Ausgabe 
3.3.1909
 
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Tie Damen gingen zu gleicher Zeit, die Offiziere blieben tote allsvmrtäglich znm einfachen Abendbrot; Hassiugen hatte diese Wende bei der heiteren, alten Dame immer sehr behaglich ge­funden, heut wäre er lieber sortgcgangen. Es kam ihm vor, als hätte er die reizende junge Frau schutzlos einem bösen Drachen überlassen.

Und als Keßler ihm sein BekrcuzigungSmanöver erzählte, wobei er wieder sehr ernsthaft dreinsah und sehr wenig ernsthaft war, meinte sein blonder Kamerad:

Die beiden Frauen haben etwas gegeneinander, haben Sie daZ nicht auch bemerkt, Keßler? Tie Alt«, die übrigens mal gefährlich schön gewesen sein muß, ist ja mit Bosheit geladen, sobald sie Fran von Rieding nur ansieht."

Darüber kann uns vielleichtTantchen" ausklären, mau schwatzt ja doch immer über die Abwesenden, sie ivirbS auch tun."

BesagtesTantchen" war gerade hinausgegangen, um nach dem Abendbrot zu sehen, die Herren waren allein in deut kleinen Salon mit seinen altmodischen Mahagonimöbeln, den Porzellan- schäferinnen im Glasschrank und dem perlengestickten Klingelzug neben der Tür, der jetzt nur noch Dekorationsstück war.

Ter Frühlingshauch von Fran von Riedings Veilchenpacsüm mischte sich in den faden Verwesungsgeruch getrockneter Blüten aus einer geöffneten Potpourrivase.

Wie gefallt Ihnen die Kleine, Keßler? Wäre das nichts für Sie?"

Der Artillerist räkelte sich in seinem Sessel und gähnte.

Mart muß da höllisch sondieren, ehe man sich engagiert ich bin mir noch nicht über diese junge Pflanze klar. Ich wittere Moderlust gefärbte Haare bei der Jugend da ist irgendwo sumpfiger Boden, aber es kann auch nur die Mutter sein oder das ganze Milieu der Vater ist Hofmarschall an einem kleinen, aber übel berüchtigten Herzogshofe von solcher Lust bleibt immer etwas hängen ich würde ohne weiteres sagen: eine schon im Keim verdorbene Mädchenblüte aber die Geschmack­losigkeit ihrer Toilette ist beruhigend und läßt mich noch hoffen."

Mein lieber Neffe mokiert sich schon wieder mal, hören Sie nicht auf ihn, lieber Hafsingen, er ist ein zu scharfer Kritiker."

Fräulein von Meppen war uitbemerkt eingetreten und nahm den kleinen Leutnant scherzend bei den hübschen Ohren.

Es kann nie schaden, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, Tantchen, und deshalb wirst du gleich mal mit Uber die Abwesenden reden und uns erzählen, warum die beiden Frauen, die uns eben verließen, sich so lieben. Tu warst doch Mit ihnen in Bordighera zitsammen, als sie sich kennen lernten."

Tie Liebe hast du auch schon wieder entdeckt?"

Nee! Tiesmal wars Hafsingen, Tantchen!"

Fräulein von Meppen versprach zu erzählen, was sie wußte, Aber zuerst bat sie zu Tisch.

Nachdem das einfache Abendbrot verzehrt war und die drei Wieder im Salon znsammensatzen, begann das alte Fräulein:

Also die Feindschaft der beiden Frauen interessiert Sie beide? Ich glaube, sie ist nur einseitig, Frau von Rieding ist innerlich viel zu Hochmütig, sie zu erwidern, sie ist eine weltkluge Frau iund hütet sich, den Menschen lvirklich richtige Angriffspunkte zu geben, deshalb sagt sie sich auch:Was kümmert mich die Bos­heit dieser Frau? Ich haoe sie nicht zu fürchten." Sie weist- sicher gar nicht, warum sie eigentlich angefeindet wird, aber ich ahne es. Unbeteiligte sehen oft schärfer als die,'welche mitten in den Ereignissen stehen. In Bordighera taicchte damals ein Prinz lvon W. auf, ein Bruder des regierenden Herzogs, es sollte ganz zufällig sein, aber mir schien's, als sei er der noch immer genug verführerischen Exzellenz nachgereist die ersten Tage sah man sie immer zusammen, er war ein häßlicher Mensch, sehr brünett, tiefliegende Augen, die sehr weich und sehr hart blicken konnten, dazu eine sehnige Sportsmattfigur, war auch auf allen Rennplätzen zu Hause und lag tagelang mit einer Segeljacht auf dem Meere ich mochte ihn uicht ich mag die Männer nicEjt, denen man ansieht, daß sie die Frauen lieben und verachten. Er kümmerte sich auch nicht um meine weißen Haare, aber als Frau von Riediug von ihrem Mattne auf einer Automobilfahrt, ine über ihre Kräfte ging, in Bordighera zur Erholung gelassen wurde, toax mein Prinz, soweit ich es beurteilen konnte, Feuer und Flamme stir sie. Sie war damals noch viel reizender, als sie jetzt ist, der Lvd ihres Mannes muß ihr doch sehr nahe gegangen sem, obgleich die Ehe mir sehr kühl und modern Vorkain uy war dabei, als sie sich von ihm verabschiedete, ehe er weiter- ftlhr -- ein formeller Handkuß sie blickte ihm nicht mal nach. Mit dem Prinzen verkehrte sie in der unbefangenen, kamerad­schaftlichen Art der vielgereisten, vornehmen Frau, der auch eine Herzogskrone nicht imponieren konnte sie ritt mit ihm und Z-rau von Schlettau, sie spielten zu dreien Tennis nur aufs

Meer mußte die Exzellenz sie, tote ich eben vermute, zähne­knirschend allein lassen, da sie an einer unüberwindlichen Nei­gung zur Seekrankheit litt. Ich bin überzeugt, sie hatte ruhig als Mäuschen mitsegeln können, Frau von Rieding hat den Mann vielleicht sehr geliebt, aber seine Geliebte war sie ganz sicher nicht."

