Ausgabe 
4.2.1909
 
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Tagebuchblatter aus St. Msr'rtz.

Bon Tr. Alexander Dillmaün (München).*)

Soeben hat mich der Concierge des Grand-Hotels mit einemgewinnenden" Lächeln ans beut Omnibus geladen. Der Ches de la reception bedauert bereits. Das Riesen« Kote! ist komplett. Gott sei Dank fühlte wenigstens der .Direktor ein menschliches Rühren und verfrachtete mich per Lift in ein niedliches Zimmerchen. Mindstens im sie­benten Stock. Ich taue langsam ans. Wie neckisch dm Dachbalken, die an der Decke meines Zimmers entlang laufen, im Jugendstil garniert sind! Ich sag's ja, es geht nichts über den Stil eines grossen Schweizer Hotels. Ich werde jetzt mein Bärenhäuter-Pelzkostüm ausziehen und mich zum abendlichen Diner in den Frack werfen, tote es sich hier für einen wohlerzogenen jungen Mann geziemt. Mir ahnt etwas von märchenhaften Toiletten, Doucet- Hüten, Perl- und Brillautbändcrn auf schneeigen Schultern '..... Dem Lift entsteigen soeben zwei Amerikanerinnen mit fabelhafter, teilweise sogar echter Julvelengarnierung. ileberdies duftet der Lrftjnnge wie ein Moschusbock. Wir werden ja sehen und riechen. Also runter mit den Bergstieweln! ....

Ich habe den Amerikanerinnen bitter Unrecht getan und ziehe auch denMoschushock" mit dein Ausdrucke leb­haften Bedauerns zurück. Mit Ausnahme der beiden Mv- schusdamen hat hier keine einzige Amerikanerin Parfum. Ich habe eigens aufgepaßt. Aber Toiletten gibt's! Man glaubt im Ritz-Hotel tun Place Vendome zu sitzen. Hüte wie Wagenräder) Pailletten rascheln nm schlanke, sportlich sehnige Formen, Goldschuhe leuchten aus einem rosigen Fron-Fron, köstliche alte Brüsseler Spitzen tanzen um rau­schende Gewänder. Schöne.Frauen lassen ihre Augen spielen Und blitzen. Tont Paris ist zur Stelle. Ich habe viel vom Luxus des winterlichen St. Moritz gehört. Aber jede Er­wartung ist übertroffen. Das St. Moritzer Publikum, im Sommer etwas gemischt, ist im Winter eine einzige große exklusive Gesellschaft. International und doch Tip-Top. Das sind ja zwei Begriffe, ik sich zu widersprechen scheinen. Siehe Monte-Carlo. AberMtfächlich, von dem internatio­nalen Hochstaplertunr der französischen Riviera hat St. Mo­ritz so gut wie nichts. Es ist für ein paar Monate eilte Welt für sich. Eine Welt des Sports und der Eleganz. Eine Er- Urnerung aus der Kinderzeit steigt auf, das Märlein vom Eiskönig, von seinem gleißenden Hofstaat inmitten all der schweigenden Winterpracht. Es hat ja sehr viel für sich, da in einer wundervollen durchwärmten Hal zu sitzen und sj.ch tat Club-chair zu dehnen, während der Sekt im Glase perlt und dabei draußen, wenige Meter vorn Hotel! 'entfernt, den Volten Zauber des Engadins im Hochwinter zu wissen. Die Hal des Grand-Hotels. ist übrigens ein Kapitel für fich. Sie mag in der Kühnheit und der Eleganz ihres Baues einen Architekten entzücken. Sie geht in ihrer ganzen Breitseite unmittelbar gegen den St. Moritzer See hinaus, der lief unten im verschneiten Grunde liegt. Wäh­rend man den Mokka schlürft, sieht mau dem Curliug- oder Hockey-Spiel zu, beguckt sich die wimmelnden Schlitt­schuhläufer auf den verschiedenen Ice-Rinks, freut sich, wenn drüben bei der Meierei die Schiläufer den Steil­hügel Herunterschweben, und lacht, wenn sie durcheinander purzeln. Und abends, wenn dasverteilte" Licht durch die klotzigen Glasbalken der Decke strahlt und das Hotel« orchester spielt, da sitzt und plaudert sich's so gemütlich an den kleinen Tischchen, daß die Zeit zum Zubettgehen, früher da ist, als man ahnt.

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23. Februar.

Heute vormittag war ich droben an der Eresta-Run und habe mir die Helden des St. M. C., des St. Moritzer Selbstmörder-Clubs, Pardon des St. Btoritzcr Cresta-Clubs, in voller Tätigkeit beguckt. Wenn ich ein Arzt wäre, möchte ich Chirurgus in St. Moritz werden. Es kann gar nichts Einträglicheres geben. Die schweren Eisen schlitten, ans dies st chdie Cresta-Fahrer mit dem Bauch werfen, und mit denen sie wie geölte Blitze nach Celerina hiimuterschießen, sind ganz gewißgefährliche Werkzeuge" im Sinne des Straf­gesetzes. Wenn diese Schlitten den Crcsta-Rcnncru die

) Aus der Münchener ZeitschriftNatur und Kunst" (früher ,,Datsche Alpenzeitung"). Verlag Gnflpv Lammers', MMiHen.

