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Seit alten Aegyptcrn (die Siebeubürgener Sachsen nennen sie heute Noch Faroner von Pharao) verknüpfte sie mit den Vorstellungen von der versunkenen, in kaum mehr verständlichen Symbolen redenden Kultur des Mllaudes, ja ein slawischer „Gelehrter" stellte die Behauptung auf, sic besäßen einen in Afrika residierenden Großwoiwoden, dessen Namen und Wohnsitz sie niemand verraten dürfen. Jeder Zigeuner müsse einmal in seinem Leben vor ihm erscheinen; er sei der unbekannte Wille, der die Züge und Beschäftigungen seines wandernde» Volkes insgeheim dirigiere; seine Apanagen beständen aus den Steuern, die ihm die Zigeunerkapellen von ihrem reichen Verdienste regelmäßig ablasse» müßten.
Nun ist cs indessen der vergleichenden Sprachforschung gelungen, die Abkunft der Zigeuner wissenschaftlich festzustellen: eilt ungarischer reformierter Priester lernte auf der Universität zu Leyden einige malabarische Studenten kennen, die aus ihrer indischen Heimat einen Dialekt mitgebracht hatten, der deut Priester seltsam bekannt vorkam; der zigeunerischen Sprache etwas mächtig, wurde er durch manche überraschende Anklänge auf einen bis dahin unbcschrittenen Weg geführt. Er ließ sich von den Malabaren eine große Anzahl Worte aufschreiben und versuchte sie, nach Hause zurückgekehrt, im Verkehre mit seinen heimatlichen Zigeunern zu verwenden; er hatte sich nicht getauscht, die Zigeuner verstanden ihn. Ein Geheimnis begann sich zu lüften. Rasch griff die Forschung diese ersten glücklichen Anfänge auf, baute sie aus und brachte sie endlich in ein System. Erzherzog! Josef verfaßte die erste, auf wissenschaftlicher Grundlage und umfassenden ethnologischen Studien basierte Grammatik der zigeunerischen Sprache. Danach steht es fest, daß das Volk aus Indien ausgewanderr und der einzige Stamm in Europa ist, der heute noch einen Dialekt des Uridioms der indogermanischen Sprachen im täglichen Umgang verwendet.
Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um zusammengelaufenes hindostanischcs Gesindel, das. aus Nahrungsmangel seine Heimat verließ und unkrästig zum Erwerben und zur Errichtung innerer Ordnungen das als Ganzes wurde, was im Gefüge anderer Völker lediglich rasch äbgestoßeue Einzelerscheinung ist: Landstreicher und Berussbettler. Im Lichte der aufhellenden Forschung verschwindet die. tragische Glorie um das Haupt des Zigeuners, aber da auch die Tatsachen ihre Poesie haben, bleibt er nach wie vor würdiger Gegenstand dichterischer Anschauung. Nur daß man ihn nicht mehr auf der tragischen und lieber aus der Possenbühne wird sehen wollen. Denn seine Anschauungen, seine Lebensweise und seine Leidenschaften sind vom Heroischen so weit als irgend möglich entfernt, und nur ein Rest wahrhaft unbezwinglichen Freiheitsdranges erinnert auch in der Wirklichkeit an den Ernst jener romantischen Zigeunerwelt, wenn nicht auch er nur mehr komische Angst vor der Arbeit als heldische Sehnsucht nach der Ferne ist. Immerhin kannte ich einen Zigeuner, der sein Leben wandernd und unterm Zelte hingebracht'hatte und endlich als Fünsünddreißigjähriger nach langen Bemühungen der Behörden zum Militär eingezogeu worden war; als nun gelegentlich einer llebung im Zusammeustellen und Errichten von Biwakzelten eine Rast befohlen war, kroch er heimlich unter das Dach eines der fertigen Zelte, das ihm die Erinnerung an fein vergangenes Wanderleben wieder wach zu rufen schien. Bald hörte man aus dem Zelte einen eintönig-sehnsüchtigen Gesang hervorschallen, und als ein Unteroffizier sich hinbegab, um nach dem unerwartetes Sänger zu sehen, blickte ihm der Zigeuner mit seine» hündischen, flehenden Augen verängstigt ins Gesicht und verstummte.
