Ausgabe 
3.5.1909
 
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Spätinghof.

Roman von K. v. d. Eide.L

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Einmal in jeder Woche ging Jan nach seiner Verhei­ratung wie früher ins Kantorhaus. Anfangs veranlaßte er Tine mehrmals, ihn zu begleiten. Frauke kam der jungen Frau mit großer Herzlichkeit entgegen. Es wäre ihr eine Freude gewesen, wenn sie Tine hätte bilden und belehren können: aber alle ihre Bemühungen scheiterten an Tines Zurückhaltung.

Das Verhältnis zwischen Jan und Frauke war wieder in die ruhige Bahn der Freundschaft gelenkt. Sie hatten beide ihre Wünsche und Hoffnungen eingepackt. Sie waren ruhige, leidenschaftslose Naturen; so konnten sie einander jetzt als treue Freunde zur Seite stehen.

Im Kantorhause hatte sich manches geändert. Die Kantorsleute waren gealtert, ihre Kinder waren groß ge­worden. Einige waren fortgezogen. Der Jüngste, den einst Frauke und Jan abwechselnd im Kinderwagen gefahren hatten, war ein schlanker, junger Mann geworden, der in Segeberg das Seminar besuchte. Nur Frauke war zu Hause geblieben. Es hieß eine Zeitlang, der neue Elementar­lehrer, der ein hübscher, junger Mensch war, wäre der rechte Mann für Frauke. Ja, die Bäckersche, die alles immer noch besser wußte als andere Leute, behauptete, Frauke hätte ihm einen Korb gegeben. Tatsache war, daß der junge Lehrer sich eine junge Frau aus Husum holte, und daß Frauke Steffens unverheiratet blieb.

Frauke führte schon seit langer Zeit den Hausstand und pflegte die Mutter. Diese ehemals so rüstige Frau, die sich jahrelang gequält und gesorgt hatte, die mit viel Mühe und Plage eine Schar Kinder großgezogen hatte und bei aller Arbeit frisch und munter geblieben war, kränkelte, seitdem ihr die Last der Arbeit abgenommen war. In gekrümmter Stellung hockte sie hinter dem Ofen, klagte über Magenschmerzeu und Frost, vertrug kein Essen und war stets in grämlicher Stimmung.

Ist zu End' die Not kommt der Tod!" Fraukes war kein leichtes. Trotzdem verblaßten ihre rosigen Wangen nicht, und das liebe Lächeln um Mund und Augen­winkel blieb dasselbe. Für Jan Thomsen blieb Frauke der Sonnenschein auf seinem Lebenswege.

*

Vier Jahre waren verflossen, seitdem Jan Tine ge­heiratet hatte, seitdem Frau Anndortjen auf Holzpantoffeln in Spätinghof eingezogen war. Vier Jahre hatten ge­nügt, um aus der hageren, vergrämten Frau eilte hübsche, stattliche Persönlichkeit zu machen, die manchem Manne noch begehrenswert erschien.

So kam einmal aus Anlaß eines Fohlenkaufes ein

Bauer aus Ostrup bei Husum auf Spätinghof. Er war ein Krüppelbauer, d. h. ein Bauer, der sich mühsam durch­arbeitete, dazu war er ein Witwer und hatte daheim eine ungeordnete Wirtschaft und vier kleine Kinder.

Manches Mal war er früher auf Spätinghof gekom­men und hatte nicht ohne Genugtuung gedacht:Hier steht es beinahe noch schlimmer als bei dir zu Hause." Jetzt freute er sich über das schöne stattliche Aussehen des Hofes. Er sah, wie Anndortjen schaltete und waltete. Er merkte bald, daß die flinke, rundliche Frau mit den blanken, braunen Äugen die Seele des Hauses war, und ihre schmucke, saubere Person gefiel ihm sehr gut.

Bald kam er öfters nach Spätinghof, und eines Tages überraschte Anndortjen ihre Tochter und ihren Schwieger­sohn mit der Mitteilung, daß sie sich wieder verheiraten werde.

Ich kann eine gute Partie machen," sagte sie,ich darf mir nicht selbst im Lichte stehen. Eigner Herd ist Goldes wert! Ihr werdet auch ohne mich fertig."

Wenige Wochen später führte Hasche Hasch aus Ostrup sie heim.

Als sie in dem kleinen Einspänner vom Hofe fuhr, wandte sie noch einmal ihr blühendes, lächelndes Gesicht nickend zurück.

Tine stand in der Tür. Sie blickte dem Wagen nach, bis er in der Dorfstraße verschwunden war, dann blickte sie sich einen Augenblick verzweifelt, wie hilfesuchend um.

Die Mutter hatte ihrem Herzen nie nahe gestanden. Sie hatten sich nie verstanden. Tine war immer ganz anders gewesen als die Mutter; aber piese war für sie doch ctit körperlicher Halt gewesen. Jetzt fühlte sie sich ganz verlassen.

Jan merkte wohl, daß die junge Frau nicht glücklich war.

Er schrieb es der Trennung von der Mutter zu. Ihr blasses Aussehen, ihre traurigen Augen machten ihm Sorge und griffen ihm ans Herz. Er fing an, sie zu liebkosen, wenn er zu ihr trat; er strich ihr übers Haar, streichelte! ihre bleichen Wangen, scherzte mit ihr. Da machte er die Entdeckung, daß sie bei seiner Berührung zusammenznckte, daß sie in seinen Armen erschauerte. Er wurde stutzig. Was war das? Sollte sie wirklich etwas wunderlich em Kopfe sein, wie die Leute munkelten?

Tiefes Mitleid ergriff ihn; er beobachtete sie öfters, und je mehr er sich mit ihrer Person beschäftigte, desto mehr fiel ihm ihre Schönheit ins Auge. Er begriff, daß ein Mensch wie Jak sich in sie verlieben mußte, und Jan Thomsen hätte kein Mann sein müssen, wenn er ruhig und kaltblütig nur die Schönheit seines Weibes bewundert hätte.

Jan ivar auch nicht mehr der schmächtige, energielose junge Mensch von ehedem. Er hatte sich im Laufe der Jahre sehr zu seinem Vorteil verändert. Er war stärker und männlicher geworden. Ein kräftiger Schnurrbart beschattete seine Lippen, seine Hautfarbe spielte ins Bräunliche. Seine