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Montag den 4. Januar
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Maria Hendrma von Goch.
Novell: von Luise S ch u l z e - B r ü ck.
(Nachdruck verböte».) (Fortsetzung.)
DeZ Alten langer, schmaler Mund preßte sich einen Augenblick fest zusammen, er blinzelte unentschlossen nach dem Jungen. Danik spähte er scharf nach dem offenen Rhein hinüber, dem s-e sich jetzt näherten.
„Heut stellt he sich."
Beert schaute auf. Schwer uns langsam trieben hausgroße Schollen in dem grünlich-blauen Wasser. Am Ufer hatte sich ein breiter Eisrand festgesetzt, die Schollen hatten sich übereinander geschoben, ihre Kanten schimmerten opalfarben in der Sonne. Auch im Strom selbst war an manchen Stellen kaum noch Bewegung. Wie Tafeln standen die zusammengepreßcen Schollen still, während um sie herum immer neue herantrieben, sich einen Augenblick festsetzten, dann wieder krachend sich ablösten und langsam weiter trieben. Sie waren jetzt der Häuserfront Bingens gegenüber. Der Kai war schwarz von Menschen, die durcheinander wimmelten und stromab schauten. Das ganze weite Strombett, bis hinunter zum Mäuseturm und zur Ruine Ehrenfels. die das Binger Loch zu bewachen scheint, war nun fast völlig gefüllt mit Eis. Eine langsame Bewegung ging darüber hin, wenn die hunderttausend Schollen sich aus dem Wasser hoben und wieder. versanken in schnellem Wechsel. Der Rüdesheimer Berg mit seinen vierstöckigen Mauerterrassen schien wie ein trotziges Bollwerk zu stehen, Burg Ehrenfels schnitt düstergrau in den dunkelblauen Winterhimmel hinein. Um die Anschlagtafel am Ufer sammelten sich die Leute, eine neue Depesche wurde eben angeklebt.
„Nheineis steht fest bis Aßmannshausen seit heute inorgen." Ein paar Buben brachen in lautes Frendengeheul aus. „Es stee—ht, es ste—eht!"
Ein halb Dutzend Schiffer- urrd Steuerleute, die sich eifrig hevandrängten, lasen es noch einmal.
„No jo, das ist gut. Wanns doch Eis sein must, und mer still liehe misse und ka Verdienst hawwe, dann kann es aach stehe! Do gibts wenigstens Spast un für die annere Binger kimmt Geld cmwi!"
Sie wendeten sich dem Ufer zu, ivo jetzt Hunderte von Menschen standen und in den Strom starrten.
„Wann er in Astmannshansen schun seit heut morge steht, dann is es hier nach ball all!" Immer langsamer bewegte sich die Masse. Das Knacken und Krachen erfüllte die ganze Luft wie Pcletonfeuer. Manchmal gab es einen ganz lauten Krach, dann schrien die Buben Hurra!
Der alte van Endert stand mit Beert am Ufer. Das Schiffer- dlnt regte sich in ihnen, sie hatten alles andere vergessen. Gegen den Mänseturm hin schien jetzt die Eisfläche ruhiger zu werden, die Bewegung aufzuhören. Die Sonne schien blendend hinein, dast das Eis in tausend blassen und doch leuchtenden Farben Ipiegelte.
Ein zartes Blau, ein ganz helles Grün und ein matte- Rosa schuwlze« ineirmitder, die ganze Fläche spielte in wundervollen Nuancen wie ein einziger Opal. Und nun schoben und drängten sich plötzlich dicht vor ihnen die Schollen wie in einem Wirbel, als wenn das Wasser kochte, und hoben sich hoch mit dem Wasser und trieben übereinander. Das schien stromauf zu gehen, unheimlich wie etwas Lebendiges, Bewußtes. Ein paar Minuten dauerte der Aufruhr, dan» wurde es still, viel stillen als, vorher, nur ein leises Bewegen, ein Zusammendräugen, ei» AufgucllcU und Sprudeln des zwischen den Schollen gesammelte« Wassers, ein langsames Nachschieben, das wie eine Welle über die ungeheure Flasche hinzitterte. Und dann ein Freudenschrei und ein Herbeirennen der Menschen von allen Eni«« und Ecken.
„E steht — c steht!"
Aus den Häusern taten die Frauen gelaufen, Kinder in hellen Haufen, ihre Schulbücher schwingende Aus den Gasthäusern am Rhein sprangen Kellner und Fremde herbei, dir kecksten Junge« kollerten hinunter ans Ufer und turnten auf den zusammenge- tiiunten Blöcken umher, ein paar kletterten schon darüber hinauf wenngleich die Erwachsenen ihnen warnend zuriefeu.
Da kam eiligen Schrittes der dicke Herr Polizeikommissar, begleitet vcrr einigen Hütern des Gesetzes.
„Zurück! Keiner untersteht sich!"
Nun kletterten die Waghalsigen eiligst wieder ans Ufer. Und das war gut. Denn ein paar Minuten später setzte sich die Masse noch einmal in Bewegung mit Scknauben und Brülle» wie ei» riesenhaftes Ungetüm, das sich vor dem Einschlafen noch einmal reckt und streckt.
Aber am Ufer war man jetzt rührig. Die Schiffer schleppten schwere Haken und Pickel herbei, Eispickel, um durch die aufgetürmten Schollen einen glatten Weg zu bahnen. Aus alle»! Häusern brachten die Kinder Asche zusammen zum Bestreuen, die schon abgeplünderte» Weihnachtsbäume lagen in hohem Berge übereinander. Alles lauerte sehnsüchtig ans den Moment, da der Uebergang frcigegeben würde. Morgen war Silvester, da war der rechte Tag dazu. Schon waren die Geschäftsleute in Bingen schtver geschädigt durch die so lange Tage dauernde Unterbrechung des Verkehrs an beiden Ufern, und die Wirte wartete» mit Schmerzen auf den Augenblick, da das Brkanntwerden dcS freien Uebergangs ihnen aus der ganzen Gegend zusammenströ- meude Gäste bringen sollte. Un» darum freute sich alles und war guter Dinge und traf Vorbereitungen. Und es war schon heute ein goldener Tag in den Wirtshäusern, denn alles, was sich bei dem Ste^n und Schauen am Rheinufer bei 10 Grad Kälte durchgefroren hatte, ivärmte sich jetzt in den warmen. Wirts- stuben äußerlich und innerlich.
Auch dec alte van Endert wollte mit Beert zu einem Trunk gehen. Da sah er gerade vor sich die Hendrina kommen. Sie batte zum Schutz gegen die Kälte ein hellblaues Tuch um de» Kopf geschlungen, daß ihre blonden Ssirnlöckchcu und das schwere Nest blonder Flechten doch deutlich zu sehen waren. Die Kälte hatte ihre Wangen noch rosiger gemacht, und wie sie da herankam, groß, schlank und doch voll, blond und weiß und rot, da reckte«


