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über die entblößte Brust. Ich konnte einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken und sagte zu dem Pfarrer:
„Ein Meisterwerk!" Nur hätte ich es niemals über dem Eingang einer Kirche gesucht!"
Er lächelte wehmütig.
„Dieses Bilduis hat seine Geschichte. Wenn es Sie interessiert, so kommen Sie!"
Ich folgte natürlich mit Freuden der freundlichen Einladung und wir schritten dem Pfärrhause zu.
Er setzte mir ein Glas leichten österreichischen Landwcines vor und begann: „Sie sehen dort drüben das kleine Zaus mit dem Heckenzaun davor. Dort wohnte vor vielen Jahrzehnten der Küster. Er heiratete ein schmuckes Mädchen aus dem Oester- reichischen. Doch ihre Ehe war nur von kurzer Dauer. Seine Frau starb bei der Geburt eines Töchterleins. Er gab das kleine Wesen für die ersten beiden Lebensjahre! seiner verheiratetes Schwester zur Pflege. Dann nahm er es wieder zu sich in sein einsames Haus. Ihm galt die ganze Liebe seines treuen Vaterherzens. So wuchs Rina auf — sie hatte nach ihrer Mutter diesen Namen — wie eine Priesterin, unberührt von der Welt, dem Vater in der Ausübung seines Dienstes zur Hand gehend. Sie war mit achtzehn Jahren eine wunderliebliche Knospe, so hold und schön wie die Morgensonne. Vater und Tochter lebten in stiller Liebe bei einander. Ein Tag verlief wie der andere in Ausübung der Pflichten, die der Beruf des Vaters und die Führung des kleinen Haushaltes bedingten. Die Welt blieb ihr fremd. Sie kannte nur sich und ihren Vater. Die Dorsbewohner verehrten sie wie eine Heilige.
Eines Tages betrat der reiche Rittergutsbesitzer, der Patron der Kirche, das Küsterhaus. Sein Sohn war aus dem Kriege schwer verwundet heimgekehrt und er hatte Rina als Pflegerin ausersehen, weil sie eine weiche Hand hätte und ein zartes Gemüt besäße, wie er sich ausdrückte. Als er dem Vater seinen Wunsch in kurzen Worten zu verstehen gegeben hatte, machte dieser eine devote Verbeugung über die andere, wartete auch nicht erst den Entschluß Rinas ab, sondern gab seine Einwilligung.
Georg, der Sohu des Patrons, war nun nach ihrem Vater der zweite Mann, mit.dem sie näher in Berührung kam. Still und ernst waltete sie ihres Amtes. Wenn der Verwundete bei ihren Handreichungen nach ihrer Hand suchte, sah sie ihn fragend an und ließ ihn gewähren. In seinem leicht empfänglichen Herzen entbrannte eine heiße, ungestüme Leidenschaft zu ihr. Oft streckte er verlangend die Arme nach ihr aus, um sie an sich zu ziehen, doch ihr heilig-stilles Wesen flößte ihm Scheu und Ehrfurcht ein. Dank ihrer hingebenden Pflege war er bald soweit hergestellt, daß er im Lehnstuhl sitzen konnte. Er erzählte ihr von dem kriegerischen Leben da draußen in der tosenden Welt und sie lauschte seinen Worten mit kindlicher Neugier und malte sich im Geiste aus, was er ihr schilderte. Auch von Liebe sprach er zu ihr, doch sie wußte nur, daß sie ihren Vater liebte. Ms er ihr ahnungsloses Herz erkannt, schwieg er, obwohl ihm oftmals ein Wort des Geständnisses ans den Lippen brannte. Und doch — eines Tages war es über ihn gekommen und er hatte ihr leidenschaftlich in das Ohr geslüstert, daß er sie lieb habe. Sie hatte ihn verwundert angeschaut wie das Reh den einsamen Wanderer int Walde und hatte seine Umarmung geduldet wie ein Kind,— ohne Erschrecken, ohne Zagen. ■— Der Rest der Pslegezeit ging dahin. Mit hellen Augen betrat sie das Vaterhaus, und hielt ihrem Vater den Mund zum Kusse hin, den heimlich ein anderer geküßt. Zum ersten Male klopfte ihr Herz in Bangigkeit. —
Monate vergingen. Die Dorfbewohner steckten die Köpfe zusammen; denn im Küsterhause waren die Vorhänge vorgezogen. Rina gab einem Mägdelein das Leben. Sie freute sich kindlich der Gabe, als einem Geschenk des Himmels. Der Vater verbarg vor ihr seinen heimlichen Schmerz und freute sich mit ihr. Um dieselbe Zeit starb der alte Patron und Georg trat sein Erbe an. Doch ließ er es sich angelegen sein, nach der Trauerfeierlichkeit und Uebergabe des Gutes an einen Administrator dem Dorfe den Rücken zu kehren. Und das war gut so.
