Ausgabe 
4.9.1909
 
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schulhygiene in Hessen.

Die hessischen Volksschulen marschieren mit an der Spitze des deutschen Schulwesens. Seit jeher stand bei uns die Aus­bildung der Lehrpersonen auf einer hohen Stufe und der ge­sunde Sinn der Bevölkerung unterstützte das mühsame Amt der Lehrer aus der Erkenntnis heraus, daß Wissen zu allen ZeitenMacht' bedeutet. So hat sich die hessische Volks­schule auch all den neueren Fortschritten auf ihrem Gebiete nicht verschlossen, sondern sich diese zu eigen gemacht. Dazu gehört auch das Kapitel:Schulhygiene". Sie wird in deutschen und ausländischen Schulen je mehr und mehr ge­fördert unter besonderer Berücksichtigung der Alkoholfrage und der sexuellen Belehrung. Man ist mit Recht stolz auf die schon errungenen Fortschritte und sieht sich in erfreulicher Weise dem Ziele immer näher gerückt. Für viele Gegenden des deutschen Vaterlandes war die Bewegung neu.

Nur unser Hessenlaud hat den Vorzug, auch auf diesem Zweig des Schulwesens schon in früher Zeit bahnbrechend gewesen zu sein, wie Professor Dr. Phil. Karl Roller, Ober­lehrer in Darmstadt, in seinem soeben bei B. G. Teubner in Leipzig erschienenen Buche, betitelt:Der Gesundheits­katechismus Dr. Bernhard Christoph Fausts, ein Beitrag zur Geschichte des Unterrichtswesens in Deutschland um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts" nachweist. Wir entnehmen dem interessanten Werke Folgendes:Mit Sicherheit können wir zunächst die Tatsache feststellen, daß ein solcher Unter­richt (Hygiene-Unterricht) in einer ganzen Anzahl hessischer Schulen auitlich cingeführt ivar Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts und an der Hand von Lehrbüchern erteilt wurde.

In der Schulordnung für die Stadtschulen in Darmstadt vom Jahre 1802 heißt es unter § 21 (Naturlehre und Ge­sundheitslehre) :Mit dieser Lektion (Naturlehre) ist ab­wechselnd Gesulidheitslehce, doch hauptsächlich nur in diäti­scher Rücksicht, zu verbinden, ivobei der Lehrer Faust's Gesundheitskatechismus und andere nützliche Bücher dieser Art zu Rate ziehen kann. Nach den verschiedenen Jahreszeiten, und bei besonderen Veranlassungen, wird er das Nötige auch außer bei; Reihe seiner Lehrbücher vorzunehmen wissen, z. B. im Sommer von Baden, und der Vorsicht dabei, gegen den Monat August vor der Verkältung, bei großer Kälte von den Vor­sichtsmaßregeln gegen das Erfrieren der Glieder, und von den Mitteln zu deren Wiederherstellung :c. reden, auch muß er in jedem halben Jahre die Wiederbclebungsmittel der Er­trunkenen, Erstickten und anderer Scheintoten vortragen und sind dazu Struve's Tabellen aus dem Schulfonds anzuschaffen und aufzuhängen. Außerdem wird sich der Lehrer zur an­gelegenen Pflicht machen, die Jugend für dem Glauben an Scharfrichter, Quacksalber und Marktschreier, überhaupt für der Torheit derjenigen zu verwahren, die in Krankheiten immer ihr Vertrauen am liebsten auf solche Personen setzen, die am wenigsten Beruf dazu haben."

Was den Gesuudheitsunterricht in den hessischen Land­schulen anlangt, so scheint er mit Sicherheit in folgenden Gemeinden erteilt worden zu sein: Heegheim, Selters, Ober* sorg, Salz, Bermuthshain, Grebenhain, Münster, Auleu- diebach, Eckartsborn, Sprendlingen i. Rh., Groß-Gerau, Wallersiädten, Eckelsheim und Mörfelden. Diese Gemeinden allein schon sind es nämlich, die dem von Pfarrer Dr. Diehl in Darmstadt begründeten hessischen Schulmuseum Schul­lehrbücher für den Gesundheitsunterricht, die zwischen 1800 und 1830 in ihren Schulen eingeführt waren, zur Verfügung gestellt haben. Dazu kommen sicher noch zahlreiche Gemeinden, bei denen diese Lehrbücher abhanden gekoimyen sind. Wenn man nun weiter berücksichtigt, daß in Lauterbach, einem ver­hältnismäßig kleinen Städtchen Hessens, das verbreitetste aller Gesundheitslehrbücher um die Wende des 18. und 19. Jahr­hunderts, der Gesundheitskatechismus Fausts, 1799 verlegt wurde, so wird die Zahl der hessischen Gemeinden, in deren Schulen Hygieneunterricht erteilt wurde, noch erheblich höher gegriffen werden dürfen.

Daß der Gesundheitsunterricht auch an höheren Schulen ringeführt war, beweisen die Aktenstücke zur Gießener

Pädagoge-Reform von 18011804. Aus ihnen ist ersichtlich, daß am Gießener Pädagog (dem jetzigen humanisti­schen Gymnasium) in Tertia, also in einer ganz bestimmten Klasse, Gesuudheitslchre nach Fausts Gesundheitskatechismus erteilt wurde, und zwar muß er von einem Lehrer erteilt worden sein. Es ist weiter anzuuehmen, daß auch in den Lateinschulen Oberhessens zu Butzbach, Grünberg, Schotten, Nidda, Biedenkopf, Alsfeld und Echzell ein gleicher Unterricht bestanden hat.