Aber von dieser Sehnsucht nach Heimatlosigkeit, die jeden Zigeuner mit der Gewalt einer Naturkraft zu bezwingen scheint, abgesehen, gleicht sein Leben mehr einer Harlekinade als einem Epos: die Volksdichtung der jiebenbürgischen,Nationen, unter denen er, ein häufiger Gast, die Rolle des Schildbürgers, Aufschneiders und spaßigen Hallunken spielt, hat in getreuer Beobachtung diese Tatsache zu den köstlichsten Karikaturen verwendet und ist unerschöpflich in- der Erfindung von Motiven, die ihn als derb betrogenen Betrüger erscheinen lassen, der zumeist nicht einmal weiß, daß er betrogen ist nnd sich seinen, wie er unerschütterlW glaubt, vortrefflich gelungenen Streich auf Pas Beste behagen läßt. Diese volkstümlichen Darstellungen-kommen, obwohl schwank- hast übertreibend, dem wirklichen Wesen des Zigeuners sehr nahe: denn seine Schlauheit, die mit einer sehr primitiven Logik und Ueberredungskunst operiert, kann von dem ruhigen, sachlichen Intellekt eines siebenbürgisch-sächsischen Bauern freilich leicht durchschaut und durch irgend eine überraschende Wendung hiuters Licht geführt werden. Sehr lustig hört es sich beispielsweise an, wenn erzählt wird, daß die Zigeuner dereinst beim Herrgott Klage über die Härte des Winters führten und baten, er möge ihnen zwei Sommer auf einen Winter schenken; sehr besriedigt über die Erfüllung ihres Wunsches zogen die Zigeuner ab, denn der Herrgott hatte ihnen zugesagt, auf den gegenwärtigen Sommer Nur einen Winter und gleich darauf Rieder einen Sommer folgen zu lassen.
Obwohl der künstlerische Wert solcher Schnurren nur gering ist, so zeigen sie infolge der Intimität ihrer Beobachtung in einem Einzelzug doch den ganzen Mensche»; so plastisch ist die Anekdote erfunden. Des Zigeuners Art, mit den ungewöhnlichsten und verblüffendsten Wünschen an seinen Nebenmenscheu herauzutreten, seine paradiesische Naivität nnd Unkenntnis des Realen und Realisierbare», fein leicht zu erregendes Behagen .über einen ver
meintlich klug errungenen Vorteil Hängt sie in einem knappen Bilde ein: ein barbarisches Ebenbild der Donquixote und Hjalmar Ekdal steht in leibhaftiger Frische vor uns. Donguixoterie ist das eigentliche und Hauptcharaktermerkmal des Zigeuners; ob er nun vor einem Gegner davouläilft und ihm drohend aus der Ferne zuruft: „Wie würde ich dich zugerichtet haben, wenn ich in ich nicht gefürchtet hätte!", ob er, wegen eines Diebstahls vor bett Richter gestellt, mitten im Verlauf der Untersuchung plötzlich Kraut und Bokolgi (in der Asche gebackenen Kuchen) zu essen verlangt, ob er, »ach irgend einer geringfügigen Sache um Auskunft gefragt, seine Verstellimgskraft sofort an dem Gegenstände entzündet und dir die abenteuerlichsten und hyperbolischsten Geschichten darüber berichtet, in denen der Ursprung, die Historie, die Schicksale der Angelegenheit auf das genaueste beschrieben und nur die Antwort auf deine Frage vermieden ivird; immer wieder springt die burleske Phantasie solch eines Zigeunerschädels über alle irgend wirklichen ober möglichen Verhältnisse hinweg und pichtet sich in einer nur vorgestellten Welt wahrhaft pompös und großartig ein. Der Zigeuner ist unter allen Bewohnern Europas der einzige, deut das Gefühl der individuelle» Würde auch noch nicht im entferntesten gebärnmert hat; für eine» versprochenen Kreuzer ist er zur Ausführung jedes entivürbigenben Auftrages bereit, er tanzt, schlügt Purzelbäume, verzehrt spanisches Rohr oder Lederstücke, je nach Laune des Auftraggebers. Zwar wird er nach Beendigung seines Werkes den Versuch machen, dich zu überzeugen, daß er das Lederfresse» doch zu billig gemacht habe, wird aber, wenn er keine Preissteigerung erzielt, vergnügt auch mit dem einen Kreuzer zur nächsten Schnapsschenke wandern. Gerne läßt er sich windelweich schlagen, wenn mau ihm ein Stück geräucherten Speck dafür verspricht. Dergleichen rohe Spiele sind in den Gegenden Ungarns und Siebenbürgens keine Seltenheit, sagen aber mehr gegen den aus, der sie treibt, als gegen ben| hungrigen morrs (zigeunerisch, so viel wie: Gevatter, womit man im Ungarische» de» Zigeuner scherzweise bezeichnet), der sich sein tägliches Brot statt durch Fleiß lieber durch Prügel verdient, bei denen ja nur der andere die Arbeit hat.
