Ausgabe 
3.5.1909
 
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unbewußte Werkzeug. . .

donnernd ihre Löcher, zerschmetterte fallen auf die Straße, Stand wirbelt weilen bis zur Perastraße in dichten lischen Soldaten sind prachtvoll. Sie

Momentbilder vom Kampf um Konstantinopel entwirft Luigi Barzini, der bekannte italienische Korre­spondent, im Corriere della sera. Am Freitag, nach dem Selamlük, schien in Konstantinopel alles Leben zu stocken. Die bangende Erwartung kommenden Unheils lag über der Stadt, leer und verödet waren die sonst belebten Straßen, die meisten Läden geschlossen. Dumpf hallten die Hufschläge der Kavalleriepatrouillen und Meldereiter an den Straßen- wänden wieder ; den ganzen'-Tag über stürmten Reiter vom Hildiz-Kiosk zum Kriegsministerium und wieder zurück. Als die Sonne uuterging, breitete sich die schwüle Ruhe un­gewissen Bangens über die schlafende Stadt.Morgens gegen sechs ließ mich das dumpfe Dröhnen der Geschütze aufspringen und zum Fenster eilen. Dort unten lag das goldene Horn; es war ein herrlicher, sonniger Morgen. In der Ferne sah ich aufsteigende zuckende kleine Wölkchen: Gewehrfeuer. Zorniger dröhnte der Lärm int Norden. Und inmitten des Tumultes lag stumm und unbeweglich die Stadt, wie gebannt vor' Schrecken. Niemand wagte die Häuser zu verlassen. Als ich hinauseilte, stieß ich auf die ersten Detachements der mazedonischen Truppen, die in kleinen Gruppen durch das Straßengewirr zu. den Hügeln von Pera hinaufzogen.. Schnell, ruhig und sicher waren ihre Bewegungen, und man merkte, daß sie nach einem genau ausgearbeiteten einheitlichen Plane handelten. Immer wilder dröhnte der Schlachtenlärm. Man glaubte, der Mdiz würde- angegriffen. Viel war erzählt worden, von den neuen Befestigungen, die in den letzten Tagen auf­geführt wurden, von den Berteidigungsbatterien und von einer. Garnison von 6000 Mann, die den Palast bis zum Aeußersten verteidigen solle. Aber als ich die große Pera­straße. hinaufeilte, sah ich, daß der Kampfplatz viel näher lag. Am Ende der Perastraße, wo der Weg zum Bosporus hinunter abzweigt, lagen Gruppen rumelifcher Gendarmen im Feuer. Der Angriff galt der Taschkischla- und der Taxim-Kaserne. Vom Ende der Grande Rue sieht man die Kasernenbauten, in ihrer Mitte ein altes Militär­haus mit großen viereckigen Fenstern, von alten Bäumen beschattet. Rechts davon erhebt sich ein alter Karakal, eines jener Wachthänser, die an strategischen Stellen der Stadt errichtet sind. Die Kasernen und das Wachthaus wurden mit verzweifelter Hartnäckigkeit verteidigt. Ein wüster Lärm tobt hier. In die Mauern reißen Granaten

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Fenster klirren und auf und bringt bis- Wolkeu. Die rume- feuern wie auf denk und Kaltblütigkeit.

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Exerzierplatz, mit der größten Ruhe

