Ausgabe 
3.6.1909
 
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Regulateur an der Wand oder wenigstens knallte er schon init dem Revolver.

Ter Ochsenwirt hatte so noch einmal am Sonntag ein voll­besetztes Lokal und das Haustiolt Disput", wobei er tapfer ausschenken konnte. Er hattefeinen Schnitt" bereits gemacht. Ja, das Geschäft muss man verstehen!" Er hatte beinahe die Preise schon wieder verdient. Tenn wieder waren sie gekommen, von Latzenbach und Werden, von Bellenbach und Sundsbach, ja von Hatzbach, von Werlau und Buchenau sogar. Es war jawas Unerhörtes", kaum zu glauben. So hohe Preise!

Man hattedas Kreisblättchen" dreimal durchstudiert und jedem! Schellen genau zugehört, ob es nicht wieder eine Ver­schiebung gegeben habe. Keiner hatte was davon gelesen, aus­geschellt Unir'S auch nicht worden. Tas Preiskegeln fand also statt.Sonntag nachmittag von 3 Uhr ab."

Schon am Sonntagmorgen giug's beim Ochsenwirt hoch her. Ich wett' en Humpe".ich e Fäßche"der krickt die Uhr der krickt se!" i

Halt die Meiler!" sagte der Schusteranton.De Hann- philipp von Garnbach hot uoch all die Preiskegele rundherum gewänne, der krickt nach die Uhr diesmal do will ich eich mein Kopp verwette. Un ich were den Regulateur krieje, daß er meiner Fraa als die Stunne schläigt, wann ich owends hocke bleib" fügte er hinzu. Es war noch kein rechter Witz, wie sie der Schusteranton sonst machte, aber er hatte auch noch nicht unnerm! Dach".

Schlag drei Uhr warf dann Peter Knoll eine Kugel in die Vollen. Tamit eröffnete er das Preiskegeln. Und dann begann die Reihe. Auf jeden Einsatz drei Kugeln, die erste in die Vollen. Ter Polizeidiener nnd der Lehrer führten die Liste. Die waren unparteiisch.

Anfangs giug's' still her. Nur bei einem guten' Wurf ein kurzes Hal loh. Tann ruhig die Reihe weiter. Der Lehrer rief die Namen und bestimmte! die Kugeln, der Polizeidiener rief die Würfe.

Gegen vier Uhr kamen die Burschen aus Buchenau. Sie kamen alle auf einmal, während sich die Gäste aus den anderen Ortschaften vereinzelt, zu zweien oder dreien, eingefunden hatten.

Bei den Buchenauern war derJean". Der genoß ein ganz besonderes Ansehen. Der Jean würde in der Gegend mir mit seinem Vornamen genannt. Höchstens hieß er auch nochder Herr Ober"', Er war nicht in der Gegend geboren, er war ein Rheinhesse. Er war nut dein Grafenherüber" ge­kommen, als dieser vom Militär kam. Er war sein Bursche gewesen bei der Artillerie hatten sie gedient und der Jean hatte deut Grafen gefallen. Und der Jean war auch gerne mit ihm gegangen. Während des Manövers hatte er mal im Odenwald gelegen, und da hatte es ihm gefallen: der Wald, die Berge! Seit ztvei Jahren etwa war er nun der Oberknecht auf dem Gute des Grafen. So hatte er sich in die Höhe geschafft.

Und er war auch ganz der Kerl dazus. Schöner war keiner weit und breit. Und keiner stolzer.

Und gut Ivar er. Er sorgte für seine Knechte; was sie ihm! klagten, vertrat er beim Grafen. Und er forderte auch nicht zu viel von ihnen, keine Arbeit, die er nicht selbst tat. Er tat allen voraus.

Er hatte die schönsten Pferde. Die Schimmel hatte er sich genommen. Und iuie_ sauber waren sie immer, wie glänzten sie. Er tat alles selbst, er lies; nichts tun, so leicht er das! gekonnt hätte. Der Jean hielt sich stramm. Man mußte ihn fahren sehen, um: ihn zu bewundern. Er stand immer auf seinem Wagen. Und man mußte den Jean gehen sehen, um zu wissen, daß er einAnderer" war. Er hatte nicht den schweren, tappenden Gang der Gebirgler, er schritt rasch, gerade, kerzengerade mit gehobener Brust. Er stieß nie an, er stolperte nie. In seinem Tritt war Tempo. Aber auch Krast und noch Mehr Selbstbewußtsein lag darin.

