Ausgabe 
2.9.1909
 
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Wie lange werden die Uohlenvsrräte unserer Erde reichen?

Von Prof. A. Binz.*)

! Wieviel Kohle Und wieviel Eisenerz Noch zur Verfügung stehen, hängt einmal von der Ausdehnung der Bodenfläche ab, die sich geologisch ermitteln läßt, und zweitens davon, bis zu welcher .«liefe man sie ausbeuten kann. Ta die Temperatur Nach dem Erdinn-ern zu um etwa 30° C pro Kilometer steigt, so wird das Arbeiten um so beschwerlicher, je tiefer man dringt. Bei 1356 m ist es schon 430 warm. Mit einem Bohrloch von 2003 in, das sich in Oberschlvsien befindet, hat man einstweilen das Maximum erreicht. Wenn auch vielleicht durch die Technik der Ventilation noch größere Tiefen zugänglich werden sollten, so dürften doch die Schütze jenseits einer gewissen Grenze für immer Unerreichbar bleiben. Als normale Tiefe kann man 1500 in annehmen. Unter dieser Voraussetzung gelten für die Zeiträume, innerhalb deren man Steinkohle in dem heutigen Maßstabe wird fördern können, in den verschiedenen Landern folgende Zahlen: Zentralfrankreich, Böhmen, Provinz Und.Königreich Sachsen und Nordenglaud (100200 Jähre); die übrigen englischen Kohlen­felder, Waldenburg-Schatzlarer Revier (Oesterreich) und Nord- frankrerch (200300 Jähre); Saarbrücken, Belgien, Aachener Revier, Ruhrgebiet und Nordamerika (600800 Jähre) und Ober- fchlesien (mehr als 1000 Jähre).

Tie Vorräte an Eisenerzen haben Törlnebohm und Sjörgen geschätzt) Deutschland 2200 Millionen TonNen, Rußland 1500, Frankreich 1500, Bereinigte Staaten von Nordamerika 1100, Schweden 1000, Spanien 500 und England 250 Mill. Tonnen.

Tie Gesamtmenge der erreichbaren Cisenerzvorräte der Erde dürfte etwa 9000 Millionen Donnen betragen, wovon für eine jährliche Eifenproduktion von 50 Millionen Tonnen 100 bis 150 Millionen verbraucht werden. Nach den genannten Autoren müßte also der Vorrat schon vor End« des 20. Jahrhunderts zu Ende gehen. Diese Schlußfolgerung dürfte aber insofern allzu pessimistisch sein, als sie nicht mit der Möglichkeit rechnet, daß man im Bedarfsfall auch Mineralien mit einem sehr niedrigen Eisengehalt verhütten wird, die heute gar nicht als Eisenerze zählen. An solchen Gesteinen ist kein Mangel. Nach einer Schätzung von F. W. Clarke enthält die Erde bis zu einer Tiefe von 16 km unter dem Meeresspiegel 5,1 Proz. Eisest. Bei der riesenhaften Ausdehnung der Erdkruste ist das ein« sehr beträcht­liche Menge.

Allerdings wird der lieber gang der Eisenindustrie wie auch der Kohlenindustrie von den jetzigen reichen Erz- und Kohle­lägern zu ärmeren mit gewaltigen lokalen Erschütterungen des Volkswohlstandes begleitet sein, wie solche auf anderem Gebiete schon da waren. Die Engländer haben derartiges in der Textil­industrie durchmachen müssen, als im nordamerikänischen Bürger­krieg (186164) die Südstaaten die Hilfe Britanniens dadurch erzwingen wollten, daß sie ihm keine Baumwolle mehr lieferten. Sofort stockte fast die ganz« auf SpinNen, Weben, Drucken und Färben beruhende Industrie von Lancashire. Gleich zu Anfang waren 450000 Arbeiter auf fremde Untersuchung angewiesen. 916 000 Pfund Sterling wurden aus den Sparkassen gezogen. 1862 betrug die Zahl der Unterstützten 500 000, die der voll­kommen Brotlofeit 247 000. In Manchester allein fallierten 1193 Firmen. Der Gesamtverlust von Arbeitern und Unternehmern wird auf 1 300 000 000 Mark geschätzt.

