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von all dem. Und ich bin froh drum. Ich will so gern mein Ruh haben. Es ist mir gar so schwer gewesen all die Zeit."
Der Peter wagte nichts zu sagen.
jetzt am End ist nichts mehr zu verschweigen. Ich will dir alles sagen; du warst so gut, du hast's verdient, daß du's weißt. Guck, von selbigem Tag an war's aus. Da hat's auf mir gelegen wie ein Stein. Ich hab ihn immer getragen. Und ich hab mich immer geschämt vor dir und allen Menschen. Ich hab's nit weggebracht, 's hat immer auf mir gelegen. Und wenn ich's einmal vergessen Wollt, hat mich der Michel dran erinnert.
Du hast dich ja meiner erbarmt, Peter — ich hab dir immer still gedankt. Aber du hättstfs halt doch nit tun sollen. Du hältst mich fortjagen sollen. Ich hab's ja freilich nit vorausgewußt. Ich hab gemeint, das heilt auch. Aber 's ist nit geheilt. So war mir das Leben verdorben — und dir mußt's auch verdorben sein. Wenn du's auch nit gesagt hast, wenn ich's auch ein paarmal nit gemeint hab es hat dir doch was fehlen müssen. So das, was ich damals mir eingebild hab, was die Lieb wär, — so etivas, das einen gang. Halt', so wie ein Feuer im Wald, das alles frißt. Mich hat's gefressen, du hast's nit erlebt. Du warst nur immer gut und hast mir's nit vorgeworfen, aber ich hab's ja damit grab so schwer gebüßt, so schwer getragen, Und ich dank dir doch — "
„Aber daß du das gar nit hast vergessen können, Elise!" „Vergessen, das ist's grad, Peter. Ich hab die ganze Zeit das Wort gesucht, ich hab's gar nit finden können. Ja, vergessen — du hast's auch nit vergessen, drum hast du bien immer so gehütet, warst so vorsichtig unb so besorgt. Und ich — ich hab dir's gar oft schlecht gebankt — da inne drin — sch hab manchmal an den andern gedacht, ich hab manchmal den Adam in dir gesucht — 's ist ja eine himmelweite Welt — und du bist ja hundertmal besser als der — und doch, und doch — und ich hab's ja daun immer gebüßt und hab mir's vorgeworfen . . . Gelt, verzeih mir's Peter, daß ich so schlecht war! Wenn dir der Herrgott wenigstens dein Kind gelassen hätt. Aber weil du so gut warft, hat er dir das andere gegeben, daß du's behalten sollst unb sollst ihm das Wilde nehmen von seinem Vater. Und mir hat er's gelassen, daß ich dran verbluten soll. Du weißt alles, Peter. Jcb forder nichts für mich. Tn mir die letzte Lieb, drück mir Sie Augen zu, wann ich tot bin, und denk nichts Böses dabei und hab keinen Haß, daß ich wenigstens mein Ruh im Tod hab — im Leben hatt ich sie ja gar nie."
Sie reichte ihm die Hand. Er seufzte, er fand kein Wort. Es war die wunderbare Stille, in der sich zwei Seelen ganz enthüllen. Sie sahen einander an. Es stand nichts mehr zwischen ihnen.
„Es war uns so bestimmt, Elise," sagte der Peter. „Du hast schwer getragen dran — icb hab's ja nie so gedacht."
„'s ist vorbei, Peter. Ich bin ganz getrost, weil du mir gut bist," Ein Lächeln ging über ihr Antlitz. „Ich hab's so verdient, Peter, drum hab ich's so tragen können." Sie entzog ihm die Hand.
Dem Peter gingen die Gedanken im Meise herum. Er mußte an den Weg denken an jenem Julisountag in der hellen Frühe — und dieses düstere Bild des Schattens an der Mrchhosmauer stand vor ihm.
Im Zimmer war's dunkel geworden. Nur vom Fenster fiel noch ein ganz matter, Heller Schein auf die Kranke. Nur blasser wurde ihr Antlitz dadurch, und alle Linien, waren verschwommen. Es schien dem Peter so gut und friedlich.
Er verhielt sich ganz still. Er dachte gar nicht mehr an den Doktor. Er wollte sie jetzt nicht verlassen — jetzt, wo sie sterben würde.
Er zuckte zusammen. Würde sie denn wirklich sterben? Würde sie denn, nicht noch leben können? Wär's nicht nur eine starke, krankhafte Einbildung von ihr?
Könnte Glicht alles wieder gut werden. Könnten sie nicht von vorn anfangen, — noch einmal, nicht mit dem Verschweigen von dem „andern", mit seinem Wissen und mit ihm rechnend, ganz offen und ohne Scheu. Denn was einmal war im Leben, das ist immer, das wußte er nun. Das Leben gibt niemals etwas her von dem, was einmal sein Ivar.
