Montag den 4. Oktober
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My — Nr. 155
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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Kiebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
„Liebe Nelda, sei doch nicht gleich so heftig und brauche keine so groben Ausdrücke. Wenn du nicht über all das jdümme Zeug nachdächtest, wärst du viel vergnügter — Man kann die Welt doch! nicht ändern. Ach, wo nun mein Carlo sein mag? ! Wie wird er an mich denken! Nicht Wahr, du meinst doch- auch, er ist der schönste, der beste Und der bedeutendste von allen? Glaub' mir nur,, wenn ich auch nicht so bin wie du, lieben kann ich doch schrecklich. Ich müßte sterben, wenn ich meinen Carlo nicht bekäme. Nein, das ertrug* ich nicht!"
Agnes weinte, der Gedanke wär schon schrecklich, die Tränen liefen ihr über die rosigen Bäckchen, leicht und flüssig wie einem Kinde; sie weinte, ohne das Gesicht zu verziehen, es' sah or&'entli^^ hübsch aus.
„Ach, Nelda, mir ist das Herz heut so schwer!"
Sie streckte die Arme nach der Freundin aus und schmiegte den Kopf an deren Brust,
Nelda strich ihr über das wellige braune Haar, aber sprach nicht. So blieben sie eine ganze Weile. Es wurde dämmerig, die kleinere Gestalt auf dem Stuhl wär schon int Dunkel verschwommen; auf Neldas erhabnem Gesicht lag noch ein fahler Schein, sie starrte vor sich! hin. Ihre Augen erhielten einen verträumten Glanz, ihre Hand strich Nur noch mechanisch über das weiche Haar der Freundin. Sie dachte der großen Liebe nach-. Und wieder glitt durch das Dunkel die Gestalt ihres Tänzers vom letzten Ball. Sie bemitleidete ihn grenzenlos und- — ob sie wohl mal Mit Agnes von ihm sprechen sollte?!--
„Wo seid ihr? Nelda! Fräulein Agnes!"
Die beiden Mädchen schreckten zusammen.
. „Ja, Mama!" Nelda eilte zur Tür. „Wir sind hrer, sollen wir kommen?"
„Der Wagen für Fräulein Agnes ist da!" zeterte die Rätin von unten. „Was, ihr seid noch im Dunkeln? Ent- schuldigen Sie nur, Fräulein Agnes, fallen Sie nicht aus der Treppe! Nelda, daß du nicht mal dran denkst, eine Lampe zu holen! Hier sind Ihre Sachen, liebes Fräulein Agnes, das Jäckchen und der Hut. Nein, wie reizend Ihnen der Rembrandt steht! Schade, daß Sie Ihr Herr Bräutigam jetzt nicht sieht!"
Die kleine Braut seufzte und ließ- den Kopf hängen.
„Ach ja, Sie goldenes Herz!" Frau Rätin umarmte die junge Dame liebevoll. „Sie haben so viel Gefühl, so die rechte Weiblichkeit. Möchte Nelda doch die von Ihnen lernen!"
Nelda gab der Freundin das Geleit vor dre Haustur. Mit ihren kräftigen Armen hob sie die leichte Gestalt fast in den Wagen, dann schwang sie sich selbst auf's Trittbrett
und drückte ihr, von einem plötzlichen Mutwillen ersaht, einen brennenden Kuß auf den Mund.
„Bild' dir ein, dein Bräutigam war's," flüsterte sie lachend.
,/D wie du küssen kannst -1 mein Gott, Nelda!"
„Ja, das liegt nun mal so drin. Adieu, Agnes!"
Sie sprang zurück/ die Equipage rollte davon und verschwand bald in der Dämmerung..
*
Nelda stand noch vor der Haustür; es war ihr nicht kalt, im Gegenteil, der Wind wehte lau vom Rhein her und spielte mit dem Haar an ihren Schläfen. Schattenhaft hoben sich die Berge vom Abendhimmel; noch waren die Büsche an ihrem Fuß ganz kahl, an den Chausseebänmen keine treibenden Blattknospen, und doch war schon Frühling in der Luft. Die Dämmerung hatte ein weicheres Grau, der Rhein rauschte, von geschmolzenem Eis und Schnee geschwellt. ,
Nelda hatte die Hände in ihre Schürze gewickelt und trat von einem Fuß auf den anderen. Sie mochte. noch nicht hineingehen, es hielt sie etwas hier draußen sesi -nie mit Klammern, eine unwiderstehliche Lust. Es kam ja auch kein Mensch vorbei, die Chaussee so still. Da — Schritte!
Aus dem Grau löste sich eine Gestalt und kam näher, jetzt schimmerten goldene Uniformknöpfe. Nelda stutzte — wer war das? Eine jähe Hitze schlug ihr in's Gesicht.
Der achtlos vorüber Schreitende blieb plötzlich stehen, ein leises: „Guten Wend-, Herr von Rainer," hatte sein Ohr getroffen.
„Ah — mein gnädiges Fräulein!"
Er faßte die ausgestreckte Hand des Mädchens und verbeugte sich:
„Wie befinden Sie sich, gnädiges Fräulein? Ich habe zwar nicht gefehlt, mich bei Aylanders zu erkundigen, wie Ihnen der Ball bekommen ist — seitdem sind aber sechs Wochen vergangen. Ich hatte nicht den Borzug, Sie wieder zu sehen!"
Also er hatte sich nach ihr erkundigt! „O, es geht mir gut. Und Ihnen?"
Sie sah ihn forschend an, dabei lag eine so offne Freude auf ihrem Gesicht, daß er unwillkürlich lächeln musste.
„Ich bin dem Geschick sehr dankbar, das mich jetzt hier über die Chaussee führte! Ich bin zu Xylanders geladen, soll den heutigen Abend dort verbringen. Gehen gnädiges Fräulein nicht auch- manchmal hin? Ich denke, Sie snid mit Frau Elisabeth befreundet?"
Nelda gab keine Antwort auf die Frage, sie sagte tote aus einem Traum heraus:
„Nein, tote ich mich freue, Sie zu sehen!"
Er schwieg verdutzt, ihre Freimütigkeit war erstaunlich — aber mit einer alltäglichen Höflichkeitsphrase darauf antworten? Nein! So schwieg er.
Sie gingen langsam wenige Schritte .auf und nieder. Er sah sie verstohlen von der Seite an; sie hatte doch