Die ganze Nacht sind sie marschiert, aber sie scheinen nicht ermüdet. Kräftige sehnige Gestalten von slawischem Typus, mit dem ruhigen Phlegma des Slawen. In den Winkeln der Häuser haben sie ihre Stellung; den Gewehrlauf an die Wand gelehnt, schießen sie kniend oder stehend; zwischen jedem Schuh nehmen sie einige Züge aus der Zigarette, die sie in der Linken zwischen zwei Fingern halten. Wenn eine Kugel sitzt, zieht ein befriedigtes Lächeln über ihre Züge. Die Ruhe der Schützen überträgt sich auf die Bevöl­kerung. Neugierige schlendern herbei, um' zuzuschauen. Da plötzlich, in der Mitte der Straße, schreit ein junger Mann auf, die Hand fährt zum Kopfe; er taumelt zwei, drei Schritte, dreht sich um sich selbst und fällt schlaff und schwer zur Erde. Der erste Tote. Die Zuschauer begreifen: dies ist Ernst. Eine Panik droht auszubrechen. Alles flüchtet. Nur die rauchenden unb1 schießenden Rumelier bleiben am Platz. Um halb acht konzentriert eine Batterie ihr Feuer auf die Taxim-Kaserne. Die Haltung der Bevölkerung ist völlig umgewandelt. Seltsames Schauspiel: Die Leute, die gestern vor dem Ungewissen zitterten, verlieren heute, da der Kampf wütet, jede Furcht und jubeln den Truppen zu. Aus dem Wachtturm wird das Feuer langsamer. Eine weiße Fahne erscheint und schließlich kommen die Verteidiger Mann um Mann dahergeschritten. Sie halten das Gewehr hoch in der Luft, werden umringt, entwaffnet und setzen sich ruhig in der Nähe eines Marmorbrunnen auf die Erde. Ich frage einen:Warum habt ihr euch verteidigt?" Eine unge­wisse Geberde ist seine Antwort. Er weiß nichts; der Be­fehl hieß kämpfen, sie haben gekämpft, bis, die Munition zu Ende war und dann haben sie eben aufgehört. Die Tasch- kischla-Kaserne ist noch um 11 Uhr der Gegenstand eines wilden Feuergefechts. Ein mazedonischer Stabsoffizier, der, in der Uniform des gemeinen Soldaten, den Kampf be­obachtet, hat plötzlich einen genialen Einfall: Er läßt einen Trompeter kommen. Im Laufschritt stürmt ein Baschi- Buzuk herbei; von der Wichtigkeit seiner Mission erfüllt setzt er fein Instrument an und hell klingt das Signal durch den Lärm. Im selben Augenblick kommt ein Schwei­gen. Noch ein Gewehrschuß, dann noch einer: Jetzt ist es still. Auch die Belagerten stellen das Feuer ein. Sie haben das Signal gehört, auch sie sind türkische Soldaten: Sie befolgen es. * Verhandlungen werden eingeleitet, wenige Minuten später übergibt sich auch die Taschkischla-Kaserne. In der ganzen Stadt herrscht jetzt eine Stille, die nach dem stundenlangen Dröhnen der Geschütze und Knattern der Ge­wehre fast unheimlich wirkt. Durch die Straßen schleppt mau Verwundete. Hier kommt mit langsamen Schritten ein hünenhafter Albanese daher, das Gesicht vom Blute' grausig entstellt. Er schreitet ruhig dahin und sucht einen Wundarzt. Von den Balkons starren die Einwohner herab und bereiten dem Verwundeten eine brausende Ovation. Aber der Koloß bleibt völlig gleichgültig. Ein reines Taschentuch wäre ihm vielleicht angenehmer. Der Wider­stand der Meuterer war sinnlos. Sie hatten die Verzö­gerung der mazedonischen Aktion nicht benutzt, keine strategi­schen Stellungen besetzt, keine Befestigungen angelegt, sie hatten nichts getan. Sie verfügten über zahlreiche Ge­schütze, aber nicht über die genügende Munition, trotzdem die Mazedonier die Pulvermagazine erst am 22. besetzt hatten. Sie ließen sich in ihren Kasernen sangen, wie Tiere in einer Falle; sie schossen aus den Fenstern. Keine Offiziere führten den Befehl; es war ein Zufall, der sie auf diese Seite warf, ebensogut hätten sie mit dem Gegner gekämpft wie gegen ihn. Im blutigen Drama bildeten sie nur das

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vermischte».

