DrmeMag den 2. Dezember
WS9
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Rheinlandstöchter.
Roman jou Clark Viebrg.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
.Jetzt ging der Borhang wieder auf. Lastende bange Stille — schleichendes Liebesgift in den Ader» — Todes- ahnung — Kehrende Sehnsucht. Möglich tönt die Dudelsackpfeife des Hirten am Meeresstranch der für den wunden Herrn nach der Ersehnten späht. Kommt sie? — Kommt sie noch nicht? !--— Immer wieder dieselben ein
tönigen schmachtenden Klänge! —
Neida schauerte zusammen, es lief ihr kalt über den Rücken, sie fühlte, wie ihr das Mut jäh aus den Wangen tvich; sie hatte nicht den Mut, nach der Loge Zu blicken, mit klopfendem Herzen saß sie regungslos. Sie hätte die Hände an die Ohren pressen mögen: wenn es mir schon zu Ende wäret
Auch Frau Rätin war es müde, sie rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her; jetzt gog sie eine Düte Pralinds aus dem Pompadour — der gute Schmolte pflegte immer an eine kleine Erfrischung zu denken — und schob der Tochter ein paar Bonbons auf den Schoß. „Da, Nelda, iß! Das endlose Gedudel macht einen ganz krank, ich wünschte, es wär' nun zu Ende!"
Endlich der letzte Ton! Meld« fuhr aus ihrer Erstarrung auf, hastig richtete sie den Mick nach der Fremdenloge — leer — eben klappte eine Gestalt im Frack die Tür hinter sich zu.
„Nein, dieser Wagner! Gräßlich," sagte die Rätin und klammerte sich an den Arm der Tochter. Sie standen nun draußen auf der Straße und harrten ihrer Pferdebahn. „Wir könnten eigentlich gut den Groschen sparen und zu Fuß nach Haus gehen, aber mir ist der Wagner ordentlich in die Beine gefahren; ich bin auch ganz steif vom laugen Stillsitzen. H—-a—ah!" Sie gähnte. „Bist du auch so kaput, Nelda?"
„Ja!" Die Tochter nickte mit glühenden Wangen. Sie hatte Kopfschinerzen; mit zitternde» Nasenflügeln sog sie die Nachtlnft ein, die war kalt und schneidend, aber rein. Ein unbeschreibliches Gemisch von Ekel, Trauer und Besorgnis machte ihr übel. Zerschlagen saß sie in der Ecke der Pferdebahn; ihr war schwindlig, sie war froh, als sie mit dem Wachszündhölzchen die Treppen hinaufleuchtete; sie dankte für Bier und Butterbrot, oas auf einer Ecke des Tischtuchs im Berliner Zimmer bereit stand und schlich fröstelnd zu Bett,
Aufseufzend warf sie sich in die Wsen. Die Gedanken kreisten wild in ihrem Kopf, Dränen stiegen brennend in ihre Augen und tröpfelten ümgfam nieder. Melodien auf Melodien wogten durch die enge Kammer, sie hatten viel Süßes, aber noch viel Traurigeres — jetzt verschwimmen sie ins Unklare, man hört sie aus weiter Ferne — langsam schiebt sich drüben die kahle Wand hinter der Mutter Bett
auseinander — was ist's? Ein grüner dämmernder Garten von zitterndem Btondlicht beschienen — eine Bank unter üppigem Gesträuch — jetzt, jetzt lockt die KaMigall — die Büsche schlagen zusammen, laugschleppend, gleich Trauer- gewänderu hangen sie über die Bank. Wie die Nachtigall singt, immer schmelzender, immer vergehender---1
Aus dem mvndbeschieneu Rasen steht König Marke, er trägt einen Frack, sein Haar ist grau, er hält die Hände vor's Gesicht — ob er weint? lind dort, dort die zarte Gestalt mit gerungenen Händen — die war nicht auf der Bühne, was will die hier?!-----
„Agnes!" In Schweiß gebadet erwachte Nelda.
Drüben raschelte das Bett der Mutter. „Aber Nelda,'H — die verschlafene Stimme der Bättn hatte einen Vorwurfs- vollen Klang — „wirf dich doch nicht so viel, du störst einen! Ich meine sogar, d>n hast' mal geschrien. Hör' mal, drüben der Star beim Schuster pfeift so schön! Herrjeh, schon Morgen! Der macht immer um fünf das Fenster auf —* reizend — „o du lieber Angustin" — hör nur!"
Nelda tastete sich mit den heißen Finger» übers Gesicht und dann über ihre Kissen — es War naß geweint; »atz von Tränen tmt andere.
IV.
Nun war der Frühling gekommen, ein rechter Groß« städtfrühling, mit dunstiger Trockenheit in den Straßen, mit mattgrünen Bäumen und Scharen von Menschen im Tiergarten. Sonntag. Zum Brandenburger Tor hinaus greßt ein bunter Strom; die Charlottenburger Ehausse abwärts schlängelt sich ein Bandwurm von Pferdebahnen, Droschken, Equipagen: dazwischen huschen Radfahrer; am Goldfisch- teich auf den Steinbäuken sitzen Liebespaare und surren der Dunkelheit. Draußen in der Hafenhaids rasseln dis Karussels für'S Proletariat. _
Oranienburger Straße, drei Treppe» hoch, saß Nelda Dallmer in 'ihrer Schlafstube. Sie mochte nicht im Berliner Zimmer siüen. obgleich sie heute auch dort ungestört sein würde. Dem Halbdunkeln laugen Raum mit der permanenten Essenskuft und dem ewigen Tischtuch haftete etwas Ungemütliches an, ein „bei fid) selbst nicht zu Hause sein". Sie saß lieber «n der engen Komurke; das Tintenfaß hatte sie auf die Fenstsrbarr? gestellt, die Briefmappe hielt sie aus dem Sckoß. Eine sehr unbehagliche Situation zum Schreiben; sie mußte die Kurse hoch ziehen, damit bte Mappe nicht herunter rutschte. Der schräge Lonuenftrahl huschte über's Papier, ein leichter Zugwind verwehte ihr die Haare. , ,
Sie hielt die Feber an die Lippen und lauschte. Druve» beim Schuster sang der Star, nicht das eingelernte Lied, da« Entzücken der Frau Rätin, nein, eine einfache, kunstlose Waldmelodie. Nelda streckte den Kopf heraus. Der Schuster schien nickt zu Haufe; drüben am Fenster hmg der Käfig, der Bogel saß aufgeplustert auf der Stange. Mcm konnte deutlich sehen, wie trübselig er de» Kopf zur SeW Ung. Jetzt pnff er schrill, und dann fuhr er tote ein


