Ausgabe 
4.9.1909
 
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Frau Hofrätin Schopenhauer: Nr. 17, 7i/2 Elle Ottomane 5 Thaler 22 Sgr." Zuletzt schrieb er der DaMje, die sich bei ihm für die Dresdenerin verwendet hatte, er hoffe alles zu verkaufen, wenn sie billiger würde.Man findet die Sachen sehr schön, aber die Preise zu hoch, von Berlin kann man dieselben Stickereien viel wohlfeiler bekommen."

* Ein Museunr der modernen Weltliteratur. Die Tatsache, daß es zwar eine Menge Sammlungen gibt, in denen die hervorragendsten Werke alter und neuer Kunst vereinigt sind, aber noch kein einziges Museum, das die besten literarischen Erscheinungen unserer Zeit aufuimmt, hat einen amerikanischen Bücherfreund, James Carleton Uoung in Minneapolis, auf eine sehr originelle und interessante Idee gebracht. Es wurden von ihm seit etwa fünfzehn Jahren systematisch all die Bücher jeder Literaturgattung gesammelt, die für ihre Länder und Fächer als die besten" gelten konnten. Dadurch unterscheidet sich das Museum" des Amerikaners von den großen Bibliotheken, die ohne Auswahl alles aufnehmen! und nur den Ehrgeiz der Quantität besitzen. Um aberdie besten" Bücher herauszufinden, brauchte und gewann Ioung die Mitwirkung vieler Kritiker aller Länder, überdies hielt er in Europa Agenten, die für ihn tätig waren!... Bomig erreichte außerdem, daß fast sämtliche Autoren, soweit sie noch lebten, ihre Namen oder einige handschriftliche Zeilen in ihre Bücher eintrugen, wodurch der Wert der einzigartigen Samm­lung erheblich gesteigert wurde. Tie Vorbereitungen des Unter­nehmens erforderten einen ganzen Beamtenapparat von Steuo- araphen, Uebersetzern, Katalogisten, Bibliothekaren, Buchhaltern uuv.; jetzt ist es so weit dem Abschlüsse nahe, daß mit der Er- richtnng eines feuersicheren Museumsgebäudes demnächst begonnen und alsdann das Ganze der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll.

* Ein Jubiläum des Petroleumhandels. Am 12. August dieses Jahres war ein halbes Jahrhundert verflossen, seit die Quelle eines Milliardenstromes in Amerika entdeckt wurde: am genannten Tage des Jahres 1859 wurde in Titusville im Bezirk Venango in Peunshlvanien die erste Oclquelle erbohrt, und seitdeni ist Amerika das Hauptgebiet der Petroleumproduktion geworden, der mehrere Milliardäre der Vereinigten Staaten ihre unermeßlichen Schätze verdanken, vor allem Rockefeller. Bei dem Versuch, einen artesischen Brunnen zu graben, stieß, man vor 50 Jahren in einer Tiefe von 22 Metern auf eine Oelquelle, die viele Wochen laug täglich etwa 1000 Gallons Erdöl lieferte. Schnell verbreitete sich die Kunde davon in ganz Amerika, und in Strömen eilten die Abenteurer und Glücksritter, aber auch die arbeitsfreudigen und unternehmungstüchtigen Amerikaner der neuen Goldquelle zu. Ein wahresOelfieber" bemächtigte sich der spe­kulativen Köpfe Amerikas, ein Fieber, dessen Hitzegrad weit jenes Goldfieber übertraf, das bei der Entdeckung der Goldgruben von Amerika entstand, und an allen Ecken und Enden bohrte man die Erde an, um neue Ströme des kostbaren Nasses fließen zu lassen. Im Laufe von kaum anderthalb Jahren waren etwa zweitausend Bohrlöcher abgcteuft. Die Zustände im Bereiche dieser Petroleum- guellen waren anfangs beispiellos. Die Gier nach Gewinnen hatte eine Anarchie entstehen lassen, bei der ein Teil des Gewinns ver­loren ging. Denn infolge der planlosen Bearbeitung der Quellen, der völligen Unkenntnis über ihre Ergiebigkeit floß das Petroleum in Strömen dahin, ohne daß man diesen Reichtum immer und überall bergen konnte. Es entstanden fürchterliche Brände, durch Selbstentzündung sowohl wie durch Unachtsamkeit der Arbeiter usw., uud nicht nur, daß Rieseuquantitäten des kostbaren Petroleums verloren gingen, luutben auch sonst noch namenlose Verwüstungen angerichtct. So dauerte es ein paar Jahre, ehe man die neue Industrie in geregelte Bahnen zu lenken vermochte; dann aber entstanden in den vorher noch wüsten Gegenden blühende Städte, in denen Handel und Gewerbe gedieh, denn eine Industrie zieht die andere nach sich. Es waren noch nicht fünf Jahre verflossen, so nahm das Petroleum die drittwichtigste Stelle der Ausfuhr­artikel von Amerika ein, wie denn auch heute noch Amerika am meisten Petroleum produziert.

