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Humoristen unt> Satiriker in Deutschland iminer zu zahlen waren, — heute Nennt und nennt man ihre Namen nicht mehr! Ich batte dabei vornehmlich an den Darmstadter Helfrich Peter Stürz (1736—1779); vergessen!
<Vewiß, Man kann mir sagen, nm wieder auf Merck zu tmnm'en, fei’ hat ja sein Denkmal. Wo? so höre ich viele fragen. Ich habe mir das Bergungen gemacht, recht viele Menschen, „Darm- süädtcr" danach zu fragen; wie wenige erinnerten sich des Relief- iporträts am Sockel des Goethe-Denkmals im Herrngarten!
Möchten sich doch recht viele vor dem Goethe-Denkmal itnb feinem anderen Monümentum, das nicht weit davon mtfernt die Ruhestätte einer großen Toten schmückt, eine Zeit zurückrufen, Her Darmstadt feinen' Namen üt der Literaturgeschichte, wenn es je eilten gehabt, verdankt, die Zeit der großen Landgräfin. Der Tod der hohen Fran (1774) entriß unserer Stadt eine Rolle, die Hk spielen ein günstiges Geschick Weimar vergönnte. Alle die literarischen Größe«, die Stürmer und Dränger, die einst tüt Darmstadts Kürslenhof und in Mercks allezeit gastlichenr Haus frohe Tage verlebt hatten, hielten' in Weimar Einkehr und fanden dort nach einer unruhigen. Wanderung den sicheren Port, alle — bis auf Merck, den — abgesehen von seinem kurzen Besuch 1777 bei Goethe auf der Wartburg und 1779 in Weimar — ein Mißgünstiges Geschick auf einem ungesunden Boden zurückhielt. 'Heute hat, er sich nach dem Tode seiner fürstlichen Gönnerin um jeden Preis von Darmstadt fortgewünscht, um dort zu leben, „wo ihm das Rad am Wagen bräche", fo mußte er doch bis zu seinem Tode in seiner Vaterstadt wohnen bleiben Md sich bei seinen einst gen Freunden, seinem Hund und seinen Elefantenknochen, Mit der Weisheit des Satzes: „Alte Bämne verpflanzen sich schlecht!" trösten'.
Ein Dokument aus jenen Tagen des Darmstädter Musenhofes ist Ms Mch 'erhalten: die im Auftrage der großen LandgräfiH Veranstaltete Sammlung von „Klopstocks Oden und (Siegten. Vier Md drehßigmal gedruckt. Darmstadt, 1771", die auf 160 Seiten 47 Oden umfaßt. Merck und der ihm befreundete spätere Geheim- Rat Hesse hatten die Ausgabe besorgt, während den Druck die Wittichsche Druckerei, als deren Faktor damals Joh. Jakob Will fungierte, übernahm. Ein Exemplar des so seltenen Werkes, das sich int Besitz der hiesigen Groß herzoglichen Hofbibliothek befindet, verdient um so größere Beachtung, als es auf zwei hinter dem Titelblatt 'eingehefteten Blättern eine „Ode beh Sammlung der Klopstokischen Oden in Darmstadt" handschriftlich enthält, die Merck zum Verfasser hat.
Von Mercks Bedeutung als Kritiker und produktiver Künstler will ich hier nicht sprechen, da ich zu weit von der mir gestellte« Aufgabe abkäme. Doch dem Naturforscher verdankt Darmstadt feine seiner schönsten Md interessantesten Sammlungen; ich denke an Mercks bedeutende Fossiliensammlung, die lauge nach seinem Tode von Schleiermacher, dem Kabinettssekretär Ludewigs L, für das Großh. Landesmuseum augekauft worden ist, und ihm noch heute zur Zierde gereicht.
Will man die Beziehungen Mercks' zu Darmstadt näher be- trachten, so müssen in erster Linie seine merkantilen Unternehm innigen genannt werden. Schon zu Beginn der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts soll Merck im nahen Arheilgen eine Buche druckerei besessen haben, in der auch Goethes „Goetz von Ber- lichingeu" gedruckt wurde. Ich werde weiter unten genauer darauf zu sprechen kommen.
Wann er eine größere Bleichanstalt angelegt hat, ist nicht Mehr festzu stellen; jedenfalls habe ich mir von alten Darmstädtern Sgen lassen, sie könne in' der Nähe des Woogsplatzes und Linden- «fes gelegen haben.