Interessant ist es auch, zu erfahren, daß sich der evange­lische Pfarrer Wagner in Gräfenhausen bei Darmstadt am 25. Januar 1833 an den Oberschulrat zu Darmstadt mit der Bitte richtete, die Gesundheitslehre zu einem ständigen Unterrichtsgegenstand in den Landschulen zu machen. Auf diese Eingabe antwortete der Oberschulrat folgendes:Auf Ihre schriftliche Eingabe vom 25. ds. Alic.. .m wir Ihnen, daß wir dafür besorgt sein werden, dag oic Lehrer den Unterricht in der Gesundheitspflege in verständiger Weise erteilen" rc.

Daraus erhellt, daß wir in unseren hessischen Schulen schon lange einen Unterrichtszweig pflegten, der erst viel später in anderen deutschen Schulen eingesührt wurde, für viele sogar heute noch eine Neuheit bedeutet.

Vermachtes.

* Die Presse der Schweiz. Die Schweiz ,t beit im Zeitungswesen fortgeschrittensten Ländern. Die Z. dort erscheinenden Zeitungen' und Zeitschriften beträgt zurzei. demj neuestenJahrbuch der Schweizer Presse" nicht weniger als 1332. Davon erscheinen in Zürich 182, in Bern 158, in Genf 128, in Lausanne 90, in Basel 72, in Luzern 33, in Nenchatel 22, int Freiburg 18, in St. Gallen und Aarau je 17. In francksiischey Sprache erscheinen 429 Blätter (also knapp ein DritN Ge­samtzahl), in italienischer 43, in englischer 3 (Davos .ux, Neuchatel), in rhätoromanischer 2 (Samaden, Tisentis-,. ,.mer 2 in Esperanto (Genf), ein polnisches in Zürich und ein arme­nisches in Genf.

* Wetterberichte von ho her S e e. Die für die Schiffahrt nnd Landwirtschaft so wichtigen' Wetterberichte tverdeN in den großen See- und Wasserwarten aus vielen Einzclmelduugen von bei! verschiedensten Gegenden her zusammengcstclit. Auch die Meldungen der Schiffe, besonders der großen Schnelldampfer, über die unterwegs getroffenen Wetterzustände werden' dabei sorg­fältig berücksichtigt. Leider kommen sie zum Teil zu spät, nm für die Berechnung der allgemeinen Wetterlage noch verwertet werden zN können. Einen Weg, sie schneller nutzbar zu machen, scheint es in' der drahtlosen Telegraphie zu geben. Die amerikanischen und englischen Großstationen können ja reichlich 3000 Kilometer weit über das Meer telegraphieren. Leider sind ihre Nachrichten den entsprechend eingerichteten Schiffen wohl verständlich, können aber von ihnen nicht erwidert werden, nnd gerade hierauf kommt es an. Die besten Funkeneinrichtnngeni der modernen Dampfer trauen nicht über 500 Seemeilen (etwa 900 Kilometer). Ter Direktor des Meteorologischen Institutes in Aachen hat aber ein Mittel gezeigt, das bei allgemeiner Aw> Wendung auch diese Schwierigkeit beheben würde. Er machte nach vorheriger Vereinbarung mit den wichtig; n Landstationen und größeren Dampfern der nordatlantischen 1 eine Studienreise auf derKaiserin Auguste Viktoria" über c itlantic und zurück. Auf der Ausreise tauschte er mit anderen Schiffen 25, auf der Rückreise 19 drahtlose Depeschen über Wetterbericht« aus. Er selbst erhielt aus Aachen unter Vermittlung der Küstenstationen tägliche Wetterberichte bis auf 2000 Seemeilen von der irischen Küste. Sodann empfing er die Prognosen des Wetterbureaus in Washington auf dem entgegengesetzten Wege. Er ließ umgekehrt seine Beobachtungen täglich durch Funkspruch hinausgehen und hatte die Genugtuung, sie durch andere unsichtbare Schiffe sofort weitergegeben zu sehen, bis sie die Küste erreichten. Zuweilen! dauerte das nur einige Stunden, zuweilen recht lange. Aber jedenfalls ist so doch ein Mittel gefunden, die Wetterberichte der Ozeane für die Wissenschaft rasch nutzbar zu machen, und die inter­nationale Verständigung über einen geregeltendrahtlosen" Wetter­dienst zur See dürfte nicht mehr lange auf sich warten lasten.

* Goethe als Verkäufer von Da m en g ar de rob e. Sehr amüsant, aber so gut wie gar nicht bekannt ist, daß Goethe sich einmal auch als Kaufmann, und zwar auf dem Gebiete der Tamengarderobe betätigt hat. DerHerr Geheimbde Rath" hatte von einer armen Drosdnerin gehört, die sich durch Anfertigung von Strickereien und ganzen Butzgrgenständen forthalf und über­nahm es, für sie Produkte ihrer Arbeit zu verkaufen. Er lud zu einer Matinee ein', wobei die Arbeiten m sgestellt waren, und wurde viel los. In der Abrechnung, di« er ausstellte, heißt es U a:Gräfin von Henkel: Nr. 11, Eine Haube mit flaiizo- fischeu Spitzen, 9 Tha'ler; Ein Korsett mit Spitztzst 4 -Ujaler,.