Ter Gutsverwalter, in seinem besten Staat, sah neben dem Jean wie ein gewöhnlicher Knecht aus. Der Jean hätte der Graf selbst fein können. Er hatte Augen, die förmlich glühten, die alles festhielten, die alles lenkten. Wenn er über den Hof schritt, entging ihm nichts, wenn er über die Straße ging, war's, als ginge er allein. Er war kein Diener und kein Ducker. Ter Jean war ein Herr. »

Er war Knecht, aber wem siel das ein! Niemand dachte daran. Er war's am Gesindetisch und da saß er oben!> sonst war er's nie. Er war derOber". UnserOber" sagten die Kiiechte und die Mägdeder Gutsober" hieß er in Buchenau.

~te Mägde waren sämtlich in ihn verschossen, die Mädchen von Buchenau träumten von ihm. Er hätte sie billig wie Wecken haben können, die armen wie die reichen. Er wollte keine. Er hatte keiner Magd noch einen verlangenden Blick zngeworsen, wie er sie auch schon gesehen hatte. Und nichts hatte bei ihm verfangen, wie's auch Manche schon angelegt hatte. Kein Mädchen von Buchenau konnte sich seiner Gunst rühmen, er sah jede so stolz und unbefangen: mit seinen scharfen Augen an, als seien sie alle gleich schön, oder gleich häßlich. Mle waren sie ih'ist gleichgültig.

Man sagte darum, er habe einen Schätz'überm Rhein", dem fei er treu.

Außerdem man mußte den Jean noch am Sonntag sehen, wenn er im Wirtshaus war. Da war er vornehm. Da rüpelte er nicht, da schrie er nichts Er saß vor seinem Bier und hörtü zu, gerade als gehöre er nicht zu den Sentern, als fei er nur zufällig unter sie geraten und suche auf gute Art mit ihnen aus- zukommen. Als sei er andere Gesellschaft gewöhnt. Und wick- sich, der Schullehrer setzte sich zu ihm, der Bahuassisteut und der Postassisteut, der Gutsverwalter und der Eenuindeschreiber. Er war ihnen derOber", und man brauchte sich nicht zu schämen mit ihm. Er sprach, was er verstand, und was er nicht verstand, redete er nicht. Hatte er sich aber eine Meinung gebildet, vertrat er sie mit Wärmes So jüngst, als die Hubuerslies mit ihrem Kind in den Grasenteich gegangen war. Alle verurteilten sie wegen des Kindes und wegen des Selbstmordes. Ter Jean allein tat's nicht. Er sprach für sie er entschuldigte nicht, er erklärte nur.Leid ist mir für die arme Lies, was soll ich sie verdammen! Tas Kind ich kauu's schon verstehen, wie das Mädel vertraute und fiel. Sie hat den Franz wohl gern! gehabt und das kann was heißen bei einem jungen, feurigen! Ding und daß sie, wie alles so auSging und zu Ende ging, verzweifelte, ich kaun's schon verstehen. Ta sind die Mensche« alle so gut und haben nie einen Fehler gemacht und Wersen darauf, als ob sie dazu bestellt seien. Aber helfen, helfen!- gibt» nicht. Tie Menschen haben da immer Mitschuld, und ein gut Teil, gerade dieguten", die das Maul so voll nehmen, und diestrengen", die so harte Augen, so verächtliche Blicke haben. Weh tun wer nicht weiß, was weh tun heißt, der soll da nicht richten, das ist meine Meinung", schloß er. Und er war sogar ein wenig hitzig dabei geworden, ganz gegen feine Art.

