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Ja tief in die Seele des Volkes, in seine Leiden und seine Sehnsucht kann man einen Blick tun, wenn man dieses interessant Gebiet einmal näher betrachtet.
Sprechen wir nun von -Wunderpslanzen, so meinen luir nicht den „Wunderbaum", wie die Pslanzengattung Ricinus heißt, oder die „Wunderblume", die Gattung Mirabilis, die freilich beide ost von wunderbarer Wirkung sind, sondern von allen den Pflanzen ist die Rede, die zu Wundertaten und Zauberei tauglich sind — und ihrer ist eine recht große Zahl. So recht zur Belebung und Anrufung der Natur trieb die Menschen von jeher ihre Krankheit. In dieser Not wird Unsinn zu Sinn und Volksmedizin und Wunderglaube reichen sich die Hand. Da sind es vor allen Dingen die verschiedenen Bäume und Pflanzen, die geeignet und bereit sind, Krankheiten anzuziehen, das heißt sie beit Menschen abzunehmen, indem sie sie selber auf sich nehmen. Sehr iueit verbreitet ist der Glaube, daß man einen Kranken durch einen gespaltenen Baum ziehen sollte, damit er durch dieses Hausmittel gesund werde, nnd es hat sich eine wissenschaftliche Kontroverse darüber entsponnen, ob der Sinn dieser Maßnahme der ist, daß die Krankheit an den Baunr abgestreift wird, oder) ob cs sich etwa nm die symbolische Darstellung einer Wiedergeburt handelt. Mehr für die erstere Auffassung spricht die weitere Beobachtung, daß solches Uebertmgen der Krankheit auf Bäume unter Beschwörungsformeln vor sich geht, des Inhalts, daß der Dämon in den Baum oder Strauch gelsannt werden müsse. Marzell führt eine Reihe solcher Beschwörungsformeln an und nennt als besonders beliebte Uebertragungsobjekte Hollunder (Sambucus nigra), Wacholder, dann Fichte, Esche und Nußbaum. Stach Söhns verleiht der der Frau Holle geweihte Hollunder Schutz gegen Krankheit und böse Dämonen. Ter Landmann hängt Hollunder an die Stalltür, um Krankheiten des Viehs abzuwchren, in vielen anderen Gegenden — namentlich Thüringen und Tirol — pflanzt man den Hollunder gern bei Bauernhäusern. Unter einem Hol- kunderbusch hält sich der Schläfer vor Unfall, Schlangen, Hexen und giftigen Mücken sicher, wenn er Noch an Frau Holle glaubt. Der Wacholder aber, der Juniperus, hilft zu Frische und Lebensmut, und wer müde wird, soll unter dem Wacholder sich wiedest Kraft zuschlafen. Gegen jede Zauberei hilft er, und seine Beeren sind gegen allerlei Krankheit nützlich nnd selbst die Küchenwerk- zenge, die aus Wacholderholz gemacht sind, geben den Speisen diese Kraft. In Ostpreußen kommt man mit folgender Formel zur Fichte:
„Ich komme zu dir, Ficht'
Und klage dir meine neunundneunzigerlei Gicht!
Ich klage sie nicht mir Sondern dir!"
Der Wanderzigeuner fordert das Fieber auf: „Geh weg, Fieber!
Geh weg, mein Schmerz! Geh weg in den Baum, Woher du gekommen bist! Tahin geh, du Fieber!"
Ganz ähnlich sagt man in märkischen Gegenden zum Flieder, wenn man in der Nacht bei abnehmendem Mond um einen auf der Grenze stehenden Fliederbaum einen Faden bindet:
„Guten Morgen, Herr Flieder, Ich bringe dir mein Fieber lind binde dich an
Nun gehe ich in Gottes Namen davon."
Ob solcher nächtlicher Spaziergang für den Kranken wirklich immer Genesung bringen soll, erscheint indessen mehr als zweifelhaft, und je häufiger man es tut, umso weniger dürfte man seine Krankheit los werden. Oft ist es auch nur noch der Name, das Wort, das — ohne materielle Mittel — zum heilkräftigen! Spruch erstarrt ist und personifiziert wird, wie man in Ostpreußen gegen Blutungen die Beschwörungsformel spricht:
„Es gingen drei heilig«. Frau'n Des Morgens früh im Tan'n. Tic eine hieß Aloe, Die zweite hieß Blntvergeh', Die dritte Blutstillesteh!"
