Ausgabe 
2.10.1909
 
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Zamstag den 2. Oüober

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Rhemlandstöchter.

Roman von Clara Bi ebig.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Es zog furchtbar auf der Schiffsbrücke. Die dunklen Wellen des Stroms wurden vom Wind gepeitscht; am Him­mel jagten sich Wolken, für Augenblicke schimmerte ein kläg­liches Monolicht vor, aber es wurde gleich wieder verdeckt von neuen schwarzen Ballen. Vereinzelte Regentropfen klatschten gegen die Scheiben der flackernden Laternen.

Frau Rätin Dallmer ließ sich von Hauptmann Xylander führen; die Chausseenachbarn hatten sich nach Schluß des Balles zusammengefunden. Acngstlich klammerte sic sich an den stützenden Arm, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen; sie sah und hörte nicht. An ihrer andern Seite stapfte mutig Frau Elisabeth; sie hatte großmütig auf den Arm ihres' Mannes verzichtet, Ivar trotz des schlechten Wetters bester Stimmung und plauderte munter von Toiletten, Cour- machereien und allem möglichen.

Hinterher wanderten noch zwei Gestalten; Nelda und ihr Tänzer vom heutigen Abend, Leutnant von Rainer. Er hatte um den Vorzug gebeten, sich den Damen anschließen zu dürfen, er wohnte auch drüben, unweit der Brücke. Drunten auf der Straße, entfernt vom Ballgetriebe und Späherblicken, war Fran Rätin gnädiger; schließlich warS doch immer nett, wenn die Tochter verehrt wurde, und an­genehm, den Heimweg unter doppeltem Schutz zu machen-

Es war schon spät zwei Uhr das Leben vollständig erloschen. In der Häuserreihe längs des Rheins, selbst in den großen Hotels am Landungsplatz, keine Beleuchtung mehr; oben auf dem Ehrenbrettstein noch ein einsames Acht, wie ein schwach schimmernder Stern glomm es nieder. Daniel schaukelte die Rheinflnt; die zwei, drei Laternen au den Pfühlen warfen zitternde Kringel drüber hin. Ein Sausen war in der Luft, ein Rauschen im Wasser, die Brückenbohlen schlitterten leicht. r

Wenn wir jetzt versänken," sagte Nelda plötzlich.

Um Sie wäre es schade, um mich nicht!" Rainers Stimme hatte einen bitteren Toiifall.,

Sie blieben beide stehen, lehnten sich über's Geländer und schauten hinab. DaS Wasser ging hoch. Eine bange Kühle stieg von nuten herauf und machte Neida erschauern; sie hatte den Mantel gelockert, damit er den kleinen .Ka­melienstrauß an ihrer Brust nicht zerdrücke, nun zog sie ihn fester nm sich.

Geht cs Ihnen auch so wie mir?" fragte die Stimme ihres Begleiters.Wenn Sie am Wasser stehen und hinein sehen, packt Sie da nicht auch die Lust, hinab zu springen und sich int Untergehen willenlos treiben zu lassen, Gott weiß wohin?"

Nein, das kenne ich nicht," Ite wandte ihm das Gesicht zuda müßte ich sehr unglücklich sein. So

unglücklich, wie ich es mir jetzt gar nicht denken kann. Ich will nicht nntergehen ohne Kampf, ich würde mich wehren, ja, bis zum Letzten. Nur nicht so kraftlos ver­sinken! Ach" sie lockerte den Mantel wieder und warf den Kopf zurück, mit geblähten Nasenflügeln sog sie die frische Luft einso unglücklich ist niemand, daß er ganz und gar die Courage zu verlieren braucht!"

So meinen Sie?--> Ich bin so unglücklich!"

Heraus to'ar'd. Er hätte das Wort gern zurückgerufen, laut- gesprochen kam's ihm übertrieben vor; lächerlich, einem jungen wildfremden Mädchen seine Gefühle auzuverteauen! Es war gegen jede Form.

Sie sah ihn an, ein grenzenloses Mitleid übertam )ic; ein Mitleid mit Unverstandenem, mit ihm, mit der ganzen Welt. Ihr Herz klopfte rascher, ohne Bedenken streckte sie die Hand aus dem Mantel und faßte nach der seinen.

Sie dürfen nicht so unglücklich sein nein, nein!" Gesteigerte Erregung klang aus ihrer Stimme; der Tanz', die Musik, die ciirfame Nacht, die Uebermüdnng machten sich geltend, sie wußte selbst nicht, was ihr so unbedacht: über die Lippen glitt:

Ich kaitn's nicht gut anhören!" .

Er führte ihre Hand an seinen Mund, dann ließ er

sie fallen.---

Nelda, Nelda! Herr von Rainer! Schneller, schneller!

Wie ein Trompetenstoß klang die helle Stimme der Fran Haupt mann durch die Nacht. Die beiden Nachzügler setzten sich in Trab, stillschweigend liefen sie nebeneinander her, am Brückenende holten sie die andern ein. _

Nicht so langsam," slüstcrte Paul Xylander verstohlen an Neldas Seite,die Mama ist ärgerlich!"

Lächelnd zwinkerte das Mädchen t>em guten Freund zu, ein Wort war nicht möglich, denn Fran Rätin faßte jetzt ziemlich energisch das Handgelenk ihrer Tochter:Komm hierher, Nelda!"" Sie war wieder ungnädig.

Die schmutzige Chaussee patschte unter den Füßen; es wurde wenig mehr gesprochen, jeder hatte zu achten, wohin er trat. Endlich war die Tür des Dallmerschen Hauses erreicht.Mein Gott, der Papa ist noch wach?" Nelda Ivies hinauf zum Zimmer des Vaters, wo noch Licht jcrjtm» inerte.Der gute Papa, er wacht für mich!" , Sie klingelten, das Licht im Fenster verschwand, durch die 'stille hörte man innen die S iege knarren.

Mtte Nacht, "gute Nacht, meine Herrschaften, lassen Sie sich's wohl bekommen!" , m r,

Gleichfalls! Gute Nackt, gnädige Frau! Gute Nacht, Fräulein Nelda, lassen Sic sich bald bei uns sehen ge­mütlich, ohne ansagenl"

Allgemeines Händeschütteln tuib Empfehlen.

Gute Nacht", sagte Nelda, und ihre Hand ruhte einen Augenblick länger in der des jungen Mannes.

'Nettes klngeS Mädchen," dachte Leutnant von Ramer, als er allein die Chaussee nach Ehrenbreitstein zuruck-