* Flugrekord eines K i n d«r ball-o n s. Ein bekann­ter Berliner Physiker ließ dieser Tage einen kleinen Reklame­ballon, der den ganzen Tag im Zimmer gewesen war und schon etwas Gas verloren hatte, gegen 8 Uhr abends vom! Balkon seiner Wohnung in Wilmersdorf ans aufsteigen. An dem Ballon hatte er eine Postkarte befestigt mit seiner Adresse und der Bitte, von dem etwaigen Fundort des Ballons Mitteilung zu machen. Nach wenigen Tagen kam die Nachricht, daß der Ballon in Rehberg im Böhmerwoldc, Bezirk Schutterhofen, schon am nächsten Morgen um 4 Uhr aufgefunden worden sei. Der Ballon hatte also eine Entsernung von etwa 400 Kilometer Luftlinie in 8 Stunden zurückgelcgt; dabei ist noch zu berücksichtigen, daß beim Ausstieg Ostwind herrschte, der Ballon also zunächst nach Osten abgetrieben wurde, und daß der Ballon um 4 Uhr gefunden wurde, also unter Umständen schon vor langer Zeit gelandet sein konnte, ferner daß der Fundort etwa 900 Meter, Berlin dagegen nur etwa 30 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Allem Anschein nach ist der Ballon nicht niedergegangcn, sondern an das dort bis 1200 Meter hohe böhmische Gebirge angetrieben, welche Vermutung auch da­

durch bestätigt wird, daß sich der Ballott nach Entfernung tzs Karte noch erhob und noch zlvei Tage an der Decke deEHAiseK des Feldhüters stand, welcher ihn gefunden hatte, bis' Er durch eine Gasexplosion sein Globetvotterdasein beendigte.

* Der Kuß in der Philologie. Man scheint bei den Slawen sich auf das Küssen besser zu verstehen, als bei Germanen und Romanen. Die Tentschen kennen in der Schriftsprache nur das WortKuß", andere Bezeichnungen wieBusserl",Säulen" usw. sind nur mundartlicher Natur. Die Römer hatten dem­gegenüber drei Bezeichnungen: osculum, suavium und basium. Die Italiener haben nur den dritten, niedrigsten Ausdruck adop­tiert und ihrbacio" daraus gebildet. Die Spanier sagen beso, die Portugiesen bejo und oseulo. Die Franzosen verwenden das Zeitwort Kaiser gar nicht, sondern drückenküssen" durchcm» brasser" aus. Die Engländer haben nur kiß und das unschöne smack. Dagegen sind die slawischen Sprachen an Bezeichnungen für das Wort Kuß sehr reich. Tie Wenden haben mindestens fünf, die Polen vier und die Illyrier sogar zehn, von denen eine poljubljenje" so lang ist, daß sie eigentlich nur für den berühmten amerikanischenSelenkuß" gebraucht werdeu dürfte.

