Ausgabe 
2.10.1909
 
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Heute abend kannst du mir Antwort geben, was du mir an­rätst. Ich will jetzt gehen. Sprich nicht zu Vater darüber!"

Sie hatte mit Todesruhe zu ihm gesprochen und war ge­gangen.

Am Abend trafen sie sich.

Sie sagte gelassen:Ich gehe zu ihm!"

Er wich entsetzt zurück, doch sie lächelte und sagte:

Ich weiß, was ich tue. Befürchte nichts!"

Sein Flehen war umsonst. Als die Abendschatteu sich tiefer herniedersenkten und das. Dorf still und friedlich dalag, küßte sie ihr Kind inbrünstig und feierlich und schlich hinaus.

Am frühen Morgen stand sie bleichen Antlitzes an der Kirch- hofmauer und wartete auf Fritz. Er eilte auf sie zu, sie in seine Arme zu schließen, doch sie hielt ihn zurück und rief:Rühre mich nicht an!"

Du warst bei ihm?"

Sie stand da starr und unbeweglich und sagte:Ich war bei ihm. Mit diesen Händen habe ich ihn erdrosselt, als er mich umfangen wollte. Der Schwächling! Der Haß gab mir Kraft, mein Werk zu tun. Bist du zufrieden mit mir? He, he!"

Sie lachte grell auf.

Er bedeckte erschauernd sein Gesicht. Als er den Blick hob, sah er sie zwischen den Hecken verschwinden und vernahm ihr irres Lachen.

Der Fieberwahn packte sie und warf sie auf das Kranken­lager. Wenige Tage darauf war sie Jot.

Daß jenes Bildnis über dem Eingang Rina darstellen soll, hervorgegangen aus des Baumeisters Hand, werden Sie erraten."

Der Pfarrer schwieg. Das Geflüster des Abendwindes fuhr lispelnd durch das Weinlaub, das an dem offenen Fenster empor­rankte. Draußen ertönte die Feierabeudglocke und ich träumte mich in jene Zeit zurück und schaute lange schweigend zum Küsterhause hinüber. ____________

Vermischtes.

* Ein Vorläufer Fultons. Nachdem die Hudson- Fülton-Feier vorüber ist, sei daran erinnert, daß schon hundert Jahre vor Fulton der Physiker Denis Papin, geboren 1647 in Blois, auf der Fulda bei Kassel Versuche mit einem kleinen Boote gemacht hat, das sehr wahrscheinlich das Modell eines Raddampfers gewesen ist. Der Landgraf Karl von Hessen, der sich stark mit Naturwissenschaften und besonders mit Physik be­schäftigte, hatte den genialen Mann in seine Dienste genommen und ihm zur Ausführung gewisser Plane ein Laboratorium zur Verfügung gestellt. Aber wie jo vielen hervorragenden Erfindern erging es auch Papin: er fand bei seinen Zeitgenossen kein Verständnis. Wie wenig ihm am Hofe zu Kassel. das _ Glück lächelte, erfahren wir von dem Frankfurter Patrizier Conrad Zacharias von Uffenbach, der gerade von 200 Jahren, im Spät­herbst 1709, sich einige Tage in der hessischen Hauptstadt aus- hielt. Im Anschluß au eine Unterhaltung mit einigen Hos- ravalieren und Gelehrten berichtet Uffenbach:Nachdem kamen wir auf den Herrn Papin zu reden, über beit ich mich sonderlich wegen seiner Erfindungen erkundigte. Ich mußte aber mit Ver­wunderung vernehmen, daß er mit schlechtem Kredit von hier hinweg gekommen. Er wurde beschrieben als ein Schwätzer und kühner Unternehmer, der Hunderterlei teils zu Schaden und Ge­fahr Ihrs Durchlaucht und seiner seibsten, ohne Erfahrung, aus puren Spekulationen vorgenommen. Seine zwo letzten Unter­nehmungen, die ihn auch von hier gebracht, sind diese: Erstlich, daß er sich unterstanden, mit einem Schiff ohne Ruder, sondern nur mit Rädern, auch ohne esegel allein zu schiffen, ivelches ihm auf der Fulda, zu geschweigen auf dem großen Meere, darauf er nach England schiffen wollen, bald sein Leben gekostet hätte. Das andere und größte ist, daß, da er mit Wasser, w-ie mit Pulver, zu schießen unternommen, er leichtlich großes Unglück augerichtet hätte: denn indem die dazu bereiteten Ma- schiuen gesprungen, haben sie nicht allein das Laboratorium guten wHeils über einen Haussen geworfen, verschiedene Menschen tobt« lief; verwundet, und einem unter anderm den Kinnbacken hinweg- geschmissen, sondern es hätte auch Ihrs Durchlaucht selbsten treffen, und als einen sehr curiösen Herrn, der alles gar genau in Augenschein nehmen will, das Leben kosten können, wenn nicht von ungefähr Jhro Durchlaucht, von Geschäften abgehackten, etwas später gekommen wären, weßwegen er dann auch seinen Abschied bekommen." An Papins Aufenthalt in Kassel erinnert eine an der kl-rent des Naturalien-Museums angebrachte Marmortafel mit der Inschrift:Denis Papin, dec Erfinder der Dampfmaschine, hat nur diesem Platze in Gegenwart des Landgrafen Karl von Hcsicn int Juni 1706 die größeren ersten Versuche mit An- ivc.-ibm.m der Tampskrast erfolgreich ausgeführt." Rach Verlust seiner Stellung beim Landgrafen Karl wandte sich 'Papin nach Marburr, wo er 1710 gestorben ist.

