Ausgabe 
3.7.1909
 
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rum wuchs cs auf dem Acker und nicht am Wege, am Rain, wo es stehen konnte, von Menschenhand unberührt, bis seine Zeit gekommen wäre? Da war der Baum, den die Scharmaus vernichtete, da war der andere, dem der Sturm in der Blütezeit die Krone knickte. Waren sie nicht alle Leidensgefährten, Schicksalsgenossen von mir?

Ich lernte die Pflanzen und die Tiere verstehen. Ich verstand ihre Schmerzen und Leiben, ihre Krankheiten er« kannte ich und heilte sie. Heilen wollte ich. Ich fand alte Heilmittel für sie, und ich pflegte sie, wie man Kinder pflegt. Sie sollten leben, aber nicht ungeheilt wie ich. Sie sollten nicht hinsiechen.

Ich fühlte die großen Bestimmungen in der Natur, im Leben und in allem Sein. Ich fühlte mich ganz eins mit allen, mit Baum und Blume, mit dem Nnkraut am Wege und dein Getreide aus dem fetten Boden, lind Sonne und Wind und Regen und Unwetter, sie kamen ihnen wie den Menschen zu Schaden und Heil, oft nicht deutlich und sicht­bar für den Augenblick, und doch zu erkennen, wenn man die Augen aufhalten wollte, wenn man nicht nur das Eine sah und das Heute, sondern das All und das Morgen. Es ist merkwürdig, wo da-? Leben aufstehen will, muh es Leben aufsaugen und vernichten. Aber auch das vernichtete Le­ben war notwendig, und es lebt int neuen, anders wohl, aber es lebt.

Vielleicht bin ich auch nicht vergeblich vom Leben zer­treten worden, tröstete ich mich oft. Vielleicht wollte das Leben ein anderes Samenkorn in mich werfen, daß ich ihm Nahrung werde. Ich weiß nicht recht, warum ich über­haupt arbeitete. Um zu vergessen, nicht denken zu müssen, nicht mein Empfinden Herr über mich werden zu lassen, und oft aus Hunger.

Ich hielt's wohl nirgends lange aus; nach einiger Zeit packte mich die Unruhe, ich mußte wandern. Alles Leben- versenken, alles Trosteinreden, all das Gründesuchen und Sicheinschalten, es Ivar auf einmal wie weggeblasen; es war mir, als müßte ich mir selbst entfliehen. Ich wanderte und wanderte ohne Ziel. Was ich da an Schwerem erlebt habe, habe ich vergessen. Meine Wanderzeit war wie eine Traum- zcit. Ich ging wie in einem fremden Baun. Entfliehen wollte ich. Ich war ohne Eindrucksfähigkeit und Beziehung zu den Dingen, die von außen an mich herantraten.

Tann verlor sich's plötzlich. Es wurde ganz ruhig in mir. Tann blieb ich irgendwo und arbeitete. Was vor mich tarn, arbeitete ich; es war mir alles recht, es war mir nichts zu gering, und ich gewann mancherlei Kenntnisse.

Die Jahre hatten viel ausgeglichen in mir. Zuletzt war ich in einem großen, mechanischen Theater. Ich zog mit von Stadt zu Stadt. Ja, Lieber, ich bin so mein Teil herumgeköiunten, und ich habe manches gesehen, was traurig war. Ich habe mich da so unter der Hand gewissermaßen zum geschickten Mechaniker und Uhrmacher ausgebildet. Es war mir eine besondere Befriedigung, das Räderwerk, ob's nun das gröbste oder das feinste war, so zu konstruieren, daß nichts versagte. Ich habe oft im stillen auch ans Leben dabei gedacht; ich habe oft gewünscht, es möchte sein wie so ein Uhrwerk. Und schließlich ist's auch eines. Aber der Uhrmacher ist unbarmherzig, ein Rädchen, dem nur ein Zahn fehlt, das wirft er weg.

Wir hatten eine großeWeltuhr". Ich habe jahrelang beständig an ihr verbessert; ich habe die zwölf Apostel geschnitzt und habe das Werk eingesetzt, daß sie erscheinen konnten. Ich habe jede Stunde einem Apostel geweiht, der mitten in der Uhr über diese Stunde wachte, und um zwölf Uhr erschienen sie alle im Kreise, gingen um Christus, der in ihrer Mitte stand, und verneigten sich vor ihm. Aber nicht bloß das, auch das Astronomische habe ich stu­diert und dem Werk vieles eingefügt, ivas nicht Spielerei, war, sondern wissenschaftlich wertvoll und genau berechnet.

In dieser Zeit hatte ich zürn erstenmal wieder Pinsel und Farben in der Hand, und ich machte reichlich Gebrauch davon. Auch die übrigen mechanischen Wunderwerke, die wir zeigten, verdankten vielfach ihr Aussehen meiner Hand. Die Männer mit den beweglichen Lippen, die lachenden Kinder, die beweglichen Augen schöner Frauen stammten alle von mir.