Die kleine Sophie wuchs auf zur Freude der Mutter und des Großvaters. Bald lernte, sie laufen und spielte vor der Tür des Wsterhauses im Sande. Da kamen Bauleute in das Dorf, um die altersschwache Kirche zu renovieren. Der Letter der Arbeiten war ein junger Baumeister. Und der war der dritte Mann, mit dem Rina näher bekannt wurde. Ta fand sich so manchmal Gelegenheit, mit ihm zusammenzntreffen. Er ließ sich von den Dorfbewohnern von Rina erzählen und schüttelte verwundert den Kopf, als man ihm auch von der Geburt der kleinen Sophie berichtete. Täglich kam er mit der Küsterfamilie zusammen und immer tiefer senkte sich in sein Herz die Liebe zu Rina. Vergebens widerstrebte er mit Gründen der Vernunft. Er beobachtete sie und suchte ihr Wesen zu ergründen, doch so konnte eilt Weib nicht lügen! So heuchlerisch konnte ein Weib nicht sein! und wenn er ihr in ihre treuen Kinderaugen geschaut oder sie ihm ohne Scheu Sophie auf den Armen zutrug, daß er mit ihr scherzte, dann schwanden alle Bedenken und doch stand er vor einem Rätsel, das er nicht zu lösen vermochte.
Rina verbarg ihm nicht ihre aufkeimende Liebe. Sie suchte seine Nähe öfter, als ein Geschäft sie dazu genötigt hätte. Ein banges Gefühl und unbessimmtc Sehnsucht und Wehmut be-
schlichetr sie; sie wär bald heiter, bald traurig. Kurz — so, wie einer Liebenden zumute ist.
Eines Abends saß sie in der Weinlaube. Der Vater läutete die Feierabendglocke. Da kam der Baumeister zu ihr und er-. zählte ihr mancherlei, sprach von Treue und Glauben, von Freundschaft und Liebe. .Er kleidete seine Ausführungen in Beispiels aus dem Leben und sie lauschte seinen Worten mit off eitern Munde uni> starrte ihn an und vernahm mit Staunen die neue, unbekannte Erkenntnis. Plötzlich senkte sie sich mit einem sehnenden Aufschrei an seine Brust und preßte erbebend die Worte hervor: „So hab' ich dich lieb! Die Liebe zog mich zu dir, die Liebe zu dir machte mein Herz tieftraurig und froh zugleich. Ich habe dich lieb, Fritz, ganz so, wie du mir erzähltest!" Da küßte er sie und. sie erzitterte unter seinem Kusse und seinen Liebkosungen.
Schonend und liebevoll fragte er sie nach ihrem Schicksal und langsam schwand das Dunkel, das undurchdringlich sie um- geben hatte. Doch die lichte Dämmerung brachte ihr zu der Wahrheit ein schreckliches Erwachen zu Scham und Leid. Eines. Tages säuberte Rina die Gänge des Friedhofes. Der Baumeister ging zu dem Küster und bat ihn um die Hand seiner Tochter.^ Er weinte still und sagte: „Ich habe es kommen sehen. Wenn nur der tiefe, tiefe Fall nicht gewesen wäre!" Er schaute dabei bitterböse nach dem Schloß hinüber. Dann ergriff er des Baumeisters beide Hände und schüttelte sie herzlich und sagte: „Mach' meine Rina glücklich. Sie ist noch ein Kind. Ich habe öfter gewünscht, sie wäre es nie gewesen." Der Baumeister beruhigte ihn und lud ihn zu einem Glase Wein ein. Sie schritten beide hinüber zum Dorfkrug.