Die Versuche, die Zigeuner seßhaft zu mache», datiere» in Ungarn und Siebenbürgen, ivo sie einen integrierenden Bestandteil der Bevölkerung ausmachen, »och aus den Zeiten der Kaiserin Maria Theresia, die de» Gebrauch des Namens „Zigeuner" verbot und sie als Neumagyaren ober Neubauern zur Ansiedelung! zwang. Doch nur ein geringer Teil des Volkes ließ sich dingfest machen, und von diesem gab wieder ein großer Prozentsatz die schon bezogenen festen Wohnungen auf; der Rest Amalgamierte sich rasch und ist heute von der übrigen Bevölkerung kaum mehr durch das Aenßere z» unterscheiden. Die übrigen Siedelzigeuner ließen sich erst im Laufe der letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts nieder und leben als Feldknechte im Dienste der reiche» sächsischen Bauern in eigenen Ansiedlungen, Ziganeien genannt, die außerhalb der Dörfer liegen: hölzerne, mit Kalk beworfene Hütten, das Dach vorne offen, so daß Regen und Schnee freien: Eingang haben, die blinden Fenster von stechend grünen oder! hellblauen, roh hingestricheuen Farbenstreifen umrahmt, in die als besonderer Schmuck kleine weiße Kalkflecke wie Sterne hineingekleckst sind — so lehnen sie sich, schmutzig und aufs nußiersljei verkommen, an die Berghalden. Nur schmale Streifen Erde zwischen den Hütten dienen zur Kommunikation und es gibt weder Schule noch Kirche. Eine andere, Gruppe, die sogenannten Schatten- zigeuner, besitzen selbst diese primitivsten Hänser'nicht; sie wohnen in den ungeheuren Wäldern Siebenbürgens Sommer und Winter unter Zelten, die sie bei Gelegenheit abbrechen, um sie an anderem Orte wieder aufzubauen. Sie sind, soweit sie nicht von Bettel und Diebstahl leben, vorwiegend Kesselflicker, Töpfer und Backtrog- verfertiger. Wieder andere entbehre» sogar der Zelte; die Besseren unter ihnen ziehen in sogenannten Koberwagen, die mit in Form eines halbe» Zylinders gespannter, zersetzter Leinwand (dem Kober) gegen den Regen geschützt sind, mit kleine», zähen, genügsamen Pferden davor, durch das Land und arbeiten nur, wenn der Augenblick es dringend erheischt; die minderen, ohne jeden Besitz, nur mit Lumpe» gekleidet, wandern zu Fuß und bilden in der sozialen Rangordnuitg ihres Volkes, dessen oberste Kaste selbst noch vom Landstreichertnm nicht weit entfernt ist, die fünfte Klasse der Ausgestoßeuen und Verdorbenen.
(Ein Gang Svrch die verbotene Stadt.
Ein anschauliches Stimmungsbild von dem bizarren Märchenreich, das Abdul Hamid sich in dem abgeschlossenen Inneren des großen Aildiz-Parkes geschaffen hat, gibt der Konstantinopeler Korrespondent des , Journal des Döbals", Georges Gaulis, in einem interessanten Briese, der jetzt veröffentlicht wird. Unmittelbar nach den aufregenden Vorgängen, die mit der Ueberführnng des Exsultans nach Saloniki und mit der Auflösung des Harems endeten, hat Gaulis dank einer Visitenkarte Enver Beys nnd einiger empfehlender Worte das streng gehütete Heiligtum betreten und seine interessantesten Teile, den Harem und den großen Haremsgarten, durchwandert. In dem großen Tore zum Mldiz-Kiosk raucht in seinem Schilder-