Die Baumwollspinnerei.
Bon größter Bedeutung ist sein Antrag auf Errichtung einer Baumwoll- und Hanfspinnerei, die er später noch durch eine Kattundruckerei erweiterte; seine „Untertänigste Anzeige" vom 28. März 1787 ist intet effottt genug, daß es sich schon verlohnt, näher auf sie einzugehen. *)
Im Jahre 1786 hatte Merck auf seiner Schweizer-Reise in' Emmendingen die Einrichtung' einer Baumwollspinnerei ■— mit Rouener Spinnmaschinen — kennen gelernt, „ein seltenes Beispiel von dem, was ein Privatmann ohne bett' geringsten eigenen Fond, bloß durch Betriebsamkeit und Eifer zum allgemeinen Wohl beyzutragen vermag", und gedachte! „bey der großen Anzahl Soldaten Kinder, die jetzt dem PubliL» auf alle Art zur Last fallen," diesen Zweig der Industrie in seinem immerhin industrie- ornicn Vaterland einzuführen. In seinem Bericht euttvirft er ein treffendes Bild von dem losen Treiben der „Heinerchett". „Ich kenne dergleicheir zu Dutzenden, die bis ins Alter von 10 und mehreren Jahren auf keine Art zur Schule angehalten werden, toti> sich mit nichts beschäftigen, als die vorbehfahrende Mistwägen auf öffentlicher Straße zu berauben, die Wälder plündern zu helfen', alle Arten von kleinen Spitzbübereyett auszuüben, sich 'in
*) Diese, wie noch andere auf Merck bezügliche Akten, die in dein' Großherzvglichen Haus- und Staatsarchiv! aufbewahrt werden, konnte ich mit gütiger ministerieller Erlaubnis benutzen'; zum Teil sind sie schon' von Dr. .Heidenheimer veröffentlicht in der „Zeitschrift für Deutsches Altertum"; Berlin, 1878, Neue Folge X, Seite 428.
dm Häuser durch Betteln einzuschleichen, auf der Landstraße zu hegen usw. Es sind mir viele Fälle bekannt, wo die fähigsten Knaben von 10 und 12 bis 14 Jahren zum Auslauffen und 'Dieust- nrbeiten angenommen sind, und sich die Wern oeme beanüaen, wenn man ihnen etwas alte Kleider zuwirft, und sie ohne alle Kost 'des Monats ohugefehr mit 30 bis 36 xr. bezahlt. Gewiß ein trauriges Beispiel, wie weit der Verstand und die Kräfte eines vernünftigen Geschöpfs in ihrem Berthe herabgewürdiat werden, wenn in einem Laude nicht die mindeste Gelegenheit zu! irgend einer Art von Kunstfleiß sich vorfindet." — Merck macht im folgenden! Vorschläge über die Einrichtung der Fabrik, an der zunächst mir die Jnvalidenkmder beschäftigt werden sollen; die Kosten will er zur Hälfte tragen, so daß es schließlich auf nichts, als die Erlaubnis ankomme, „ob es gnädigst üerftaftet werde, auf eigne Gefahr dem Staate Mtzlich zu sehn, und ob der Nutzen des Instituts mit dem Allgemeinen verbunden, und dasjenige .was dieses Pium Corpus allenfalls wagen dürfte, durch die Teilnehmung eines Privatmannes gewissermaßen kautionniert werden dürfte." Schon am folgenden Tage, am 29. März 1787, genehmigte der Erbprinz, der nachmalige Grvßherzog Ludewig L, das Gesuch; fo anerkennend auch für Merck die Begleitworte des Geheim-Rats Hesse sein mögen: „Serenissimus Hereditarrus haben anliegenden Entwurf mit außerordentlichem Beyfall und gnädiger Teilnehmung aufgenommen, und fich darüber schriftlich zu erklären geruht. Hierdurch sowohl als durch. Ew. Wohlgeboren edlen' Patriotismus ist dieser zur Versorgung der Armen und Aufmunterung der Industrie abzweckende Plan genugsam garantiert, und Ihre ausgebreitete Kenntnisse und Talente gewähren bey dessen Ausführung die gesegnete Folgen. Meinen aufrichtigen Glückwunsch also zu einem Unternehmen von' so fröhlicher Md glücklicher Aussicht, bey dem ich mirs zur Ehre und Pflicht rechne, auf alle mögliche Weise mitwurken zu können," so war Merck nicht der Mann, ein solches Unternehmen zu einer gedeihlichen Weiterentwickelung zu leiten; er kaufte die Rohmaterialien zu teuer ein, wurde von den Händlern übers Ohr gehauen und fand schließlich nicht die nötigen Absatzgebiete für die fertigen Waren.! Ihm fehlten vor allem die Kräfte des Beharrens, die nötige Ruhe und 'Stetigkeit; an seiner Vielseitigkeit, so erstaunlich und bewunderungswert sie ist, an der Zersplitterung seines Wollens and Wirkens ist er zugrunde gegangen.