* Ein Besuch 'bei Bismarck. Im-Neuen Wiener Journal" veröffentlicht der! Historiker Dr. Friedjung eine bisher unbekannte Episode aus Bismarcks Leben. Es war kurz nach- der Entlassung des Mt-Reichskanzlers, als Friedjung ihm! in Fried- richsruh einen Besuch machte.Ich hatte," erzählt der Historiker, an den Reichskanzler eine E-mpfe'Uung, die sehr wirksam wär und durch die ich sofort bei ihm! em geführt wurde. Ich icIoHte von ihm! gewisse Fragen aus! der Vorgeschichte des Krieges von 1866 beantwortet 'haben. Er hat mir erlaubt, etwa drei Viertel­stunden Mit ihm in seinem; schönen Mrk in Friedirichsruh seA

Hörnchens. Ein Hvhestzollerugeficht, wie was es heute aus den Zügen Wilhelm II. oder aus denen des ersten' Wilhelm kennen, ist es nicht. Aber wenn man dies Profil betrachtet, die spitze, nach vorwärts weisende Nase, das' knappe KiNN, das unter dünnen Lippen weit zurückfliegt, dann erscheint uns oft Menzels ge­zeichnete Silhouette vor unserm Gedächtnis: Friedrich der ^Tie Aehnlichkeit ist 'da. Heber Generationen hinweg wieder­holt sich in diesem Jüngling die äußere Gestalt des königlichen Freundes Voltaires, des kühnsten und besten Mannes', der je! auf Preußens 'Thron gesessen, der kinderlos aus der Welt ging', und seine Physiognomie b'm nach ihm kommenden HoheuzollerN nicht anfgedrnckt hat. JU diesem späten Anverwandten aber ist die Aehnlichkeit mit dem Erlauchten. Es ist das schmale, lauschende Antlitz, das immer ein wenig schräg und ein! wenig! geduckt ist, -es' ist die schmalschültrige, schlanke, in ihrer Haltung em' wenig nachlässige -Gestalt. Nur den Augen fehlt baS strahlende helle Feuer, das aus Friedrich des Großen Augen loderte

Ob diese Aehnlichkeit ein Omen, ob sie eine wirkliche Ver­heißung ist. . . wer kann es wissen? Vorläufig hat der Kron­prinz nur einen Manschettenknopf erfunden. Und- die breite Oeffeutlich-keit hat nur ' erfahren, daß er es war, der seinem! Vater die Artikel gegen Eulenburg zu lesen gab, ferner, daß er in jenen ernsten Novembertagen, in denen sich Deutschland gegen das persönliche Regiment Wilhelms II. mit ungeahnter Heftigkeit auflehnte, zwischen dem Kaiser und deut Kanzler vermittelte-. Sonst weiß -mian nicht viel von ihm. König Eduard, der als Sohn der Willensstärken Viktoria abseits stehe'U und! sich ohne Regierungsehrgeiz zeigen Mußte, hat all die unverbrauchten Kräfte seiner Jugend- dem Vergnügen und! der Moide gewidmet. Hab es Mag nicht zu den leichten, Nicht zu den, bequemen Dingest gehören. Unter dem! lebhaften, befehlsfroheN, selbstbewußten Wil- helm II. Kronprinz zu sein. In jedem Kronprinzen, in dem stillsten wie in dem lautesten, kann man sich! täuschen. Die Kunst der Nachfolger liegt -ganz in ihrer Diskretion, in ihrem Takt, abseits zu stehen, int Schatten zu bleiben, ihr innerstes' Wesenj nicht erkennen zu lassen. Wie soll Man in diesem jungen Mann, der jetzt so hübsch! Bobsleigh' fährt und so elegante Kleider trägt, den künftigen Kaiser erkennen? Nichts erhoffen und auf alles gefaßt sein, ist eine gute Lebensregel. Man kann es auch mit den Nachfolgern so halten.