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9MM
Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Biebig.
(Fortsetzung.) .Nachdruck verboten.)
Zweites B n ch.
I.
Unruhig ging Bürgermeister Dallmer die 'Straße im Mors auf und nieder, die Hände auf den Rücken gelegt; feilt mächtiges Genick war von grauen Haaren umflattert, schwer stampften seine Tritte. Jetzt sah er nach der Uhr. „Halb vier, Die Post muß gleich kommen!"
Der Gehilfe trat schou mit dem Briefsack vor das Postgebäude; dies war das einzige größere Haus in der ganzen Straße, zugleich Steueramt und Kreiskasse. Sonst nur niedere Hütten mit dem Dünghaufen vor der Tür; einzig jene Gastwirtschaft drüben konnte sich noch sehen lassen. Ein junger Mann trat gerade in deren Tür und grüßte respektvoll herüber: „Guten Tag, Herr Bürgermeister !"
Dallmer faßte an die Pelzmütze.
„Herr Bürgermeister, ich hab' Schnee schippen lassen auf dem Weg zum Tempelchen. Fräulein Nelda kann als heut noch nach der Aussicht gehen. Ich weiß, wie wir noch Kinder waren, liefen wir da immer zuerst hin!"
Schnedderedengdeng! Eben bog die Post mit die Ecke; langsam kam sie die Straße herauf. Der Postillon versuchte eilte Melodie, die Töne blieben ihm int Horn stecken; es war zu windig. Aus allen Fenstern fuhren Köpfe, Müder eilten vor die Tür — ,/die Post, die Post!" Auch ein paar Männer standen neugierig herum; sie grüßten faul.
Jetzt hielt der gelbe Kasten. Mit starker Hand rtß Dallmer den Schlag aus, ein einziger Passagier darinnen — Nelda!
„Heiho, willkommen, Kind, in der Eifel! Gut, daß tut wieder da bist!"
„Onkel Konrad!" Sie versuchte zu lächeln, stieg tote im Traum aus und schaute verwundert um sich. Noch alles, wie das letztemal, ganz so; die Hutten, die Dung- haufen, und da schpute trotzig ein Berg in die Gasse. „Ah!" Sie atmete tief, wie erleichtert, dann gab's ihr einen Stich dprch's Herz — alles so wie früher, nur fiel selbst nicht.
„Du siehst blaß aus, Kind!" Der große Mann beugte sich und küßte sie. „Was machen sie zu Hanse? Na ja, ich weiß schon, der Vater immer krank und Lorchen klagt ewig; sie ist natürlich sehr dagegen, daß du zu mir kommst. Schadet nichts, tut dir sehr gut! Na, hast du mich denn noch nicht vergessen?" Er legte ihren Arm in den seinen und zog sie an sich. „Was? Nun wollen wir aber gehen. Potz Kuckuck, ist denn keiner hier, der uns den Koffer tragen
kann?" Er sah suchend umher, die feurigen, bläuen Angen rollend. Von den Männern rührte sich keiner. Nur der junge Mensch drüben aus der Wirtshaustür sprang schnell herbei.
Er grüßte Nelda mit einer Verbeugung. „Lassen Sie mich dafür sorgen, Herr Bürgermeister, Sie sollen ihn gleich haben!"
„Danke!" Mit einem kurzen Nicken drehte sich der Bürgermeister ab und ging mit Nelda weiter; seine breite Stirn hatte sich gekraust, er brummte vor sich hin: „Schafsköpfe! Rührt sich wieher keiner, wollen mit mir maulen, aya!" Er sah finster auS, sein Gesicht trug keine Spur der Freude mehr, mit der er die Nichte begrüßt hatte. Er sprach nicht.
Sie bogen links ab in die zweite und letzte Straße des Dorfes — dieselben Hütten, dieselben Dunghaufen —t nur stand hier die Kirche, merkwürdig groß und stattlich; links die Pfarrwohnung, rechts die Bürgermeisterei.
„Da sind wir!"
Hinter ihnen trappsten kräftige Schritte; Nelda sah sich um. Der junge Mann von der Post kam eilig heran, er trug ihren schtoeren Koffer, als sei das gar nichts. Keine Muskel war angespannt, das gleiche bräunliche Rot deckte die Wangen und die Stirn unter den Haarringeln, lieber das ganze Gesicht lachend, ließ er das Gepäckstück vor der Tür niedergleiten. „So, ntt hat das Fräulein den Koffer!"
„Mer, Heinrich, jetzt haben Sie selbst den Koffer getragen, das war doch nicht nötig! Danke!" Der Bürgermeister klopfte dem jungen Menschen ans die Schulter. „Das ist auch einer von den wenigen Getreuen, hat sich schon draußen in der Welt umgesehen und ein Quentchen Aufklärung mitgebracht. Danke sehr, Heinrich!"
„Nix zu danken, Herr Bürgermeister, gern geschehen. Das Fraulein kennt mich wohl net mehr?" Er blinzelte Nelda mit den hübscheit Augen erwartungsvoll an. Sie wurde aufmerksam, dunkel stieg die Erinnerung an einen Knaben auf, mit dem sie in der Kinderzeit hier viel gespielt. Ein paar Jähre älter als sie, hatte er sie allezeit beschützt. Dann kamen Jahre, in denen sie nichts mehr von ihm gesehen, er war ihr gänzlich entschwuiiden. Sollte der stattliche Mensch der Junge von damals sein? Sie hob die müden Augen und sah ihn an; es war ihr eigentlich recht gleichgültig, wer da vor ihr stand.
„Es ist Heinrich Hommes, Nelda," sagte der Onkel. „Kennst ihn wohl gar nicht mehr? Hat' sich inzwischen draußen nmgesehen, war erst in Trier, dann in Belgien. Jetzt hat er die Wirtschaft von seinem Vater übernommen. Ein ganzer Kerl, verblendet den Manderscheider Mädchen die Augen. Haha!" Er lachte dröhnend. „Wollen Sie nicht eintreten, Hommes?" Er stieß die Tür auf und rief laut: „Vefa, Vefa!" .
Hommes schüttelte treuherzig Neldas Hand. „Adteu,