Auf die Wiedergabe seines interessanten Briefes vom! 5. Juni 1787 an Sarasin muß ich leider verzichten _■— aus Raummangel ; hoffte Merck auch, „in! wenigen Wochen mit 300 Kindern spinnen zu Knuten," so mußte er doch schon sobald gestehen, daß ihm der Hofrat Bigel aus Emmendingen, von dem' er anfangs dis Baumwolle bezog, zum Teil die abscheulichsten Preise setzte, zum Teil Ware schickte, die nicht zu verarbeiten war. , „Ich begreife nicht, wenn ein Negoeiant gegen, den Werth von einigen Louisd'ors alle Reputation uns alle Hoffnung eines ferneren! Gewinnstes mit einem imbekannten Freund aufs Spiel setzen kann." Allmählich geriet er in immer größere finanzielle Schwierigkeiten, so daß er für sich und seine Familie den Ruin befürchtete. In seiner Verzweiflung schrieb er jenen ergreifenden Brief vvm' 13. August 1788 an Goethe, in dem er den einstigen Jugendfreund nur noch mit „Sie" anzureden wagte. Bereitwillig halfen Gönner und Freunde; „der Erbprinz und Schleiermacher haben sich wie Engel gegen mich äufgesührt und so noch einige edle Menschen", heißt es später in einem Briefe vom 18. Oktober 1788.
Doch das bedeutete nur ein letztes Aufflackern, ein vergebliches Sich-Aufrassen; hatte das grausame Schicksal mit all seinen herben Enttäuschungen genugsam dazu beigetragen, das Senat des' unglücklichen Mannes zu erschüttern, so tat sein körperliches Leiden ein übriges, ihm üt einem Anfall von Melancholie die Pistol« in die Hand zn drücken. Welche Schmerzen mag er ost ausgee standen haben bei einem mehr als zwanzigjährigen Leidet! und dabei noch Verspottung, Verkennung, Verleumdung ertragen!
„Daß sich der Verstorbene die durchaus tödliche, und unheilbare Wtmde höchsttvahrscheiulich in einem heftigen Anfall der Melancholie zugefügt habe", bezeugte auch der Arzt Dr. Renting in dem „Visum Repertum" (aufbewahrt in dem Großherzvglichen Haus- und Staatsarchiv). Mercks Gattin hatte jn her „Hess. Darmst. privilegierten Landzeitung" in Nr. 53 vom 2. Jult 1791 eine Todesanzeige veröffentlicht, auf die bisher noch nicht aufmerksam gemacht worden ist, und die Jahrzehnte lang um den Tod Mercks einen geheimnisvollen Schleier wob. Ich lasse die; Anzeige hier folgen:
Todes Anzeige'.
Deit im 50 teil Jahre seines Alters am 27 kn Jun. äst einem Süksluß erfolgten Tod meines Mannes notifiziere ich hiermit allen dessen Gönnern, Freunden, Verwandten und Bekannten. Ich statte Ihnen für die meinem Manne erzeigte Gewogenheit und Freundschaft meinen lebhaften' Dank ab, und vost Ihrem Beileid überzeugt, verbitte ich mir die Kondolenz«.
Darmstadt, den 28. Jnuii 1791.
Des verstarb. Kriegsrath Merks Wittib.
Ast der Tatsache, daß Merck durch Selbstmord geendet hat, gibt es nichts zu rütteln; ihn darum aus engherziger Buchstaben^ klanberei (vergleiche die biographische Skizze von Pfarrer FuW


