Ausgabe 
3.6.1909
 
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Donnerstag den 5. Juni

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Spätinghof.

Roman von K. v. d- EideU?

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

17.

lieber Spätinghof brannte die Augustsonne. Es war Erntezeit. Ein Wagen voll duftenden Heues nach dem andern kam langsam die Trift heraus zur Einfahrt hinein. Wenn dann ein halbes Dutzend Fuder hineingeschafft und «auf den Boden verstaut waren, kamen Knechte, Mägde und Arbeitsleute heruuter, setzten sich um beit langen Tisch auf der Vorderdiele und taten sich an Schwarzbrot, Speck und Käse eine Güte. Hierzu gab es Kaffee mit gutem Rahm, und die Schnapsflasche ging von Hand zu Hand.

Soeben waren die Leute wieder hinausgegangen, um anzujpannen; nur der Hausherr gönnte sich noch einen Augenblick der Ruhe. Er noch an seinem Butterbrot. Er konnte nicht so rasch schlingen wie die Leute. Inzwischen trat er auch einmal ans Dielenfenster und sah nach dem westlichen Himmel, wo drohende Gewitterwolken aufstiegen. Frauke Steffens war in der ihr eigenen Ruhe damit be­schäftigt, den Tisch aufzuräumen.

Sie sah ernst aus, wie es in den letzten Jahren fast immer der Fall war. Ein strenger Zug lagerte um ihren Mund, aber ihre Augen blickten klar, sie trug den Kopf frei und stolz.

Es wird Zeit, es wird die höchste Zeit, daß das Heu hereinkommt," sagte Jan, als er vom Fenster zurückkehrte. Wenn es erst eine Regenzeit gibt, dann ist von den Spätiugs nichts mehr zu holen; dann rottet das Heu."

Frauke nickte.Ja, es liegt Gewitter in der Luft."

Sie sprachen ernst und vernünftig miteinander, wie ein altes Jubelpaar. Kein Ton von der früheren Schelmerei, keine Spur von Zärtlichkeit klang aus ihren Worten.

Jan stand schon wieder am Fenster. Er sah nicht mehr nach den Wolken, er lugte scharf über den .Hof.Wer kommt da? Ist es Nachbar Nissen? Nein, es ist Pe Harm, sein Knecht, oder? . . . Nanu, ich muß ihn doch kennen! Wahrhaftig, es ist Niels Sönksen aus Ramstedt; ich habe ihu lange nicht gesehen."

Niels Sönksen trat ein. Frauke blickte flüchtig auf. Als sie sah, daß es ein einfacher Mann war, kümmerte sie sich nicht weiter um ihn. Er hatte jedenfalls irgend ein geringfügiges Anliegen. Wenn er nur den Bauern nicht allzulange von seiner Arbeit abhielt.

Du kennst mich wohl nicht mehr, Jan Thomsen?" fragte Niels etwas verlegen.

Doch, doch, Niels, ich kannte dich gleich, als du über die Werfte kamst. Du siehst noch, ebenso aus wie früher!"

Na, ein bißchen älter bin ich geworden, Jan. Dein Hof rst aber fein iiststaude,.Jan."

Jan lächelte.Du kannst helfen; wir sind beim Heu- fahren."

Ja, wenn das so leicht wäre." Stiels drehte seine Mutze, er wußte nicht, wie er seine Botschaft auf eine gute Art anbringen sollte.

Jan nötigte ihn zum Sitzen.Frauke, schenk' doch mal 'nen Schnaps ein. Lang' bei, Niels, da ist Brot und hier Kümmelkäse. Genier' dich nicht. Wir haben als Jungens doch manches liebe Mal von einem Butterbrot abgebissen."

Niels zögerte noch. Frauke schob ihm schweigend Butter und Käse zu.Na ja," meinte Niels,ich habe ja eine gute Tour hinter mir. Zuerst zwei Stunden mit der Post bis Heide, dann die Bahnfahrt bis Husum und nun noch eine Stunde bis hierher. ES ist eine ordentliche Reise."

So bist du noch in Dithmarschen?" fragte Jan, wäh­rend er sich die Pfeife stopfte.

Ja, da bin ich noch immer."

Der Knecht erschien in der Stalltür.

Bauer, wir fahren gleich los."

Gut, ich komme gleich," rief Jau.

Na, dann hattest du wohl hier in der Gegend zu tun?'" fragte Jan weiter, um endlich zum Ziel zu kommen.

Ja, 'ich wollte doch mal sehen, wie es dir geht."

So, na man. Trink' noch einen Schnaps, ich muß wieder 'raus nach dem Heu."

Ja." Niels konnte nicht essen; wenn er nur erst die Bestellung vom Herzen los wäre.

Ich'hätte auch noch was zu bestellen."

Na, denn man los."

Hm ja." Niels wand sich schier vor Verlegenheit.

Ich meine, hast du mal wieder was von Tine gehört?"

Tine!" Es klang wie ein Schrei von zwei Menschen ausgestoßen. Jan sah Niels starr an, und neben ihm stand plötzlich Frauke Steffens, Frauke, mit bleichem Antlitz mtb. zuckenden Lippen. Und Franke Steffens, die Ruhige, Stolze, hatte ihre Haltung verloren und sank wie gebrochen auf eilten Stuhl.

Was macht Tine? Was weißt du von ihr?"

Jan sprach es mit heiserer Stimme.

Niels zog umständlich sein rotbaumwolleues Taschen­tuch .hervor und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Niels, rede doch, wo ist Tine?"

Wo ist sie?" flüsterte Frauke, und ihr Blick flog nach der Tür.

Sie wohnt in Hellingstedt bei Uhrmacher Petersen feine Schwester."

So ist sie wieder zurück von Amerika?"

Sie ist gar nicht hingekommen. Unterwegs ist ihr wohl schon ihr bißchen Mut vergangen."

Leidet sie Not? Sage mir alles, Niels."

Ach nein, Not haben sie nicht gelitten, ihre Tochter verdient auch."

'/Sie sieht dir aufs Haar ähnlich, Jan."