Ausgabe 
3.5.1909
 
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Begleiter zu sein und an iW bte Von Mir beabuchtlaten Fragen! zu stellen, die er mir Mit einem großartigen Fluß der Rede beant­wortete. Ich habe dieses Gespräch im Anhang mernes Werkes: Der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland" mitgeterlt man kann aber unmöglich den ethischen Charakter wiedergeben, den die Erzählung zur Rechtfertigung seiner Politik trug. Den Höhe­punkt jedoch erreichte die Szene, als der Fürst sich nach entern! dreiviertelstündigen Spazittgang auf eine Bank niederließ unb mich einlud, neben ihm Platz, zu nehmen, den Bericht über die Vergangenheit beendigte und auf die Gegenwart 'tote auf sein persönliches Geschick zu sprechen kam. Ev war iM März 1890 entlassen worden, und im Juli, als er mit mir sprach, wühlte itnb kochte noch die Erbitterung für die erlittene Unbill in seinem Innern. Aeußerlich puhig, aber offenbar in tiefer Erregung sprach er von dein Gegensatz des Alters, der sich zwischen dem jungen Kaiser und dem greisen Kanzler! herausgebildet hatte, ein Gegensatz, der nicht mehr zu überbrücken war. Dann fuhr er fort:Ich lese in Meiner Zurückgezogenheit die Mramenj Schillers, und als ich! 'jüngst beim Schlafengehen dieRäuber" vvrnahm, kam ich an die ergreifende Stelle, ivo Franz den alten Moor ins Grab zurückschleudert mit den Worten:Was, willst du denn etoig leben?" Und da stand mir mein eigenes Schicksal vor Augen." Ich werde es wohl niemals' vermögen, den dramatischen Eindruck zu schildern, den das darauffolgende tiefe Schweigen des Fürsten, seine Versunkenheit in sich, und die Bewegung seiner Hand, Hervorrief, die mit dem Stocke Figuren in den Sand zeichnete. Eine lange Reihe von Sekunden verstrich so ich wagte kaum zu atmen und hätte gefürchtet, die denk großen Kanzler schuldige Ehrerbietung zu verletzen, wenn ich die Stille durch eine Frage unterbrochen hätte. Ich erinnere mich aber, in meiner Ergriffenheit die Empfindung gehabt zu haben, daß ich niemals auf dem Theater ein ähnliches Bild gesehen, niemals eine gleich tiefe Erschütterung erlebt habe! Endlich riß sich der Fürst aus seiner Versunkenheit empor, strich die Figuren im Saud mit feinem Stock glatt und erhob sich. Sie tonnen sich denken, mit welchen Empfindungen ich, als er mich darauf zum Frühstück einlud, seinen Speisesaal betrat und an feiner Seite Platz nahm. Das Gespräch! bei Tische war sehr anregend, da sich damals sein Söhn Herbert, Lothar Bucher und der Jugendfreund Bismarcks Graf Kaysevlingk als Gäste in Friedrichsruh befanden. Doch nicht von den historischen und politischen Bemerkungen, die da fielen, Möchte ich Ihnen erzählen, sondern von einem! rein persönlichen und sehr bezeichnenden Zwischenfall, der sich in einem kurzen Gespräch zwischen dem Fürsten und seinem Sohne abspielte. Plötzlich fragte Bismarck ganz unvermittelt den Grafen Herbert:Welchen Grund führte Oberpostrat F. an, aus dem er die Einladung nach Friedrichsruh nicht 'annahm?" In der Frage lag ein Tön. der Verachtung, aber auch des ge­kränkten Stolzes, der einem Blitzstrahl gleich das Verhältnis des Kanzlers zu dem offenbar von Furcht befallenen Beamten er­hellte, der es nicht wagte, sich der gefallenen Größe zu nahen. Darauf Graf Herbert im selben leisen Fieber des Unwillens: Ach er hat Dienstgeschaste vorgeschützt!" Der Fürst aber sagte:Das Telegramm möchte ich doch sehen" und Herbert, als ob es ihn verdröße, über die Sache überhaupt nur ein Wort zu verlieren, erwiderte:Es liegt im Zimmer der Mutier." Wie sich nun der Fürst erhob, um das Telegramm einzusehen, mußte jedem Anwesenden der Gedanke auf der Seele brennen, daß hier ein Aki des Undankes und schmählicher Unterwerfung tmter die nach 'Bismarck herrschenden Gewalten vorliege. Be­zeichnend aber tu,ar, daß der Fürst sich keinen Zwäng antat und sich! nicht scheute, von der ihm angetanen Beleidigung vor anderen! zu sprechen. Für ihn freilich konnte die Undankbarkeit des Mannes', der nicht gewagt hatte, feinem Rufe zu folgen, kein Makel fein, Nud er war zu groß, uM es nötig zu finden, über die ihm a,u- getane Beleidigung zu schweigelt ober feinen Unwillen darüber zu verbergen."

