Ausgabe 
3.2.1909
 
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III.

Sie selbst sorgte dafür, da st er aut nächsten! Morgen frühzeitig Bn sie erinnert wurde.

Stadthagen brachte ihm neben derTäglichen Rundschau", die er seit dem Beginn seiner LeutmrutKzeit hielt, eine Ansichtspost- karte, die einen lauschigen Weg im Buchenwald des Heidelberges zeigte unb an deren unteren Rande in einer zierlichen, dünnen Mädchen Hands chr i ft die Worte standen:Lassen Sie mich nicht Vergeblich rvarten, ich freue mich so. H."

Kopfschüttelnd legte er die Karte vor sich ans die Bettdecke und liest sich noch einmal in die Kissen znrücksinken. Eigentlich war es doch toll von dem kleinen Pensionsmädel, ihrer Ver­liebtheit so gar keine Zügel anzulegen. Er mochte das sonst nicht leiden. Liebe, die sich ihm anbot, fand ihn ganz kalt und ab- lehnend, er antwortete nie auf eine der zahlreichen Zuschriften Von weiblicher Hand, die ihn sehnsüchtig um eilt Rendezvous an» flehten, ihmsüße Stunden" versprachen, um sein Bild wenigstens bettelten, sie wanderten zerrissen in den Papierkorb, höchstens, daß er einen besonders überschwänglichen Herzenserguß vorher im Kasino zum Besten gab.

Daher kanls wohl, dast die Kameraden ihn für einen großen Weiberfreund hielten, denn dast man solchen Anstürmen der holden Weiblichkeit einen harten Panzer entgegensetzen könnte, glaubte keiner.

Er tetr ganz ungewollt in den Ruf eines Don Juans ge­kommen, dem kein Mädchenherz widerstehen konnte.

Er mußte allerdings selber zugeben, dast er Glück bei den Frauen hatte, obgleich ihm herzlich wenig an deren Gunst gelegen war. Er wollte gern heiraten, aber er dachte gar nicht daran, einerguten Partie" die Cour zu machen, da ihm noch keins dieser Mädchen bis jetzt, wohl ans Zufall, ein Gefühl der Sym­pathie erweckt hatte, ja, ihr Wohlgefallen an ihm stets peinliche Empfindungen in ihm hervvrriefen. Heut freute er sich zum erstenmal an einer mühelos gemachten Eroberung, während er in dem schmalen eisernen Feldbett lag und zur weistgekalkten Balkendecke des kleinen Zimmers eurporstarrte, in das -direkt nie ein Sonnenstrahl gelangte und das in primitivster Weise mit alten Möbelt» verschiedenen Holzes eingerichtet war.

An dem lärmenden Gezwitscher der Spatzen im einzigen grünen Baum des kleinen Hofes aber merkte Hassingen doch, dast ein schöner Tag draußen war. Ganz flüchtig durchzuckte ihn der Gedanke, dast ein Regentag ihm beinahe erwünschter gewesen teire, so ein nüchterner grauer Tag dämpft meist überschüumende Gefühle.

Wer der Frühling, die Sonne! Dieses Blühen und Duften Überall. Ihm wurde Heists, totnir er an den sonnendurchleuchteteit Buchenwald dachte, an Helenens fcheue, zärtliche Mädchenaugen.

Er nahm die Karte lvieder auf.

Ich freue mich so," das klang so rührend kindlich, so sehrt- süchtig.

Ruit, er wurde nicht so grausam sein, sie vergebens Ivarten zn lassen, es wäre unritterlich gehandelt.

Freilich, die Folgen kamen auf ihr junges' Haupt; er lehnte innerlich jede Verantwortung für fein eigenes Tun ab, das der Wunsch dieses Mädchens in Bahnen lenkte, die er andernfalls Nicht zu betreten gewagt hätte.

Er war es jedenfalls nicht, der das Rad ihres Schicksals inS Rollen gebracht hatte. Damit verjagte er seine letzten Bedenken.

Als am Nachmittag pünktlich zur verabredeten! Stunde Leut­nant Espach kam, um ihn abzuholen, sand er ihn so unternehmungs­lustig, wie nur ein junger Leutnant sein kann, der im Begriff steht, ans ein kleines Abenteuer auszugehen.

Er hatte lachende Augen, und seine Stimme klang viel frischer Pis gestern.

Wehe Ihnen, Espach, wenn Sie mich im Glanz Ihrer Uniform hei Helene ausstechen dann gibts einige Feindschaft zwischen uns."

Dabei musterte er im Spiegel über dem Schreibtisch noch rinutal seine schlanke, hohe Gestalt im dunkelgranen Zivilanzug, jein schmales, hübsches Gesicht über dem lächerlich hohen blendend- weißen Stehkragen, von dem kecken griinlichen Filzhnt leicht be­schattet.

Espach klopfte ihm aus die Schulter.

Sind ja auch in Zivil ein famoser Kerl, Hassiitgen, und wenn man erst mal so verliebt ist, wie Ihre Kleine zu fein scheint dann tun ja Kleider nichts mehr zur Cache."

Er stülpte die Mütze auf den schwarzen, woNfrisierten Kopf.

Nu Bamtd wohl losgehen."

Vorher gabs noch einen Abschied von Bella, die heut, da sie als störend zum Daheimbleiben verurteilt wurde, natürlich schweifwedelnd zur Stelle war.

Als sie die böse Absicht ihres Herrn merkte, stieß sie heulende Klagetöne aus, aber es nutzte ihr nichts.

Die Tür schlug zu, die Glocke brausten bimmelte, sie tvar allein.

