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Bau stützte den Kopf in die Hand, wie jemand, der Kopfschmerzen hat oder schwer nachdenkt. „Meine Tochter," murmelte er.
In der Stalltür erschien wieder der Knecht. „Uns' Herr" . . .
„Fahrt man allein los. Aber ladet nicht zn voll," rief der Bauer, dann wandte er sich an Mels. „Wie heißt meine Tochter?"
„Janne."
„Janne." Ein schmerzliches Lächeln zuckte um Jans Mund.
Frauke faß noch immer bleich und starr.
„Tine hat Sie hergeschickt?" fragte sie.
„Ja, Tine hat mich geschickt. Sie möchte Jan gern noch mal sehen."
„Hole sie, Jan," murmelte das blasse Weib fast unhörbar, „sie hat ältere Rechte."
„Warum kam sie denn nicht?" fragte Jan. „Mein Haus stand ihr immer offen."
„Sie hat die Schwindsucht. Sie wird es wohl nicht lange mehr machen. Der Doktor sagte, sie würde den September nicht mehr erleben."
Jan war blaß geworden. Stumm, aufs tiefste erschüttert, .sah er vor sich nieder. Frauke rannen die Tränen, eine nach der anderen, über die Wangen, und sie vergaß, sie abzutrocknen.
„Hat sie da schon immer gewohnt in Hellingstedt?" fragte Jan.
„Nein, sie ist die meiste Zeit in Hamburg gewesen."
Jan seufzte tief auf. „So nahe, so nahe, und ich ahnte es nicht."
Eine Pause entstand. Alle drei sahen still und bedrückt vor sich hin. Das Rollen des Wagens die Trift entlang lvar längst verklungen.
Niels unterbrach das Schweigen. „Sie wartet auf dich, Jan."
. komme!" rief Jan und sprang auf. Da flog sein Blick zum Fenster. „Was mache ich bloß," sagte er verzweifelt, „das Heu steht noch alles vor dem Einfahren. Die Leute sind auf der Fenne. Wenn es ein Gewitter gibt, ist meine ganze Ernte hin."
Frauke Steffens hob ihre tränenfeuchten Wimpern. Ihre alte Energie kehrte zurück.
„Du kannst nicht fahren heute," sagte sie, „die Leute betrinken sich; ohne Herr ist kein Verlaß aus sie."
„Wer wenn Tine sterben sollte, ohne daß ich sie wieder- gesehen hätte, ich könnte meines Lebens nie wieder froh ..werden."
. „Heute und morgen wird sie wohl noch nicht sterben," meinte Niels, „es geht langsam bergab mit ihr."
„Dann fahre ich mit Niels," schlug Frauke vor. „Ich schreibe dir dann gleich, wie es steht, und wenn es not tut, telegraphiere ich. Mich könnt ihr hier entbehren. Die Außendeern kann schon mal einen Mehlbeutel oder Rauchfleisch mit Senfsauce kochen. Sollte sie nicht allein fertig werden, kann sie die Waschstina zuhilfenehmen."
„Ja, das geht," meinte Niels..
Jan sah ihr dankbar in die Augen. „Ja, Frauke, reise in Gottes Namen, du wirst schon das Nichtige treffen."
„Nun gut," sagte Franke, „ich will mich zurechtmachen und für das Essen sorgen; nach dem Mittag gehen wir."
*
Frauke Steffens trat an Tine Thomsens Krankenlager. Wenn sie nicht gewußt hätte, daß es Ttne wäre, die dort auf dem sauberen, rot- und ioeißkarierten Kissen lag, sie hätte sie nicht wiedererkannt. Entsetzlich bleich sah Tine Uns, ihr Haar war silberfarbig geworden, nur. ihre Augen waren groß und leuchtend wie immer.
Leise setzte sich Frauke auf die Bettkante. Sie strich ihr das Kissen glatt, sie beugte sich tief über sie, sobald die Kranke nur ein wenig die Lippen öffnete.
Sie konnte beit stolzen Nacken so tief beugen. Sie konnte die Helle Stimme zu einem so sanften Tone dämpfen. Ihre klaren, Hellen Augen konnten so sanft und liebevoll blicken.
Merkwürdig, Tine empfand nicht ntehr die Scheu vor ryr, die sie einst vor dem stolzen, klugen Mädchen gehabt hatte Es war ihr, als wäre einx liebe, alte Freundin zu ihr gekoinmen. Die beiden verstanden sich so gut, als hätten nie viele Jähre, viele Meilen und viel Leid zwischen Hnen gelegen.
„Das ist meine Mutter," sagte Tüte und deutete auf Lrese, die alle Augenblicke mit einer Kumme Suppe, einer Tasse Haferschleim oder einem weichgekochten Ei hereinkam und Tine am liebsten totgefüttert hätte. Franke verstand was das heißen sollte: ineine Mutter. Nach, der wirklichen Mutter fühlte sie kein Verlangen.
Als Janne ins Stornier trat, sah Frauke sofort an der Ähnlichkeit mit Jan, wen sie vor sich hatte.
