Ausgabe 
3.6.1909
 
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Redaktion: K. Neuratb. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießer».

seine Abberufung zu bitten. In einer Dezeinbernacht nahm der Oberst in einem kleinen Blockhaus am Rande des Lagers Quartier, um 'ben unsichtbaren Feind zu erwarten. Und er kam.Ich hörte das Brechen von Zweigen, das Rauschen der Schlingpflanzen in nächster Nähe und ich hatte das Gefühl, daß die Bestie mich umkreiste. Ich sah nichts, aber ich hörte das Geräusch im Walde, bald hier, bald dort. Nur >ver in ähnlicher Lage tvar, kennt diese verzweifelte Nervenanspannung, wenn man einen todbringen­den Feind in nächster Nähe weiß und ihn doch nicht sehen kann. Plötzlich ivar es mir, als gewahrte ich einige Meter von mit zwei blinkende Punkte, und dann sah ich dunkle, sich bewegende Formen. War es eine Halluzination? War es Wirklichkeit? ... Ich legte den Karabiner au und zog den Drücker . . . Ein furchtbares Gebrüll antwortete. Es war der Löwe! Der Boden zitterte unter den wilden Sprüngen und dem heiseren Brüllen, das sich immer mehr entfernte und schließlich verstummte. Im nahen Kamp ertönten Freudenschreie und wuchsen zu jubelndem Triumph. Aber erst am Morgen wagte man sich zu nähern. Die Bestie war tot. Die Kugel war durch die linke Schulter ein­gedrungen. Der Löwe hatte eine Länge von 3'/2 Metern und zehn Arbeiter waren nötig, ihn zu tragen. Ans dem prächtigen Fell sah man noch die Spuren der Verletzungen, die unser Stacheldraht ihm beigebracht hatte, wenn er nachts die Umzäunung durchschlich." Vier Tage später wurde auch die Löwin, fast an der gleichen Stelle, erlegt. Es war ein heißer Kampf; erst nach sechs Kugeln wich das-Leben aus ihrem machtvollen Körper,

vermischtes.

' V i k t o r H u g o b e i m K o r r e k t u r l e s e n. Gustav Simon erzählt in derRevue", in welcher gründlichen Weise Viktor Hugo den RomanLes Miserables", den er stir 300,000 Fr. an die belgischen Verleger Lacroix und Verboekhovcn verknust hatte, für den Druck vorbereitete. Die Bücher sollten gleichzeitig in Paris und in Brüssel veröffentlicht werden, und Hugo ivollte die Korrekturen selbst lesen. Lacroix hätte ihm gern die undankbare Aufgabe er­spart, aber der Dichter ließ nicht mit sich reden, und so geschah es, daß die Bürstenabzüge den Weg von Brüssel nach Guerusp, wo Hugo als Verbannter lebte, oft zwei- oder dreimal zurücklegen mußten. Nicht selten verlangte der Dichter wegen eines einzigen fortgelassenen Kommas einen neuen Probeabzug. Auf die berufsmäßigen Korrektoren war er nicht gut zu sprechen.So oft vor eineinet" em Komma steht", sagt er.streicht der Korrektor es fort; der gute Manu weiß eben nicht, daß oft auch vor einem Bindewort ein Komina stehen muß." Ein anderutal griff er die Grammatiker amStattbvets (Kornblumen), schrieb er,muß esblenetS" heißen. Mail kuminre sich nicht um Wörterbücher, denn diese sind nur für Esel da

* Er braucht nicht kommen. Allenthalben greift eine sprachliche Neuerung immer mehr um sich, der man entgegcntreten sollte. Nach alter, guter Regel wirdbrauchen" nicht wiedurien^ müssen, können, sollen" ufiv. mit der bloßen Nennform ohnezu verbunben, unb bnit cilio nicht heißen: er drnucht nicht t'onnnen, er braucht sich nicht scheiten usw., wie man jetzt so häufig liest tlnS hört Diesen Mißbrauch inacht auch nicht der Umstand zu einem entschuldbareii Brauche, daß er sich schon in Romane einnistet, wo man z. B. lesen tarnt:Ich brauche doch nicht Gerhard sagen, ich sage Gerti." Das Gefühl, daß es unstatthaft ist, daszu" aus­zulassen, hat wohl auch der Verfasser folgendes Satzes gehabt: Sie braiicht nicht einmal selber ihr Zimmer aufräumen und weder das Bett der Herrin noch ihr eigenes zu machen." Allein machen" hier zu sagen, ohnezu", das schien selbst dem doch zu gewagt zu Hingen, der eS beiatlfräumen" ohne Bedenken weglteß. Jedenfalls sollte diese Weglassung deszu" beibrauchen" m der Schriftsprache nur da geduldet werden, wo man sie schon seit alters um des Wohllauts willen kennt, näntlich da, ivobrauchen" selbst mitzu" verbundeii ist, z. B.Ohne eine Entdeckmtg befürchten zu brauchen." Int übrigen tst es aber besser, daszu" 51t fetzen; denn Was ich tticht tim brauche" tt. ä. ist zwar angeglichen anWas ich nicht tun darf, soll usw.", aber es macht doch den Eindruck der Nachlässigkeit, des Sichgehenlassens, und das sollte in der Schrist- spräche vermiedett werden.

werden fürchtend. Und er sand auch eine Stelle und blieb, bis er einrücken" mußte. ,, .

So war er frei geworden. Er arbeitete mit Pflug und Hacke, unermüdlich, und atmete auf. Er befreite sich. , , , _ A

Manchmal zerrte es ja in ihm, so gering zu sein und unbeachtet. Aber er sprach sich Mut und Hoffnung zu. Geduld und Ausdauer, sagte er sich. Er lvürdc schonhinaus" kommen. Langsam tn sich und dann auch vor den Menschen. .

