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dunkler Ball kur Käsig tiiiif uM Meder und streß sich den Köpf und krallte sich'an die Trahtstäbe. Sv-hing er.
„Armes Tier!" murmelte Nelda. „Wenn ich döch ber- jtber könnte, dir das Türchen aufmachen, und sagen: flieg! Ach, es würde dir nichts mehr helfen; bist schon so lang kn Gefangenschaft, du kannst nicht hoch in die Luft, die nächste Katze sängt dich. Armer Boger!" Sie senkte traurig den Kopf auf die Brust und hörte sein schrilles Zirpen N'.it an. „Drum fliege fort, wer kann! Elps zu spät' ist," sagte sie nach einer Pause und zog die Brauen schmerzlich zusammen.
Der Hof war leer. Tas Haus wie ausgestorben, alles zum Sonntag ans. Vor einer halben Stunde war Marie abgezogen, die leibhaftige Hintertreppenprinzessin, mit einen: Hut an,s den gebrannten Haaren, belastet voll zwei weißen Federn und einem Knauf Blumen; mit dem: neuen Cape für fünfzehn Mark und viel zu engen Schuhen. Sie ging mit einen:, „der bei Jerson ins Feschäft is" — das! heißt, er war Ausläufer.
„Ich siehe im los, jnä'jes Freilein, bitte uni den Hausschlüssel !" Marie war keine Schlimme, sie verlangte nur einmal in der Woche, abends, eine Besorgmm für sich zu machen; alle vierzehn Tage hatte sie ihren Sonntag, und dann kam sie meistens Punkt zwölf wieder oder -fünf Minuten später. „Adjö, jnä'jes Freilein," nickte sie vergnügt, „ame- sieren Se sich jut!"
Amüsieren — wie hätte Nelda daS wohl anfangen sollen?! Sie verlangte auch gar nicht danach. Sie hätte ja die sieundliche Einladung von Herrn Schmol'ke annehmen Mmenh der sie und die Mutter zu einer Spazierfahrt «ufforderte. Sie hatte dankend abgelehnt, sie müsse notwendig schreiben — was sollte Onkel Korrrad in Manderscheid von ihrem langen Schweigen denken? Schmolte hatte es sehr bedauert. „O wie schade, da hätten die Leute am Ende gedacht, es wäre meine hübsche Tochter!" — worauf Frau Rätin etwas gezwungen lachte und unruhig hin und her lief. Sie war erst ungehalten, daß Nelda nicht mit wollte; 'es gab eine kleine Augenplänkelei zwischen Mutter und Tochter, dann entschloß sich erstere, allein mit dem guten Schmolle in der Droschke „auf Zeit" durch den Tiergarten zu fahren und im Zoologischen beim Militärkonzert Kaffee zu trinken.
Die Luft war so warm, die Sonne schien herrlich, wer konnte es ihr verargen, wenn sie sich nach der Plackerei der ganzen Woche auch nach einer Stunde des Genusses sehnte? „Du bist alle Tage auf der Straße, ich stecke die gar^e Woche im Haus," sagte sie wie zur Entschuldigung, als sie der Tochter die Hand zum Abschied reichte. „Sieh mal, fitzt 'will Hut gerade? Ich bin bang, der schwarz,eidene Rock sieht im Hellen nicht mehr gut aus, er hat in der Hinter- vahn lauter Brüche."
„Tu sitzt ja meistens," tröstete Nelda. Sie hielt die Korridortür noch offen, bis das Paar auf d-er untersten Treppe war ; Herrn Schmolkes behagliches Lachen war das Letzte, was sie hörte, dann schloß sie.
Nun war noch Fräulein Berg zu Haus — Doktor Müller war schon njm drei sortgegangen — aber die würde sich auch bald aufmachen. Die wollte eine Kousine besuchen, die sehr weit wegwohnte, in Schöneberg. Man hatte bisher noch nichts von dieser Musine gehört. Es schien dazu großer Vorbereitungen zu bedürfen; seit einer Stunde schon'kramte sie in ihrer winzigen Hinterstube, man hörte, wie der Meiderschränk aus und zuging und unruhige Schritte hin und her tappten.
So war es die ganzen letzten Nächte schon; Nelda hatte gar nicht darüber schlafen können. Nebenan diese ewige Unruhe! Tas Haus wär nur dünn gebaut. Als griffe jemand an die Wand hinaus und wollte sie schier abkratzen — dar::: unruhige Schritte — dann hatte sich jemand aus's Bett geworfen, daß das krachte; ein dumpfes Stöhnen kam Unheimlich durch, die Nacht.
„O ich habe so furchtbare Zahnschmerzen gehabt," entschuldigte sich Pera Berg am Morgen. „In der Nacht ist's immer am schlimmsten," setzte sie mit verlöschender Stimme Mnzu.
In der Tat, sie sah furchtbar aus, aber nicht erst jetzt, schon lange. Frau Rätin hatte sich längst vor den weiten Augen -mit den tiefen blauen Schatten gegrault und Doktor M-Mar zu Rat gezogen. „Bleichsucht, Bleichsucht," hatte dieser, kurz gesagt und mit den Achseln gezuckt. „Er wurde Ordentlich verlegen," weinte die Rätin nachher. „Ja, da
ist immer so allerhand Peinliches für einen jungen Arzt einem jungen Mädchen gegenüber — Gott, jung ist sie ja eigentlich nicht mehr, aber doch noch jünger! Er ist eben, so zartfühlend, so dchent!"
