Ausgabe 
2.8.1909
 
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halbe Stunde später aber hat sich darüber eine zweite Schicht gebildet und uns die Sonne verhüllt: wir müssen infolgedessen! wieder bis auf 300 Meter herabsteigen und 25 Kg. Ballast aus- werfen. Die Richtung ist bis jetzt ständig West-Süd-West nach Ostz-Rord-Ost gewesen. Gegen 8 Uhr zeigt sich die Sonne von neuem, und wir schnellen auf 3000 Meter empor. Um ein wenig zu schlafen, vertraue ich die Führung Passelecq an. Ich hatte aber kaum ein Viertelstündchen geschlummert, als ein heftiger Donnerschlag den Grafen von Lannoy imb mich aus dem Schlafe weckte. Wir waren 3400 Meter hoch, zwischen zwei Wolken­schichten, die sich im Süden verschmolzen: au dieser Berbindungs^ stclle war daS Unwetter aüsgebrochen. Da Donner nnd Sturm Miner näher kamen, beriet ich mit meinen Kameraden, was zu tun wäre. Wir flogen mit einer Geschwindigkeit von 50 Kilo­meter in der Stunde und hatten seit zwei Stunden die Richtung verloren: vielleicht flogen wir direkt auf das Meer zu. Der Ballon war von selbst im Abstieg begriffen, und wir liehen ihn ruhig fliegen. Der Abstieg wird immer schneller, und wir fliegen mit einer geradezu phantastischen Geschwindigkeit 10 Meter in der Sekunde durch die Sturmwolkenschicht. Um den jähen Absturz aufzuhalten, müssen wir so rasch als möglich 250 Kilogramm Ballast auswerfen. Die Sturmlvvlkenschicht tvar bei­nahe 3000 Meter dick. Nach eilten: Abstieg, der elf Minuten ge­dauert hat, sind wir nun in der Nähe der Erde, unter Sturm und Platzregen. Einige Minuten lang berührt das Schleppseil bett' Boden. Ich frage Passelecq, der von Beruf Elektriker ist, ob lvir in Gefahr sind, vom Blitz getroffen zu werden. Nach seiner Ansicht war jedoch die Gefahr, da unser Ballon eine Aluminium- Hülle hat, in bett höheren Luftregionen weit größer. Wir lanben hinter einem Wäldchen, wo unser Schleppseil von Berliner Schul­jungen festgehalten wirb. Es ist 9 Ühr 2 Minuten. Die Sonne taucht wieder auf und wir lassen den Ballon trocknen. Da kommt bin neuer Platzregen! Der Ballon muß noch einmal getrocknet werden, nnd wir können erst atm 2 Uhr abreisen. Wir srüh- stücken und schenken unsere Schokolade und unfern Zuckervorrat den braven Jungen, die uns geholfen haben. Bon der Bevöl­kerung wurden wir wahrhaft herzlich ausgenommen. Wir waren in Buch bei Bernau, etwa 15 Kilometer nordöstlich von Berlin, Wäre nicht der Sturm gekommen, so wären wir wohl nach Rußland gelangt und hätten bei dem Winde, der an diesem Tage herrschte, leicht den Weitfahrtsrekord schlagen können."