* D i e Metamorphose des Laubes. Es ist ein Schauspiel von melanchöliskher Schönheit, wenn die Blätter fallen und auch iiirfit sichr sentimentale. Gemüter sehen gern zu, wenn s.e tu arujiüsrn Spiralen zur Erde, sinlen. Warum falle» sie? Die Psiauzeuphysiologie belehrt darüber. Wenn der Herbst naht.

dann verwandelt sich der flüssige Saft im Zellgewebe des Baumes iik festes Stärkemehl. Bliebe er flüssig, so würde er beim ersten Frost das Zellengewebe sprengen. Die Stärkeinchlkörnchen bilden die Reserve für das nächste Jahr. Im Frühling werden sie wieder flüssig und strömen in die.Blatt- und Blütenknospeu. An diesem Sparen sind nun die Blätter beteiligt. Vor ihrem Ab- sterben gaben sie die Säfte, die sie im Frühling und Sommer empfangen haben, deut Baume, der sie ihnen lieferte, zurück. Der von ihnen bereits in Stärkemehl verwandelte Saft ver­flüssigt sich dazu wieder und strömt durch den Blattstiel, der durch eine Art Gelenk mit dem Zweige verbunden ist, zurück. Dem Blatte oder von dem Blatte bleibt nichts übrig, als das dürre Skelett und die vertrockneten Hüllen der Clorophyllkörnchen, denen cS seine grüne Farbe verdankte. Tie sind nun vergilbt und geben dem herbstlichen Laube die charakteristische gelbe und rote Farbe. Zuletzt schrumpft auch das Blattgelenk ein und nun genügt ein Windstoß, um es vom Zweige zu trennen.

