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nur stellenweise faßen andere, BMe>-, Hasten zwischen ihnen, ■— so an der Ostsee die staminverwnndten sog. LitiwSlaven, nämlich die Pruzzen, Letten und Littanex; weiterhin Völker finnischer, mongolischer und kartarischer Masse, so im Tonaugebiet die Hunnen, Waren und Magyaren. Tie Slaven zerfielen tu drei große Gruppen: Tie Ostslaven, fälschlich Russen genannt— dieser Name bezieht sich eigentlich ans ein normannisches Erobcrer- uitb .Herrenvolk, lvarägische Wickinger, die sich bei den Ostslavcn niederließen und hier ein großes Staatswesen gründeten, eben nach ihnen Rußland genannt, die Südslaven in den Alpen- und Balkanländcrn; die Westslaven, nämlich Polen, Tschechen u.WertdeN.
So stand es bis zn den Beiten Karls des Großen: da setzte eine rückläufige Bewegung der Germanen nach Osten ein. Durch Karl den Großen wurden die letzteit noch ganz oder teilweise selbständigen innerdeutschen Stämme, die Sachsen und Bayern, dem fränkischen Reiche vollkommen einverleibt; dadurch wurden die Slaven und auch zugleich die Avaren die unmittelbaren Nachbarn des fränkischen Reiches. Mit diesem Momente Hub an ein tiefgehender Gegensatz zwischen Germanen und Slaven, eine erbitterte Feindschaft, ein Kampf auf Tod und Leben. Zwischen zwei Völkern von verschiedener Rasse und Kulturhöhe wird selten Eintracht und Frieden ans die Dauer bestehen. Bei der niederen Rasse ist das Recht, der völkerrechtliche Schutz des Fremden, noch nicht so ausgebildet, daß nicht die höhere allzuoft guten Gründ zu Beschwerden hätte; die höhere hinwiederum wird sich gemäß, den der Menschheit nun einmal eingewurzelten egoistischen Trieben versucht fühlen, sich die niedere dienstbar zn machen, gemäß ihrer eigenen lleberlegenheit aus der niederen mit leichter Mühe Vorteile zu gewinnen. Tie Weltgeschichte liefert dafür tausend Beispiele; ich erinnere nur an das Auftreten der Arier in beit Ebnen des, Indus uni» Ganges, an die Eroberung Galliens durch Cäsar, an die Kämpse zwischen Weißen und. Indianern in' Amerika u. a. m. Ter Uirterschied zwischen Germanen und Slaven in der Külturhöhe kam nun noch in einem ganz bestimmten Punkte zu besonderem Ausdruck- Wohl war es zunächst Streben nach 'Sicherung und 'Erweiterung der Grenzen, das die Herrscher des .Frankenreiches zn unablässigen'Kriegen im Osten des deutschen Landes bewog; der tiefere Grund aber lag in der durch die Krönung Karlö des Großen im Jahre 800 besiegelten Verschmelzung der religiösen und vvlitischen Ideen, die das Abendland beherrschten, in deut Charakter des Kaisertums als einer die ganze Menschheit zu. umfassen trachtenden Universalmonarchie, welche getragen war von den Ideen des Christentums. Pflicht der Kaiser ivar es, die christliche Lehre immer weiter zn verbreiten; ihr Lohn ward dafür die oberste Herrschaft über die neu bekehrten Gebiete. Selten nahmen dir Slaven das Evangelium an, ohne durch Stieg und Sieg gebeugt zit sein; denk Kreuze der Glanbens- boten gingen voran das Schwert der Fürsten, der geistlichen Unterwerfung unter Rom die weltliche Untertänigkeit unter Kaiser und Reich. Den gesamten breiten Gürtel von der Ostsee bis südlich von den.Alpen dem Kutturkreise der abendländischen Christenheit einzufügen, indem die hier sitzenden slavifchen Fürsten und Völker teils zu gutwilliger Unterordnung bewogen, teils im Falle
des Widerstands durch die Gewalt der Waffen unterjocht oder
selbst ausgerottet wurden, ■ das war fortan eines der vor
nehmsten politischen Ideale der sräukisch-deutschen Könige und Kaiser.