* Die Menschliche Lebensdauer. Kürzlich feierte in Skillington bei Granthaur in England eine Frau ihren 105. Ge­burtstag. Daß solches Alter nicht so ungewöhnlich ist, wie man gemeinhin anzunehmen geneigt ist, beweist Dr. Th. im Bert. Tgbl., indem er schreibt:Deut alten Hufeland und den Professoren Metfchnikvsf, Pflüger, Pel, Hamann verdanken wir sehr interessante Zusammenstellungen über uugewöhulich lange Lebensdauer bei Menschen, aus denen hier einiges besonders Charakteristisches mitgeteilt sei. Alt der Spitze dieser Langlebigen Marschiert St. M u n g o , der Stifter' des altehrwürdigen Bistums Glasgow, der 185 Jahre alt gelvorden fein soll. Ein gleiches Alter erreichte ein Mann namens Peter Zorsay, der von 1539 bis 17*24 gelebt hat. Ein englischer Bauer Thomas Par r e erreichte ein Lebensalter von 152 Jahren und besaß einen Sohn Von 127 Jahren. Außer durch fein langes Leben erlangte er eine gewisse Berühmtheit dadurch, daß seine Leiche von dem großen Anatom Harvey seziert wurde. Mit 101 Jahren wurde Thomas noch wegen. Sittlichkeitsvergehen zu Gefängnis verurteilt, und im Alter von 120 Jahren verehelichte er sich mit einer Witwe, die nach ihrer Angabe nie etwas von seinem hohen Alter ge­merkt hätte. H. Jenkins, der 1670 in Uorkshire die Augen

schloß, erreichte eine Lebensdauer von 169 Jahren. Kurz vor seinem Tode mußte er vor Gericht einen Vorgang bekunden, der sich 140 Jahre zurückdatierte. Der Chirurg Politman, ein Lothringer von Geburt, konnte in voller Frische seinen 140. Geburtstag feiern. Am Tage vor seinem Tode nahm er bei seiner Frau noch eine schwere Krebsoperation vor. Dabei wird v!vn ihm erzählt, daß er von feinem 25. Jahre an Tag für Tag betrunken gewesen sei. Einen gleich ungesnnden Lebenswandel führte auch der Chirurg E s p a g a o in der Garonne, der dafür nur 112 Jahre leben durfte. Auch Elisabeth Durienx, die das stattliche Alter von 140 Jahren erreichte, lebte durchaus nicht ge­sundheitsgemäß. Sagt man ihr doch einen täglichen Kaffeekonsmn von etioa 40 Tassen nach. Die nur wenig über 70 Zentimeter Messende Zwergin Elsbeth Walfon wurde 150 Jahre alt und Jakob Donald, eine Riese von annähernd 2pz Meter Länge, lebte 120 Jahre. Endlich Mag hier noch eine Angabe von Prof. Hermann Platz finden über eilten englischen Bauern, der, als er im Alter von 160 Jahren starb, eine Witwe mit zahlreichen Kindern hinterließ, von denen das älteste 103, das jüngste 9 Jahre zählte.