De r G r ä b c r kn l t e i n e s o z i a l e F r a g e. Ter Ahnen- und damit der Gräberkultus ist bekanntlich der wichtigste Haupt­bestandteil der chinesischen Religion.Was für einen Lebenden das Leben, das bedeuten für einen Toten die Knochen," sagt das chinesische Gesetz. Es ist daher eine der größten Sünden und auch juristisch ein schweres Verbrechen, die Gebeine der Toten nicht zu schonen. Selbst wenn sie durch irgend ein Ereignis auf die Ober­fläche des Erdbodens gelangen, ist es Pflicht, sie wieder aufs Feier­lichste eiuzngraben. Dies gilt nicht nur für die Ueberreste der letzten Geschlechter, sondern für alle, gleichgültig ob sie hundert oder tausend Jähre schon in der Erde geruht haben. Diese Tradition ist, wie A. F. Wohlgemuth intOstasiatischen Lloyd" berichtet, der Grund, daß die Gräber Chinas ein ungeheuerlich großes Terrain einnehmen, das die Lebenden auf allen Seitz u und allerorts eineugt und daß somit die Gräberfrage sich tatsächlich für China zu einer sozialen Frage auswächst. Manche Städte sind von Grabfeldern umgeben, die iueit größer sind als das Stadt­gebiet. Die Berge um: die Millionenstadt Canton stellen einen Riesenfriedhof dar, wie man ihn überhaupt nicht wieder findet. Wenn das oben zitierte Gesetz, die Gräber unzerstört zu erhalten, nicht einige Male von neu aufkommenden Dynastien dadurch ge­brochen worden wäre, daß sie, um das Andenken an die vorher­gegangene Herrscherfamilie auszurotten, alle zu ihrer Zeit an­gelegten Gräber zerstörten, so wären alle Graber der letzten 3000 Jahre.noch erhalten und es wäre damit kein Platz mehr für die Lebenden. Je länger nun eine Dynastie die Gewalt tune hat, nm so zahlreicher nehmen die Gräber zu. Seit der letzten großen! Gräberzerstörung (1388) sind 500 Jahre verflossen; die An­häufung der Gräber macht sich jetzt schon auch dadurch bemerkbar, daß die Plätze dafür immer teurer werden. Die Toten beginnest die Lebenden zu bedrängen, würden wir sagest, aber der in Verehrung der Ahnen aufgewachsene Chinese spricht und legt diese Tatsache anders aus. Er sagt, wenn es so weit sei, daß man sich in den großen Städten schon um die Bestattung der Toten streite, sei es höchste Zeit, daß ein Wechsel der Dynastie cintrete. Nur aus diesem Grunde sollen viele Chinesen den Sturz der jetzigen; Dynastie wünschen. Eine Massenbeseitignng der Gräber bringt, wie Wohlgemuth weiter berichtet, überhaupt eilte völlige Um­wälzung der jeweiligen zeitgenössischen Geschichte Chinas mit sich: Sie reinigt zugleich die von dem Toten- und Gräberdienst stark belastete geistige Atmosphäre des Volkes wie ein plötzlich herein!- gebrochener Taifun. Es fragt sich nun, wie die jetzige Dynast sich zu der ganzen aktuellen Frage stellt. Zn einer Masseubesei- figuitg wird sie sich kaum entschließen können, andererseits sind aber die angestrebten Reformen noch nicht so vorangcschritteist daß eine Verjährung der Gräber festgesetzt und dadurch beit Lebenden mehr Recht als den Tote» gegeben werden könnte.

* Liebe Jugend! Im Münchener Künstlertheater wird derSommernachtstraum" aufgeführt. Im ersten Rang sitzen Fran v. G. und Frau L., die sehr entzückt den Vorgängen aus der Bühne folgen. Fran L. ist besonders befriedigt von der Mendels- sohnschen Musik, unter deren Begleitung sich die Märchenszeneit abspielen. Sie beugt sich zu ihrer Nachbarin hinüber:Hörest Se nur die scheene Musik, Frau v. G.!" Frau v. G. zuckt nber- legeu die Achsel und meint:Kunststück Shakespeare!" (Fug.)

* Ganz richtig. Sie:Ach, Adolf, schön wars schon ist Italien; dieser ewig blaue Himmel!" Er:Ja, wenn mast auch nur ewig blaue Lappen dazu hätte!"

Ergäirzurrgsrätsel.

V . e. e. t. i.. d. i. e .r.ub.tt, . l.. u M . u.. r.ei. n.. S.. e. z, W.. i. E . l. n d . i. e .. id . tt, .us. r . ä .. t.u .u. b.t. .e.z!

Auflösung in nächster Nummer.

Auslösung des Nrithuwgriphs ;it voriger Nummer: Achat Celle Eiche Tahiti Mela Lea Elle 9iii Lille - Jli Chinin Helene Tinte:

Ace! t; len - Li eh t.

Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stcindruckerei, R. Lange, Gießen.