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Samstag den 3. Juli
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Der arme Lukas.
Eine Geschichte in der Dämmerung von Wilhelm Holzamer.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.),
11. Kapitel.
®er urme Luka? hatte sich in die dunkelste Ecke feines Stübchens gestellt, als wollte er sich verbergen. Ich sah ihn nun auch wirklich nicht mehr, ich hörte nur "seine Stimme. Fast wie ein Frösteln überliess mich. Es klang alles wie aus einem Grabe, alles so traurig und doch so hart und anklagend., Ich zitterte, es war mir unheimlich. Eine Angst lag auf mir, als ob einer eine bleierne Hand aus meinen Kops gelegt hätte.
Ich war ja noch jung, ich nahm das Leben so leicht. Nun schien mir auf einmal das Leben etwas Schweres und Grausames zu sein, etwas so Großes, Forderndes, Niederstampfendes. Mir war -ganz, als fei es hinter mich getreten, gepanzert, hoch aufgerichtet, und seine Eisenfanst ruhe ans mir. Ich zitterte, und ich duckte mich und hörte dem alten Mann zu wie aus einem Bersteck.
Er sprach nun lauter als vorher. Es war, als ob er seine Stimme hören nwllte, jedes Wort noch einmal hören, seine Bitterkeit auskosten wollte. Es war, als wollte er sich mit feilten eigenen Gedanken peitschen.
,, Leben war vor- mir abgefallen," sagte er. „Ich
lerne aber weiter. Ich weiß zwar nicht, warum man das
• ?och lebt, ivenn's keinen Wert mehr hat. Es gehört wrr.liai Mut dazu, iiicht mehr zu leben. Das ist ein wunder Punkt» m mir. Ich war immer ein Schwächling, un& wie sehr ich einig mit mir geworden bin mit den Jahren, mich gesunden und mich mit dem' Leben zusainmengefunden habe, dieser ivunde Punkt blieb, und vielleicht erzähl' ich alles mm wegen diesem einen. Vielleicht will ich alles jetzt noch einmal Vvr mir sehen und erleben, um darüber hinauszu-i kommen. Ich hofse fast, es tvird mir diese Ruhe werden, die ich mir nun noch ersehne. Nicht von Schuld red' ich lind Schicksal, nur von dieser Willenlosigkeit, von diesem Kraftmangel, daß ich tmS. letzte nie vollbringen konnte. Ich b.iii nun ein alter Mann, und mein Alter tut mir nicht weh. So will ich mir selbst die Schwäche meiner Jugend an» klagen, laut und erbarmungslos, daß sie still wird-, diese Anklage, denn unser Leben ist eine Kette, da darf kein Glied fehlen. Ich will auch dieses letzte Glied mir einsetzen. Es gehört nun einmal dazu."
Er schwieg. Es ivar eine erdrückend schwere Pause. Dann wiederholte er geradezu feierlich: „Es gehört nun einmal dazu!"
Und nun war mir's wie eine Erlösung, ich fühlte mich erleichtert, ich hob den Kopf wieder und hörte ihm freier zu. Und auch in ihm mußte sich etwas befreit haben, er sprach wieder tote früher, zag und halb flüsternd:
„Sie verstehen das ja nicht, junger Freund, aber Sie
lernen's einmal verstehen, sicher, Sie leruen's auch einmal. Aenßerlich scheint ja unser Leben so verschieden, aber tuet tiefer sehen kann, der weiß, wie ähnlich es trotzdem ist. Sre glaubeu's gar nicht, wie ähnlich das Leben in uns allen ift Es ändert nur sein Aeußeres, und damit will's uns vor- einander täuschen, will's uns verstecken voreinander. . .
Das Leben war von mir abgefallen. Ich ging hinaus m dre schwarze Nacht. Hinter mir fühlte ich das Licht, das Licht aus der Stube, wo ich mit meiner Mutter oft geweint hatte. Es schien jetzt meiner zweiten Mutter, die lächeln durfte. Sie hatte den Kampf gewonnen. Wäre ich innerlich kräftig gewesen, wäre ich jetzt über die Trümmer gestiegen und wäre höher gegangen und höher gekommen, als ich vorher hätte wollen, nur hätte ahnen können. Aber ich war eine zu weiche, tatlose Natur. Ich hatte all meine Jahre nur hingeträumt. Ich gehörte zu denen, die sich dem Leben hingeben, daß es mit ihnen tue nach seinem' Sinn und Willen, daß es spiele mit ihnen. Ich gehörte zu denen, die sich keinen Weg machen, die aber hoch kommen können, wenn eine starke Hand sie-faßt, wenn sie einer führt, der die Verhältnisse um sich beherrscht, daß der Weg nicht zu sehr erschwert werde. Zu denen gehörte ich, von denen man sagt, daß sie „Glück" im Leben haben müssen, und dieses „Glück" gewährte mir das Leben nicht. Nun hatte es auch seinen letzten Trieb in mir vernichtet. Da fiel ich, da sank ich, da verlor ich mich. Da ging ich tastend wie ein Minder, da blieb ich am Wege liegen wie ein Lahmer.
Ich ging nicht mehr nach München. Ich hatte kein Ziel mehr. Es war alles in mir ausgelöscht. Ich hatte keine Fordernngeil mehr ans Leben, keine mehr an mich. Wte ich noch leben könnte, ich weiß selbst nicht mehr. Es rst eine tote Zeit in meinem Gedächtnis. Ich habe keine klare Bewugtheit von ihr. Ich habe wohl kein klares Be» wußtsein in ihr gehabt.
o Ich lief durch die Welt ohne Zweck und Ziel und Willen. Ich sank von Stufe zu Stufe. Es ist unglaublich, wie rasch das beim Menschen geht. Das ist ein Schrittchen, und er ist unten, offenkundig unten, gleich für jedermann, Es ist, als sei ihm ein Mal ausgebrannt worden. Ganz sicher, etwas ist, das zeichnet einen; das ist unverdeckbar. Nicht Kleider, nicht Manieren verdecken das, und der fiinpelste Mensch hat ein Ange dafür.
Am liebsten hielt ich mich noch bei den Bauern auf, weil ich da in der freien Natur fein konnte. Und weil es da für einen, wie ich war, am sichersten ist. Der Bauer hat feine eigene Welt fest begrenzt, er läßt nichts ein und ans und hält alles fertig und ganz. Da verliert man das ewige Hangen und Bangen, da reckt und streckt man sich nicht mehr, da lebt man sich ein ins Kleine, das ein ganzes Stück bleibt. Immer ein ganzes. Ich verkehrte freilich mit keinem Menschen. Ich erzählte nichts, ich fragte nichts, nur mit den Tieren sprach ich und mit den Pflanzen.
Da war das Unkraut, das ich ausjäten hals. Warum war's Unkraut? Und nebenan wuchs die Nutzpflanze! Wa-


