Ausgabe 
3.4.1909
 
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w» «MSyS at^iintgggcbiet einen beinahe doppelt so großen Um­fang, wie früher, gewann? Das Problem ist ein eminent sozial- geschichtlichesi In der -Geschichte jedes sich natürlich entwickelnden Volkes gibt es Perioden, in denen ein Mißverhältnis zwischen der Zunahme der Bevölkerung und der Summe der gesamten Produktion eintritt, Stadien der Uebervölkerung. In solchen! Fällen gibt es nur zwei Mittel: Uebergang zu einer Stufe in­tensiveren Wirtschaftslebens, also Verbesserungen in der Technik des Ackerbaus, Gewerbewesens nsw., oder Auswanderung. Jin Anfang des zweiten Jahrhunderts war der innere Ausbau des Landes in Altdeutschland beendigt: aller Boden, der sich nach Dem damaligen Stand der Agrartechnik für den Ackerbau eignete, war gerodet und nutzbar gemacht; der UeberschuK der bäuerlichen Bevölkerung mußte sich eine andere Heimat suchen. Auch her Ritter gab es bereits allzuviele, viel mehr als der Kaiser, die Fürsten und andere Herren mit Lehen auszustatten vermochten; da blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihre Dienste den er­obernden deutschen Fürsten im Slavenlande oder den alten Slaven- Herrschern anzubieten. Auch das Mittelalter hatte seine soziale Frage, und glänzend wurde sie damals in Deutschland gelöst, Adem die Grenzen deutschen Landes und Volkstums erweitert und große Strecken im Osten Europas für die deutsche Kultur erschlossen wurden. Mit dem llntergange des Heidentums siel Die trennende Schranke, die bisher die Länder östlich von der Elb KM- fcetit Böhmertvalde von den entwickelteren westlichen Ber- Wltnissen geschieden hatte, und wie wenn damit ein schüüender Meich zerrissen wäre, so ergoß sich nunmehr die Flut des liber- Snachtigen Deutschtums auf die politisch und wirtschaftlich fast Wehrlosen Slavenlünder.

(Schluß folgt-)

vermischtes.

* ModernerHerrenschmuck. Einige Regeln über den Schmuck, den gegenwärtig die Mode denr stärkeren Ge­schlecht erlaubt, stellt der Cri de Paris auf: Das Armband ist bei .Herren, die etlvas auf sich halten, streng verpönt. Das Tragen eines Armbands mit Uhr erscheint als Gipfel des Ungeschmacks. Die männliche Hand darf nur Ringe Am letzten und vorletzten Finger der rechten Hand tragen; die linke Hand bleibt völlig ringlos; eine Ausnahme bilden Verlobte, die das Zeichen ihres künftigen Glückes weiter -an der linken Hand tragen müssen. Bon höchster Ein­fachheit sind die Krawattennadeln; am schicksten ist eine einfache, in Platin gefaßte Gemme, ein Diamant oder eine Perle. Die Krawattennadel wird in einen lose gebundenen Schifferknoten gesteckt und zwar nicht oben ' nahe dem Kragen, sondern ziemlich tief unten. Die Perle triumphiert auch als Garnitur des Oberhemdes; sie muß dafür.nicht allzu groß und mattschimmernd gewählt werden. Die schwarzen Perlen sind, was man auch zu ihrem Lobe sagen möge, nicht recht gefällig und passend zu der fleckenlosen Weiße der Hemdenbrust. Die flache Manschettenform hat uns Knöpfe in Kettenform gebracht; nun werden wieder fest zusammenhängende symmetrische Knöpfe getragen. et * Tolstoi und die S tudenten. Als die Intellektuellen Rußlands vor kurzem Tolstois 80. Geburtstag feierten, zog uuch eilte Petersburger StndeuteNdeputation nach Jassnaja Poljana Emer der Teilnehmer erzählt nun in der russischen Zeitung Reisch mancherlei interessante Aeußerungen, die Tolstoi bei dieser Gelenhmt machte. Wie begreiflich, kam die Rede bald auf die Wissenschntt Es nimmt zur Stellung, die der Dichter-Philosoph seit er ein Greis geworden, der gesamten Kultur gegenüber ein- mmmt, daß er auch auf Gelehrsamkeit nicht gut zu sprechen ist Er nennt dueWiyenschaft einen Aberglauben, von dem mau sich Gssagen müsse Ter Mensch müsse sich vervollkommnen, sein Leben kennen lernen. Dazu Helse ihiii die Wissenschaft nichts Er gerate unter die Herrschast der Axiome, z. B. unter das weltberühmtehistorische Gesetz" und verlerne es, selbständig zu denken. Der Mensch müsse freilich etwas wissen, aber Kenntnisse seien notig, nicht Wissenschaft. Tie gerechteste Wissenschaft sei noch die Mathematik, und auch sie halte et für überflüssig. Die Rechtsivysenschaft aber bilde die Grundlage von Gewalttätigkeiten Tie Deduktion schloß mit dem Satze: Auf diese Weise ist die Umvers,tat em unnötiger Luxus. Tie Studenten fragten be­scheiden, ivodurch nign die Universitäten ersetzen könnte.Was?" miunerte Tolstoi.Durch die Gemeinschaft der Menschen. Durch x,esen. Wenn Sie sich an einen im Leben erfahreneren Menschen wenden, wird et ihnen gewiß einen guten Rat nicht versagen Br ffih.s»?0 £tcS Buch tun."Aber was sollen