Die Herren Crombez und van Elslande, die sich an Bord der Emulation du Nord" befanden, veröffentlichen uachstehenden Be­richt:Die vielen Zwischenfälle, die sich bei dem Aufstieg des Ballons ereigneten, ivaren keine gute .Vorbedeutung für unsere Fahrt. Als das Kommando:Loslasfen!" ertönte, wehte ein scharfer Ostnordostwind. Wir erhoben uns sofort bis zu einer Höhe von 500 Metern und fuhren mit einer Geschwindigkeit von etwa 40 Kilometern in der Stunde. Um 9 Uhr 35 Minuten flogen wir bei Maastricht über die Maas; um 10 Uhr 20 Minuten über­flogen wir in der Nähe von Düsseldorf den Rhein. Hier war das Panorama geradezn feenhaft: die großen Industriestädte des Rhein­tales erschienen uns inmitten der sie umgebenden Dunkelheit ganz in Licht gebadet. DieVille de Bruxelles", die uns seit der Ab­fahrt begleitet hatte, ist so nahe, daß wir uns von einer Gondel zur andern verständigen können. Plötzlich aber verlieren wir diesen Ballon aus dem Auge. Es geht ein Platzregen nieder, und wir müssen 50 Kilogramm Ballast answerfen; wir steigen in- folgedessen über die Wolken hinaus und sehen Nun sechs Stunden Nichts mehr von der Erde. Es ist aber höchste Zeit, die Rich­tung des Ballons 'zu erkunden, denn wir sind vielleicht schon, ohne es zu ahnen, mitten auf der Ostsee. Wir steigen bis auf 150 Meter herab und schicken uns, da wir den Exerzierplptzl von Potsdam sehen, zur Landung an; auf dem Exerzierplatz übt Kavallerie, die uns vielleicht- Helsen wird. Wir beschließen! aber dann doch die Fahrt fortzusetzen, da wir fürchten, daß wir festgenommen werden könnten (!). Wir überfliegen bett Grüne­wald, die Potsdamer Seen und vollen dann unser Schleppseil auf. An einem Waldsaume sehen wir eine große Lichtung; wir gehen mit dem Ballon herunter; eine Reiterin und ein Reiter fragen uns auf Deutsch:Wer sind Sie?" Wir geben durch Zeichen zu erkennen, daß wir nicht Deutsch verstehen. Die Dame spricht dann französisch mit uns und holt mit ihrem Be­gleiter aus der nächstgelegenen Ortschaft einen Wagen für unfern Ballon. Eine halbe Stunde später find wir in Berlin."

Vermischtes.

* Der erste Kriegsballon. Jetzt, da inan gerade den Z. I, unseren erstenReichslustkreuzer", dem praktischen Dienst an der Grenze übergibt, interessiert es vielleicht, an den ersten Ballon zu erinnern, der aktiv an einem Kampfe teilgenommen hat. Dies war der von dem französischen Physiker Coutelle konstruierteEntr eprenant, der äußerst wirksam die Operation des Generals Jourdan gegen die Oesterreicher während des ersten Koalitionskrieges in Belgien unterstützte. Nachdem sich Contelle bereits durch kleinere Rekognoszierungen

hervorgetan, erwarb er sich unvergänglichen Ruhm in der Schlacht bei Flenrus (26. Juni 1794)/ in der zum größten Teil auf seine Erkundungen hin die Franzosen einen ent­scheidenden Sieg über die Oesterreichcr erfochten. Das energische Feuer, das der Feind auf den Ballon eröffnete, war völlig wirkungslos; Coutelle verfolgte von seiner hohen Warte aus die Entwicklung des Gefechts und signalisierte jede Veränderung in der feindlichen Stellung an General Jourdan. Die Verständigung geschah durch ein doppeltes Kabel, das an den Stricken, die den Ballon hielten der Entreprenant war natürlich ein Fesselballon, befestigt war. Außerordentlich schwierig gestaltete sich aber-der Trans­port des Ballons, der mit der Armee doch gleichen Schritt halten mußte. Ihn jeweils an seinem neuen Bestimmungs­ort zu füllen,-lte zuviel Geld und vor allem Zeit be­ansprucht, deshalb mußte man den Ballon in der Luft mit- schleppeu. 20 Taue waren zu diesem Zwecke an: Mittelkreis des Ballonnetzes befestigt, deren Enden von Soldaten gehalten wurden, die rechts und links von der Landstraße marschierten um den Zug des übrigen Heeres nicht zu stören. Coutelle, der, nebenbei bemerkt, das erste reguläre Luftschiffcrkorps führte, nahm später auch an Napoleons Expedition nach Aegypten teil, wo er den Mamelucken mit seinem Ballon zwar einen heillosen Schrecken verursachte, im übrigeu aber wenig in Aktion trat, da Bonaparte merkwürdigerweise die niilitärische Verwendbarkeit des Ballons verkannte.

