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kam noch einmal zurück. Jans Herz klopfte. Freundlich verwundert blickte sie ihn oit, als wollte sie sagen: „Was stehst die da immer auf einem Fleck?"
„Na, Jan," sagte sie lächelnd.
Jan trat einen Schritt vor. „Dars ich ihr mal ’n büßchen sehn?" bat er. Er sprach Hochdeutsch, und seine Stimme zitterte.
In Frankes Herzen kämpfte das Mitleid mit dem Pflichtgefühl. „Kleine Kinder darf man nicht so viel besehen/' sagte sie altklug, „dann werden sie nicht groß. Aber einen Augenblick kannst bn mal reingucken." Sie schob die Gardinen eine Handbreit auseinander, und Jan blickte hindurch.
Mit glänzenden Augen sah er dann ans. „Ach, wie ist sie n üblich!"
„Das ist doch ein Bruder," belehrte Frauke.
Jan wurde rot. „Ich möchte auch gern 'nen kleinen Bruder haben, aber noch lieber 'ne Schwester."
„Dann mußt du den lieben Gott bitten," sagte Frauke, „der sagt dann dem Storch Bescheid."
Es siel Jan schwer auf die Seele, daß er, seitdem er auf Spätinghof war, das Beten unterlassen hatte. Früher hatte, die Mutter abends mit ihnen gebetet, ehe sie ihnen den Gutenachtkuß gab. Wie wohl ivar ihm dann immer ums Herz gewesen, wie sorglos war er eingeschlafen im Vertrauen auf Gottes Schutz.
Von diesem Tage an betete Jan wieder an jedem Abend vor dem Schlafengehen mit Inbrunst sein Vaterunser; aber er betete leise, damit Jak er nicht hörte,
Seitdem traf er Frauke öfters, wenn sie ihr Brüderchen spazieren fuhr.
„Laß mich ihn doch mal 'n büßchen fahren!" bat er einmal.
Franke ließ ihn gewähren. „Aber nicht umkippen!" warnte sie.
Jan fuhr gauz sachte, ganz vorsichtig über das holprige Pflaster Er ging auf den Zehen dabei und hielt den Atem an. Als der Kleine sich halb anfrichtete und ihn mit seinen blanken Aeuglein neugierig ansah, ivar Jan glücksel g.
„Er mag das gern haben, wenn ich ihn sahr', er kennt mich all," flüsterte er Frauke zu.
Ms er nach Hause ging, stand Jak an der Ecke.
„Du bist wohl Kinderdeern beim Kantor geworden?" höhnte er.
Jan antivortete nicht. Er lief davon und tat, als hörte er es nicht. Er war in seinem Herzen viel zu froh und glücklich, um mit dem Bruder böse zu sein. Es vergingen aber doch mehrere Tage, ehe er es wieder ivagte, sich an Fraukes Kinderwagen sehen zu lassen.
Franke nickte ihm schon von weitem zu wie einem guten alten Bekannten.
„So," sagte sie, und diesmal klang ihre Stimme ein bißchen energisch, „jetzt fahr du ihn man ein bißchen, und dann zieh deine Jacke aus; ich will dir den Ellbogen zn- nähen, Nähnadel und Zwirn hab' ich mitgebracht."
Flink willfahrte ihr Jan, und bald saß sie auf der Tür schwelle des Kantorhauses und nähte eifrig, während Jan den Wagen schob.
Frauke gab sich große Mühe. Zwei kleine Fältchen erschienen während des. Nähens über, .ihrer Nase. Endlich war die Jacke heil. Es lvar gerade kein Meisterwerk der Schneiderkunst, das die kleine Frauke zustande gebracht hatte; in Jans Augen aber tvar es wunderschön gemacht. Er wußte gar nicht, wie er feiner Dankbarkeit Ausdruck verleihen sollte. Das Glück machte ihn redselig.
„In Ramstedt war auch ein kleines Mädchen wie du," plauderte er, „sie hatte bräune Augen, so braun wie die reifen Kastanien, und ihr Haar war schwarz Ivie Torfsoden. Ich mag viel lieber helle Haare leiden und blaue Augen." Und sein Blick hing bewundernd an Fraukes hellem Haar.
Frauke hörte ihn lächelnd an. „War sie nett?" fragte sie.
„Ja, nett war sie. Sie weinte bloß immer gleich, wenn einer sie antippte. Sie war so schnaksch."
Frauke sah nachdenklich geradeaus. Dann wandte sie Yen Kopf. „Di»," sagte sie vertraulich, „deinen Bruder Jakob mag ich gar nicht leiden."
„Warum nicht?"
„st r ist so groß und — so stark," sagte Frauke.
Jan dachte an diesem Abend, als er im Bette lag, lMge über seine kleine Freundin nach.
