Ausgabe 
2.10.1909
 
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fcf)ritt.Wer selbst wenn sie mir noch tausendmal besser bastele, als sie mir gefällt für mich ist ja alles aus­geschlossen für immer!"

*

Regierungsrat Dallmer hatte lange auf seine Damen gewartet; blaß und übernächtig stand er im Flur vor ihnen, die Lampe in der wachsbleichen Hand mit den vor- tretcnden blauen Wern. Er hüstelte.

Nun, mein Kind, wie war's?"

. Statt der Tochter antwortete die Mutter, sie brach in enteil Strom von Klagen aus. Alle hätten es gesagt ganz abscheulich, der Mutter zum Trotz! Ein Kreuz, mit Neida auf den Ball Zu gehen! Und so weiter, und so weiter. Nelda stand in Mantel und Kapuze und ließ alles ruhig über sich ergehen, sie horte gar nicht, was da gesagt wurde.

^etzt trat sie auf den Baier zu und schlang beide Arme um feinen Hals.

, "Papa, diesmal ist's doch ein Fortschritt," lachte sie fröhlich,ich habe zwei Kvtillonbnketts, das eine von Xylander, das andere riech mal!"

Sie nahm das kleine Sträußchen, eine rote Kamelie und wenige Veilchen, von der Brust und hielt es ihm entgegen.

Schön, nicht wahr! Und nun gut' Nacht, ich bin todmüde!"

Sie küßte den Vater wiederholt und strich der Mutter über die Wange.

Solch eine gräßliche Tochter! Arme Mama!" Mit Lachen sprang sie die Treppe hinan, vom obersten Flur tonteWald ihr hüpfender Schritt.

."Sie ist vergnügt," sagte Dallmer zufrieden und lauschte.

mein Gott," seufzte die Frau,ich- möchte wissen, warum? Wieder gar keine Aussichten! Aber sie ist selbst schuld daran, ein Mädchen ohne Vermögen muß doppelt entgegenk.nnnend sein. DaS arme Kind!"

Mit diesem Seufzer schritt die Rätin ihrem Mann voraus in die Schlafstube.

V.

. Zwischen Nelda Dallmer und Agnes Röder hatte sich eine Freundschaft entwickelt. Zu anderen Zeiten wäre Nelda mchl so dafür geneigt gewesen, jetzt war sie weicher und erschauerte zuweilen in einem Gefühl großer innerer Ein­samkeit.

Rätin wär glückselig über den Verkehr der beiden Mädchen; sie geriet ganz in Verzückung überAgnes, das süße Geschöpf".Ach, wenn unsere Nelda nur Viertels so Ware", seufzte sie ihrem Mann vor. Auch der kränkelnde müde Rat lächelte, wenn die zierliche Gestalt der kleinen Roder in der Tür auftauchte, ihr Plaudern glitt wie Vogel­gezwitscher an seinem Ohr vorbei.

lind Nelda? Nicht daß sie gerade tief-innere Be­rührungspunkte mit Agnes gehabt hätte wo sollten sie auf einmal Herkommen? sie war nur gern mit ihr zusammen und war nicht unzufrieden, daß ein sehr vorteil­haftes Kommando Herrn von Osten nach der Residenz berief, infolgedessen die Hochzeit erst zu Ostern sein konnte. Der Brautrgam war geradezu außer sich über den Aufschub.

Du glaubst nicht, wie er mich geküßt hat," flüsterte Agnes, als sie bei Nelda in deren einfachem Giebelstübchen saß. Osten War am Morgen abgereist, mit verweinten Augen hatte sich die verlassene Braut zur Freundin ge­fluchtet.

Oh, wie hat er mich geküßt!"

Eine tiefe Röte breitete sich über ihre Wangen, sie schlug die Augen nieder und hielt beide Hände auf die unruhig atmende Brust gedrückt.

Ich muß es dir sagen, einem Menschen muß ich's lagen, vor meiner Mama schäm' ich mich. Siehst du, so hat er mich geküßt!"

Sie näherte ihre Weichen Kinderlippen Neldas Mund ünd druckte sie darauf.Nein, noch nicht loslassen so so o Nelda, Nelda!"

. Sie brach in Tränen aus und kauerte vor der Freundin nieder, beide Arme um deren Leib schlingend.Ich muß immer dran denken, lda, ich fühl's immer hier auf den Lippen. So hat er mich; früher nie geküßt! Sag', was war das? Bleibt's nun immer so? Wird er mich immer so küsien?" Ihre Augen fragten ängstlich.Nelda, ach es ist so was Schreckliches drin und doch eine Seligkeit!" Sie'

i schauerte zusammen.Du bist zwei Fahr älter als ich vrel klüger, sag' mir doch glaubst du, daß man einen Menschen lieb haben kann, so so so zum Vergehen weißt du? Es drängt einen zu ihm hin, man möchte ach Gott, man schämt sich ordentlich vor sich selber!" Sie loste die Arme vom Leib der Freundin und hielt sich die Hände vor's Gesicht. ' ' ; e

Ich schäme mich" sagte sie leise.

