Ausgabe 
2.9.1909
 
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Donnerstag den 2. September

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Peter Nockler.

Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holzamer.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Die Elise war immer kränklich. Geknickt und gebrochen schlich sie einher. Sie weinte viel. Sie saß oft stunden­lang am Fenster, wo sie nach dem Kirchhof sehen konnte, und weinte. Sie konnte kaum noch ihre Hausarbeiten verrrchten, so matt war sie.

Und mitten in der Arbeit mußte sie oft aufhören. Und vft sanken ihr auch die Hände in den Schoß, und sie saß da und träumte. Sie dachte darüber nach, was ihr Leben war, daß es falsch wäre und im Kern ruiniert, daß es wäre Wie eine Kranke in einem schönen Kleide, daß es abge- storben wäre, sich und andern zur Qual, daß es einer getötet habe, dem sie ihre Jugend gegeben hatte und in dem sich ihr alle Wünsche und Begehrungen erfüllt hatten. Für diesen Moment freilich nur. Diesen Moment, diese paar raschen Stunden, hatte sie gelebt. Vorher hatte sie alles gehen lassen, wie's gekommen war sie hatte nichts dafür, nichts dagegen getan. Sie hatte mitgemacht, sie hatte sich treiben lassen.

Und einmal nur war sie aus sich herausgetreten, da war das Leid gekommen. Gut war ihr Leben, ja, das mochten die Leute sagen, und es hätte gut sein können. Aber es war ein stilles, verzehrendes Dulden geworden. Sie hätte es so nicht tragen sollen. Sie hätte es hinwerfen sollen, damals ja, damals hätte sie den Mut dazu haben sollen' Sie hätte sich's damals gleich sagen müssen, daß sie das nicht wieder los werden könnte, daß es ihr alles falsch machen würde, ihre Ehe, ihr Glück, ihre Liebe.

Und es war gewiß auch der Stachel geworden für den Peter. Wenn er's auch nicht an den Tag tat. Wenn er sich auch stets hütete, das Geringste nur merken zu lassen, es mußte ja in ihm stecken, cs mußte m zwischen ihr und ihm stehen, wenn er noch so gut und besorgt und liebevoll zu ihr war. Wie ganz anders wär's gewesen, tote anders wär alles geworden, wie reiner, schöner,, freier Ware rhr Glück geworden, wäre sie rein damals mit ihm an den Altar getreten! Auch auf ihm nrußte ja immer dieser Druck liegen.

Und das Kind wenn es sein Kind wäre, wie lieber wußte er's, wie lieber könnte sie's haben. So gut er zu dem Michel war, ein wirklicher Vater war er doch eben nicht. Und ihr war der Michel ein immer lauter Zeuge dieser falschen Stunde, die sie verwünschte, da sie ein Falscher mißbraucht und in den Schmutz getreten hatte; ein lebendiger Vorwurf war er ihr und würde es immer bleiben bis in ihre spätesten Tage. Selbst ihr Mutter- qlück, das jede Frau ganz genießen kann, war iyr getrübt. Und Gott hatte ihr das Anna-Mariecken genommen, daß

Sie

Elise geben. ,, t r . ..,

Und schon am Montag mußte der Michel fern Sackel­

chen haben und mußte sein Fastuachtsliedchen singen.

Heimlich übte er's dem Michel ein.

Am Montag in der Frühe sagte er der Elise, sie müsse sich heut einen rechten Topf Mehl hinstellen und jur Pfennige

ie den Vergleich nicht habe. Er war dem Michel gut, dH mußte das Mariechen sterben.

Wenn er nur später nichts von dem Adam haben würde, wenn er denn nur gut und brav würde. Nicht so em Milder und Gefühlloser. Was würde sie da noch , erleben! Und was würde der Peter dann sagen, wenn er nicht ganz nach feinem Sinn würde. Oder gar, wenn er ausschluge, ganz aus der Art. Wenn ihm nur nichts im Blute, steckte von seinem Vater und von dem wilden, tollen wag.

O Gott, was hatte sie sich schon das Leben, zergrübelt, was hatte sie schon vorgefürchtet, was hatte sie all schon ausgehalten, still und heimlich.

Sie war am Ende. Sie konnt's nicht mehr Und tote hätt's sein können! Und sich hatte sie alles zuzuschreiben.

Dem Peter war der Zustand seiner Frau nicht verborgen geblieben. Es machte ihm schwere Sorge, sie kränkeln zu sehen. Auch die Leute hatten ihn aufmerksam gemacht. Er müsse doch was für sie tun. Das komme von d.em ewigen Daheimhocken. Sie müßt heraus, mußt unter die Leute. Daheim verkümmere sie ja ganz. Das könne uie- mand aushalten, und wenn's ihm noch so gut gege. Und auch der Gesündeste nicht.

Ja, aber was sollte der Peter tun? Er sorgte für kräftige Kost, daß sie ihre Eier, ihre Butter ihr § epch und vor allen Dingen ihren Wein hatte. Mehr konnte er doch nicht. Redete er ihr von weiterem, wehrte sie ihm. Er schlug ihr auch vor, den Arzt zu nehmen. Nein, das ja nicht, fuhr sie ordentlich auf. Ihr fehleja weiter nichts. -Das werd sich all schon wieder machen. Der Doktor mach einen nur kränker. Sie geb da nichts drauf.

Was konnte der Peter also tun?

Er fragte doch einmal den Doktor Schwarz, da, er ihm aerade begegnete. Der nahnl's nicht so schwer. Er hatte die Frau nicht näher gesehen.Essen und Trinken halt Leib Und Seel zusammen," sagte der Doktor Schwarz.Allo vor allen Dingen dafür sorgen!" Uebrigens kam er mall

Aber ja unauffällig," meinte der Peter.

Na ja, wenn er wieder einen Anzug braucye.

Für Essen und Trinken sorgte ja der Peter ichon die ganze Zeit. Daran fehlte es also nicht. Er überlegte sich also, was noch zu tun wäre. Mehr Freud musie die Elise haben. Die Leut hätten recht, sie verkümmere ganz. Aber wie ihr die Freud machen! Sie lehnte ja alles ab. wollte sich ja nicht freuen.

Die Fastnacht kam. ,

Der Peter hatte sich's heimlich vorgenommen, den Michel zu maskieren. Das müßte einen Spaß für die