Die letzten Tage war Fräulein Berg nicht aus's Büreari gegangen, sie hatte sich krank gemeldet, Entweder hockte sie in ihrer nachlässigen müden Haltung, in einen alten! Regenmantel gewickelt, um Fenster ihrer winzigen Hinter-, sttiöe, oder sie lag stundenlang auf dem Bett, das Gesicht! in die Kissen vergraben. Nelda. war es angst geworden, als sie einmal unversehens hereintrat — was war das nur? Zart war Fräulein Berg.immer gewesen, aber jetzt war sie ängstlich elend. Das Leiden hatte angefangeu eines Abends, als Doktor Müller sie in einer Droschke ohnmächtig nach Hause brachte — welch eilt Glück, daß gerade er zufällig Fräulein Berg begegnet war! „Tas Frühjahr, das Frühjahr," sagte er, „nichts Schlimmes!" Aber seitdem ging es bergab; und nun wollte die elende Person heute allein so weit zu ihrer Kousine?!
Nelda legte ihre Schreibmappe aus's Fensterbrett, ging hinüber und klopfte an die Tür der winzigen Hinterstube. „Fräulein Berg!" Keine Antwort. „Fräulein Berg!" Sie drückte aus die Klinke — verschlossen. „Fräulein Berg,, ich bin's, Nelda! Hören Sie?"
„Ja," klang es halberstickt, „was denn?"
„Liebes Fräulein Berg, machen Sie mal auf!"
„Ich kann nicht, ich — ich — gleich — ich ziehe mich grade au!"
„Ach, ich wollte Ihnen nur sagen, gehen Sie doch lieber nicht weg, den weiten Weg allein! Ich habe Sorge um Sie!"
' „Danke, danke! Sie brauchen sich, nicht zu — ach, muß gehen!" Es klang fast, als ob die da drinnen weinte.
Nelda schüttelte den Kops, und dann ging sie und setzte sich wieder auf ihren Mei: Platz und begann zu schreiben r „Mein geliebter Onkel!"
Weiter kam sie nicht, da war Fräulein Berg schon! Sie trat ein in ihrem besten Staat und sah doch ans, als! müsse sie jeden Augeublick umsinken.
„Ich will nun gehen," sagte sie und nickte. „Adieu- liebes Fräulein!" Und daun, toic von einen: plötzlichen Jm- puls getrieben, eilte sie ans Nelda zu und ergriff deren beide Hände. „Ich danke Ihnen — Sie waren immer fo gut — ich —" die Stimme versagte ihr, eine tödliche Blässe überzog ihr Gesicht, man hätte nicht geglaubt, daß es noch blasser werden könnte. Sie schwankte.
' „Nein, Sie dürfen nicht, ich kann Sie nicht lassen!"
Nelda sah erschrocken aus, es kam' ihr ein plötzlicher Gedanke, sie wußte nicht woher — das war ordentlich unheimlich! Won dieser Gestalt in dem mattblauen, etwas zerknitterten Frühlingskleid, seltsam verhängt mit der Pelerine des alten Regenmantels, dazu der modische Hut mit dem Mischel nickender Mohnblumen schlecht paßte, wehte ein Hauch des Unglücks. Diese zusammeugewachsenen Brauen schienen noch finstrer. Jetzt siel ein Sonnenstrahl ans den blassen Mund; die Lippen durchsichtig, jeder Blutstropfen aus ihnen gewichen, und dafiir em lastendes Geheimnis darauf, ein. angstvolles Schweigen!
Nelda faßte Fräulein Bergs Hand und sah ihr von unten heraus forschend in die Augen/ „Sie sind unglücklich," sagte sie leise. .
„Ich? Haha!" Vera Berg lachte nervös, griff dann um sich und stützte sich auf den Knauf des nächsten Bettpfostens. „Ich — haha — ich — hahaha!" Das Lachen war gar nicht mehr anznhören. Es klang schrill, fast schrecklich. „Und nun geh' ich — adieu — bald wird mir wieder ganz wohl sein!"
Nelda wußte nicht, wie ihr geschah; sie suhlte die zwei h-eißfeuchteu Hände des Mädchens an ihren Wangen, ein Kuß streifte ihren Mund. Ein nur geflüstertes: „Ich danke Ihnen," und Bera Berg schritt schwerfällig zur TÜV- Das Schloß schnappte ein; sie Ivar fort,
(Fortsetzung folgt.)
Claudius^ Merck und Moser.
(Ein Brittag zur Beurteilung' von Claudius' Darmstädter Anfeut-« hakt in den Jahren 1776—1777.)
Bon Her m a n n Brä un in g (Darmstadt).
(Hermann Franz Oktavw.)
„Mr haben Nun Claudius, rin trefflicher, sehrieto* ständiger Mensch — sagen Sie Goethe — fo ungefähr wie Klop- stock im Mchemr stur mehr poetisch,s Lärme «M