Denkt man sich analoge Zustände durch Eisen- oder Kohle- knäppheit hervorgorusen, so ergibt sich ein Noch viel schrecklicheres Bild, denn sie sind wichtiger als Baumwolle. Mau kann sich vorstellen, daß in einer sehr fernen Zukunft einntal nicht mehr Mars die Weltgeschichte bestimmen wird, sondern Minerva, zu der hilfeflehend die Völker wallen. Was wird ihre Weisheit voraussichtlich bieten können?

' Diese Frage hat man betreffs des Eisens bisher NUr in Schweden aufgeworfen und einstweilen damit zu erledigen gesucht, daß man vorschlug, die Ausfuhr schwedischer Erze solle verboten werden. Betreffs der Kohle dagegen hat wart bereits ernsthafte Versuche zur Beantwortung jener Frage gemacht, da hier die Natur selber Auskunft gibt, indem sie auf die Wärme der Sonne NNd die Kraft der Wasserläufe als ,'Ersatzquellen für die Wir­kungen der Kohle hinlveist.

Die Sonne hat di« Bäume wachsen lassen, aus denen die Kohle geworden ist. Man kannte darum denken, sie werde uns HUfs neue damit beschenken. Das ist leider nicht der Fall, denn wir verbrauchen an em|ent| Tage so viel Kohle, wie sich nur in Aeonen bilden kann.

Di« Zeit, welche zNr Entstehung der Kohleläger Notwendig wat, läßt sich abschätzen. Einmal ans der Dauer terrestrischen Vorgänge überhaupt. Män weiß, wieviel Salz im Meere ist, Und wieviel die Flüsse jährlich hinznführen. Demnach waren etwa 100 Millionen Jahre Nötig, NM den Ozean auf feinest jetzigen Salzgehalt zst bringest. Noch älter erscheint die Erde,

*) Obige überaus interessanten Ausführungen entnehmen wir dessen soeben ist der Sammlung Wissenschaft und Bildung er- schieneneu BucheKvhle und Eisen". .Verlag von Quelle u. Meyer ttt Leipzig.

wenn man die Dicke sedimentärer Gesteinslager mißt und die Langsamkeit verfolgt, mit der sie sich fortdauernd neu bilden. Man kommt dann dazu, der Erde ein Alter bis zu 600 Millionen Zähren zu. geben. Wenn diese Zahlen auch weit auseinander- gehen, so stimmen sie doch insofern überein, als es sich stets um Mulionen von Jahren handelt. Tas gleiche gilt für den spe­ziellen Fall der Steinkohlebildung. Nach Ochsenius würde aus ttnem tn 100 Jahren gewachsenen Hochwald kaum eine 3 cm dicke Kohleschicht entstehen. 'Ein einigermaßen mächtiges Kohlclager kann sich demnach nur in einem Zeitraum gebildet haben, den Großmann auf 2V-t Millionen Jahre veranschlagt. Die neueste Berechnung ist ast Mineralien angestellt worden, welche mit,Kvhle zusammen Vorkommen und einen analysierbaren Gehalt an Uran Und an Helrum haben'. Da die Geschwindigkeit der Bildung von Helium aus Uranerz bekannt ist, so läßt die gefundene Helium- menge einen Rückschluß auf das Alter des Gesteines zu. Es ergab sich in dem speziellen Fall ein Minimuin von 141 Millionen wahren, so daß Großmanns Schätzung viel zu niedrig erscheint.

Tie Sonnenwärme wird den Menschen also keinesfalls ist Form von hinreichend rascher Kohlebildung zugute kommen, um so weniger als di« besonderen geologischen Bedingungen nicht mehr bestehen, unter denen die vorgeschichtlichen Wälder verwest sind. Sollte aber ein Mittel gefunden werden, um die Sonnen­wärme in irgendwelcher anderer Form auszunutzen, so würde ihre,Mengs vollauf genügen. Tie Erde empfängt auf 1 Quadrat­zentimeter Oberfläche in 1 Minute 3 Gramm-Kalorien Sonnest- 0,003

warme, entsprechend $9- mittelguter Steinkohle, von der 1 Kg. beim Verbrennest 7500 KilogramnwKalorien liefert. Da die Erdoberfläche eine Ausdehrlung von 510 Millionen Quadrat­kilometer hat und zur Hälfte beschienen wird, so berechnet sich daraus und aus der Annahme einer jährlichen Weltsörderung von 900 Millionen Tonnen Kohle, daß die Sonne in einem Jahr« 584 000 mal mehr Wärme liefert, als durch Verbrennung jener Kohlenmenge erhalten wird. Könnte man also nur einen kleinen Bruchteile der Sonnenwärme aufspeichern, so wäre die Kohle ent­behrlich.