Er hatte das früher nicht gemußt. Er hatte sich ja selbst betrogen. Aber in ihr war dieser Betrug nicht möglich gewesen. SV hatte sie's ihn jetzt gelehrt — auf ihrem Todesvette,
Er schrak auf. „Elise!" rief er.
Es blieb still. „Elise!" Es klang dumpf, — in einem tiefen, unheimlichen Ton. Da wußte er, daß sie tot war. Er beugte sich über ihr Antlitz. Es ging kein Atem mehr. Er legte das Ohr auf die Brust. Ihr Herz fchlug nicht mehr.
Er ging in die Küche und holte die Lampe.
Ihre Augen standen weit offen.
Der Peter drückte mit sanftem Finger die Lider herab und ließ die Hände eine Weile darauf ruhen. -Als er seine Hände wieder aufhob, blieben die Augen geschlossen.
„Ausgelitten!" sagte er. .„Arme Elise!"
Er ging unb holte den Michel. Der war noch in der Werkstatt. Er führte ihn ganz sachte in die Stube.
„Du hast jetzt keine Mutter mehr, Michel," sagte der Peter.
Verständnislos starrte das Kind auf die Leiche.
„Sie ist tot, Michel."
Da klammerte sich das Kind fest an ihn.
Ihm war, als sei es ihm zum zweitenmal zur Hut gegeben. Und er nahm sich vor, ihm gut zu sein und zu sorgen dafür, als ob's ganz sein eignes wäre.
*
Der Schneidermeister Peter Nockler ist jetzt ein altes, graues Männchen. Den sechzigsten Geburtstag hat er hinter sich. Wir haben ihn zusammen gefeiert, denn ich war zufällig zu Hanse damals.
Er ist nach dem Tode seiner Frau noch stiller geworden, als er früher war. Es ist beides in ihm lebendig geblieben, was ihr Leben war und was ihr Sterben ihm wurde. Er hat ihren Verlust ertragen und hat sich auch danach wieder mit dem Leben zusammengefunden. So war ihm, was er erlitten und verrungen hat, recht eigentlich zum bessern Inhalt des Lebens geworden, und sein Alter hat diese Weisheit, die ihn den Sinn seines Lebens verstehen lehrte.
Ich habe mich immer gern mit ihm unterhalten. Es sprach ein Reichtum aus ihm, es sprach eine reiche Erfahrung, die ihn manches gelehrt hat, was die Schulweisheit niemals ahnen durfte.
Nein, der Peter Nockler war nur ein Schneider. Er batte.manches Wort geprägt, das ich mir die Jahre all sestgehalten habe, und manches ist in mir aufgeklungen, wenn ich sonst nichts mehr finden konnte, was mir Halt unb Trost gewesen wäre.
„Guck, Alter," sagt ich mir bann, „da hat der Peter? Nockler wieder recht!"
Sie haben denn auch den Nockler schon vor Jahren zum . Gemeinderat gemacht — denn auch so ein stiller Mensch findet zuletzt doch seinen Wert, auch bei der Menge. Unb ist in der Sitzung ein schwerer Fall, und gehen die Mei- intngcn gar zu wild hin und her, dann sagt der Bürgermeister: „Nun, was meint Ihr dazu, Nockler?"
Dann nimmt der Nockler das Wort unb trägt kürz unb schlicht seine Meinung vor — und da auf der Linken ist bald ein Nicken und da auf der Rechten, und. schließlich meinen alle, ei genau so hätten sie auch gemeint, und das sei von vornherein ihre Meinung gewesen, und sie hätten das ja auch gesagt. Da setzt sich der Peter Nockler wieder und läßt still lächelnd allen ihren Sieg, der doch der seine ist.
Da wir an feinem sechzigsten Geburtstag beisammen saßen, da plauderte er über dies und das. Er erzählte fo, manches, was durch sein Leben gegangen war.
„Aber ich bin ja nur ein Schneider," schloß der Nockler seine Rede, „und 's ist nicht allzuviel zu geben auf das, was ich sage. Und ich sag's auch mehr für mich als für die andern. Wer ich mein doch auch nit, daß es grob falsch wär."
Wir gingen nach! dem Abendessen zum Konrad Müller, der zapfte einen seinen Roten. Wir faßen lang unS „petzten" ein paar Schoppen.
Am Nachbartisch hatte es einen kleinen Disput gegeben. Schließlich legte sich einer ins Mittel.
„Ich will euch was sagen," sagte der, „mer fein halt all Mensche," sagt der SchneiSer Nockler."
Da sah ich den Nockler an. Er schmunzelte.
Ich nahm mein Glas. „Prosit!" sagte ich, „das ist ein gutes Wort."
Wir tranken.
Ich glaube, das ist das Beste, was der Peter Nockler einmal hinterläßt. Vielleicht wird's meinem Dorf ein Segen sein. Man sollt's dem Nockler auf den Grabstein schreiben. ____________