Nelda sah zu der Knieenden nieder, ihr Blick hatte etwas Zerstreutes; wie eine Vision glitt auf einmal Leutnant Rainers Gesicht an ihr vorüber, ihr Herz begann zu klopfen

Warum schämst du dich?" fragte sie langsam.In der Liebe darf das nicht sein. Wenn man liebt pah da gibt man eben alles hin. Ich wurde es tun, ohüe mit der Wimper zu zucken. Ich will dir was sagen, Agnes, ou bist noch sehr jung, erst achtzehn, und ich schon einund- zwanzig. Du bist immer so behütet gewesen, du denkst gleich, es ist was Unrechtes, Wenn dein Herz mal nicht so wohlerzogen klopft, wie es gewöhnlich unter sämtliches Korsetts höherer Töchter tut. Freu' dich doch, daß du empfinden kannst! Ah, ich würde stolz sein, wenn ich so sehr liebte, daß ich alles drüber vergessen könnte! Weißt du 9teii>a sprang vom Stuhl auf und reckte ihre kräftige Gestatt, sie stand gerade vor'in Fenster und das scheidende Tageslicht umgab ihren Kopf mit einem hellen Schimmer, sch beneide dich! Ich beneide alle, die lieben! Neulich gingen wir unten am Rhein, da saß ein Mann auf einem Stein und hatte ein Mädchen auf dem Schoß; sie waren ^artlich miteinander.Pfui," sagte Mama,es ist wirklich greulich! Küssen sich da am hellichten Tag auf der Straße find vielleicht noch gar nicht mal verheiratet!" Herrieh, ich fand's nicht so schrecklich! Ich möcht' mich- nicht grab' auf der Straße küssen, aber es ist doch nichts Unrechtes, wenn sich zwei Menschen lieb haben? !" -

"Ich verstehe/dich gar nicht."

Agnes hatte sich von den Knieen erhoben und saß nun auf dem Stuhl, sah sehr erstaunt aus und ein klein wenig scheu.

Mein Gott, wie du so redest! Ich habe immer ge­glaubt, du machst dir nichts aus den Herren; du bist so gar nicht entgegenkommend, und du spottest immer über die anderen Mädchen. Sei mir nicht böse," setzte sie schüchtern hinzuaber die denken vielleicht auch so und wollen sich gern verheiraten!"

Ja, verheiraten das ist's eben! Heiraten, um sich zu versorgen, um die beste Partie zu machen! Was stellen sie nicht alles drum an ba, es ist eklig! Heirateni ja! Wer lieben, lieben ? ! Frag mal die zehnte, ob sie den Mann liebt, dem sie am Hals hängt! Was ich lieben nenne, sicher nicht!"

Wer, Nelda, es gibt doch so viel nette Mädchen!"

Ach, sei mir nur still mit den Frauenzimmern, die sich wie eine Ware ausstellen lassen! Den ersten besten nehmen sie und sind zufrieden. Weißt du, das ist gemein. Ha, ich bin manchmal ganz wütend!"

. Sie stampfte mit dem Fuß und heißes Rot war ihr in die Wangen gestiegen.

»Aber Nelda" die kleine Braut schüttelte immerfort den Kopfich begreife gar nicht, wie du dich so ereifern kannst! Bon so was spricht man doch überhaupt gar nicht, es ist doch nun mal so; wenn man es nicht mitmacht, wird man eben eine alte Jungfer, das ist doch unangenehm! Mein Carlo sagt nein, nein, ich will nichts hören" sie hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu, als die andere erwidern wolltesei nur still!"

Ich bin schon still."

Nelda zog die Brauen zusammen, am liebsten hätte sie ungeduldigSchaf" gesagt, aber sie bezwang sich. Die braunen Augen der kleinen Braut sahen sie bittend an, (Fortsetzung folgt.)

Kina.

Erzählung von Paul Glase napp.

,Der alte, ehrwürdige Pfarrer diente mir in liebenswürdigster , llc,f "tieferer bei Besichtigung der altertümlichen Kirche des oberschlesischen Grenzdorscs. Ich studierte eingehend mit Jn- terepe dieses prächtige Denkmal gotischen Baustils, lieber dem' Eingang fiel nur ein großer Quaderstein auf, in den ein Fraueu- ropi eingemeißclt war. Die Augen starrten groß und fragend m da^> Weite. Das aufgelöste offene Haar fiel in laugen Strähnen