Daß sich noch ebenso tote an diese harmlosen.die Legendes auch an die giftigen Pflanzen heften, bedarf kaum der Hervorhebung^ Da bei diesen sich Zauberei oft genug mit wirklicher medizinischer Bedeutung und Behandlung paart, brauchen wir ihrer hier an dieser Stelle, wo es die seltsamen Wege des Volkse glaubens zu zeigen gilt, nicht weiter zu gedenken, und könnest Tollkirschen wie Nachtschatten, Primel und Herbstzeitlose, Finger- W U- a. übergehen. Der Teufel und die Hexen haben ihr Spiel mit der Pflanzenwelt in breiter Ausdehnung, wie schon aus zahlreichen Namen hervorgeht: Hexebese, Hexenkraut, Teufelszwirn, Teufelsabbiß (Scabiosa succisnh und in gleicher Weise streiten sich die Engel und Maria um die Blumen: Engelblümchen, Himmelschlüssel, Marieuträncn (Orchis mascula), Marienkralit (unserer lieben Frauen Mantel) und anderes mehr. Die Zartheit dieser Legenden steht in gewissem Gegensatz, zu den älteren, echteren, derberen Pflanzeuwundern, die mit Liebe und Minne zn tun haben. Hier ist das zweite große Herrschaftsgebiet des Pflanzenzaubers, und so muß zunächst der Königin unter ihnen gedacht werden, der Alraune (Mandragora officinalis). Gehört sie auch zu den Solanccn, der Gattung, welcher auch Stechapfel, Bilsenkraut, Toll
kirsche angehören, so hat sie in der Pflanzenmythologie doch von diesen' Geschwistern abweichende Wege eingeschlagen. Tie Alraunwurzeln machen hieb- und stichfest oder sie machen unsichtbar oder sie verschaffen dem, der sie trägt, Liebe. Aber eine solche wundertätige Alraunwurzel zu gewinnen, ist. nicht leicht und nicht ungefährlich.^ Natürlich muß es bei Nacht geschehen, wohl auch ilur am Freitag, unb ein schwarzer Hund muß mitgenommen werden. Ties um deswillen, weil die Pflanze, wenn sie aus der Erde gezogen wird, einen Schrei ausstößt, der jeden, der ihn hört, tötet. So muß man die Pflanze durch den Hund, den man mit dem Schwanz an sic anbindet, ausreißen lassen, selbst aber auf mehr als Hörweite sich' entfernen. Die Alraunwurzel nun sieht aus wie ein Wesen mit zwei Beinen (Alraunmännchen, Alruna -— die Allwissende); man tut ihr also ein Hemdchen aus lveißer oder roter Seide an, pflegt sie und verwahrt sic gut. Eine ganz ähnliche Vorschrift ist die, daß man, um sich bei Mädchen beliebt zu machen, die Wurzel der Ringelblume (Calendula officinalis) in einem violettseidenen Tüchlein Bei sich tragen soll, oder die Wurzel des Baldrian oder des Eberwurz. Aber auch Gegenmittel werden namhaft gemacht. „Sollte jemand vermuten, daß ihm die Liebe in einer Speise eingegeben sei, so nehme er Raute oder Mauerraute, Weintrauben und Theriak, lasse es mit einer Zwiebel braten und esse dann alles zufammen."
