— 686
Fräuleitt^LtLlda! Ne, ich Will net ereitt kommen, Sie sehen müm aus; aber ich komme gern en andermal. Gehen Sie ereilt, Sie werden kali! Sie müssen sich erst wieder bei uns gewöhnen; geben Sie Obacht!"
Nelda konnte nicht umhin, zu lächeln; der Mensch redete väterlich besorgt und sie kannte ihn doch eigentlich gar nicht. Sie sagte freundlicher: „Ich danke" und nickte dazu.
Im Hausflur roch es nach frischem Kuchen — ach, auch eilte Kndheitserinnerung, immer roch es so, wenn man beim Onkel ankam — aber jetzt war ihr der Geruch ordentlich peinvoll, sie war so übersatt und hatte heute hoch kaum etivas gegessen. Am liebsten hätte sie geweint. Hier war noch alles wie früher, sie fühlte sich geborgen und doch fremd. Da war der schmale Ziegelflur, tue niedrige Stubentür, die hölzerne Stiege, das Madönnchen in der Nische; alles wie immer!
„Guden Dag, Fräulein, sein Se willkommen in unse Eifel!"
Nelda schreckte ordentlich zusammen, vor ihr stand ein üppiges Mädchen mit einem bräunlichen Gesicht und dunklen Augen, aus denen unverhohlene Lebenslust sprühte.
„Das ist meine Vesa!"
Des braunen Mädchens Lippen teilten sich über blitzenden Zähnen, die Augen lachten mit, sie strahlten den Bürgermeister an.
Dieser nickte ihr zu, nahm dann der Nichte Hand und zog sie in die Stube. „Komm, tränk' jetzt Kaffee, Kind, und ruh' dich aus! Die Vesa ist ein Schatz, alles kann sie. Du mußt sie nicht grad' wie eine Magd behandeln, sie ist doch Mehr. Sie hat nicht Baier und Mutter: drüben aus Meerseld ist sie, wild aufgeschossen, ein Gemci.tck.ktnb — nun ist sie bei mir fast wie zu Haus. Wenn man alt ist und so viel allein wie ich, muß man was Lebendiges um sich haben. So, nun setz' dich hierher an den Ofen Und probier' mal den Küchen, die Vefa hat ihn gebacken -r ja, weißt du, die ist so eine Urnatur, das tut wahrhaftigi wohl; ich hab' sie mir eiugezähmt. Hör' nur, wie sie singt!"
Aus der Küche drang eine Helle Stimme.
„Aber btt bist kalt, Nelda; du ißt nicht?"
Nelda hatte erschöpst den Kopf an die Stuhllehne sinken lassen, sie schloß die Augen; sie mochte nicht essen noch trinken, sie fühlte sich sehr angegriffen.
Der Gesang draußen in der Küche tat ihr Weh. Es wirrte ihr alles durcheinander, sie stieß einen lauten Seufzer aus und wurde totenbleich. Der Bürgermeister beugte sich erschrocken über sie, dann riß er die Tür auf. „Vesa, Vefa, schnell!"
Wie der Blitz war das Mädchen da; ein Blick genügte, ein Wink. Ohne viel zu fragen, nahm sie Neldas Kopf in die Arme. „Schnaps," sagte sie kurz. Gehorsam hastete Dallmer zum Wandschrank und brachte ein Gläschen voll Kirschbrauntwein. Vefa goß der Ohnmächtigen einen Teil hinunter, mit dem Rest rieb sie ihr die Schlafen. Sang;am fühlte Nelda die tödliche Erstarrung von sich weichen, mit Gewalt richtete sie sich auf.
„Verzeih, Onkel — so was — ist mir — noch nie — passiert —!" Ihre blassen Lippen konnten kaum die Worte formen.
Dallmer war sehr besorgt. Das war ja ein hübscher Zustand, also so weit hatten sie das frische Mädchen gebracht? ! Ein wütender Zorn überkain ihn, er batte am liebsten auf den Tisch geschlagen — diese vermaledeite Ge- chichte, von der Joseph geschrieben! Das kam alles von jer verkehrten Erziehung; wenn man den Gaul ewig eingespannt hält, schlägt er mal über die Stränge, und bann ist das Unglück fertig.
Mitleidig ruhte sein Blick auf Nelda, sie hatte die Augen jetzt geöffnet, aber mit einem starren, abwesenden Ausdruck.' Vefa kniete vor ihr am Boden, Hatte ihr die Schuhe äbgestreift, und rieb die eiskalten Füße. Den Spann, die Spitzen, die Sohlen. Immer auf und nieder. Ein wunderbares Fluidum schien von bett warmen, festen Händen auszugehen. Es rieselte Nelda belebend durch aile Glieder herauf bis zum Herzen - ein neuer Strom von Blut. Eine köstliche Mattigkeit kam über sie; sie versuchte klar zu denken, es ging nicht, nur ein brennender Wunsch in ihr:
Schlafen, wenn ich jetzt schlafen könnte!