* Durch Einbildung er fr o Men. Aus St. Petersi- burg wird berichtet: Ein merkwürdiger Fall, in dem eine starke Autosuggestion zur Todesursache geworden ist, hat sich in KvaA- nojansk ereignet. Ein Eisenbahnbeamter namens Michael Sta- ritzkh war damit beschäftigt, einen Güterwagen der transsibirischen Bahn zu reinigen. Während einer Arbeitspause schloß er die Tür und legte sich schlafen. Er erwachte jedoch erst mehrere Stunden später. Mit Entsetzen bemerkte er, daß die Tür des Wagens von außen fest verschlossen war und daß der Zug in Bewegung toiaM. Vergeblich versuchte Staritsky, sich bemerkbar zu machen: niemand hörte feine Ruse und fein Klopfen, und nun überkam den Einst gesperrten der furchtbare Gedanke, er könne erfrieren, «ehe der Zug zum Halten Hanfe. Als man zwei Stunden später in einer Station den Wagen öffnete, fanb man den Unglücklichen tot auf dem Boden liegend. Eine Reitze kurzer lakonischer Aufzeichnungen gaben ein Bild von den Gedanken und den entsetzlichen Augst- zuständen, die den Beamten bis zum letzten Augenblick erfüllt hatten.Ich erfriere sehr schnell . . . Mein rechtes Bein ist völlig erstarrt . . . Nun auch mein linkes . . . Die Kälte kriecht weiter . . . Vielleicht meine letzten Worte . . . Jetzt erstarrt mein Herz, es kömmt das Ende." Die Temperatur in dem Wagen war mehrere Grad über Null, so daß der Tod unmöglich durch Kälte verursacht sein konnte. Es war lediglich die Angst, die feinens Tod herbeiführte,

* Eine neue Zeitrechnung.Wann war der Herr Weller das letztemal bei Euch?"O, vor nicht langer Zeit/ vor höchstens vier oder fünf Köchinnen."

* Poetische Reminiszenz. Bauer:Lustig fan fe, de klauen Schweinerln." Bäuerin:Fo, jo, wie unsereiner noch so jung war, war's halt ane schöne Zeit, de Jugendzeit!"

Literarisches.

Das lite r ar isch e Echo. Halbmonatsschrift für Lite­raturfreunde (Herausgeber: Dr. Joses Ettlinger, Verlag: EgvN Fleischel n.C-o., Berlin 38.9). Das 2. Aprilheft ist soeben mrt folgendem Inhalt erschienen: Fritz Rose: Die Zeit ans der Buhne. Camill Hoffmann: Otokar Brezina. Karl Berger: Schüler- Schriften. Th. v. Scheffer, E. L. Schellenberg: Lyrische Ernte. Wilhelm Mießner: Abenteuer der Seele. Echo der Zeitungen und Zeitschriften. Echo des Auslandes (Französischer, ilaliemscher, russischer, holländischer Brief). Kurze Anzeigen. Nachrichten. Vor­lesungs-Chronik (Sommersemester 1909). Zuschriften. Der Bücher­markt.

Arithmogriph.

1 2 3 4 2 3 ein Spiel.

2 3 9 10 4 asiatisches Reich.

3 6 9 10 8 deutscher Dichter.

4 6 8 9 1 8 ein Insekt.

5 10 10 4 Stadt in Westsalem

6 4 9 10 ein Fluß.

7 4 3 10 1 9 10 10 eine Krankheit.

8 9 1 8 10 nützliches Metall.

9 1 2 3 4 italienische Insel.

10 8 2 3 8 10 ein Fahrzeug.

Die Anfangsbuchstaben der gefunbenen Wörter bezeichnen der Reihe nach, oon oben nach unten gelesen, ein berauschendes Getränk.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer:

Arm Abend Dresden Baden Lea n

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Gieße».