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weiter, sondern stets folgen auf Zeiten des Fortschritts solche des Stillstandes oder des Rückschrittes. Auch das deutsche Bolk kann in seiner Geschichte das mit mancherlei Beispielen belegen. Wie folgten auch da auf Zeiten nationaler Begeisterung und religiöser Erhebung trostlose Perioden! Man denke nur an die Jahre einer kraftvollen, nationalen Betätigung von 1813—15: von 1870/71 und an die kleinen Zeiten, die daraus folgten. Und wie war es nach den Frühlingstagen der deutschen Reformation von 1517—1530 etwa? Auf Luther und seine große, gewaltige Zeit folgt der 30jährige Krieg und bringt mit dem wirtschaftlichen Ruin für Deutschland einen unsäglicher: Niedergang auch in geistiger und sittlicher Beziehung. Die hoffnungsvolle Saat der Reformation wird zerstört durch die sogen. Gegenreformation. Als typisches Beispiel dafür mag die Entwicklung in der Kurpfalz dienen.
Die Kurpfalz ist ein Staatengebilde, das als solches heute nicht mehr besteht, sondern in den Tagen der französischen Revolution untergcgangen ist. Sie war eines der schönsten Länder Deutschlands zu beiden Ufern des Rheins, ihre Residenz das herrliche Heidelberg. Jin Osten reichte sie bis zum Schwarzwald und Odenwald, auf dem linken Rheinufer umfaßte sie den größten Teil des heutigen Rheinhessen und Rheinbayern, auch Kreuznach gehörte dazu. Kornfelder und Weinberge, Industrie, Schiffahrt und Handel kennzeichnen die Pfalz, die als Grenzgebiet lange Zeit der Schauplatz erbitterter Kümpfe im 30jährigen Kriege war. Die Bewohner der Pfalz sind noch heute, wie in jenen Zeiten, redselig und offenherzig, wenn auch nur beschränkt von ihnen gelten kann, daß sie leichtfertig oder gottlos seien. Nicht mit Unrecht trug das Land von seinen Bewohnern her die Bezeichnung die „fröhliche Pfalz". Das so oft als leichtsinnig gescholtene Volk ist in Wirklichkeit sehr empfänglich für religiöses Leben. Das zeigt schon die Zeit der Reformation. Diese ging recht eigentlich vom Volke aus, während der Kurfürst erst nachfolgte. Als in Heidelberg 1545 eine Messe celebriert werden sollte, da stimmte die Volksmenge plötzlich das damals viel gesungene Lied au: „Es ist das Heil uns kommen her," und 6 Wochen vor Luthers Tod konnte der erste evangelische Gottesdienst gehalten werden, nachdem Melanchthon als Pfälzer sein Gutachten abgegeben hatte. Eifrig wurden nun Kirchen und Schulen gegründet. — Bald aber wurde die fröhliche Pfalz der Schauplatz heftiger Kämpfe, nachdem sie unter Kurfürst Friedrich III. vom lutherischen zum kalvinistischen Glauben übergeführt worden war. Jedenfalls war sie damals zu mindestens s/io evangelisch. Noch schlimmer aber wurden die Verhältnisse in der Pfalz üi den Zeiten der Gegenreformation, die mit Hilfe der katholischen Fürsten, der Jesuiten und anderer Mönchsorden durchgeführt wurden. Im Jahre 168 > starb der letzte Kurfürst der reformierten simmerifcher Linie, und nach dem Gesetz kam nunmehr die katholische Neuburger Linie auf den Thron mit Philipp Wilhelm. Fair schwere Komplikationen sorgte von Westen her Ludwig XIV., der Ansprüche auf die Erbschaft erhob aus dem durchaus nichtigen Grunde, daß sein Bruder, der Herzog von Orleans, mit der pfälzischen Prinzessin Elisabeth Charlotte vermählt war, einer deutschen Prachtnatur, bekannt unter dem abgekürzte:: Namen Liselotte, die als Opfer der Politik ganz besonders unsere Teilnahme und Sympathie | beanipruchen kann. Obgleich Ludwig XIV. also keinerlei Rechtsauspruch hatte, schritt er 1688 zum Kriege. Der deutyhe Kaiser, der gerade mit den Türken im Kampfe lag, konnte die Ausführung von Ludwigs Befehl „de bruler le Palatinal", d. h. die^Psalz zu verbrennen und zu verwüsten, wn-r Ö<r^1^)ern‘ ^Heerte ^er französische General Elac das Land furchtbar; Heidelberg, Mannheim, Worms und Speyer hatten besonders unter den Greueln dec Mordbrenner zu leiden. Fast noch schlimmer aber war, ivaS nach I , v'stv Roheiten folgte. Mit den Franzosen strömten Je- Nttteu, Kanueliten, Kapuziner, Franziskaner ins Land und luchten nun die Errungenschaften der Reformationszeit zu vernichten. Nachdem Johann Wilhelm Kurfürst geworden >