Sie richtete sich auf und versuchte zu gehen * die Füße
schlurrten, schwer fiel sie gegen Vefas Schulter. Es war alles tote im Traum. Dumpf, durch eine dicke Wand hörte sie den Onkel sprechen: „Sie muß zu Bett" — und des Mädchens Stimme: „Soll se etoeil nebenan in meiner Kammer liegen? De Trepp' is e so steil." Sie fühlte sich an beiden Armen gefaßt und fortgeschleppt, mehr getragen als geführt. Sie saß jetzt auf dem Lager, das Kleid tourde ihr "äbgestreift, willenlos ließ sie alles geschehen. Nun lag sie in den Kissen, Vefa kniete am Bett und rieb ihr die Füße. Immer auf und nieder. Den Spann, die Spitzen, die Sohlen. Ihr wurde so wohl, ein himmlisches Sich? vergessen kam, zufrieden seufzte sie. Vefa beugte sich über sie und machte ihr das Zeichen des Meitzes auf Stirn und Brust.
„Heiliger Schutzengel mein, Laß mich dir besohlen sein! Jü Mariä Herz und Jesu Wunden Befehl' ich mich jetzt und alle Stunden!
Amen!"
Nelda schlief.
Es war mitten in der Nacht, als sie erwachte. Wo- war sie — zu Hause in der Giebelstube? Sie drehte sich auf die andere Seite, der Strohsack raschelte unter ihr. Ah, bei'Onkel Konrad in der Eifel! So herrlich hatte sie! lauge nicht geschlafen. Sie umfaßte das Kopfkissen mit beiden Armen und drückte ihr Gesicht hinein — das war ja nicht das Bett oben in der Fremdenstube, nein, das der Magd! Der Strohsack hatte geraschelt, der Bezug Ivar- grob. Sie hatte nicht die Spur eines unangenehmen Gefühls, in dem fremden Bett zu liegen; e§ roch so frisch nach einem reinen, gesunden Körper. Sie reckte und bei;, sich, es war, als ströme von ber Lebensfülle, bie hier geruht, auch etwas toieber in sie über. Halb richtete sie sich jetzt ans — wie spät mochte es fein? Der Kopf war ihr nicht mehr so schwer wie seit Monaten; bie Kammer war ungeheizt, unb boch fror sie nicht.
Draußen, klarer Sternenhimmel, der Schein blinzelte! hinter dem Gardinchen des schmalen Fensters bis a.itf'si Bett: ber Laben war nicht geschlossen. Kvin Winb heulte, kein Laut vernehmbar, nur das eigene Atmen. Ein solcher Friebe! Sie legte sich in das'Kissen zurück, der Schlaf kam schon ivieber. Die Gebauten irrten noch einen Augenblick umher, zu ben Eltern — zu Xylauder — zu ihm — aber nicht mehr mit dem furchtbaren Schmerzgefühl; es lag alles entfernter, ein Berg dazwischen. Die schweren Lioer senkten sich beruhigt. Sie atmete gleichmäßig — jetzt, zwischen Wachen und Träumen hörte sie etwas am Fenster klopfen. Ganz leise. Nun wieder!---Das war ein
lebhafter Traum! Draußen flüsterte es: „Mach auf, Vefa! Vefa schläfst du? Mach' auf!"
(Fortsetzung folgt.)
Einiges über I. h° Merck.
(1741—1791.)
(Mit besonderer Berücksichtigung seiner Wohnhäuser.)
Von Hermann Franz Oktavio (Darmstadt).
Ich halte es für eine der heiligsten Pflichten eines Gemeinwesens, dann und iumtn einmal in seinen Annalen zu blättern und sich die Namen seiner Söhne ins Gedächtnis zu rückzurufen, die es verdienen, nicht vergessen zu werden, — um ihnen ans Dankbarkeit ein ehrendes Denkmal zu setzen. Wenn ich diese Forderung auch für Merck geltend mache, so tue ich es, überzeugt von der Bedeutung all dessen, was er für Darmstadt geleistet hat. Vielleicht hat man es vergessen, — vielleicht hält man es nicht der Mühe wert, sich damit zu beschäftigen; wahrlich ein tt-auriges Geständnis, eine haltlose Entschuldigung, wenn dem so wäre!
Entdeckt man Jahrzehnte, oder ein Jahrhundert nach denk Tode eines Kapellmeisters Stöße von herrlichen Kantaten, prächtigen Kompositionen, so to'it'b man sich darum reißen, den verklungenen Namen dieses Komponisten zu Ehren zu bringen? Was für ein Optimismus! — Mühe kostet es und selbstlose Aufopferung, Namen aus unserer Väterzeit an die Gegenwart hervorzuzerren, weil es Menschen gibt, die vor den Schatten bangen für ihre eigene kleine Größe, wenn es gilt, eine „verloren!« Handschrift" auszugraben. Diesen Geisteshe'lden Möchte ich immer die Worte des Mephistopheles zurufen:
„Wer kann was Dummes, wer kann was Kluges denken, Was nicht die Vorwelt schon gedacht?" .
Es gibt auch Dichter, bedeutend genug, um einem Frnwrny Schiller vor mehr denn 100 Jahren Motive an die Hand zu geben', interessant genug, um noch heute gelesen zu werden, zumal gute