Tie Kraft der Wasserfälle nützt man bereits zuM Treibest von Dynanwmaschinen. Ist der Schweiz allein stehen nach Aron etwa 750 000 PS (Pferdestärken) zur Verfügung, ivovon 250 000 in Betrieb sind. O. v. Miller schätzt die disponiblen Wasserkräfte ist Schweden astf 2 Millionen, in Frankreich, in den Alpest und dem Niagara auf je 10 Millionen PS. Eine PS nennt Man diejenige Kraft, welche 75 Kg. in einer Sekunde um ein Meter hebt. Sie ist äquivalent ^4 Kalorie und somit der Verbreit- 75

nungswarme von ^4 7500 ^9' mittelguter Steinkohle in der Sekunde, entsprechend 766 Kg. im Jahre. 32 Millionen' PS wären demnach äquivalent 24 512 000 Tonnen Kohle jährlich'. Tas ist etwa 2,7 Prozent des Weltbedarfs und demnach eine geringe Menge, die sich aber durch die volle Ausnutzung der Wasserkräfte in allen Erdteilen' in unabsehbarer Weise würde steigern lassen.

Sind somit die Aussichten für die Weiterentwicklung Nicht gerade ungünstig, so ist ein gewisser Optimismus gerade in unserer Zeit um fo berechtigter, als das Jahr 1898 eine ungeheuere Ueberraschung gebracht hat, welch« weitere große Grfindungest und Entdeckungen ahnen läßt.' Eine uns gänzlich neue Naturkraft hat man gefunden, obgleich man voraussetzen durste, die irdischen Kräfte seien lange bekannt, da mast sie als Schwere, Gewitter, Wind Und Feuer scheinbar notwendigerweise verspüren muß. Trotze- dem blieb die Kraft des Radistms bis zu seiner Entdeckung durch das Ehepaar Curie verborgen, well der Kubikmeter Erdkruste an den meisten Stellen nur Q00 0QQ Milligramm dieser Substanz enthalt, und weil die Kraftentfaltung Nur langsam vonstatten geht. Erst als in der Pechblende der Joachimsthaler Hütte ein Mineral gefunden wurde, aus dem sich zwar auch nur sehr geringe aber doch wägbare Mengen Radium fabrikmäßig' isolierest lassen, wurdest die Eigenschaften dieses Stoffes der Beobachtung zugänglich. Und dabei zeigte sich das über alle Maße Erstaunliche, daß das Radium ist andauernder Umwandlung Begriffen ist, als deren Folge es pro Gramw so viel Wärme entwickelt wie 500 Kg. Steinkohle, bei der Verbrennung. Tie Umwandlungsgeschwindigkeit hat sich Messen lassen. Sie beträgt etwa 3700 Jahre.Würde die Um- Ivandlung plötzlich erfolgen', so müßte sie von den furchtbarsten Explosionswirüingest begleitet fein; wäre sie hingegen beliebigs regulierbar, fo würde 1 Kg. Pechblende genügest, um einest großen Schnelldampfer über den atlantischen Ozean zst führen."

Somit ist ein Stein der Weisen gefunden, dem 500 000 mal so viel Kraft innewohnt toi« der gleichen Gewichtsmenge Kvhle. Allerdings äußert sich 'biefe Kraft derartig langsam, daß sie int Vergleich zu der der Kohle einstweilen nur ein« wissenschaftlichje Kuriosität ist. Immerhin aber ist sie ein Wunder, und eine Zeit, dis solch ein Wunder entdeckt hat, braucht ast der Zukunft nicht zst verzlveifeln.