Ausgabe 
3.7.1909
 
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Höhe von 200 Fuß. Den zweiten derartigen Versuch unternahmen am 5. Juni 1783 zu Annonay die Brüder Stephan und Joseph Montgolfier, mit beni nach ihnen Montgolfisre" genannten Ballon. Einen Monat daraus ließ auf dem Marselde zu Paris Prof. Charles einen mit Wasserstoff gefüllten Ballon steigen. Dadurch wurde natür­lich das Interesse von ganz Frankreich erregt und als am 7. Januar 1785 Blanchard und Dr. Jeffries (Kanada) gar eine überseeische Fahrt (DoverCalais) unternahmen, kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr. Doch diese Begeiste­rung legte sich bald wieder, als man bei der Lenkbarkeit ungeheure Schwierigkeiten vorfand, llnb erst wieder in neuerer Zeit ist man an dieses Problem, das Graf Zeppelin so großartig gelöst hat, herangetreten, da das (lenkbare) Luft­schiff für wissenschaftliche wie militärische Zwecke von äußerst großer Wichtigkeit ist.

* Napoleons A b s ch i e d von Josephine. In dem Leben Napoleons ist die Trennung von Josephine eine der er­greifendsten menschlichen Augenblicke, die der große Kaiser er­leben mußte. Zum ersten Male werden jetzt die Erinnerungen Constants, des treuen Kammerdieners «Napoleons, bekannt, der beit letzten Abend, den Napoleon mit Josephine vor der Trennung verlebte, schildert. Den ganzen Tag über hatte hie Kaiserin ge­weint; um ihre Blässe und die geröteten Augen zu verbergen, hatte sie einen großen weißen Hut aufgesetzt, der mit einer Schleife unter dem Kinn befestigt war. Beim Mahle hielt der Kaiser die Augen gesenkt; man bemerkte aber, die konvulsivischen Zuck­ungen, die immer iviederkehrend sein Gesicht durchbebten. Wenn er den Blick erhob, schaute er auf Josephine und in seinen Augen spiegelte sich 'tiefer Schmerz. Die Speisen wurden eigentlich nur zum Schein serviert, denn beide genossen kaum etwas; schweig- sam verlief die Zeit, man hörte nichts als tote das eintönige Klirren der auf den Tisch gestellten und wieder fortgenommeneck Teller, das Kommen und Gehen der Diener, und das leise nervöse Klappern, mit dem.Napoleon mechanisch mit dem Messer gegen sein Glas schlug. Ms der Kaffee gereicht wurde, bot der Diener wie gewöhnlich der Kaiserin das Tablett, damit sie dem Kaiser Kaffee und Likör einschenke; aber der Kaiser nahm den Likör selbst, schenkte sich selbst den Kaffee ein, nahm Zucker; seine Blicke waren dabei unausgesetzt auf Josephine gerichtet. .Daun leerte er die Tasse. Schließlich gab er ein kurzes ungeduldiges Zeichen, daß die Dienerschaft sich zurückziehen solle.Nach wenigen Mi-- itueeit", so berichtet Constant,hörte ich Schreie: erschreckt eilte ich in den Saal, wo der Kaiser und die Kaiserin allein zurück­geblieben waren. Plötzlich öffnete Napoleon die Tür. Die Kaiserin lag auf dec Erde hingestreckt, sie weinte und schrie mit einer halb erstickten Stimme, die jedes Herz erschüttern müßte:Neiri, nein, Ihr werdet das nicht tun, Ihr könnt nicht wollen, daß ich sterbe." ;