Wie herrlich konnte man sich auch der Springwurzcl bedienen, die verschlossene Türen ausspringen läßt nnd so Wege bahnt, die sonst Etikette und Bewachung verschließen! Wie willkommen war der Farnsamen, der unsichtbar machen soll, wenn er am Johannistag abgestreist oder zufällig in die Schuhe gestreut sei! Wie gern bediente man sich der Mannstreu, tote sie Phaon, der Liebling der Sappho bei sich getragen hat, um sich bei beit Frauen beliebt zu machen. Und endlich, wie gern entsinnt sich der Volksglaube der schönen Sagen, die sich um den Mistelzweig winden, um auch heute noch des Segens teilhaftig zn werden, der von diesem Wunderzweig ausgehen soll, unter dessen Schutz sich die liebende Jugend ungescholten küssen darf, unter dessen Stich sich Baldur verblutete, um die Welt wieder neu zu ver- jüngen. Die Sagen, die sich an diese merkwürdige Parasitpflanze knüpfen, gehen demnach auf sehr alte Zeit zurück; deutschen und keltischen Völkern ist der Glaube an die Heiligkeit des Mistel- zweigcs gemeinsam, und schon Plinius berichtet uns, daß man dieses Gewächs vont Himmel gefallen wähnte und als ein göttliches Zeichen auf dem auserwählten Baume ansah. Um den Zweig zu schneiden, der alles heilt, Fruchtbarkeit verleiht und gegen alle Gifte hilft, muß der Priester kommen in weißem' Gewand, mit goldener Sichel, auf einem Wagen von weißen Stieren gezogen, die zuvor noch nie im Joch gegangen waren. Wahrlich, so seltsam unb unfruchtbar uns alle diese kindlichen Launen der Volksphantasie anmuten, so wenig praktischen Wert sie heute in unserem Zeitalter der Elektrizität, des Wirtschasts- kampfes und der sauren Arbeit haben, wie viel Poesie, wieviel sinnige Natnranpassnng und Naturliebe steckt doch in diesen abergläubischen Vorstellungen.! Ja erst dann, wenn man sie recht erkennt und nicht mehr an sie glaubt, erschließen sie sich dem vom Wahne nicht mehr Umfangenen als daS, was sie sind: Kindheitsträume aus Wunsch- und Wunderland, Bereicherung des nüchternen Pendels zwischen Geburt und Tod durch die Vor- ahnüug eine#. Fülle von Beziehungen, die die Wissenschaft erst später klärt oder durch Besseres ersetzt. Und so ist es nicht ohne Gewinn, sich in den Aberglauben anschauend zn versenken.
Dr. A. E.
Kranzößsche Lustschiffer über ihren Klug nach Berlin.
Die belgischen und französischen Lustschisser, die in der vorigen Woche mit den Ballons „Ville de Bruxelles" und „Emulation bu Nord" in der Nähe von Berlin gelandet sind, veröffentlichen in der „Etoiie Beige" einen ausführlichen Bericht übe« ihre Weitfahrt. Herr Geerts, der Führer der „Bille dc Bruxelles", schreibt: „Lannoy, Passcleeg und ich waren um 7 Uhr 21 an Bord' der „Ville de Bruxelles" aufgestiegen und hatten uns bald Bis zu einer Höhe von. 300 Meter erhoben. Wir hatten Lei der Abfahrt 55 Säcke zu 12 Kg., im ganzen also 660 Kg. Ballast. Wir fuhren über Wychmael bei Löwen, dann südlich von Diest. Ein anderer Ballon, der höher war als wir, flog rascher: wir stiegen nun gleichfalls höher hinauf und hatten ihn bald eingeholt. Es war die „Emulation du Nord" unter der Führung des Herrn van Eslande. Wir verloren den Ballon erst ans dein Äuge, als die Nacht hereingebrochen mar, und nachdem wir uns durch elektrische Signale verständigt hatten. Wir überfliegen die Maas bei Maescyck, in einer Höhe von 500 oder 600 Meter. Westfalen, eine sehr industriereiche Provinz, macht auf uns den Eindruck einer riesigen Lichtermasse: der ganze Horizont schien in Flammen zn stehen. Ten Rhein überfliegen wir bei Düsseldorf um Mitternacht, in einer Höhe von 700 Meter. Es war nicht kalt, wir brauchten nicht einmal unsere Ucberzieher anzuziehen. Tas Industrieland ist überflogen, und wir schweben nun über schwarzen Feldern: ein Sprühregen kostete uns drei Sack Ballast. Während der ganzen Nacht geben wir acht bis zehn Sack ab. Uebersliegung der Weser um 5 Uhr morgens: unter uns liegt die Stadt Hildesheim, Wir sind 2000 Meter hoch, über einer Wolkenschicht, nnd sehen der Sonne ins Auge. Eine


