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Seite oberhalb der Diplomatenloge: „Selig sind, die da geistig arm sind."
Berliner Neueste Nachrichten 1903, Nr. 290. (Doch tvohl etwas zu derber Architektenscherz.)
Schönheit»- A b e n d.
„Der Wend wird also danach angetan sein, jedem etwas zu bringen: .... den Verehrern eines slotten Tanzvergnügens ein legeres, von j c d e m T o i l e t t e n z w a n g entblößtes K r ä n z ch e n."
Franzensbader Tagblatt 1902, Nr. 70.
(Es lebe die Nackt-Kultur!)
London i m H u r r a m a r s ch.
„Die Pferde tragen Rosetten in den Landesfarben an Kopf und Geschirr und — Schwänze n. Jeder- nt an n i st n hnli ch geschmückt."
Breslauer General-Anzeiger 0. 11. Mürz 1900. (In London scheinen noch Affenmenschen herumzulaufen, die Geschirre tragen.)
Die M a s s e n - B a l l o n f a h r t.
„Ein Luftschiffer stieg am Dienstag nachmittag in Stegen bei Bruneck mit seinem Ballon, an einem Trapez hängend, auf. Tausende von Menschen folgten diesem Beispiel."
ßeiber Anzeiger v. 6 Nov. 1904. (Das muß eilt großartiges Bild gewesen sein.)
Das Schlammbad.
„Bürgervorsteher Graefe legt den Kollegien den Dreck in der Ostertorstraße warnt ans Herz."
Vcrdener Anzeigenblatt Nr. 5682.
Der entfettete Zeppelin.
„Es wird erwartet, daß Graf Zeppelin infolge der schlankeren F o r m und größeren Länge eine bedeutend größere Geschwindigkeit entwickeln wird."
Königshütter Tagblatt Nr. 245, 1908.
(Graf Zeppelin scheint demnach eine Entfettungskur durchgemacht zu haben.)
„Lotte Bach auf dem T a u z st u u d e n b a l l".
„Hastig entkleidete sie sich in der Garderobe und trat neben der Geheimrätin in den Saal."
Rebe Bekenntnisse von E. Georgp, 1902.
(Lotte Bach scheint an einem Ball teilgenommen zu haben, der pou durch Artzibaschews „Ssauin" verdorbenen Gymnasiasten arrangiert worden ist.) ।
Aus: „M inatte von S ö h l e n t h a l".
„Heute abend muß sie (die Königin) hinten und vorn lächeln, ich kenne das und weiß, wie sehr es ermüdet,"
Hamburger Nachr. Nr. 591, 1907.
(Selbst einer Königin wird es schwer und ermüdend sein, hinten zu lächeln.)
Aus: „Die W aldmühle".
„In der Kammer auf dem Bett lag ein gebrochenes M u t t e r h e r z und f l ü st e r t e n n a u f h ü r - lich den Namen Karl vor sich hin."
Treffurter Nachrichten 1906, Nr. 120.
(Wenn das Herz, nachdem es gebrochen loar, noch geflüstert hat, so wird es sich wohl auf dem Bette hoffentlich erholen.)
Verlockend.
„Freie Religionsgemeinde, Grünstraße 14 bis 16. Erbauung : Sonntag, den 10. April, vormittags 9^2 Prcd. Tschira-Thema: „Gehet hin, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer!" Eintritt frei."
Breslauer Morgenzeituug v. 9. Mai 1907.
M ö b e l i n s er a
„Wollen Sie heiraten oder sonst ein schönes Stück Möbel um billigen Preis kaufen, so besuchen Sie Moosbruggers Betten- und Möbellager,"
Härtsfeldcr Boten, Nr. 144.
(Eine Frau ist doch kein schönes Stück Möbel.) , ,
Erotik der Eiszeit.
„Fabrikbesitzer Krause hielt einen sehr interessanten Vortrag über die Natur und die Heimat der in der Gegend vom Bodensee vorkommenden erotischen Geschiebe der Eis z e it."
Neue Augsburger Zeitung 1908, Nr. 202.
(Daß der Vortrag sehr interessant war, ist dem Titel nach leicht zu erraten.)
Vielversprechend.
„Ter ausgezeichnete Flötist Herr Schling wird die d ank- baren V a r i a t i o n e n über „Heute Nacht, du mein herziges Kind" blasen, und ist auch schon aus dem Gesagten zu ersehen, daß ein genußreicher Abend bevorsteht."
Salzburger Tageblatt 1903, Nr. 135.
(Ten „dankbaren Variationen" des eigenartigen Gedichtes nach muß ein recht zweifelhafter Abend bevorstehen.)
Eine „I n t i m e" T h e a t e r - A u f f ü h r u n g.
„Es kam ein Schwank zur Aufführung. Tie Titelrolle wurde von Frl. M. . . . ganz brillant verkörpert. Die Zivilund Militärhosenrollen lagen ihr ausgezeichnet, bei der ersteren hätte sie ein klein wenig zugeknöpfter sein dürfen."
General-Anzeiger für Nürnberg-Fürth, 25. Febr. 1901. (Und bei den letzteren . . .?)
Vermischtes.