Ter kleine Artillerist kniff toie immer, wenn er etwas be­zweifelte, das linke Auge zu und zog eine schreckliche Grimasse.

Bist bu dessen wirklich so sicher, Tantchen?"

Die alte Dante setzte eine geringschätzige Miene auf.

Lieber Walter, ich kenne mein Geschlecht besser tote du, eine Lena von Rieding mürbe wohl den Mut gehabt haben, den Skandal einer Scheidung auf sich zu nehmen, um einem anderen Manna angehören zu können, aber seine Geliebte werden nie."

Tie hat einen großen Stein bei dir im Brette, Tantchen."

Was wurde denn nun aus der Geschichte, gnädiges Fräu­lein?" siel Hafsingen etwas nervös ein, denn diese Auseinander­setzung schien ihm ganz überflüssig.

TaSTantchen" lächelte belustigt.

Ja, das Eitde weiß ich leider tticht, da ich vierzehn Tags früher als die Hauptbeteiligten abreisen mußte. Diese dummen! Rundreisehefte damals hab ich das meine besonders verwünscht. Tie gaitze Tragödie mit dem Sturz Herrn von Riedings passierte ja trocf; zu der Zeit, als die junge Fran an der Riviera war ich habe Fran von Schlettau schon um die Geschichte befragt und hörte da zu meinem Staunen, daß sie eher wie Frau von Rieding, altz twch vor der Katastrophe, abgereist sei

Und ob der Prinz mit ihr reiste oder bei seiner neuen! Liebe blieb, verriet sie dir wohl nicht?"

Oh!" Fräulein von Meppett streckte abwehrend die beiden flachen Hände aus.Ich werde mich hüten, in ein Wespennest zu stechen, das muß ich mal sehr geschickt und harmlos anstellen taktlos bin ich nie gewesen, und ich habe das Gefühl einer Takt­losigkeit, wenn ich den Namen des Prinzen vor diesen beiden! Frauen erwähne."

Dann kaut das Gespräch noch auf die pekuniären Verhält­nisse des Hofmarschalls, auf die kleine, rotblonde Erika.

Mach ihr die Cour, mein Junge, aber denke nicht ans Heiraten!" warnte dasTantchen" gutmütig.Sie stammt aus keiner guten Ehe, solche Töchter werden schlechte Fraiten. Der Hofmarfchall ist eilt Ehrenutann vom Scheitel bis zur Sohle, wie mein alter Geheimrat mir erzählt die Frau verdankt cs nur seinem guten Namen und einer unbegreiflichen Nachsicht der Gesellschaft, daß man sie noch empfängt ich bin keine strenge Sittenrichter inl aber wer Treue schwört, soll nicht Treue brechen. Deshalb ist mir Frau voll Meding, die iicher eben so viel utmvorben mürbe als die Schlettau, so sympathisch, und ich wünsche ihr von Herzen ein Glück kein neues Glück, toie man sonst gedankenlos sagt sie hat sicher mit ihrem Manne keins verloren."

Auch heut hatte Hans von Hasfingen, ehe er endlich die Ruhe des Schlafes fand, so viele Gedanken zu bewältigen, daß der Kopf ihm schwer ward und die Stirn heiß.

Vier Wochen hatte er sich in Wiesbaden gelangweilt, und nun stand er plötzlich mit einem Sprunge mitten drin in einer ihm vertranten und doch fremden Welt.

Es waren Menschen seiner Kreise, aber toie weit gähnte die Kluft zwischen ihnen und denen, die in der kleinen Harzstadt sein Leben beeinflußten, sein Denken beschäftigten. Wie furchtbar spießbürgerlich erschien ihm atif einmal alles, was er dort zurück­gelassen hatte, iuie armselig und kleinlich. Ein Stich zuckte ihm durchs Herz, dachte er an das Milieu, in dem seine kleine Helene hoffend auf das Wunder harrte, das bett rettenden Prinzen in ihr Aschenbrödeldasein sandte.

Dabei siel ihm der Prinz ein, der wirkliche Prinz, dem Lena Riedings goldbraune Augen in Liebe gelächelt haben sollten. Sie mußte sehr schön sein mit solchem Lächeln. Aber eilt widriges Mißtrauen kroch ihn an, ob sie nicht doch vielleicht einst die sün­dige Leidenschaft über die ehrliche Treue gesetzt hatte, und Helene Falks Bild hob sich rein, licht und keusch aus dem Chaos dec Bilder, die sich ihm aufdrängten. Sie stand doch turmhoch über all diesen müden, kühlen Weltdamett. Aber auf den Rosen­montag in Mainz freute er sich doch.

(Fortsetzung folgt.)

Die Gegenreformation in der Umpfalz.

(Nach einem Vortrag von Pfarrer Bechtolsh'eimev int evangelischen Bund.)

Die Entwicklung der Menschheit könnte man vielleicht vergleichen mit der bekannten Echternacher Springpro- zession: 3 Schritte vorwärts, 1 Schritt zurück. Nie geht und ging diese Entwicklung geradlienig unb ungebrochen