Schürze und ein langes, buntes Band. Am Fenster Eisblumen, Heller Sonnenschein glitzerte darauf; die enge Kammer so fröhlich, und jetzt Kirchenglocken in nächster Nähe. Sie läuteten und läuteten.
„Et is Sonntag, Fräulein, ich kommen schon aus der heiligen Meß!"
Die Vesa sah hübsch aus; das Sonntagskleid saß ihr prall, der silberne Pfeil im dunkeln Haar blitzte. Die herbe und doch blendende Wintersonne warf einen ge- brochnen Strahl durch das beeiste Fenster, er lag gerade auf ihrer Stirn, die heiter war wie die eines- Kindes.
Nelda streckte die Hand nach dem Mädchen aus. „Ich danke Ihnen, Vefa, Sie haben mir gestern geholfen!"
„Sie, Sie? Och ne, Fräulein, Se können ruhig du for mich sagen, den Herr Bürgemeister sagt e so un alle timt ent auch. Jeß, bin ich vergnügt, nu f immer zwei Mädercher im Haus! Nu hau de Burschen zu Manderscheid de schwere Wahl — ha ha!"
Sie wiegte sich lachend in den Hüften und tiickte Nelda vertraulich zu. „Gelten Se? Pas;en Se auf, Fräulein, hier werden Se ganz gesund! Geschlafen haben Se als wie en Ratz, zweimal waren ich hier drinn und hau mer Mein Sachen eraus geholt!"
„Ach ja, es ist Ihre — deine Kammer! Wo hast du denn die Nacht geschlafen?"
„No da drin, auf em Stuhl!" Sie wies nach der Wohnstube. „So gut wie im Bett!" Sie hatte recht, so sah nur jemand aus, der nicht eine Minute gesunden, traumlosen Schlafes entbehrt hatte. Plötzlich fiel es Nelda ein — „Mir war heut nacht, als hätt's an's Fenster geklopft, es rief auch jemand; du hast wohl nichts gehört?"
„Ich?" Vefa drehte sich schnell auf dem Absatz um und K sich mit der Hand auf den Mund, um nicht laut zu
i. „Ne, Fräulein. Aber nu stehn Se aus!"
Sie ging aus der Kammer und kicherte in sich hineinr „Dat war an den falsche Adreß geraten. Eweil möchtest ich wissen, wen et war? Sicher den Heinrich!"
*
In dem kleinen Teinpelchen, dem Aussichtspunkt auf schroff vorspringendem Felsen, stand Nelda. Es schwindelte ihr, als sie hinunter blickte in die tiefe Schlucht zu ihren Fußen. Schnee, Schnee überall. Jenseits die rundrückigen Waldhöhen, auf bereit Kuppen der Himmel lastet. Unten in der Schlucht die beiden Burgruinen auf trotzigen Felskegeln; kaum eilte Stelle des grauen Mauerwerks zu sehen, alles weiß angeweht, jeder Vorsprung, jede Zinne besetzt mit einer fleckenlosen Schneehaube. Die beiden Bäche da unten, deren Wasserfall-ähnliches Geplätscher im Sommer weithin hörbar rauscht, jetzt ganz still; vereist hängen die lustigen Wellen zwischen beschneitem Gestein. Und auf jedem Tannenzweig eine Schneelast, an jeder Nadel ein diamantenes Etsperlchen; ein unbegrenztes Weiß, eine unbeschreibliche Reinheit.
Neldas Augen flimmerten, mit einem zitternden Atemzug sah sie um sich und dann hinab in die tiefe Schlucht. Huh, wie steil, wie jäh! Wenn man hinunter sprang, ivar man tot — — —! Sie drückte die Augen zu; ihr war fast ängstlich zu Mut, die hehre Stille so groß! Ein Hauch der Gottheit schien über Berge und Schründe zu streichen, ein Hauch, der da flüstert: „Rühre mich nicht an, ich bin zu rein!"
Sie schauerte und schlug fröstelnd den Mantelkragen höher, die kristallene Luft ging ihr durch Mark und Bein, Es war ihr, als starre sie ein großes Ange an, ernst, ohne mit der Wimper zu zucken, mit alles durchdringender Klarheit; ihr eignes Innere dagegen so wirr und dumpf wie die nnaufgeräumte Kammer armer Leute, in die ein hoher Herr tritt. Mit einem heißen Angstgefühl preßte sie Sie Hände in einander, die Natur tat ihr jetzt weh; diese Ruhe, diese Klarheit — herrlich! Und doch schmerzlich unerreichbar!
Ein bittres Gefühl stieg in Nelda auf; sie fiammerte sich an die Brüstung des Tempelcheiis und spähte, sich überbeugend, hinab in den Talschlund und nach rechts und nach links. Was, wen suchte sie? Sie wußte es selbst nicht. So stand sie lange. Ein „Guten Tag" ließ sie zusammenfahren.
„Hab' ich Sie erschreckt, Fräulein Nelda?" Heinrich Hommes stand da in hohen Stiefeln und Jagdjoppe, das Gewehr am Riemen Über der Schulter. Er schüttelte ihr kräftig die Hand; Nelda war groß, und doch überragte seine Gestalt sie bedeutend, sie mußte zu ihm aufblicken. Selten hatte sie eine so ebenmäßige Figur gesehen.
„Ich komm von der Jagd!"
„Und haben Sie was geschossen?"
Er öffnete seinen Jagdranzen und warf ihr ein paar Vögel vor die Füße; mit geschlossenen Augen und gespreizten Flügeln lagen die hübschen Tiere im Schnee. Es waren