I war, erfolgte die zweite Zerstörung von Heidelberg 1692. Die damals geschlagene Denkmünze trägt die Prägung: rex diz.it et factum est, d. h. der König wollte es, und so geschah es. Endlich fand der Krieg seinen Abschluß in dem i Frieden von Ryswyk 1697. Auf Drängen von England und Holland sollte darin auch die evangelische Kirche der Kurpfalz wieder zu ihrem Rechte kommen und ihre Verhältnisse so wieder hergestellt werden, tvie sie vor dem Krieg gewesen waren. Doch wurden diese Hoffnungen jäh wieder vernichtet. In der letzten Nacht vor Ratifikation der Bestimmungen wurde die berüchtigte sogen. Ryswyker Klausel in den Vertrag eingeschmuggelt, wonach bei der katholischen Kirche in der Pfalz alles in dem Zustande bleiben sollte, in welchem es im Augenblicke sei. Vergeblich suchten Holland und die pfälzischen Diplomaten gegen die jesuitische Klausel ihren Standpunkt durchzusetzen. Die Folge derselben war natürlich die, daß nach dem Friedensschlüsse in der Pfalz der kirchliche Terrorismus seinen Anfang nahm. (1697—1705.) An 39 Orten wurden Evangelischer: die Kirchen ganz abgenommen, an über 100 Orten wurden aus ihnen mit Gewalt Simultankirchen gemacht, obgleich die Evangelischen über 2/3 der Bewohner bildeten. In Weinheim z. B. zwang man diese, bei der Frohnleichnamsprozession zu knien und Maibäume zu stellen. Widerstrebende hatten Gefängnisstrafen zu erwarten. Die Kinder aus Mischehen wrrrden durch Drohungen und Gewaltmaßregeln gezwungen, katholisch zu werden. Diese Dinge sind noch heute nicht aus dem Gedächtnis der Rheinhessen geschwunden, und das Kreuz, das Symbol des Christentums, weckt dort stets traurige, trübe Erinnerungen: Denn in jenen schweren Zeiten kamen die kreuztragenden Mönche unter militärischer Bedeckicng, um die evangelischen Kirchen in Besitz zu nehmen. Und doch ist kein einziges Beispiel bekannt geworden, daß ein erwachsener Evangelischer seinen Glauben aufgegeben hätte. Man hoffte stets auf kommende bessere Zeiten. Von anderen evangelischen Herrscher:: wurde m:f den Kurfürsten eingewirkt, besonders von preußischer Seite ihm angedroht, daß man den Katholiken Repressalien auflegen werde. Im Jahre 1705 erschien dann die sog. Religionsdeklaration, wonach 7? der Kirchen und des Kirchengutes den Katholiken, s/? den Evangelischen zugesprochen wurden. Damit war ein wesentlicher Fortschritt errungen, gegen früher allerdings immer noch ein gewaltiger Rückschritt. Und noch lange Zeit, ein Jahrhundert laug, dauerten die Bedrückungen an. Ein neuer Streit entbrannte 1714 um die 80. Frage des Heidelberger Katholis- mus, it: welchem die Messe als „vermaledeite Abgötterei" bezeichnet wurde. Der Kurfürst Karl Philipp wollte deshalb den Katechismus gänzlich vernichten und übergab außerdem die Heiliggeistkirche in Heidelberg ganz den Katholiken. Erst als Preußen und Hessen an fingen, nun gegen die Katholiken in ihren Ländern schärfer vorzugehe::, mußte sich der Kurfürst fügen. Um Heidelberg zu vernichten, siedelte er nach Mannheim über. — In anderer Weise suchte der letzte Dirfürst Karl Theodor (1742—1799) als Jesuitenzögling die katholische Religion zu fördern. Er stellte nach Möglichkeit nun noch katholische Beamte an, so daß 1790 unter allen Verwaltungsbeamten nur noch sechs Evangelische waren, in Heidelberg neben 44 katholischen Professoren nur 5 evangelische Dozenten, von denen jene 10000, diese aber nur 2000 Gulden Gehalt bekamen. Sämtliche Schulthciße waren katholisch, auch in ganz und gar evangelischen Orlen. Auch das evangelische Kirchenvermögen wurde geradezu verschleudert durch ganz unmotivierte Ver- mehrrlng der Behörden. In die evangelischen Pfarrstellen kanren aus Prinzip nur üble Subjekte. So vereinsamte das blühende Land immer mehr, die fröhliche Pfalz war tief traurig geworden. Der Name „Pfälzer" wurde gleichbedeutend mit „Auswanderer", und sang- und klanglos ist schließlich die Pfalz untergegangen. 1792 kam die französische Revolutions-Armee unter Custine über Speyer, Worms und Mainz, ohne daß ein deutsches Heer ihr die Spitze bot. Bis 1799 bestand die Pfalz zum Schein