* Der „verrückte" Stead. „Viel Feind, viel Ehr" kann man von dem eigenartigen englischen Autodidakten, Schriftsteller, Journalisten und Volksfreund William Thomas Stead sagen, der am 5. Juli seinen 60. Geburtstag feierte. Stead gehört zu den interessantesten Individualitäten und originellsten Aposteln unserer Zeit. Er istj der edelste Typus dessen, was der amerikanische Psycholog und Ethiker Flower den Menschen des 20. Jahrhunderts nennt. Auf dem Kontinent sind seine Marotten viel bekannter als seine ebenso zahlreichen wie außerordentlichen Vorzüge und Verdienste. Wie die letzteren zu Hoher Anerkennung, haben jene ihm zu einer ausgedehnten Gegnerschaft verholfeu. Stead würde in Howdon-on-Tyne 1849 geboren und gehörte erst etwa ein Jahrzehnt lang der Redaktion der „Pall Mall Gazette" an, ehe er sich in der von ihm 1890 begründeten „Review of Reviews" sein eigenes großes publizistisches Unternehmen schuf. Als ich ihn 18Q8 kennen lernte, sagte er nur: „In England halten sehr viele mich für verrückt nnd ich bin stolz darauf." Als seine Hauptverdrehtheiten dürfen uns erscheinen seine Vorliebe für Geistergeschichten: sein fester Glaube an Geisterhandschriften: seine — des Äntichauvinisten — Bewunderung für seinen verstorbenen Freund Cecil Rhodes, den berühmten Chauvinisten und Milliardär: seine Art, sich in die russischen Verhältnisse zu mischen: die sonderbare Weise, in der er als Erzpazifist den Weltfriedens^ gedanken durch die Unterstützung des britischen „Zweimächte- standards" zu fördern sucht nsw. Aber all diese Fehler verschwinden gegenüber seinen blendenden Lichtseiten: Energie, Selbstlosigkeit, Feuereifer, zähe Ausdauer int Verfechten edler Menschheitsin- teressen, enorme Ueberzeugungstrene und Gefiummgstüchtigkeit, hinreißende Rednergabe und Schreibweise, unentwegtes Eintreten für Recht nnd Wahrheit, Förderung aller philanthropischen Bestrebungen. Ist es verwunderlich, wenn eine so starke Natur ihre Ecken und Kanten hat? Wie jeder bedeutende Mensch, besitzt auch Stead die Fehler seiner Vorzüge. Man konnte ihn fast einen sonderbaren Kauz, einen wunderlichen Heiligen nennen. Als Ethiker hat er ein ureigenes, scharf ausgeprägtes Wesen, als dessen Gnmdzug mir ein ungemein vielseitiges, zielbewußtes, tiefgründiges Streben nach Annäherung und Verbrüderung der Völker und der Einzelnen erscheint. Daher seine großzügige Tätigkeit int Interesse der Friedenssache (Friedenskreuzzüge, Aus- tanschbesuche zwischen England und Deutschland, schwere Opfer für die Idee der internationalen Schiedsgerichte nsw.), sein Eiip- treten für die Buren gegen die Engländer auf Kosten seiner materiellen Existenz während des berüchtigten Feldzuges, sein Arbeiten für das Züstandekommen der Vereinigten Staaten von Europa. Ein glänzendes Verdienst erwarb er sich vor 25 Jahren durch seine mit Erfolg auf die Verbesserung der Kinderschutzgesetzgebung abzieleude Sensationsschrift „Der Jungferntribnt int modernen Babylon", die ihm drei Monate Gefängnis einbrachte nnd in allen Sprachen übersetzt wurde. Ganz besonders bezeichnend für ihn ist sein Leitspruch: „Bereinigung aller Liebenden im Dienste aller Leidenden." — »t
* Anch ein Kompromiß. „Leih mir bitte, zwanzig Mark!" — „Ich werde dir zehn Mark leihen, da verliert jeder die Hälfte!"
* Monolog eines M ü n ch e n er s. „Es regnet nun schon drei Tage, was herunter will . . . Wasser scheint selbst int Himmel nicht beliebt zu sein!"
* D aher. „Es ist wirklich ein Jammer mit meinem Mann: jeden Abend muß ich ihn aus der Weinkneipe holen!" — „Ja ja, recht traurig: Sie kriegen auch schon eine rote Nase!"
* Kleines Mißverständnis. „Sehnen Sie sich Nicht nach einem eigenen Herd, Herr Knebbchen?" — „Ach nee, ich koche auf Spiritus!"
* Wer den Augenblick erfaßt. Gast: „Der Koni schmeckt aber recht nach Wasser!" — Wirt: „Ja, ich führe nur noch alkoholfreie Getränke!"
Charade.
EinZ-zwei verkündet dir einen Strom, An dessen Ufer liegt mancher Dom, Die Drei ist ein Ort, der im Elsaß liegt. Wo Deutsche einst die Franzosen besiegt. Den Rätsels Lösung, ein dreisilbig Wort, Ist ein an der Eins-zwei gelegener Ort.
Auflösung tu nächster Nummer.'
Auflösung des Zitatenrätsels in voriger Nummer: Das Spiel d e s L e b e u s s i e h t s i ch heiter an.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universtläts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