„Wie wohl das tut, einmal herauszukommen aus all dem Alltagskram! Bin Jahr und Tag nicht im Wirtshaus gewesen", sagte der Küster und sie tranken in froher Gemeinschaft auf ihr Wohl und das der Kinder und saßen lange beieinander.^ Tann läuteten die Glocken. Der Küster fuhr auf.
„Feierabend? Schon gut, Rina läutet", sagte er mit schwerer Zunge. Er erhob sich. Des Weintrinkens ungewohnt, hatte er die Herrschaft über seine Glieder verloren. Schwankend ging er zur Tür hinaus, während der Baumeister die Zeche beglich. Die Gutsleute kamen von der Arbeit und schüttelten verwundert die Köpfe, als er vorüberging. Er betrat die Kirche, um die Sakristei zu schließen. Doch er blieb wie gebannt stehen, als aus den Bank- reihen sich eine Gestalt löste und auf ihn zukam. Georg war es, der ans mancherlei anderen Gründen, doch nicht um zu beten, das Gotteshaus aufgesucht hatte.
Der Küster lachte höhnisch auf: „Suchst' die Rina? Glaub's wohl! Hat dir gefallen! Doch du kommst zu spät, ein anderer wird sie zu Ehren bringen."
Georg musterte den Küster mit verächtlichen Blicken und sagte: „Was kümmert's dich! Die Kirche ist frei für jeden. Dir scheint der heutige Tag eine weihevolle Dienststimmung beschwert zu haben. Wer hat dich denn so fleißig trattiert? Der neue Schwiegersohn? O, ich weiß mehr, als■ du denkst! Alter, Alker! Betrunken kommst du in die Kirche, schändest diesen heiligen Ort durch deinen stinkenden Atem?"
Er wandte sich, ohne ihn eines.Grußes zu würdigen und schritt hinaus. Der Küster .sah ihm stieren Blickes nach. —
An einem der kommenden Tage traf Georg mit Rina zusammen. Als sie ihn sah, blieb sie stehen und stteckie beide Hände abwehrend gegen ihn aus.
„Woher diese Abneigung, Rina? Hast du die schone Zett so schnell vergessen? Gestern früh kam ich zurück aus der Großstadt. Keine sah ich, die so schön ist wie du", sprach er und um-. faßte ihre schlanke Gestalt mit Blicken voll aufsteigender Glut,
„Schweig!" rief sie, „du bist mir fein Rätsel mehr, tote ich mir selber keines mehr bin." .
Er trat an sie heran und sagte leise: „Ich habe dich noch immer lieb, Rina. Du wirst nie des andern Weib werden! Hörst bu
Sie erschauerte vor dieser unerbittlichen, rohen Leidenschaft und entgegnete: „Was du mir geraubt, wußtest dui damals und weißt es noch jetzt. Ich liebte dich nie, liebe dich auch jetzt nicht. Wenn mein Haß dir genügt —. Doch laß mich letzt gehen!"
Da vertrat er ihr den Weg unb sagte: „Ich gebe dir Frist bis morgen abend. Komm bann zu mir und bring nur Antwort. Die Gartentür steht offen. Du weißt boch, daß dein Vater betrunken das Gotteshaus betrat?" Er grüßte leichthin Utti> <sie a'ftanb betäubt da und sah ihm nach und wußte kein Wort zu sprechen. Ihr Knie wankte, als sie ihren Weg forte
——
Am Morgen sprach sic mit Fritz.
„Ich kann nicht dein Weib werden!"
„Rina!" schrie er auf, „bist du von Sinnen!
„Wenn ich.ihm nicht zu willen bin, stürzt er meinen Vater ins Unglück !"
„Und du wolltest — —? Rma!
„Sei still!" „, ,.
„Ich will zu ihm eilen, ihn auf den Km en anflehen, gb-- znlafseii. >
„Damit er dich mit Verachtung vorn Hofe jagen laßt!


