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sorgen, wenn die Kinder singen feinten. Verschiedene Kunden hätten ihm gesagt, daß auch ihre Kinder singen sollten.
Dann war kaum der Dag recht da, da schallte es schon int Hausgang:
„Ho, ho, ho!
Die Fassenacht ist do,
Die Braut hört mein,
Mer mer siwwe Gulde gibt.
Dem soll se sein!
Soll sein, soll sein,
Mein Säckelche soll bald voll sein, Drowwe in de Ferschte
Hänge lange Werschte, Geb Se mir die lange, Loß die korze hange, Morse wann ich Widderkumme, Hol ich aach die korze.
's Liedche is gesunge. De Kreizer is verdient, Und wer mer noch en Kreizer gibt, Dem sing ich noch e Lied."
Die Elise lächelte drin in der Stube. Ob da nicht Ker Michel dabei wäre? Er wisse es nicht, sagte der Peter.
Uird als die Elise hinausging, stand der Michel mitten (unter den Kindern und hielt sein Säckelchen auf.
„Geh du!" sagte die Elise, schöpfte ihm aber doch drei Löffel voll Mehl ein.
Dann führte der Michel die ganze Gesellschaft hinauf Mr Großmutter Sieben. Die rief erst von drin in der Stube, sie sollten nur gehen, 's gäb nichts.
Da war aber der Vater Nockler schon die Stiege hinauf- geschlichen und flüsterte dem Michel ins Ohr:
„Cing's mal allein!"
Da sang der Michel aus Leibeskräften.
„Hei, der Michel!" rief die Großmutter drin. Dann machte sie auf und teilte Pfennige aus. Dem Michel gab sie einen Nickel.
Die Elise freute sich. Sie hörte jetzt immer die Stimme ihres Knaben heraus, da die Kinder in den Nachbarhäusern sangen, und sie öffnete das Fenster und sah ihm nach.
Als er aber nach ein paar Stunden mit einem gefüllten Mehlsäckchen, einigen Eiern und fast einer Mark Geld heimkam, schlug sie die Hände übernt Kopf zusammen.
, Der Michel aber war sehr stolz, pochte auf seinen Reichtum und forderte für den andern Dag „einen ganzen Kloppen voll Kreppel" für sich allein.
„Geh', du Frecher!" sagte die Elise. Aber sie freute sich doch. Beim Essen fragte der Peter, ob der Michel nicht ein „Weltskerl" sei. Der könnte doch gehörig „die Fassenacht ansingen".
„Ja, es sei ein rechter Bettelbub," meinte sie.
Sie hatte aber doch ihren Spaß dran. Der Peter sah ihr in die Augen. Sie glänzten.
Und so freuten sich die Eltern aneinander.
„Was wird's erst morgen geben," dachte der Peter. Bis ins kleinste dachte er sich's aus, wie's werden würde. Wie er die Elise überraschen wollte — wie sie den Michel nicht kennen würde.
Das mußte noch ein größerer Spaß für sie werden als Deute. Ach, er war ja so froh und glücklich, wenn er sie nur ein klein wenig, nur für einen Augenblick aufheitern konnte, daß sie nicht immer so gedrückt und trübselig da herumginge. Daß sie wieder einen (j eiten Blick und rote Backen kriegte.
Am Fastnachtdienstagmorgen schlich der Michel in die Werkstatt. Ein Geselle rtegelte rasch zu, der andere stand schon mit dem Anzug bereit. Dann war der Michel eins, zwei, drei angezogen. Er durfte keinen Laut tun. Dann ging der Vater ganz uninteressiert durch den Hof ans Tor. Er stellte sich da einen Augenblick hin und schaute auf die Straße. In Wahrheit spekulierte er, ob die Mutter nicht gucke, daß sie den Michel könnten hinausschlüpfen lassen, denn er sollte ganz wo anders Herkommen, daß ihn ferne Mutter nicht gleich erkennen konnte.
Der Peter Nockler ging wieder ganz langsam zurück, machte ein sehr gleichgültiges Gesicht, spähte aber scharf nach den Fenstern hin. Dann tat er einen kurzen Pfiff — und gleich kam ein Geselle heraus, hatte den Michel im Genick, drückte ihn tief und schleifte ihn geradezu auf die Straße hinaus.