* Volkstümliche Umbeu tun gelt. Daß der Fremd­wörtermißbrauch in geradem Gegensätze zu dem natürlichen Sprach­empfinden steht, zeigt u. a. auch die sogenannte Volksetymologie So nennt man in der Wissenschaft das Bestreben des 'Volkes, unverstandene Wörter so umzumodeln, daß sich irgend etwas dabei denken läßt. Alan sieht eben in den Worten mehr als einem leeren Schallman will bestimmte Vorstellungen damit verbinden. So machte man im Mittelalter aus dem lat. arcubalista, ver­kürzt arbalista (= Wiusüögeumaschine) das deutsche Wort Arm­brust, dabei etwa an eine Waffe denkend, die man auf die Brust aufsetzt und mit dem Arm hält. So deutete mau später die ©in» flut (= große, allgemeine Ueberschwemmuug), weil man das auch inSingrün"Immergrün" enthaltene sin (= allgemein, immer) nicht mehr verstand, in eine Süudflnt um. Andere Bei­spiele solcher Volksetymologien sind: Hängematte nach dem hoklän- discheu hanemat, das aus hamaka, ein Wort der Urbewohner von Haiti, zurückgeht. Friedhof, von feiten = schonen, hegen, also: der eingefriedete Raum um eine Kirche. Wetterleuchten, eigentlich Wetterleich, d. h. Wetterspiel, -tanz (das zuckende Spiel entfernter Blitze). Maulwurf, eigentlich Moltwurf, d. h. das die Erde (molt = Staub, Erde; vgl. Müll oder mundartlich Mölm, Melnt == Steaßcnstaub) aaswerfende Tier. Felleisen aus französischem valise = Mantelsack. Eine Kette Hühner vonKütte, Kitte", althochdeutsch kutti = Herde, Schar. Zu guter Letzt, eigentlich zu guter Letze; dieses Letze verletzen ist verwandt damit heißt zunächst Ende, daun Abschied, endlich! Andenken zum Abschied oder Abschiedsschmans; ebenso letzen = zum Abschied mit Speise und Trank erquicken, später überhaupt = erquicken, so in Goethes Hermann und Dorothea:Alle waren geletzt und lobten das herrliche Wasser".Einem etwas zur Letze d. h. als Andenken bieten" ist eine besonders in deutschen Volksliedern häufig vorkoinrnende Formel. Auch der Ausdruck zu guter Letze" findet sich oft, so noch bei Wieland:Wie sie zn guter! Letze den goldenen Becher mir bot". Als Man das Wort nicht mehr verstand, trat eine Vermengung mitletzt" ein, ahd. lezzist. eig. --- der Lässigste, Säumigste. Man sagte nunM guter Letzt" in dem Sinneäittn guten Schlüsse", ohne sich dabei der alten Sitte des Abschiedsschmanses zu erinnern.

* Kleines Mißver ständnis. Richter:Der Ange­klagte soll auch derjenige sein, der dem Herrn Amtmann das WortRindvieh" zugerufen hat; ist -er dasl mm wirklich? Heraus mit der Sprache!" Zeuge (zögernd):Na, der G'scheit'ste ist er g'rad' nicht, Herr Amtsrichter!"

Anagramm.

Aus je zwei der nachfolgenden Wörter soll durch Umstellung der Zeichen ein neues Wort gebildet werden. Sind alle Bedeut­ungen richtig gefunben, so ergeben die Anfangsbuchstaben der neuen Wörter ein Sprichwort:

den esche, eine Stadt, sein dich, schlechte Eigenschaft, csel dich, findet man am Wagen, er die, ein Fluß.

ale gern, militärische Rangstufe, nun arg, ein Land, tau bern, eine Frucht, rad nase, männlicher Vorname, nil sabos, eine Stadt, bilse the, weiblicher Vorname, see deich, ein Tier, ruhe schwach, ein Handwerker, Hund steige, hohes Gut, wag unrein, berühmter Wein, an Hute, Göttergeschlecht.

Auflösung in nächster Nummer r

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: N o t macht erfinderisch.

Redaktion: I V.: E. Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange. Gießen.