Ausgabe 
3.2.1909
 
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1909

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Auf Liebespfaden.

Roman, von H. E h r h ardt.

'Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Nachdem er fein frugales Abendbrot verzehrt, feiste er sich an seinen Schreibtisch und schrieb einen hofsuungsfreudigen Brief an seine Eltern.

Er würde endlich wieder einmal eine kleine Freude tragen in die svrgendnnkle Atmosphäre seines Elternhauses, in der die Lichtblicke des LebenS gar selten Eingang fanden, seit der Krieg von 1870 den Hauptmann von Hassingen zum Krüppel gemacht hatte und seine Schwiegereltern in der wirtschaftlichen Krise jener Zeit ihr ganzes Vermögen verloren hatten, so daß der einzige Bruder Frau V-. Hassingens das Stammgnt der Familie v. Meus­dorf unter Mühe und großen Entbehrungen erhielt, trotzdem er als Junggeselle nur für sich allein zu sorgen hatte.

Freilich galt es gar oft, hilfreich in der Familie seines Schwagers einzuspringen, dem der Staat in einem thüringischen Städtchen eine Lotterieeinnahmestelle übergeben hatte, der aber nie ans einen grünen Zweig kommen konnte, lveil allerlei Miß­geschick ihn jedes Mal, wenn er meinte, sich cmporgerafft zu haben, lvieder ins Elend zurückschleuderte.

Cs waren die Kinder, die, wie so oft, Schuld daran trugen, daß des Vaters brauner Schnurrbart frühzeitig ergraute und das Gold des mütterlichen Scheitels in jungen Jahren sich in Silber wandelte.

Die drei Aeltesten, schnell hintereinander geboren, waren schöne, kräftige, begabte Kinder gewesen, die Tochter mit einem großen musikalischen Talent, das der Familie Hassingen einziges Erbteil von feiten des Großvaters war.

Mit achtzehn Jahren saug Gabriele von Hassingen bereits so wunderbar/ daß alle Lehrer des Leipziger Konservatoriums sich auf den Ruhm und den Erfolg dieser Schülerin freuten, mit neunzehn Jahren richte sie bereits unter der steinernen Gruftplatte im Park von Meusdorf. Sie hatte sich eine Lungen­entzündung geholt und >var trotz sorgfältiger Pflege, trotz eines kostspieligen Aufenthalts am sonnigen Gestade des Mitteln,eeres, Nach einem halben Jahre au der Schwindsucht gestorben.

Mit ihr schien dem jüngeren Bruder, der sie abgöttisch ge­liebt, ^der gute Engel gestorben zu sein.

Er hatte immer zürn Leichtsinn geneigt und war wegen seines jähzornigen Temperaments von Jugend an vom Vater für die Offizierslausbahn als ungeeignet befunden worden.

Er lernte gut, und man sparte und darbte, um ihn studieren Lassen zu können. Kurz vor denk Abitnrium, ein Jahr nach dem Tode seiner Schwester, ging er eines Tages heimlich davon, weil die Entdeckung drohte, daß er eine streng verbotene Schüler- Verbindung gegründet hatte, in der bei'Trunk und Spiel in einem verrufenen Lokal mit weiblicher Bedienung wahre Orgien ge­feiert morden waren. Er wäre unerbittlich relegiert worden.

Dieser Schande entzog er sich durch die Flucht. Daß er sich Reises geld aus der Kasse der Lotteriekollekte ^verschafft hatte, blieb eilt Geheimnis zwischen Hassingen und seinem Schwager.

Auch Hans, der damals im Kadettenkorps war, erfuhr nie etwas davon; aber wenn er in den Ferien nach Hause kam und der gebeugte, nervöse Vater ihm den Kopf zurückbog und prüfend üt das hübsche, ehrliche Knabengesicht «blickte und die Mutter ihn feuchten Auges ihreeinzige Hoffnung" nannte, da durchrieselte ihn mit heftigem, bangem Schauer das Bewußtsein der Pflicht, gut zu machen, was der Bruder gesündigt. Durch ihn sollte noch einmal Glück und Reichtum in der Familie Hassingen heimisch werden. Sein blondes Schwesterlein, der Trost der Eltern, aber auch ihr heimliches'Sorgenkind, weil sie zart und schwächlich heran-! wuchs, sollte ihre Jugend Nicht im Schatten vertrauern.

Durch seinen freien Willen sollte nie Kummer und schmerz von ihm aus die Sorgen der Eltern vermehren.

Als er Offizier geworden, hatte sein Vater ihm geschrieben!

Du Ast bis jetzt mir und der Mutter immer nur Freuds gemacht, mein Sohn, deshalb hege ich die feste Ueberzeugung» daß Tn Deinen Beruf in strenger Pflichterfüllung zur Zufrieden­heit Deiner Vorgesetzten ausführen wirst, und daß Gott Deine. Zukunft segnen wird, tveil er in seinem Gebot verspricht, daß cs denen wohl ergehen soll, die Vater und Mutter ehren."

Er trug diesen Brief immer bei sich in der etwas schäbigen Brieftasche, die sein Onkel schon getragen hatte, ehe er sie dem Kadetten schenkte, und in der nur noch ein Gruppenbild seiner Eltern und all seiner Geschwister lag. Und wenn er abends die Tasche auf seinen Schreibtisch legte, dachte er jedesmal daran-- daß auf ihm die letzte Hvffitnng einer ganzen Familie ruhte. .

Von dem Verschollenen war zwar nach Jahren ein Lebenszeichen gekommen mit einer Bitte um Verzeihung und der Nachricht, daß er in Brasilien in einer Kaffeefaktorei sich bis zum Buch­halter emporgearbeitet habe und schon verheiratet sei mit einer Kreolin, die kein Wort Deutsch verstände, jedoch eine tüchtige Hausfrau sei uud ihn sehr glücklich mache.

Tie Familie hatte erleichtert aufgeatmet, daß er wenigstens noch ein brauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft geworden war, aber er zählte für sie doch nicht mehr mit.

Er ivar ein abgefallenes Reis des alten Stammes, das iit fremder Erde Wurzel geschlagen.

Auch zwischen den Brüdern gähnte die Kluft ihrer sozialen Stellung. Sie schrieben sich tvohl zuweilen, aber das innere Verstehen fehlte: der Aeltere verlachte den Adel, mtb der Jüngere war stolz auf fein Wappenschild mit dem ausgestreckteu Arm, dessen Faust die Keule umspannte und hochhielt, mit der die Vorväter einst dem Feinde den Schädel zertrümmert hatten. Neben dem altertümlichen, breiten Goldring mit seltsamen Schnörkeleien, einem Erbstück Mit der Jahreszahl 1654, timg er am kleinen Finger der linken Hand einen Ring, in dessen grünen Stein das Wappen der Familie eingeschnitteu war. In dem Moment, da er dieses Wappen in den toten Siegellack auf der Rückseite deS Briefkuverts drückte und sein Geist voll Familienstolz und dem Bewußtsein seiner Pflicht erfüllt Mr, hatte er die kleine Helene vergessen,