„Es ist doch merkwürdig, wie sie einem alles vom! Munde abliest," dachte er, „auch was inan gar nicht mal ausspricht. Warum sie Jak wohl nicht leiden mag. Ich glaube, mich möchte sie doch leiden, wenn ich auch so groß und stark wie Jak wäre. Wenn sie nun wüßte, wie böse Jak ist, dann möchte sie ihn noch weniger leiden. Sie ahnt es gewiß. Sie ist ja so klug. Warum ist sie so nett gegen mich?" Sie hat Mitleid mit mir. Sie hat gewiß ein gutes Herz; Frauke Steffens ist die beste von allen!" so schloß sein Gedankengang ab.
Im Sommer, wenn bunte Rinder die flachen Fennen belebten, wenn das Schilf in den Gräben braune Wedel trieb, dann hatte die Marsch ihre Glanzperiode.
Die Sonne strahlte am wolkenlosen Himmel, und von der Seeseite her wehte ein leises erfrischendes Lüftchen.
Frauke ging, ihr Brüderchen auf dem Arm, zwei größere Geschwister an der Hand, in die Kantorfenne. Dort lagerten sie sich ins lange Gras itttb pflückten weiße Kleeblnmen,, die Frauke zu kleinen Kränzen wand.
Jan war auch dabei. Seitdem Frauke allerlei über Spätinghof und die alte Trienlieschen. gehört hatte, nahm sie sich Jans fürsorglich an.
Jan hatte aus dem Graben Binsen geholt, nun saßen sie nebeneinander und flochten hohe spitze Hüte. Die Kleinen zogen die grünen Schalen von den Binsen ab, daß nur das weiße Mark zurückblieb, und redeten einander ein, man könne es essen.
Fraukes klare Augen schweiften in die Ferne. „Ist es jetzt nicht schön in der Marsch?" fragte sie.
„Ja," stimmte Jan bei, „auf unseren Spätings ist das Gras so hoch; da kann man sich reinducken, daß einen kein Mensch sieht. Aber auf der Geest ist es noch viel schöner. Dort gibt es Berge und einen Wald mit Bäumen und; Hecken. Und Beeren wachsen, wo auch kein Garten ist; man kann sie sogar essen. Dort wachsen sogar an der Wegeslante Blumen."
„Ja, so etwas gibt es hier nicht," gab Frauke zu, „aber wir können dafür viel weiter sehen, und wenn inan ruft, schallt es über das ganze Land. Sieh, 'man kann in der Ferne den Eisenbahnzug fahren seheit. Man kann den Kirchturm von Husum und von allen Dörfern ringsherum sehen. Und ganz hinten, wo das Land, aushört und der Himmel anfängt, da ist das Meer."
„Was für ein Meer?"
„Die Nordsee."
„Ich sehe sie nicht." Jan war aufgestanden und spähte eifrig atzs.
„Sie ist aber da." Fraitke war aitch anfgestanden. Sie hatte die Binsen ins Gras gleiten Ia|feit; den einen Arm um Jans Schulter gelegt, wies sie mit dem anderen geradeaus.
„Siehst dü das kleine Duttkle, das sich vom Hammel abhebt? Wie ein Tüchleir», das zum Trocknen in der Luft hänat, sieht es aus. Das ist ein Segel."
Jan begriff. „Bon einen» Schiff? Ach, das ist es!"
„Ja, und das Schiff fährt auf der Nordsee. Das ist das Meer!"
Jan sah und glaubte. Andächtig ward es ihm tuns Herz; als ob ihm jemand gesagt hätte: „Siehst du den Himmc»,? Dort ist Gott!"
lFortsetzuiig folgt.)
wie Ostdeutschland und Oesterreich deutsch wurden.
Bon Prof. Dr. R a ch f a h l.
Deutschland, als ein ethnographisch zusammenhängendes Ganzes betrachtet, d. h. jetzt im Wesentlichen das Deutsche Reich und Oesterreich, setzt sich aus zwei ihrem Ursprünge zufolge ganz verschiedenartigen Bestandteilen zusammen. Wenn mm» auf der Karte eine Linie zieht etwa von der Kieler Bucht bis zur Spitze, des adriatischen Meeres, so zerlegt mau Deutschland in zwei Hälften, Nur die westdeutsche davon ist altdeutsches Siedlungsgebiet; hier saßen germanische Stämme in ununterbrochener Folge, von der Zeit ches. Cäsar und Tacitus bis aus unsere Tage. Richt so ans der östlichen Hüfte. Wohl sah auch, hier in den Gegenden, von der Ostsee bis etwa zur Donau die Urzeit.Germanen, beschäftigt mit Krieg, Jagd, Viehzucht und primitivem Ackerbau. Aber der Sturm der Völkerwanderung riß sie hinweg von hier; sw hofften ein besseres Unterkommen innerhalb der Grenzen des Römischen Reiches zu finden. In das von ihnen verlassene Mebtet rückten ihre östlichei» Nachbarn, die Slaven, ein. Ter Raum . den die Slaven jetzt einnahmen, war ein ungeheurem sie erstreckten sich von der Ostsee bis zum Adriatischen und Schwarzen Meer und jenseits der unteren Donau bis zum Balkan-Gebirge,


