Ausgabe 
4.1.1909
 
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sollte, machte seine Ergreifung überdies zu einem so glück­lichen Fang, daß man nickt zu fürchten brauchte, die Po­lizeiorgane könnten es an dem nötigen Eifer bei der Fakm- dnng fehlen lassen. ""

Die Zuversicht auf seine baldige Festnahme wuchs, als man ermittelte, daß er es nickt einmal verstanden habe, feinen Vorsprung gehörig arfszunuheu.

Bis zum Mittag des zweiten Tages nach seiner Flucht hatte er sich unbegreiflicherweife unter seinem richtigen Rainen in einem großen Berliner Hotel aufgehalten, und es gewann danach fast den Anschein, als ov er sich ohne einen bestimmten, vorher entworfenen Plan auf die Flucht begeben habe.

Als er in dem Hotel abstieg, hatte er kein anderes Ge­päck bei sich geführt als einen mäßig großen Handkoffer. Und diesen hatte er in seinem Zimmer zurückgelassen, als er sich am Montag mittag entfernte, um nicht wieder- zukommeu. Man fand darin einen Anzug und so viel an Wäsche- und Toilettengegenständen, als ein halbwegs ver­wöhnter Mensch auf eine Reise von einigen Tagen'mitzu- nehmen pflegt. Nach den gestohlenen Hunderttansenden suchte man vergeblich, und irgend einen Fingerzeig, wohin er sich weiter gewendet haben könnte, hatte man mit der Auffindung seiner Effekten nicht gewonnen.

Denn seit dem Augenblick, da man ihn zuletzt im Lese­zimmer des Hotels bemerkt hatte, war er so spurlos ver­schwunden, als ob die Erde ihn verschluckt Hatte. Weder der Portier, der ihn sehr gut kannte, noch sonst einer von ' den Angestellten des Hauses hatte ihn fortgehen sehen. Und alles, was von den verschiedensten Seiten an Anzeigen über die vermeintliche Beobachtung eines Menscken von seinem Aussehen einlief, erwies sich bei näherer Prüfung als Personenverwechslung oder haltlose Vermutung.

Tag auf Tag, Woche auf Woche verstrich, ohne daß man ferne Spur gefunden hätte. Und doch gab es sicher­lich keinen einzigen Zeitungsleser, dem nicht der Name desMillionendiebes" aus zahlreichen Notizen und Ar­tikeln geläufig gewesen wäre. Tageblätter hatten nach einer ausgezeichneten Photographie das Porträt" des Flüchtlings veröffentlicht. Viele Tausende von Polizisten waren im Besitz seines genauen Signalements, und alle Künste, mit denen er eilen versucht hätte, seine äußere Erscheinung zu verändern, würden ihm sicherlich nicht zum Durch-- schlüpfen verholfen haben, wenn er unter fremdem Namen nach einem überseeischen Hafen zu entkommen versucht hätte.

Ein paarmal hieß es wohl, daß man seine Fährte ge­sunden oder ihn gar verhaftet habe; aber die Nachrichten erwiesen sich immer wieder als irrig. Er war und blieb verschwunden. Schließlich drängten, wie das so zu ge­schehen pflegt, andere Ereignisse das Interesse der Oefsent- üchkeit an dem ungetreuen Direktor der Aktie,,Sank so" weit zurück, daß sein Name nur selten noch in einer Zeitung anftauchte. Selbst die ehedem so zuversichtlichen Krimi­nalisten zweifelten nach Verlauf von drei Monaten nicht mehr, daß es ihm entweder auf rätselhafte Weise gelungen sei, sich mit seinem Raube irgendwo auf fremder Erde in Sicherheit zu bringen, oder daß er in einem Mfall von Eut- mutigung den Tod gesucht habe. In diesem letzteren Falle tonnte er leicht genug als unkenntlich gewordene Leiche aus irgendeinem Flußlauf aufgefischt und längst in aller Stille begraben worden sein eine Vermutung, die allerdings den Verbleib seiner Bente völlig im Dunkeln ließ.

Nummer siebenundneunzig

Aus der Reihe der Gefängnissträflinge, die au dem langen Tische inmitten des Arbeitssaales mit der wenig vergnüglichen Arbeit des Tütenklebens beschäftigt waren" erhob sich ein gutgewachsener, breitschultriger Mann, dessen blondes Haar ebenso kurz geschoren war wie das der anderen, und dessen hübsches Gesicht in seiner Blässe schon deutlich die Spuren des nngesnnden GesängickSlebkUs'auf-

In straffer Haltung wandte er sich dem Aufseher zu, der ihn gerufen.Hier!"

eie sind zum Herrn Direktor befohlen. Kommen Sie unt!"

.k^orsam leistete der Gefangene der mit militärischer -darschheit gegebenen Weisung Folge, und nachdem er vor lernen Begleiter her einige der laugen Korridore des neu- muanten Neustädter Provinzialgesängnisses durchschritten

hatte, trat er in das Zimmer des Direktors, um dessen Be­fehle entgegenzunehmen.