Mit Karl dem Großen setzte, wie gesagt, dieses Streben
ein. Am schnellsten gelangte man zum Ziele int Südosten. Schon zum Ende des ersten Jahrtausends konnten die Länder von der Donau bis zum Adriatischen Meere als ein unantastbares Besitztum des deutschen Volkes angesehen werden.. Deutsche Fürstenhäuser gründeten sich hier dauernde Herrschaften; so die; Herzöge von Kärntheu und Kraiu, die Markgrafen von Oesterreich und Steier. Deutsche Bauern wanderten hier allmählich, ein, und es entstanden kompakte deutsche Sprachgebiete, vor allem in der awarischen Mark, deren bisherige Bewohner vertilgt wurden.; so entstand die Marfgrafschaft, das spätere Herzogtum'Oesterreich. Viel.schwieriger war der Komps weiter im Norden. Böhmen wurde zwar christianisiert, aber seine Verbindung mit dem Reiche blieb eine sehr lose. Noch schlimmer stand es mit den, Wenden int Nordosten. Wohl gelangte auch hier unter kräftigen Kaisern, wie unter Karl dem Großen und Otto dem Großen, der Namen des Reiches vorübergehend zur Geltung ; manche Stämme wurden.tributpflichtig gemacht; aber immer wieder warfen die Wenden das verhaßte Doppcljvch des Christentums und des Reiches ab. Jahrhundertelang blieben die Elbe und Saale und eigentlich auch der Böhmer wald die Grenze der feindlichen Rassen.
Erst um die Mitte des 12. Jahrhunderts änderte sich das Schauspiel, und mit • überraschender ■■ Schnetttgkeit wurden jetzt gewaltige Gebiete des Ostens dem Deutschen Reiche und deut Volke gewonnen. Nicht , dem Kaiser wat es zu. danken, — der fügte in Italien dem Trugbilde einer Weltherrschaft nach,. - sondern" zwei deutschen Fürsten, Heinrich dein Löwen und Albrecht dem Bäten. Doch, wollen wir bei dieser Gelegenheit auch einen Vasallen Heinrichs erwähnen, beit tapferen Grafen Adolf von Holstein; er trieb in Ostholstein die Reste der Abodriten zn Paaren und gründete biet 1143 die erste deutsche Stadt, Lübeck, später mächtig und berühmt als Vorort der Hanse. Heinrich der Löwe niiterwars die bisher .heidnischen Slavenfürsten von Mcklenburg, Pommern und Rügen; Albrecht der Bär begann, Von der westelbischen Altmark ausgehend- die. Erwerbung der
Mark Brau <mrg, die dann von feinem* sT ■ Rger beendigt wurde, und kW waren auch die Ma-'' ht und Lausitz als gesichert zu betrachten. Im 13. Jahrhundert folgte die Eroberung Preußens* durch die Tentschritter, Livlands durch den Schwertorden. Tie altslavischen Herrscher nicht nur von Böhmen, sondern auch von Schlesien mußten sich als Vasallen des Kaisers bekennen.
Weit erstreckt hatte sich somit die deutsche. Herrsch,afts'phüre^ und nicht besser glaubte man sie sichern zn können, als daß man sie nach dem Vorbilde der Awarenmart', der Mark Oesterreich, einer planmäßigen* deutschen Besiedelung unterwürfe. Aber daZ Merkwürdige war: nicht nur die deutschen Erobererfürsten zogen deutsche Einwanderer heran, sondern auch die alten DynastFv- wo sich diese erhalten hatten, wie iit Böhmen, Schlesien, Polen', Pommern und Mecklenburg. Tenn dieses-mal wat die Unterwerfung dieser Fürsten, unter das- Christentum- und die abend-ländischeni Kultnrideen keine bloß äußerliche geblieben; sie hatte sie vielmehr int innersten Kerne ihres Wesens getroffen; sie trachtetest danach, sich die überlegene deutsche Bildung und insbesondere die ritterlich-höfische Weise anzueignen. Mit Freuden nahmen sie den deutschen Ritter auf, schon weil er sein gutes- Schwert mit- brachte; aber sie lernten vvst ihm noch manches andere. Sowohl* im Norden wie im Süden Ostdeutschlands sind- je zwei Höss als Pflegstätten des edlen Minnesanges* bekannt, und- zwar stehest sich in, beiden Fällen, je* eine deutsche Erobererdynastie und eist altslavisches Herrscherhaus gegenüber. Im, Süden fanden am. österreichischen Hose Reimar von Zweier und Walther