* Ist es ratsam, Kindern geistige Getränke zll geben oder nicht? Darüber besteht immer noch bei vielen Eltern und sonstigen Erziehern Unklarheit. Eine maßgebende und wissenschaftlich zuverlässige Stelle, die niemand Parteilichkeit nach der einen oder nach der anderen Seite vorwerfen wird, hat darüber neuestens klar und bündig ihr Gutachten abgegeben, das Reichs- Gesundheitsamt in seinemGesnnoheitsbttchlein", das einen längeren Abschnitt über die alkoholischen Getränke enthält (neueste Auflage von 1908):Für Kinder ist der Alkohol ein schlimmes Gift; Bier, Wein und namentlich Branntwein sollte statt Kindern bis zum Ablauf der Entwickelungszeit (14. bis 16. Lebensjahr) überhaupt nicht geben." Sehr beachtenswert ist auch die un­mittelbar vorangehende Stelle:Besonders verhängnisvoll ist es, daß Trunksucht der Eltern nur allzu häufig eilte schwächliche, geistig wie körperlich minderwertige Nachkommenschaft zur Folge hat, deren Entwickelung oft noch durch Vernachlässigung der Pflege und Erziehung ungünstig beeinflußt wird."

*p. f." usw. In dem von der Kaiserlichen Ober-Post- direktion zu Berlin herausgegebenenPostbuch für Berlin und Umgegend" heißt es auf S. 221 f. unterDrucksachen":Weitere Zusätze oder Aenderungen als die nachstehend unter 115 be­zeichneten sind nicht zulässig: 1. auf gedruckte» Visitenkarten, sowie auf Weihnachts- und Neujahrskarten die Adresse des Ab­senders, seinen Titel sowie mit höchstens 5 Worten oder mittels der üblichen Anfangsbuchstaben (U. G. z. w.",p. f." usw.), gute Wünsche, Glückwünsche, Danksagungen, Beileidsbezeigungen oder andere Höflichkeitssvrmeln handschriftlich hinzuzufügen." Und in Kalendern und ähnlichen für die breiten Massen berechneten Lchriften steht noch immer zu lesen, daß man für Besuche die oemmiten französischen oder auch deutschen Mkürztmgeu auf die Karte schreibe. Sollen wir da nicht entschieden Einspruch dagegen erheben, daß wir ans französisch unseren gesellschaftlichen Ver- psttchtnugen genügen, und nur berechtigt sein sollen,ober auch deutsche' Abkürzungen zu wählen? Wir behaupten vielmehr das Recht und die Pflicht zu haben, nur. deutsch unser Beileid zu

äußern, Glück zu wünschen, Abschied zu nehmen und dergleichen mehr. Dabei macht es uns gar nichts aus, daß die Reich-wob sich ebenfalls auf p. f. einläßt. Sie muß eben schlimm genugi -dem bestehenden Zustande Rechnung tragen. An uns liegt es allein, diesen Zopf längst überwundener Geschmacksverirrung end­lich einmal gründlich zu beseitigen. Aber Hand aufs Herz! Nicht wahr, int LadenBesuchskarten" ober noch besserNamenskartcn" zu bestellen, dazu gehört mehr, als der Durchschnittsdeutsche ge­wöhnlich bei solcher Gelegenheit besitzt, nämlich der Mut bet Aufrichtigkeit! Wie peinlich auch, wenn Labenfräulein ober -männ- lein verständnisinnig erwidert:Ach, Sie meinen Visitenkarten'" Und nun nehmen wir das p. c. einmal etwas ernstlicher vor Angeblich, nein, vorgeblich, heißt es pourcondoler". Ja, aber lieber deutscher Michel, eilt Zeitwortcondoler" gibts ja int Französischen gar nicht! Aus dem lateinischen condolere ist wohl durch Ableitung condoleance entstanden, s. z. B. com- pliment de condoleance = Beileidsbezeigung, lettre de c. = Beileidsschreiben, faire sa visite de c. --- seinen Beileidsbesuch machen n. ä. m.: aber das eigentliche Zeitwort lautet condouloir, nur gebräuchlich in der Nennformweudung: se condouloir avec q. sur qc. = jemand fein Beileid über etwas bezeigen. Also Französisch gebrauchen, das gar .feilt Französisch ist, ähnlich wie auch bei unseren schönen Ausdrücken Parterre, Restauration u. dgl. m. ? Es ist und bleibt die alte leidige Sucht nach beut Fremden in uns wach und lebendig, und sie überwuchert gar zu leicht die zarten und doch so gesunden und lebensberechtigteil Regungen bet kämpfenden Volksseele.