Die beiden Offiziere umfing in wenigen Minuten das lauschige, grün-goldige Dämmer des Bucheitwaldes.

Beider Augen spähten aiufmerksam durch das junge, grüne Laub, und sie lächelten, als der Schall von Mädchenstimmen tind Gelächter von unten herauf klang.

Die Grotte, au der sie nun Vvrüberschritten, war leer; sie fegen aufs Geradewohl links ab, und im nächsten Moment drückte! tzassingens Arm sich fester auf den des Gefährteti. Ihnen ent­gegen kamen langsamen Ganges die beiden Freundinneir. Iw duftige, weiße Kleider gehüllt, gleichfarbige große Mullhüte über den frischen jungen Gesichtern, schienen sie wie ein Verkörperung des Frühlings, der um sie her grünte und blühte. Tic unberührte Frische der allerersten Jugend strömte von ihnen ans und verlieh ihnen einen unbeschreiblichen Reiz. Hasstngens stark ausgeprägtes' Schönheitsgefühl tvar vollauf befriedigt.

Espach urteilte twch kühler und kritischer. Die überschlanke Braunhaarige mit den seltsam schräg stehenden Augen war nicht fein Geschmack, aber die große Blonde schien ihm doch eines näheren Studiums wert. Sie sah ihn mit ihren Hellen, rötlich fewimperten Angen so ruhig und ausuterlfam mit einer kleinen Beimischung von Amüsement an, als wolle sie sagen:Sieh da, der soll wohl für mich sein. Nun da bin ich doch neugierig, ob er mir gefallen wird."

Ihm gefiel vor allem beim ersten Eindruck ihre straffe, felbst- bcwußte .Haltung, ihr sicheres Auftreten.

Während Hassingen ihn den jungen Damen vvrstellte, fand! Espach es unbegreiflich, wie iratit neben Lisbeth die andere br­achten konnte.

Helene errötete heftig, als Hassingen ihr die Hand reichte, aber Lisbeth hielt den Ädoment für angebracht, ihren und der Freundin Namen zu nennen, und zeigte sich nur etwas befangen bei der Selbstverständlichkeit, mit der Espach sie sofort in Be­schlag nahm. Aber das verflüchtigte sich rasch.

Sie ging bald lebhaft plauderild mit ihm tveiter, während das andere Pärchen langsamer nachfolgte.

Heber ihnen wölbte sich das zarte, junge Buchenlaub wie ein grün-goldenes Dach, ans dem zuweilen ein Sonnenpfeil nieder­zuckte und vor den Füßen der Tahinschreitenden auf und ab tanzte. Im Dickicht zur Seite und über ihnen klang ein Gewirr unklarer Tierstimmen, ein Singen, Zwitschern, Zirpen und Summen, ein Wispern und Raunen, all die Laute der frühlingsberauschten, keimenden, vom Liebesleben der Natur erregten Erde.

Auch Hassingens ruhiges Blut, das er bei jeder Gelegenheit zu betonen pflegte, begann rascher und heißer durch seine AderN zu fließen, als er neben dem jungen Mädchen herschritt, mit dein seine Phantasie sich in öden Krankheitstagen mehr als gut war, beschäftigt hatte.

(Fortfetzuttg folgt.)

§elrx Mendelssohn-Bütthsldy.

Am 3. Februar jährt sich zum hundertsten Male der Geburts­tag Felix Mendelssohn-Bartholdys, eines der genialsten Musiker, die dem au musikalischen Talenten so reichen deutschen Volke entsprossen sütd. Unsere moberite Zeit, die so gern und so eifrig alles, was die Kunst an fdjönen Gaben zu verteilen hat, nur von ihrem Standpmtki zu beurteilen geneigt ist, hat auch versucht, Mendelssohns Stellung in der Musikgeschichte zu erschüttern, indetnl überemsige Zerstörer der künstlerischen Ideale die Natur des Künstlers als zu weichlich und senttmental hinstellen. Aber ist den breiten Massen der Änfikfreunde wirken die Werke des Ton- setzers mit der gleichen unverminderten Frische, in der sie vor fünfzig Jahren das Entzücken der Welt gebildet haben, und es ist wohl zweifellos, daß vieles von dem Lebenswerk des hoch­begabten Maitnes auch für lange Zeit noch zum Hansschatz des deutschen Volkes zählen wird. Zwar der Geschmack unserer Gene- ratioti hat sich im allgemeinen vott der Art abgewendet, die; Mendelssohns Kennzeichen bildet. War für ihn und seine Zeit­genossen die Melodik die Seele der Musik, strebte er vor allen Dingen nach einem ntnsikalifchen Ausdruck, der sich parallel zur schönen Linie bewegte, so erblickt die Epoche, in der lvir leben, Ziel unb Aufgabe der Musik in der Vertiefung der Tonsprache ohne Rücksicht ans den absoluten Wohlklang unb der harmonischen Befriedigung im Sinne der klanglichen Wirkung.

Ein einziger langer Weg voll Glanz und Ruhm ist der Lefetts- lanf Mendelssohns, fer, vom Schicksal unb äußeren günstigen Verhältnissen getragen, eine Laufbahn durchmessen bat, wie sie; nur wenig ausübenden Musikern beschieden war. In einer musika­lischen Familie ausgewachsen, zeigte er schon erstaunlich früh eine hohe musikalische Begabung. Seine Eltern, nach ihrer Fa­milientradition den höchsten Zielen der Bildung und Kunst zu- gewandt, unterstützten das Talent dcs Knaben, und der musika-