Der Michel mußte hier noch ein Stück Weg gehen.
dann durfte er erst zurückkehren, als käme er ganz wo anders her. Die Schneider spitzten vom Werkstattfenster aus, wie er ankam. Der Peter mußte jetzt selbst an sich halten, um nicht herauszulachen, denn der Michel war famos zurechtgemacht. Sie hatten ihm einen Schnurrbart angeklebt und einen langen Kinnbart, die Augenbraueck waren schwarz gestrichen mit einem verbrannten Körkstopfen schwarze Falten zogen sich um die Augen. Auf der linken Backe aber saß eine dicke rote Warze aus Glaserkitt.
Der Michel war als Schneider angezogen — er hatte einen grünen Frack, eine gelbe Weste und rote Hosen an, einen Zylinderhut aus schwarzglänzendem Futtertuch auf dem Köpf, ein zierliches blaues Felleisen hing ihm über die Schulter, und er schwang einen echten Ziegenhainer. Jetzt, wie er an der Werkstattür vorbeiging, sprang der eine Geselle noch rasch hinaus und setzte ihm einen blauen Zwicker auf, wie man sie für zehn Pfennige am Kirchweih- stand erhält.
Dann wartete er ein Weilchen und rief dann: „Meistern! — e Fassenachtsnarr!"
Jetzt klopfte auch der Michel schon an.
„Geh — laßt mich!" rief die Elise zurück.
„Gucke Se nor entöl!" rief der Geselle noch einmal.
Da machte sie die Tür auf. Der Michel machte einen tiefen Diener, schwenkte flott den Zylinderhut, wie ihn die Gesellen gelehrt hatten, und deklamierte:
„Mäh, mäh! ich bin ein Schneider, Bekannt im ganzen Land, Ich mach die Hosen weiter, Das geht mir von der Hand.
Ich bitte schön, Frau Meisterin, Geb sie mir sieben Pfenning, Dann will ich wieder weiterziehen. Ich heiße Christian Henning."
Die Gesellen hatten das Berschen selbst zurechtgcschnei- oert. Der Michel hatte es jetzt keck mit tiefer, verstellter Stimme gesagt.
„En feine Schneider bist du!" sagte der Peter.
Der Michel nahm den Hut tief ab und machte einen1 Diener.
„En feine Kdrl, uit, Mutter?" sagte der Peter zu seiner Frau.
„Ja," sagte die, „da, da is auch- was für ihn."
Sie gab ihm ein paar Pfennige und lachte. „Hat fein' Sach schön gemacht."
Der Michel machte wieder seinen Diener und schwenkte den Hut.
„Merci!" sagte er, „nun äüjes!"
Er hatte jetzt die Stimme nicht verstellt. Da erkannte ihn die Mutter. .
„Hei, unser Michel!" rief sie.
Ihr Gesicht hatte einen jungen, freudigen Ausdruck. Der Peter beobachtete sie mit heimlichem Lächeln. Es war also gelungen. Sie freute sich.
„Ei, du bist ja ein geschickter Kerl, Michel. Jetzt mal schnell 'naus zu der Großmutter!" sagte sie.
Sie war ordentliche aufgetaut. Sie nahm den Buben selbst an der Hand und führte ihn hinauf.
„Großmutter!" rief sie oben, „en seine Besuch! Machö Se emal auf!"
Die alte Meisterin Sieben öffnete.
Und der Michel spielte wieder seine Rolle wie unten! Der Vater stand hinter ihm, die MUtter neben ihm, weiter zurück die Gesellen und der Lehrbub, und .alle machten gar lustige Gesichter.
Die Großmutter Sieben erkannte aber den kleinen Schneider auch nicht, und dis Elise konnte es vor lauter Ungeduld nicht aushalten, zu sagen:
„Ei, Großmutter, 's is ja unser Michel! Unser Michel
Da hörte der Peter einen Don in ihrer Stimme, wie er ihn lange, lauge nicht gehört hatte. So einen glücklichen, hellen Klang hörte er, den er int Ohre behielt. Ach, wenn! er den jetzt öfter hören könnte, recht oft — immer — dann würde (die Elise wieder gesund) wieder blühend und frisch.
Er mußte einen Seufzer Unterdrücken.
Gesund möcht er sie so gern haben und froh, daß fte was vom jLeben hätte und ihr Leben behielte.
(Schluß folgt.)


