Ausgabe 
2.8.1909
 
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diese nicht in eine Trennung willige, zuckte er leicht zu­sammen und holte aus tiefer Brust Atem.

Im Gefühl, seine Schuldigkeit getan zu haben, begab sich^ der Pfarrer an seinen Schreibtisch zurück. Friedmar verharrte wie angewurzelt, in Gedanken verloren, auf ein und demselben Fleck.

Wünschen Sie noch etwas?" fragte ihn der Pfarrer geschäftsmäßig.

Nein, Herr .Pfarrer!" raffte Friedmar sich auf. Und nach der Türklinke greifend, sagte er traurig und tonlos:

Ich weiß jetzt Bescheid, Herr Pfarrer. Ich dank' auch. .Adjes, Herr Pfarrer!"

X.

Am andern Tage bereits meldete sich Friedmar zur Verbüßung seiner Strafe. Der Gefängnisverwalter, der ihn in seine Zelle führte, meinte wohlwollend:

No, die acht Tag' gehn auch herum. Und wann Ihne Ihr' Frau das Essen schickt 's soll ja eigentlich nicht sein."

Die Meisterin schickt nichts," sagte Friedmar barsch. Ich will gar keine Extrawurst gebraten haben. Ich nehm' die Kost, wie's kommt."

Der Verwalter schloß ab. Friedmar hielt in dem kleinen viereckigen Ramn Umschau, der ihn für die nächsten acht Tage beherbergen sollte. Eine eiserne, an die Wand fest­geschraubte Bettstelle inachte die ganze Einrichtung aus. Nicht einmal ein Schemel zum Nicd.rsitzen war vorhanden. Durch das kleine vergitterte Fenster sah man ein Stück des grauen winterlichen Himmels. Unmittelbar neben der Türe hing unter Glas und Rahmen ein Gedicht:Wider den Alkohol", von einemMenschenfreund", daneben waren dieallgemeinen Bestimmungen" für die Gefangenen an­gebracht. Friedmar las alles aufmerksam durch.. Dann streckte er sich auf den Boden hin, schob die Arme unter den Kopf und hing seinen Gedanken nach. Ohne Abschieds­gruß war er diesen Morgen von seiner Frau gegangen. Der Pfarrer hatte ihn zwar anfgefordert, reumütig vor sie hinzutreten, sie um Verzeihung zu bitten und sie zu versöhnen, er hatte aber keinen entgegenkommenden Schritt getan. Ein wilder Trotz hatte sich in ihm eingenistet. Er grollte auch dem Pfarrer. Der hatte ihn mit der Meisterin kopuliert. Ganz recht. Und jetzt, da er sich von ihr los­sagen wollte, verweigerte er seinen Beistand nnd ließ ihn gründlich abfahren. Ja, zum Kuckuck, war denn der Pfarrer bloß zum Kopulieren da? Wenn er zwei getraut hatte, die nachher nicht zusammen gut taten, war's 'da nicht seine Schuldigkeit, die wieder ausernanderzubringcn? Und oben­drein hatte der Pfarrer so gesprochen, als wenn er an die Meisterin angekoppelt wäre, so lang es ihr gefiel. Der Pfarrer kannte freilich das Gesetz. Darüber konnte man nicht hinaus. Es war zum Verrücktwerden! Und das alles Latte er sich selbst eingebrockt. Aus purer Hachigk'eit hatte tt die Meisterin geheiratet. Ihr Geld hatte ihm in die Augen gestochen. Der Hochmutsteufel war in ihn gefahren, daß, er sich eingebildet, er müßte partu als Meister herum- stolzieren. Jetzt würde er alles hingeben, wenn er auf und davon könnte. Er hätte sich schon durchgeschlagen, sich und die Lina. Er hatte alles so feinaussimuliert". Und die Lina hatte dabei geholfen. Er wollte das Einhorn übernehmen und die Wirtschaft wieder auf den Damm bringen. Nebenher wollte er seinem Pflgstergeschäft uach- gehen. Wenn er nicht daheim war, versahen die Frauen­zimmer das Haus. Man fand ein gutes Auskommen, dem Bürgermeister von Dietkirchen zum Tort. Ja. glatt aus­gerechnet, aber falsch. Und mit der Planmacherei war's nichts. Wohin er lugte, kein Spältchen, durch das mau hinausschlupfen konnte. Just wie hier im Arresthaus. Ein tödlicher Haß gegen die Meisterin erfüllte ihn. Mit dem Instinkt des Naturburschen fühlte er, daß die alternde Frau kein Recht hatte, dazwischenzutreten, wo zwei junge, blühende Menschen sich zu vereinigen trachteten. In diesen? Allgen­blick hätte er sie erwürgen können mit kaltem Blut. Er sprang auf, die finsteren Gedanken von sich abzuschütteln, und wanderte in seiner Zelle auf und ab. Gut, toeiut ihn die Meisterin nicht losgab, stand ihm doch der Weg nach Dietkirchen offen.. Mochte der Pfarrer donnern, soviel er wollte, mochte die Meisterin Zeter und Mordio schreien, von seinem Mädchen würde er nicht lassen. Auf die Lina konn .' er bauen, die ließ sich nicht irr' mache?!, und wenn die Mutter siekarniffelte", und das ganze Dorf sie ver­ketzerte. Ein herzhaft Mädchen! Er kannte sie durch und

durch. Der Gedanke an die Geliebte, die gemeinsam mit ihm den Kampf gegen seine Frau, gegen die Welt aufnehmen würde, flößte ihm neuen Mut ein. Er vermeinte, schon seist eine Ewigkeit, daß man ihn hier eingesperrt. Die Untätig­keit war ihm unerträglich. Er klingelte einen Aufseher herbei und bat um irgendwelche Arbeit. Der Beamte führte ihn in den von hohen Mauern umschlossenen Gefängnis­hof, wo ein halbes Dutzend Inhaftierter damit beschäftigt war, Knüppelholz zu spalten. Den Ankömmling musterte man mit frech-vertraulichen Blicken. Als der Aufseher sich auf einen Augenblick entfernt hatte, wandte sich ein baum­langer Kerl mit stechendem Blick an Friedmar:

No, Kreppler, Ivie kommst du unter die Kamrusche?"

Friedmar tat, als hörte er nichts und machte sich an die Arbeit. Es war eine sehr gemischte Gesellschaft, die sich hier zusammengefunden hatte. Der Riese, der in der - Gaunersprache über Friedmar seine Glossen machte, war ein berüchtigter Einbrecher. Zwei Gefangene, denen das Holzspalten wenig Freude zu machen schien, waren Wechsel­fälscher. Da war ferner einKillesgänger", der abends in den Ladengeschäften sein Diebeshandwerk trieb, ein Ge- ineinderechner, der eine große Summe unterschlagen, end- * lich ein Handlungsgehilfe, der seinen Prinzipal betrogen hätte. Mit Ausnahme des Gemeinderechners, der eine trüb- selige Miene zur Schau trug, waren alle guter Dinge. Die Strafe, die über sie verhängt war, drückte sie nicht. Sie schimpften über die scheußliche Suppe und das schimmlige Brot, das mau ihnen verabreichte, und sie zählten sich gegenseitig die Tage bis zu ihrer Freilassung vor. Für die Zukunft hatte jeglicher in der Besonderheit seiner Spitz­büberei sein Programm fix und fertig. Ein Eingeweihter, der demRotwelsch" gelauscht, hätte keinen Augenblick darüber im Zweifel sein können, daß die sauberen Kumpane später ihr Gewerbe mit allem Raffinement fortzusetzen ent­schlossen waren. Ob zwar Friedmar von der leise geführ­ten Unterhaltung nur wenig verstand, so fühlte er sich doch von der RotteKochemcr", wie sie sich in ihrer Sprache nannten, heftig abgestoßen. Jetzt erst empfand er es als bitteres Unrecht, daß man ihn verurteilt, mit solchen Halunken unter einem Dach zu hausen. Was hatte er mit diesen verworfenen Menschen zu schaffen? Was hatte er überhaupt verbrochen? Er'hatte den Bürgermeister, das Geifermaul, am Kragen gepackt, weil er sein Mädchen nicht verlästern lassen wollte. Deshalb war er eingesteckt wor­den, denn das Gesetz schriebst so vor. Und an die Meisterin blieb er angeschirrt. Tas schrieb auch das Gesetz vor. Zum Donnerwetter! Ta tonnte man in der ehrlichsten Haut stecken und stieß überall mit der Nase an das verdammte Gesetz. Gab's denn keinen Ort auf der Welt, wo man sich frei bewegen konnte? Vielleicht überm Wasser in Ame­rika. Das war ein Plan. Das mußte er mit der Lina überlegen, die hatteKurahsch", die ging gleich mit. Ja­wohl, nur fort! Sie wollten sich schon ein Winkelchen suchen, wo sic niemand aufspürte, keine Meisterin, kein Pfarrer und kein Gesetz.

Gegen Abend wurde Friedmar wieder in seine Zelle abgeführt. Ter Aufseher schraubte die Bettstelle von der Wand und machte das Nachtlager zurecht. Friedmar legte sich nieder, aber der gewohnte gesunde Schlaf wollte sich nicht einstellen. Allerlei wirre Gedanken trieben ihm das Blut nach dem Kopf. Er duselte ein und fuhr wieder auf. Und unablässig sich hin und her wälzend verbrachte er in unruhigem Halbschlummer die Nacht.

(Fortsetzung folgt.)

Wunder und Zauder in der Pflanzenwelt.

Daß jeder Krankheit ein Heilkraut gewachsen sei, könnte mail meinen, wenn man die Fülle der Mittel kennt, die die Pflanzen­welt für allerlei Gebresten darbietet; und wenn das Sprichwort sagt, daß gegen den Tod kein Kraut gewachsen sei, so hebt es durch diese Betonung hervor, daß gegen vielerlei, was vor denk Tode liegt, doch ein Kraut gewachsen ist. Betrachtet inan dige Tatsache, so erscheint sie geiviß als ein Wunder, ebenso wunder­bar wie vieles andere, was wir noch nicht begreifen. Daß eiii Gift zur Heilung dient gegen anderes Gift, daß der Erdbod.u säfte und Kräfte assimiliert nach unsichtbarem Verfahren und schier gesetzlos neben einer Speisepflanze eine Giftpflanze wachse» laßt, das alles ist wunderbar genug. Kein Wunder also, daß der Mensch diese wunderbaren Dinge über die Maßen ausweitete und daß das Volk uni die Pflanzenwelt, namentlich die offizinclle, giftige, aber auch um andere Blumen, Sträucher und Bäinne eine» Sagenkranz flocht, der seit altershcr die üppigsten Blüten treibt.

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