Nieren heraus- oder die Rippen hineinstoßen, so wundert ich kein vernünftiger. Mensch in St. Moritz darüber. So ür gibt es freilich manchen prächtigen Schnapsbecher und ilberne Ehreuyiimpen zu gewinnen, tvie sie im Vestibül des Riesenhotels lockend ausgestellt sind. Die Cresta ist die Roulette von St. Moritz. In Monte-Carlo setzt man das Geld, hier das Leben. All-Heil!

An der drittenjnnction" habe ich einen Gemüts­menschen kennen gelernt. Einen Photographen. Er steht unmittelbar unter der Mauer der großen Eiskurve, und zwar au ihrer Außenseite, so daß er von der ganzen Bahn und dcn Cresta-Renneru gar nichts scheu kann. Was der Mann da photographiert? Er wartet, bis ein Fahrer die Kurve falsch berechnet und samt seinem Eisenschlitten hoch im Bogen aus der Kurve herausfliegt. DieseFlugans- nahme" ist ein famoser Kalkül, lieberlebt der Cresta-Fahrer den fürchterlichen Sturz, so bestellt er sich ganz gewiß Bilder, schon um zu beweisen, daß er ohne Wright und Zeppelin das Fliegen gelernt hat. Ueberlebt er den Sturz nicht, so bestellen die Hinterbliebenen gewiß noch mehr Bilder dieser letzten.Aufnahme". Gut-Licht!

26. Febrar.

Eine famose Einrichtung, derEis-Lift". Eine St. Mo­ritzer Spezialität. Droben in meinem Zimmer im neunten Stock es hat sich herausgestellt, daß ich! bei meiner An- kunftshimmelsahrt mit deut List die Stockwerkshöhe doch falsch taxiert hatte, also droben int neunten Stock ziehe ich meine Schlittschuhs au, klingle dem Lift und fahre durch das Vestibül in den Keller hinunter. Ich steige aus und stehe nach wenigen Schritten direkt ans dem Ice-Rink des Grand-Hotels, einer spiegelglatten Eisbahn.

In jedem Hotel wird ein Reklame-Prinz und ein Reklame-Millionär gezeigt. Unser Reklamemann ist zur­zeit ein junger, 20 jähriger, bleicher Mexikaner mit an­geblich fabelhaften Reichtümern. Er ist hier mit vielen Freunden und der Dante seines Herzens, die er sich eigens aus Paris mitgebracht hat. Die Hut- und Toilettenkosfer seiner Freundin verbauen einen Teil des Ganges int zweiten Stock. Ter Mexikaner darf im Tage 4000 Mark brauchen, hat draußen in Chur ein paar Automobile stehen, denen bekanntlich das Engadin verschlossen ist; er streut märchen­hafte Trinkgelder um sich. Die Liftboys fallen vor ihm auf den Bauch; der junge Mann suchte int Bobsleigh- und Crcsio spurt noch einen letzten Nervenkitzel. Eigentlich tut er mir leid. Und doch: wenn man seine Freunde hört, ist Prinz Orlofsky aus der Fledermaus gegen dcn Mexikaner einfach ein Waisenknabe. Jedenfalls ist der Junge eineType"' von St. Moritz, luie sie hier zu Hunderten herumlausen.

St. Moritz hat in seiner Kombination des raffiniertesten Sports mit dem raffiniertesten Luxus in Europa keinen Rivalen. Erst mit Ende der Saison, wenn der Märzwind von der Bernina niederfegt, erbleicht langsam die Königin des Engadins. Der Süden entführt ihr einen nach dem anderen von ihren Verehrern, bte Teufelskirche in Monte- Carlo gleißt und lockt. Schlitten auf Schlitten führt die Globetrotter über den einsamen Malojapaß hinunter ins sonnige Italien und an die französische Riviera. zu neuenTaten!"

Sas Uaiser-MilMt-Dors in Palermo.

Dein BernerBund" wird von feinem Berichterstatter iit Palermo unter dem 22. Januar folgender hübsche Brief ge-- schrieben:

Deutschland hoch!" heißt cs in der heutigen Nummer der Ora", undDeutschland og!" wiederholt getreulich die ganze Stadt. Tie Dentschen sind gekommen und haben die Palermitaner in Bewunderung und aufrichtige Dankbarkeit versetzt. Bor zivei Tagen sind unter dem Kanonendonner der alten Hafenfestung ein Schulschiff und eilt sauberer Llohddampfer eingelansen und haben eine Menge unscheinbare Gegenstände: Balken, Pfähle, Bretter, Röhren, Fensterscheiben und Hausgeräte ans Land gesetzt. Gleich wurde alles zur Piazza dell' Jndipendenza, außerhalb der Porta Nuova gebracht, wo die rotbackigen, blonden Schiffsjunge« sich rüstig an die Arbeit machten. Und siehe da innerhalb 24 Stunden ist ein sauberes Dörfchen von sechs schmucken, geräumigen Holzhänschen entstanden, die an Einrichtung und Wohnlichkeit jedes sizilianische Haus übertreffen. Hellgrau angestrichen, mit glänzenden Scheiben und lustigen grünen Fensterladen, stehen sic nun fix und fertig da. Ja, sogar die Kocheinrichtung ist vollständig vorhanden: richtige Feuerherde mit Kaminen, über die die Sizilianer staunend die albernsten Fragen stellen, denn sie waren bis. jetzt gewohnt, mir aus Kohlenheckeu zu kochen.