„Sie sieht dir ähnlich, nicht wahr?" fragte Tine.
Da empfand Frauke, wie hoch sie in den Augen der totkranken Frau stand, dieser Frau, die allein berufen war, sie zu richten. Ein Gefühl der Scham, wie sie es nie empfunden, beschlich sie. Als sie aber noch immer Tines fragende Augen auf sich gerichtet sah, sprach sie: „Ja, sie sieht mir ähnlich; sie ist bloß noch viel hübscher als ich."
„Sie hat einen Bräutigam, Mars Harbek von Harbeks- hof," sagte Tine, und sie winkte Janne mit den Augen, daß sie etwas von ihm erzähle.
Janne erzählte stockend mit heißen Wangen, und die Mutter hörte mit seligem Lächeln zu.
„Ich muß aber noch ein Jähr die Milchwirtschaft lernen," sagte Janne wichtig, „eher gibt es seine Mutter nicht zu."
„Dann kannst du mit mir nach Spätinghof kommen; ich will dir alles schön zeigen."
In Tines Antlitz gruben, sich Angstfalten.
„Nein, nein," flüsterte sie, „nicht nach der Marsch, da ist es so kält."
Frauke sah sie an und begriff, daß sie nicht die äußer- liche Kälte meinte, sondern die innerliche, die von den Herzen der Menschen ausströmte. Sie begriff es, weil sic selber seit Jahren unter dieser Kälte litt. Aber bei ihr war es dennoch etwas anderes: die Marsch war ihre Heimat. Sie konnte sich nicht von ihr trennen.
„Ja," sagte sie. „Mit der Marsch geht es einem wie mit einem stillen, wortkargen Menschen; man muß sie erst ganz genau kennen lernen, wenn man sie liebgeivinnen soll."
„Wann kommt Jan?" fragte die Kranke.
„Morgeu,oder übermorgen, er kommt ganz, bestimmt." (Fortsetzung folgt.)
Der Heid.
Von Wilhelm Holzanter
Der Ochsenwirt zu Schafbach hatte ein Preiskegeln ausgeschrieben. „Erster Preis: eine goldene Uhr, zweiter Preis: ein Negulateur, dritter Preis: ein Revolver."
Er hatte damit die ganze Gegend in Aufruhr gebracht. SÄ hohe Preise, das war ja unerhört! Allerdings war auch der Einsatz ziemlich hoch. Aber bas war ja natürlich.
Ter Ochsenwirt lachte sich ins Fäustchen. . Er hatte es gut gemacht diesmal. Tie ganze Woche !var sein Lokal jeden Abend gestopft voll. Jeder wollte die Preise sehen. Es war ja nicht zu glauben, so hohe Preise! Und erst am Sonntag! Ta war's ein Geschäft! Von Latzcnbach kamen sic, von Werden, von Bellen- bach, von Sundsbach, ja von Hatzbach, ganz drüben hinterm Gebirge, und von Weilau und Buchenau, ganz drunten im Tal, fünf, sechs Stunden Wegs.
Er hatte es dem Sternwirt zum Aerger getan. Darüber konnte der nicht. Es war für die Pfingstmufik, die der ihm abgespannt hatte.
„Dem hewwe mer entöl — ha, ha, ha! — E Schoppe noch, Hannes? — int Sie auch noch an. Herr Nochbcr? — Na — un sein Se de Sunndag auch bebet? — Tiie schön guldenigl Uhr! — Ts gucke Se nor emol! — - — — Prost! Sekütmms Ihne!"
Es war erst Mittwoch heut, aber der Ochsenwirt animierte schon tüchtig. Er war ein Geschäftsmann. „Wann mer Wert es, mich mer Wert sein!" war sein Wort. Und darin lag ihm alte Klugheit und Geschicklichkeit, alle List nnd Verschmitztheit als Recht und Sinn des Lebens.
Eins war dumm, daß ihm jetzt grad — es war am Donnerstag nachmittag — seine „Alte" ins Kindbett kommen mußt?. — Wer, Deiwel, sollte die Arbeit all schassen aM Sonntag! Ta hieß es Beine machen, — unter Umständen auch Fäuste, Vor allen Tingen aber: Hand zn und Angen auf?
Aber der Peter Knoll war ein Geschäftsmann. „Wann mer Wert ss, muß mer Wert sein!" • i
_ Er ließ ausschellen und ins „Kreisblättchen" setzen, daß das Kegeln auf den Sonntag darauf verschoben sei — „auf Wunsch vieler Kegler aus Schafbach und Umgegend" — und daß die Preise im großen Saal „zum Ochsen" ausgestellt blieben.
Das gab Aerger. Tas vermehrte aber auch die Hitze. Jeder war letzt ungeduldig. Ter Ochsenwirt wußte das, er verstand fein Geschäft. Er kannte aber auch seine Leute. Jeder hatte ja ut Gedanken schon die goldene Uhr in der Tasche — oder den