Ich wurde von dem Besitzer des Theaters gehütet wie ein Edelstein. Es war ihm freilich nicht schwer, denn ich hatte gar keine Ansprüche; ich zog meine Uhren auf und setzte mich still in eilte Ecke, ohne noch weiter hinzusehen. Ich. wußte, es ging alles von selbst, so wie die ganze Schöpfung

läuft, ohne daß der Herr der Welt sein Auge auftut oder seinen Finger rührt. Tannbosselte" ich wieder in meiner Werkstatt, dachte mir allerhand Schönes und Bewegliches aus und lebte so ein paar Jahre beschaulich, ruhig uiib zu­frieden, vielleicht glücklich.

Es war mir ein ganz schöner Lohn versprochen. Aber ich habe nie ausgerechnet, ob ich den ganz bekommen habe, ich hatte ja kein Geld nötig. Nur wenn ich Kleider brauchte und Schuhe und Strümpfe, ließ ich mir Geld geben, wie viel, das zählte ich nicht, so viel, als ich gerade nötig hatte. Verlumpen, auch äußerlich, wie ein Bettler aussehen, das wollte ich nicht, und so hielt ich mich ganz passabel, nur ans ein bißchen mehr oder weniger alt kam mir's nicht an.

Fast pries ich schon das Schicksal, daß ich doch noch so einen Hafen gefunden hatte. Ta kamen wir nach Mainz. Nach so vielen Jahren wieder in die Heimat, und so ganz und gar ein anderer. Zerbrochen alles, was damals, als ich auszog, Schmuck und Stütze, Wunsch und Ziel gewesen -war. Heimlich oft der Wunsch, nie wieder int Leben den Boden zu betreten, dein mein Leben entsprossen war, und doch wieder, heimlich viel und manchmal laut, die Sehn­sucht nach der Heimat. Das liegt bei uns so im Blut, wir kommen nie los davon. Gerade wie wir nie ganz unsere Sprache aufgeben; so lange wir auch fort fein' mögen, so weit auch, man hort's uns immer an. Und daun der Rhein! Es ist etwas Eigenes, das wird man nicht los, das ist überall der Maßstab. Dem Rhein vergleichen wir hält alles, und dem Rhein hält kaum etwas stand in der Welt. Wie leichtfertig und oberflächlich geradezu wir auch daheim an bett Dingen Vorbeigehen mögen, dranßen in der Fremde werden sie uns alle wichtig und wert, und dann packt es uns doppelt stark, wenn wir den Heiiüatbodeu wieder betreten.

So war's mir nun. Ich schlich herum wie ein Ster-, bender. Es war alles wieder aufgebrvchen in mir; es stand alles wieder lebendig vor mir, was mir lieb war, was mir leid war. All das Aeußerc, all das Innere, und ich hielt'S nicht mehr aus, ich mußte mein Dorf wird n.

Mein Torf! Die Wiesen, den Bach, die Wingerte an den Bergen rings, unser Häuschen, die Mühle im Tal, die Pappel am Wehr, den Friedhof! Die weiße Landstraße mit der Allee, die durch die grünen Wiesen schnitt, die Dörfer oben auf den Höhen, die herablugteu wie wach-s same Kriegsknechte! Tas stand mir jeden Augenblick von der Seele, das malte sich mir wunderbar aus. Das quälte mich. Diese Sehnsucht: noch einmal all das sehen, noch! einmal all das in sich aufnehmen! Im Sonnenschein, in der Dämmerung, in der Stille des Abends, wenn die Glocken der Dörfer auf den Höhen den Feierabend läuteten, am Morgen in der Frühe, wenn die ersten Hunde bellten und der erste Rauch aus den Schornsteinen aufstieg.

Diese Sehnsucht! Und diese Angst, das alles anders zu finden, nicht mehr so ansehen zu können, nicht mehr mit den weiten, genießenden Augen, nicht mehr mit dem vollen Herzen. Und das andere, das sich vielleicht in diesen Bil­dern versteckte, das ich nicht zu denken, mir nicht zu gei stehen wagte, und das doch das mächtigste war in mir, das in mir brannte wie Feuer, mich durstig machte zum Verschmachten: Sie!

Sie! Ihren Namen wagte ich mir nicht zu sagen. Was sie mir war, was sie mir sein könnte, wagte ich nicht im leisesten zu denken. Nicht zu denken wagte ich, daß eS mich zu ihr trieb.

Meine Heimat wollte ich noch einmal sehen, mein Torf, dem meine Jugend gehört hatte, das mir gehört hatte, da das Leben noch vor mir lag wie ein Gärten, darin wir nur zu wandeln brauchen, im Sonnenschein, zwischen! Blumen und geschmückten Beeten, und int kühlen Schatten,- und so glücklich sind ... So trieb mich's heim.

(Fortsetzung folgt.)

Trunksüchtige Tiere.

Die betrunkenen Ratten von Rochester haben unlängst in der Presse viel von sich reden gemacht. In Rochester war ein großes Whiskhlager in Braud geraten, und an den aus- laufenden Schnapsbächen hatten sich die Hafen- und Kanal­ratten der Gegend derart die Bäuche vollgesofsen, daß man sie an den folgenden Tagen zu Tausenden in vollkommen bezechtem Zustand auf den Straßen und öffentlichen Plätzen in der Nähe der Brandstätte herumtorkeln sah. Natürlich wurde von der Gafsenjugend sogleich eine große Razzia