* Löwen a l s Wohltäter der Menschheit. Die Besucher der Zoologischen Gärten, die die graziöse Antilope und btö. scherte Zebra in feinem Gehege beobachten, werben erstaunt feilt zu hören, baß biefe scheinbar so harmlosen Tiere von beit Farmern Afrikas mehr gefürchtet werben als bie Könige ber Wüste, bei bereu Gebrüll ber Neugierige unwillkürlich vom Gitter bes Löwenkäfigs zurückweicht. Der bekannte englische Afrikareisenbe David Garrick Longworth, ber soeben aus Ostafrika, wo er auch Roosevelt bei seinem Jagbzug traf, nach Englanb zurückgekehrt ist, gibt darüber interessante Aufschlüsse.Tie Mederinetzelung von Löwen in Ost- afrika ist eine große Gefahr für die Ansiedler, denn der Löwe ist es, der bie Farmer von ihren gefährlichsten Feindeit befreit, von ber Antilope ttnb bent Zebra, bie in Herden über bie Pflanzungen herfallen intb bie mühevolle Arbeit bes Jahres zerstören. Ein ge­wöhnlicher Löwe, ber etwas auf sich hält, braucht burchschnittlich zwei Zebras oder Antilopen in ber Woche für standesgemäßen Unterhalt. In ber letzten Jagdzeit jedoch hat man 356 Löwen nur in ber Umgebung von Nairobi erlegt; bas bedeutet natürlich eine enorme Vermehrung ber Antilopen uttb Zebras, Man schmiedet! auch bereits Pläne, biefem liebel vorzubeugen. Voraussichtlich wird bereits im tommenben Jahr eilt neues Jagdgesetz erlassen, das jeden Jäger, ber Löwen schießen will, zwingt, vor der Erteilung ber Erlaubnis zwanzig Zebraschwänze vorzulegen." Longworth erzählt dann von seinem Zusammentreffen mit Roosevelt, beut das Jägerglück in Afrika anscheinend günstig ist. Roosevelt hat sogar eine Herde von 17 Giraffen gesichtet, eilt Anblick, den selbst alte Afrikareisende noch nicht genießen konnten.Er erzählte mir, daß er vollauf zufrieden gewesen wäre, wenn er aus seiner Tour nur einen einzigen Löwen vor seinen Laus bekäme. Bereits in beit ersten fünf Jagdtageu aber konnte er brei erlegen. Er war über feilt Jagdglück begeistert wie ein Kiub ttnb brückte allen die Hand, Negern wie Weißen. Nun erwartet ihn noch eine Besonderheit, die alles übertrifft: die Erlegung des Löwen durch Speere, Das ist ein aufregender Kampf, der die Schauer eines Stierkampfes überbietet und der gewiß in Zukunft auch viele Europäer nach Ostasrika locken wird, wo man den Winter fo genußvoll verlebt wie kaum wo anders."

Zitaten-Nätfel.

Aus jedem der iolgeudeit Zitate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Zitat ergibt:

1. Der Umgang mit Frauen ist bas Element guter Sitten.

2. Wenn du das große Spiel der Welt gesehen,

So kehrst du reicher in dich selbst zurück.

3. Arbeit ist des Blttles Balsam, Arbeit ist der Tugend Quell.

4. Wer'früh erwirbt, lernt früh den hohen Wert

Der holden Güter dieses Lebens schätzen.

5. Da? sieht schon besser aus! Man sieht doch wo ttnb wie.

6. Wen Golt niederschlägt, der richtet sich selbst nicht atü.

7. Ernst ist das Leben, heiter die Kunst.

8, Das Weib soll stehn an ihres Mannes Seite.

Auflösung in nächster Nunnner.

Auflösung des Kapselrätsels in voriger Nummer:

Ein dl ch wohnt unter jedem D a ch.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckere'. N. Lang«, Gießen.