Und als der Schullehrer und der Gemeindeschreiber abends! noch ein Stück zusammen gingen atif dem gleichen Heimweg, da meinte der Lehrer:Was derHerr Ober" da gesagt hat es ging an mich. Tas steht nicht im Katechismus das kommt ans dem Herzen. Ter muß schon was erlebt haben, derHerr Ober". Mir ist das heut abend einHefalleu, so was kann Man nur erleben. Ter trägt was in sich herum, kommt's mir jetzt vor. Aber ich hab Respekt. Ich hab Respekt."

Manche sagten, der Jean fei selbst ein Grafensohn. Andere,' aber behaupteten und das waren ein paar, die mit ihm beim Militär waren er sei das uneheliche Kind einer Schauspielerin. Man erzählte sich das im ganzen Torf. Aber es schadete dorn Jean nicht. Er war einer von den Menschen, die nteilt nicht nach Stellung, nach Herkunft und Anhang beurteilt, die man als sch selbst nimmt und nach dem Werte schätzt, der in ihrem Benehmen, ihrem Tun, ihren Leistungen, ihrer Art, eben in ihrer Persönlich­keit in die Erscheinung tritt. Tarnt Ivar er ein Glücklicher.

Was aber seine Herknnst anbetrifft, so war er wirklich der Sohn einer Schauspielerin, in wilder Ehe geboren, als seine Mutten dieDirektriee" einer Schmiere war. Und er hatte ein Schicksal, er hattewas erlebt". Als Kind hatte er schon auf der Bühne: gestanden. Als Kind schon hatte er gehungert, hatte er stehlen! müssen, und ost war gerade er's gewesen, den man geschickt benutzt: hatte, die vielen Gläubiger, die's an jedem Orte rasch gab, tötet ihr Karren hielt, hinters Licht zu sühreu.

Und welches Leben halte gerade er gehabt bei dem Vater, demDirektor". Manchmal sielen ihm die hübschen Titel ein, die ihm' der Vater beigelegt hatte. Tann knirschte er. Aber weinen Hütt' er mögen, wenn et an all die Gemeinheiten und Lüderlich- f eiten dachte, die er hatte au sehen müssen. Wozu hatte diö 9iot nur seine Mutter ost gezwungen! Er schämte sich heute noch. Eine Blutwelle stieg ihm jedesmal heiß ins Gesicht.

Da hatte eo Verachtung und Verzeihung gelernt. Tenn er hatte sie in Berzweislung gesehen, wildfeindlich gegen sich selbst, erstickend vor Ekel vor Haß und Scham. Da hatte er daZ Mitleid gelernt.

Früh war er reif geworden. Tas Schicksal hatte, ihn in diä Lehre genommen. Es hatte ihm die Jugend vergiftet, denn es hatte seinen Kinderaugen das Leben gezeigt, in seiner Härte und seinem Schmutz, in seinen Abgründen, Lockungen und Falsch-- heiten.

Da ward er in sich selbst zurückgeschreckt. Er fühlte sich als Gegner zum Leben, zu all seinen Reizen und Genüssen.

Sein! Wille ward so geweckt. Dem Leben einen besseren Wert! schrie's in ihm.

Er hielt sich allein. Er war errtst. Er ward sroh im Freie«, befreit und gesund in der Natur draußen, wenn er im Grase lag, wenn er die Straße hinwanderte, wenn er die Vögel singeir hörte, die Blumen blühen sah und die Bäume Früchte tragen. Ten Bauer liebte er, der den Acker bestellte, und er hätte einen Tag» lang zusehen können, wie sein Pflug durch den Boden schnitt.

So hatte ihn fein Schicksal geformt.

Gering war er, aber so jung er noch war, er hatte sich nicht tzerabziehen lassen. Er hatte einen Stolz in sich und eine starkes Sicherheit. Und das wußte er: Klagen und Sehnen konntest ihmj nicht helfen, es galt eine Tat.

Er war fiebenzehu geworden, und eines Tag s wüßte er, waS et tun müßte. Eine ekelhafte Szene zu Hause hatte ihn zum Entschluß gebrächt. Ganz plötzlich wars ihm eingefallen: er wollte ein Bauer Werden. Morgen wollte feine Gesellschaft weiter» ziehen. Am Abend ging er. Ohne 'Abschied, gleichsam ein Wankend»