von der Vogelweide Aufnahme und Gunst; König Wenzel von Böhmest war selbst ein Dichter. Selber Minnesänger waren im Nordest der Askanicr Otto- IV. von Brandenburg und Herzog Heinrich IV. von Breslau aus* dem poluisch-schkesischeu Geschlechte der Pi asten: so sehr hatte sich- schon im 13. Jahrhundert der Unterschied zwischen flavischen und deutschen Fürstenhäusern verwischt; so- waren sie* erfüllt und getragen von der gleichen Kultur und Bildung. Schnell sand- im Osten das Klosterwesen Eingang, und dieses hat viel beigetragen zur Hebung der wirtschaftlichen Kultur des platten Landes. Tie Klosterhöfe waren Musterwirtschaften, die durch- Beispiel und direkten Antrieb die Slaven zu einer höheren Stuftz des Agrarwesens emporführten. Sie erhieltest von den Fürsten ungeheuere Komplexe wüsten Landes* zur Urbarmachung; da sie nicht alles selbst bebauen konnten, zogen sie deutsche Bauern inS Land: sie teilten diese Grundstücke aus* gegen die Verpflichtung zur Zinszahlung. Nach ihrem Vorgänge lernten die flavischen Fürsten und Völker, um- wie viel größer der Ertrag war, dest ihnen ihre.Besitzungen einbrachten, wenn sie darauf deutsche Bauerst ansiedelien. Tenn der Deutsche war in der agrarischen Technik bereits* viel weiter fortgeschritten, als der Slave: während- dieser siioch mit deut Haken (einem gekrümmten* Aste) den Boden lockerte-, brachte jener aus* der Heimat mit sich den eisernen Pflug-, und reichliche Geld- und Natnral-zinse lieferte er seinem Grundherrn ab zum- festgesetzten Termine. Die. slavische Kultur kannte noch nicht das Städtewesen, und- mit Vergnügen strichen die Fürstest die vielfältigen Zinse und Schösse ein, die ihnen auch der deutsche Bürger zahlte. So war es- denn kein Wunder, wenn die ur-. sprünglich slavifchen Fürsten mit den deutschen Erobererdynastien in der Herbeiziehung deutscher Einwanderer, gleichviel ob ritterlichen, bäuerlichen oder bürgerlichen Standes wetteiferten.
Von der Mitte des* 12. bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts dauerte diese wunderbare Bewegung, die wir die Kolonisation des deutschen Ostens neunen. Tie ersten Elemente unter den deutschen Ansiedlern waren int Norden die Niederländer. Seit 1100 bedienten sich ihrer die Erzbischöfe von Hamburg-Bremen zur Urbar» machnng der sumpfigen Movr-Gegenheit an der unteren Weser und! für die Marschknliur: darin, gerade waren sie Meister. Bon. hier brachte sie Graf Adolf nach Holstein, Albrecht der Bär nach der Mark Brandenburg-; noch viel weiter drangen sie vor, bis nach Ungarn und- Siebenbürgen. Noch erinnern an sie in den östlichen Städten manche Straßennamen, wie Blämische Straße und andere geographische Bezeichnungen, so an der säckMch-brandenbitrgischest Grenze der Landrücken*, welcher Fläming- heißt. Noch im 19. Jahrhundert wurde im Bra,bäurischen- das Lied gelungen, das damals die Auswanderer erschallen ließen:
„Raer Oostland- willen wy ryden, *) Ra er Oostland willen wy mee Al über de groene Heiden, Frisch ober de Heiden, Daer is en betere ftee."
Den Hauvtstock der Kolonistenbcvölkerung aber bildeten nicht,- wie mau oft übertreibend sagt, die Niederländer, sondern Leute, die den benachbarten innerdeutschen Stämmen angehörten: Holstein, Mecklenburg, Pom-mern, Brandenburg und- Preußen wurden von Westfalen und Niedersachsen ans* vornehmlich- besiedelt, Meißen, die Lausitz und Schlesien von Thüringen und Franken, Böhmen*, Mähren und- Oesterreich neben Franken hauptsächlich von Baiern und «chw-aben. Die sogen-. „Siebenbürger Sachsen" übrigens sind-, nm das hier beiläufig- zu erwähltest, gar keine Sachsen, sondern Franken ans der MosrlgegetH
Wie mut ist eine Auswanderung zu erklären, die fo kolossal! war, daß im Zeitraum- van- etwa anderthalb J'ahrhiuchertenl
*) rydeu = fahren, wandern.