Und er hatte ja auch ein wenig Glück dabei. Wenigstens war s ein Glück zu nennen, daß er an den Grafen gekommen lvar.

(Fortsetzung folgt.)

Die Löwenplage in Uganda.

Bon den Gefahren des löwenreichen Landes, das Roosevelt auf seiner Jagdexpedition jetzt durchqueren wird, gibt Stephane Lanzanne imMatin" eine lebendige Schilderung. Er stützt sich dabei aus den Bericht des leitenden Ingenieurs am Bau der Ugaudabahn Colonel Patterson, der seinerzeit die Leitung der Arbeiten übernahm, als die Fortsetzung des Baues ins Stocken geriet, weil die Löwen unter den Bahnarbeitern furchtbare Ver- heerungen anrichteten. Aus der Reise zu seinem neuen Arbeits­felde traf Colonel Patterson am Fuße des Kilimandscharo euten heimkehrenden Kollegen.Wie stehts mit den Arbeiten?" Schlecht."Warum?"Weil die Löwen sich dem Bahnbau entgegenstellen." Patterson lächelte überlegen und mtglättbig. Aber als er in Tsapo, dem Endpunkt des Schienenstranges, eintraf, verlor er sein Lächeln. Die Arbeiterschaft war in un­beschreiblicher Aufregung; überall Schrecken, überall Furcht und Entsetzen. Schweigend führte man den neuen Ingenieur in den Busch. Auf einer kleinen Lichtung war der trockene Boden blut- gefärbt. Unb von bem roten Grunde hoben sich bleiche Knochen­reste ab. Einige Schritte weiter, am Rande der Lichtung, lag ein fast völlig intakter Menschenkopf. Die Augen waren weit geöffnet, das Grauen schien noch in ihnen zu wohnen und die Lippen waren noch verzerrt von einem letzten gellenden Todes­schrei. Noch träufelten ans den zerrissenen Adern am Halsstumpfe einige letzte Tropfen dicken schwarzen Blutes. Die Kulis er­zählten dann die Tragödie. Am Abend vorher hakte der Löwe fein Opfer aus dem Kamp geholt unb hierhin geschleppt. Nur einen Schrei hatte man gehört, einen Todesschrei, und dann das knirschende Brechen von Knochen. Niemand wagte sich in bas Gebüsch. Der Getötete war bas siebzehnte Opfer im Laufe von vierzehn Tagen. Der neue Ingenieur versuchte die Arbeiter zu beruhigen. Der Kamp warb mit hohen Pallisaden umzäunt, Drahtnetze gezogen und allnächtlich mit dem Anfglimmen der Lagerfeuer ertönten weithin hallend die dumpfen Schläge des Gongs. Rings um bas Lager aber patrouillierten bewaffnete Wächter. Zwei Tage später holte ber Löwe einen der Wächter. Unhörbar war er herangeschlichen, bas unglückliche Opfer hatte keine Zeit, von seinen Waffen Gebrauch zu machen. Man fanb .ihn einige hundert Meter vom Kamp, nur noch ein Haufen von Knochenresten, unter ihnen die Hanb, die noch krampfhaft ben Revolver umspannte. Noch grauenvoller war bas Enbe eines armen Wasserträgers. Er hatte im Zelte geschlafen, den Kopf in ber Mitte des Zeltes, die Füße gegen ben Rand zu. Mit bem Dunkel kam ber Löwe. Er umstrich das Zelt, er suchte einen Eingang, aber alles war sorgsam verbarrikadiert. Da packt die Bestie den Fuß des Schläfers, ber ben Zeltrand streift, ein Ruck, der Schläfer erwacht und ein markerschütterndes Schmerzensgeheul klingt durch die Nacht. Mit den Händen hat der Wasserträger die Stützen des Zeltes ergriffen. Der Löwe zerrt, er sieht, baß er sein Opfer nicht sofort znm Schiveigen bringt, unb nun ent­steht ein kurzer, gräßlicher Kampf. In ben Schenkeln bes Un­glücklichen wühlen die Tatzen des Raubtieres, Sehnen werden zerrissen, brechende Knochen knirschen: nach wenigen Sekunden hat der Löwe bas Bein vom Rumpfe gerissen und schleppt es in die Dunkelheit. Einige Stunden später ist ber Wasserträger eine Leiche. Es war das siebennnbzwanzigste Opfer des Löwen. Umsonst versuchte Colonel Patterson, das blutgierige Raubtier zu überlisten, das 500 Menschen hinderte, ihr Werk fortzusetzen. Man konstruierte große Fangeisen, nachts wurden blökende Schafe gefesselt, an ben Raub bes Gebüsches gebracht, aber der Löwe verschmähte die Köder. Tagaus, tagein holte er sich sein Opfer unter ben Arbeitern, bie an ber Strecke beschäftigt waren. Nach zwei Monaten waren vierzig Menschen bem Raubtier zum Opfer gefallen. Die Arbeiter weigerten sich, am Platze zu bleiben. Schon hatten zweihunbert von ihnen einen Zug aufgehalten und den Maschinisten gezwungen, sie aus dem Bereiche des Löwen zu bringen. Die indischen Kulis verlangten ihre Heimsendung. Das tvar der Generalstreik, und Patterson war im Begriff, um

Ergänzuttgsrätsel.

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M.. .e.sch .n. Ti.r;

. u. . i.. § . a. [. f. l.. n: M..l.i. in.. d..l Auslösung in nächster Nummer:

Auflösung bes Rösselsprungs in voriger Nummer: Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden, Es blüht das fernste, tiefste Tal: Nun, armes Herz, vergiß die Qual!

Nun muß sich alles, alles wenden. L. Uhland.