* B ü h n e n scherze. Eine französische Zeitschrift weiß mancherlei von Scherzen zu erzählen, die sich Schauspieler selbst in den .heiligen Hallen bet Comödie Frantzaise erlauben. DaS Opfer solcher Scherze war in früheren Jahren gewöhnlich der alte Lauaier. Eines Abends spielte et in DumasFraueillon" bett Marquis von River-olles. Im dritten Akt schließt seine Szene mit Henri de Shmeux mit folgenden Worten: Herr von Symenx, sind Sie Jäger?"Natürlich."Wollen Sie eine Treibjagd in Rivervlkes mitmachen?"Mit Vergnügen." Wir können schon morgen abreisen." Nun geschah es aber, daß, als .Laugier die Frage stellte:Herr von Shmeux, sind (sie Jäger?" sein Partner nicht erwiderte:Natürlich", sondern wider ErwartenLeider nicht!" Laugier tvar ganz erschrocken, faßte sich aber sofort und improvisierte:Dann sind Sie wohl ein Freund des Angelsports?"Leider auch nicht!" rat« gegnete unerschütterlich bet boshafte Henri de Shmeux. Laugier standen die Haare zu .Berge, aber er mußte mit Gewalt und nm jeden Preis die Situation retten, und et war geistvoll genug-, dem grausamen Spiel ein Ende zu machen, indem er leichthin' sagte:Mit Ihnen ist wirklich nichts anzufangen, mein Lieber. Kommen Sic aber trotzdem nach Riverolles, man wird Sie schon auf irgend eine Weise zu unterhalten suchen."

* Polizei W a ch e. Bor dem Rathause eines deutschen Städtchens und sicherlich ist es nicht das einzige, wo solches vorkommt steht eine Tafel mit der Aufschrift: Polizei Wache. Nach diesem Muster wird man so sagt die Fachzeitschrift Werkstatt-Plauderei" wohl auch bald schreiben Kirsch Baum, Sprach Lehrer, Kleister Topf. Wie man so Wörter sinnlos aus- eiitanderreißt, so leimt man sie auch zusammen. Es steht an einer Straßenecke geschrieben: Neuerwall." Wenn die genannte Zeitschrift, die sich bisher auch durch sprachliche Tüchtigkeit auK gezeichnet hat, diesen Beispielen in reizendem Wechsel- beult variatio delectat folgen wollte, so würde in Zukunft auf ihrem Titelblatt stehen:Werkstatt Plauderei, Fach Zeit Schrift für die Holz Industrie", und die Ueberschrift für einen der nächsten Aufsätze würde lauten:Neuermöbelstil". Aber Scherz beiseite! Es ist sehr bedauern, daß das gute Beispiel, baS1 die Berliner Stadtverwaltung und einige andere geben, nicht auch für alle anderen deutschen Städte maßgebend ist. Es ist schon schlinmi genug, wenn Geschäftsinhaber die sprachliche Form ober die Schrei­bung ihrer Firmenschilder der Willkür von Malern und Lackierern überlassen: Gemeindebeamte sollten eine Ehre darein setzen, daß die.Aufschriften an öffentlichen Gebäuden und die Straßennamen sprachlich wichtig seien.

Treffend.Hatte der Dallesheim es denn nötig, eine' so alte Frau zu Heiraten?"Wer einle alte Frau heiratet, hat es immer nötig!"

* In der Rag e.Die Müller grüßt mich nicht einmal.. Ja, glaubt denn die dumme Gans, sie ist etwas anderes als ich?

Geographisches Werschiebrütfel.

Mexiko, Cuba, Habana, Haiiti, Florida, Jamaica.

Vorstehende Namen sollen derart untereinander geschoben werden, das; eine Buchstabenreihe, von oben nach unten gelesen, den Namen einer Insel ergibt.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Hobel, Zobel.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, N. Lange, Gies-ew