Brtrn tu-u m "-,teie 8-rnge ist seht schwer zu beant-

Auf mein Gelvlssen und vom ganzen Herzen möchte ich euch dasselbe -agen, was ich einem Geistlichen sagen würde.

bet ich an mich mit einer ähnlichen Frage wenden würde. WaS tun? Tie Priesterwürde ansgeben!"Mein Batet ist ein Geist- N^,"Fagte einer von den Anwesenden,er hat viele von Urdu Werken gelesen, auch Ihre BroschüreAn die Geistlichen" " ,,^ch habe sie vergessen", unterbrach ihn Tolstoi,mir scheint es war.ferne gute" Broschüre."Allerdings. Und es wird rhin schwer, Ihre Ansichten zu teilen."Gewiß, Gelvist, ich verstehe ihm Bor kurzem habe ich einen Brief von einem Geist­lichen erhalten: er bat -mich herzlich, meine Meinungen zu wider­rufen. ^ch habe ihm auch herzlich geantivortet. warum ich es nicht tun könne." Tann schüttete Tolstoi sein Herz aus, um dem Kummer Luft zu machen, der ihn über die Todesurteile in Ruß­land erfüllt. Er verdammt alle, die das Recht zu töten ans der Bibel ableiten. Er redete sich müde. Tann erhob er sich vom Lehnstuhl und änderte das Thema.Edison hat mir einen Phonographen geschenkt, und vor kurzem kamen Abgesandte von ihm und ersuchten mich, etwas htiieinzusprechen. Ich konnte M sehr schwer entschließen, aber lvas sollte ich tun? Ich dachte: Edison wird sagen, das Geschenk hat er angenommen, aber dankbar ist er nicht, So habe ich beim, eine ganze Platte voll ins Telephon hlneiilgefprochen. Ich hatte schreckliche Angst, nur Dummheiten zu sagen. Ich bin schon alt und nicht Gedächtnis ist schon un- sicher. Man spricht da irgendein Wort, und cS fliegt gleich mit der eigenen Stimme über den ganzen Erdball." . . .

* Ein Wunder.Haben Sie denachtjährigen" Wunderknaben, den Violinvirtuosen, schon gehört?".Ja, schon vorzwölf" Jahren in Hamburg.

* A bgeblitzt. Fahrgast (zum Droschkenkutscher):Ihr Gaul laust ia entsetzlich langsam: er hat wohl die Schwindsucht?" Droschkenkutscher (gemütlich):Aber et is nich die galop­pierende !"

'-' Ein edler Mensch.Ich würde Ihnen jetztEine"- rmiterhaueu, aber da Sie nicht in der Lebensversicherung sind, habe ich Mitleid mit Ihrer Familie!"

*UrsachenndWirkung.Wie ist denn der Gesniidheits- znstand in Ihrem Städtchen?" Seitdem unser Doktor krank ist, ganz zufriedenstellend."

Der Träumer in der Schule.

Unter dieser Ueberschrift entnehinen dieBlätter für deutsch« Erziehung" der Wiener ZeitschristUnverfälschte deutsche Worte" das folgende Gedicht.

D er Trä u iner in der Schule, Gnnstgemieden in des LehrsaalS Ecke, oft von iibermiitger Schar verlacht, wie sich duckt das Vöglein in der Hecke, lebst du deiner Träume Wunderpracht. Antwortlüstern lauscht nnt dich den Fragen deiner Nachbarn Schar um Lobes Lohn du horchst Klängen, die ans Fernen klagen, steigst, ein König, auf den Märchenthron.

Deine dunkelblauen Augen spiegeln eines- nächtgen Himmels Sternenlicht. Armer Junge! Deiner Seele Siegeln ivnrd hi diesem Hans ein Löser nicht. Zwar du lächelst heimlich, wenn sie schelten, aber mancher Weil trifft doch dein Herz. Sei getrost! Wenn Roten nichts mehr gelten, steht dein. Name eingeprägt in Erz.

Letzter bleibst du in der Schule Bänken ; doch verstohlen dir miiS blonde Haar seh ich Geisterhände Kränze senken: deine kühnsten Träume werden wahr.

Graz. U t o v o n M e l z e v.

Charade.

Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh'n, Im dunklen Laub die Goldorangen glüh'n?

Tort ist die Erste als ein Fluß zu finden;

Npr wen'ge Zeichen seinen Namen künden.

Die Zweit' und Dritte ist ein mnnt'res Tier, Doch inacht es dir vermutlich fehl Pläsier.

Es dürfte dich sogar,erheblich stören, Willst dn mit Appetit elivas verzehren.

Wenn Fluß und Tier zum Ganzen sich vereine», So wird daraus ein Mittel dir erscheinen, TaS gern zur Schönheitspflege wird verwendet, Schon mancher hat dastir viel Geld verschwendet.

Auflösirng in nächster Nummer:

Auslösung des Silbenrätsels in voriger Nummer Tofiiti - »liienspat Mobeira Paradies - I(((t» Pornimgua;

Tempi p a s s a t i!

Redaktion: K. Neurath.- Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'fchen UniversitäkS-Buch- und Steindrnckerci. R. Longe, G>ei;«v