Nummer siebemmdneunzig, Herr Direktor!" meldete der Aufseher.

Der graubärtige Herr am Schreibtisch blickte flüchtig auf.Sie find der Mitscher Paul Rennert?^

Zu Befehl, Herr Direktor!"

Es ist ein Brief für Sie eingelaiiien von einer gewissen Auguste Möbius. Sie sollen ihr Reisegeld schicken, damit sie Sie besuchen kann. Hier lesen Sie selbst."

Durch Vermittlung des Aufsehers wanderte der Brief in die Hände des Gefangenen.

Das Schreiben hatte nicht gerade das Aussehen eines zärtlichen Liebesbriefchens. Das Papier war grob und ge­wöhnlich, und die ungelenken Buchstaben rührten offenbar von des Schreibens wenig gewöhnten Fingern her.

Der Gefangene brachte das Blatt ziemlich nahe an seine Augen und laS:

Lieber Paul!

Ick habe mich so schrecklich gegrämt, weil Du gans ohne Wschiet von Größbirkendorf vortgegangen warst und weil Du kein Wort mehr hast von Dir hören lasen. Das ist nicht recht von Dir, Paul. Denn ich kan Dir mit heiligen Eyd beschwören, das ich Dir immer tret gewesen bin. Und es ist alles Unsin, was Du geglaubt hast von wegen denk Elöwen. Ein solcher Affe, und wo ich Dich so gern hatte und immer noch habe. Ich habe so viel Threnen vergasen, es ist nicht zu sagen. Und das die gnehdige Frau mich gleich vortgejagt hat, war auch nicht recht von der gnehdigen Fran. Aber ich wäre so wie so nicht auf Groß- birkendorf geblieben. Ich habe fo geweint, über Paul, wie ich gehört hab, das Du 6 Monath gekrigt hast wegen dem Elehwen, und geschlahffen habe ich dise ganse Zeit beinah gar nicht -- Du kaust es mir glauben, über Paul. Und alle Tage hab ich gedacht, es müste ein Brif von Dir kommen, aber der Brifträger hat nie keinen für mich ge­habt und muß wohl denken, Du hast Dein Gustchen gans vergeseu oder bist mir immer no chböse wegen dem Affen, der doch viel zu grün für mich war. Liber Paul, vor 14 Tagen ist meine gute Tante verewigt, bei der ich hier in Schwentischken so lang gewesen bin und stehe nun gans muterseelenallein aus der Welt. Und möchte am libsten ins Wasser gehen. Lieber Paul, ich habe an das hohe Gericht m Bartenstein geschrieben, ob sie nicht wüsten, wo Du bist, weil ich mich doch so sehr gegrämt habe um Dich. Und sie haben mir richtig geantwortet in einem Brief und das Du im Gefeugnis bist zu Neustadt haben sie mir ge­schrieben. Worauf ich Dich nun bitten möchte, lieber Paul, das Du doch so gut bist und schickst mir das Reisegeld vierter Klasse nach Neustadt, damit ich Dich in dem Ge­fängnis beftichen kan und in Deiner Nähe bleiben, bis das Du wider rauskomst. Eine Stelle werde ich da schon finderr. Und nachher tönen wir gleich heirathen, wen Du wilst. Denn Du kcnist mir doch nicht mehr böse sein wegen dem Elöwen, wo es doch war hastig nicht meine Schult gewesen ist, das er mich geküßt hat. Und es war auch blos das einzigste mahl und blos auf die Bake. Lieber Paul, wenn Du mir das Reifegeld nicht schickst, iveis ich nicht, was ich tue. Denn es ist meine letzte Hoffnung und sind blos fünfzehn mark. Ich kau nicht mehr schreiben, weil das Papir alle ist und bin mit tausend Küssen Deine ewig bis in den Todt getreie Braut

Auguste Möbius."

Es währte ziemlich lange, bis der Gefangene mit seiner Lektüre zu Ende gekommen war, und der Direktor blickte wiederholt ungedüldig zu ihm hinüber.

Nun, Rennert, was gedenken Sie auf den Brief zu antworten? Als Sie sich zum Strafantritt stellten, haben Sie eine Barschaft von lmudertnndzwanzig Mark deponiert. Wünschen Sie, daß dem Mädchen davon die verlangten fünf­zehn Mark geschickt werden?

Nein, Herr Direktor."

Aber wenn das Mädchen wirklich Ihre Braut gewesen ist, sollten Sie sich's doch vielleicht noch überlegen. Ter Bries klingt ja beweglich genug."

Ich möchte bas Geld trotzdem nicht schicken, Herr Di­rektor. Ich will mit dem Mädchen nichts mehr zu schaffen haben; denn fie hat mich hintergangen und "ist fchuld an meinem Unglück."

Das bei allem Ernst sehr wohlwollende Gesicht des grau-